Herzlich willkommen

Guenter Hegele    30. Mai 2017    Kommentare deaktiviert für Herzlich willkommen

Die Reformation geht weiter – gestern, heute, morgen!

Auf dieser „blogsite“ mit dem Titel „Die Reformation geht weiter …“ hat der Arbeitskreis „Gottesbild heute“ der Evangelischen Akademikerschaft i.D. zum Reformationsjubiläum Beiträge und Texte zur Weiterentwicklung des christlichen Glaubens gesammelt.

Das Projekt wurde am 1. Juni 2017 beendet. Diese blogsite bleibt als Ergebnispräsentation weiterhin im gleichen Format wie bisher (aber ohne Eingabemöglichkeit) bis zum Ende der Reformationsfeiern 2017 an gleicher Stelle zugänglich.

Eine Auswahl und Zusammenfassung des Inhalts der blogsite „Die Reformation geht weiter – auch für den Glauben“ wird auf der Startseite in der Form einer Ausstellung zum Lesen, Kopieren und Ausdrucken (auch im Copyshop) als Datei im pdf- und Word .docx Format angeboten – 

Download: Die-Reformation-geht-weiter PDF-Datei (8 MB)
Download: Die-Reformation-geht-weiter Word-docx-Datei (9 MB)
Download: Ausführliches Inhaltsverzeichnis PDF-Datei (106 kb) —> mehr zum Buch

Willkommen in der Ausstellung

Zugegeben: eine virtuelle Ausstellung ist etwas ungewöhnlich, entspricht aber den neuen Kommunikationsmöglichkeiten, die wir als digitale Datei und mit dem Printmedium nutzen. Sie können das Buch zum Lesen einzelner Texte nutzen und in der Datei nach Themen suchen und diese selbst bearbeiten und ausdrucken. Und noch vieles andere mehr…..

Das Buch erschienen mit dem Titel:

„Die Reformation geht weiter – gestern, heute, morgen“

Ein Beitrag des EAiD-Arbeitskreises „Gottesbild heute“ zum Reformationsgedenken 2017 für die Mitglieder der Evangelischen Akademikerschaft i.D.
Herausgeber: Günter Hegele

Vorsitzender des Arbeitskreises „Gottesbild heute“
der Evangelischen Akademikershaft in Deutschland
Druckversion 284 Seiten, Format A4, Softcover,
ISBN: 978-3-946031-05-5, Preis: 19,80 €
Macholdt – Der Verlag  verlag.macholdt.de 
Bestellung: Stiftungsbuchhandlung Hirschler, Otterstadt
buchhandlung.hirschler@singstiftung.de

Weiterhin wird eine Zusammenfassung des Inhalts der schon vorher betriebenen blogsite auf der Startseite www.Kernfragen-des-Glaubens.de zum Lesen und Kopieren als Inhalt Kernfragen & INFO mit den  Kommentaren zu KFdG + IHVZ  angeboten, aus denen zu 10 Themenbereichen „Kernsätze des Glaubens zusammengestellt wurden, die wir für bedenkenswert, zeitgemäß und weiterführend halten. Die Texte wurden unter dem Titel: Kernfragen des Glaubens. Die Reformation geht weiter“, 196 Seiten, ISBN 978-3-939512-80-6, 14,95 €
Bestellung: buchhandlung.hirschler@singstiftung.de

Die Reformation geht weiter! Auch für den Glauben.

http://2.bp.blogspot.com/-6sOGRb0uA18/Tl6Fx0iE17I/AAAAAAAABDg/fnrlUoozPLw/s1600/ffj+image.png

Die Reformation geht weiter!

Das war bei der EKD-Synode 2012 zu hören, das sagt die Lutherbotschafterin Käßmann  und das haben sogar Foren und Gruppen in Facebook aufgenommen.
Reformationsgedenken darf nicht nur nach rückwärts gewandte Erinnerung sein, sondern sollte ihrem Sinn entsprechend weitergeführt werden.
Die Evangelische Akademikerschaft in Deutschland fordert:

Die Reformation geht weiter. Auch für den Glauben!

Zu „www.kernfragen-des-glaubens.de“ wurde im Internet eine Diskussionsplattform eingerichtet, auf der auch kirchenferne Menschen ihr Glaubensverständnis zum Ausdruck bringen können. Denn: Das Verständnis von Religion und Glauben hat sich geändert. Viele Menschen entwickeln eigenen Vorstellungen von Gott, Jesus, Kirche, Sünde und Vergebung.

Lesen Sie mehr über Reformation heute als „Evolution des Glaubens“!

Weiterlesen

Reformation auch für den Glauben – wie ist das gemeint?

  • Der Titel“Reformation geht weiter“  wurde schon 2012 im Vorfeld der EKD-Synode und hauptsächlich für organisatorische Veränderungen in der Kirche gebraucht.• Danach wurde er von der
  • Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland auch für das Projekt www.kernfragen-des-glaubens.de verwendet …
  • … und ergänzt (und eingeschränkt): ..auch für den Glauben.
  • Evangelikale Gruppen missionieren damit in Facebook mit der Erweiterung „..die Reformation muss weitergehen!“.
  • Recht haben sie. Aber nicht mit der Forderung, weiterzumachen wie bisher.
  • Das Wort „Reformation“ bedeutet für uns heute nicht nur (wie damals für Luther) Rückbesinnung auf den Ursprung des Glaubens an Gott und Jesus (in der Bibel) wegen schwerwiegender Fehlentwicklungen (Ablasshandel).
  • Uns geht es um die Weiterentwicklung des christlichen Glaubens, wie sie zunehmend von einzelnen Christen, Gruppen und Gemeinschaften als möglich und notwendig vertreten wird, (neuerdings auch von den Medien)
  •  …. als da sind: Entmythologisierung der Bibel, Naturwissenschaft und Gottesglaube, Menschenrechte, Weltethos.
  • Als kleine Gruppe erheben wir nicht den Anspruch, etwas für den Fortgang der Reformation tun zu können. Aber zu unserer eigenen Orientierung fragen wir, in welchem Zusammenhang Veränderungen beim Glauben an Gott, an Jesus, an die Bibel oder die Kirche stehen. Weiterlesen

Die Reformation geht weiter – auch für den Glauben?

Guenter Hegele    9. Februar 2017    Kommentare deaktiviert für Die Reformation geht weiter – auch für den Glauben?

Inhalt dieses Beitrags:

Die Reformation geht weiter – auch für den Glauben?
2. Zwischenbericht mit Planung für 2017 2
In einigen  Punkten können Sie Anregungen für Aktivitäten und Veranstaltungen der ea finden.
Die Reformation geht weiter – seit Luther?

„Was uns der Glaube heute zu sagen hat.“ Die Kirche ist gefragt
Neu ist z.B., Luther zu begegnen an Orten, an denen er gewesen ist und gelebt hat. Mit Unterstützung  vom Tourismus und von den Kommunen.
Blick über den Zaun….

Kabarett
Karikaturen
Perspektiven und Vorgaben
„Reformation des Glaubens“ ist seit Luther und insbesondere heute als Medienereignis zu sehen
Die Erfindung der Druckerpresse und weitere Möglichkeiten: Dazu kommt dann die ausgiebige Benutzung weiterer schon gebräuchlicher Formen der Agitation wie Schreiben, Demonstrationen, …
Predigten, Romane

Filme
Musicals
Internet
In diesen Darstellungs- und Ausdrucksformen ist –  mehr oder weniger, kurz oder lang, bildhaft oder mit Worten und Texten – Wesentliches von diesem Mann Luther enthalten. Sie sind beispielhaft für seinen Glaubens, oder sind es   – in liberaler oder konservativer, auch kritischer – Rezeption geworden. Ob und ggfs. wie sie die weitere Entwicklung des christlichen Glaubens beeinflussen (werden) ist schwer zu sagen.  Hat vielleicht Marshall McLuhan Recht mit seiner These „Das Medium ist die Botschaft?
In unterschiedlichen Wissensgebieten bzw. aus deren Ergebnissen werden neue Interpretationsmöglichkeiten von Glaubensinhalten entwickelt
Quantentheorie als Hintergrund für nontheistisches Gottesverständnis
Was die Bibel über unsere Evolution verrät

Nachhaltigkeit als Perspektive und Aufgabe für den Glauben
Auch in der bildenden Kunst hat sich die Darstellung religiöser Inhalte und deren Interpretation weiter entwickelt.  Wir gehen in der Literaturliste auf einige auffällige Beispiele ein.
Schlußfolgerungen für den AK Gottesbild heute
Für die Evangelische Akademikerschaft
Die Möglichkeiten bzw. Notwendigkeiten für eine Reform des Glaubens sind zu zahlreich und zu umfangreich, als dass von der EAiD ein nennenswerter und qualitativ ausreichender Beitrag dazu geleistet werden kann. Es scheint hierfür auch nur wenig Interesse  vorhanden zu sein.
Bei der Delegiertenversammlung am 20.-22.4.2017 sollte diskutiert und entschieden werden
Ob der vom LV Pfalz-Saar gestellte Antrag einer Empfehlung, die ea-Landesverbände und Arbeitskreise mögen sich mit dem Thema „Die Reformation geht weiter  – auch für den glauben.“  befassen, Zustimmung findet

Arbeitskreis „Gottesbild heute“ der Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland

Günter Hegele, Vorsitzender

Die Reformation geht weiter – auch für den Glauben?

2. Zwischenbericht mit Planung für 2017

Im Jahr 2012 haben wir damit begonnen, in einem Internetportal zu „Kernfragen des Glaubens“ Beiträge zu einem neuen Verständnis einiger traditioneller Glaubensinhalte zu sammeln und zur Diskussion zu stellen.  Als Ergebnis wurde am 1.5. 2016 eine Abschlusspräsentation im Internet und das Buch „Kernfragen des Glaubens – Die Reformation geht weiter“  im Verlagshaus Speyer veröffentlicht.

Mit einer blogsite „Reformation geht weiter. Auch für den Glauben“ setzt der EAiD-Arbeitskreis „Gottesbild heute“  seine Sammlung reformrelevanter Beiträge bis zum Abschluss der Reformationsfeiern Ende Oktober 2017 fort.

Über das Medium Internet werden Informationen und Texte zu den Bereichen

  • Neues für den Glauben: (Artikel, Vorträge, Zitate, Predigten zu aktuellen religiösen Themen) und
  • Literatur für Reformen des Glaubens (mit kurzen Inhaltsangaben und Rezensionen)

gesammelt.

Nachfolgend ein kurzer Überblick über die weiteren Vorhaben des Arbeitskreises.

In einigen  Punkten können Sie Anregungen für Aktivitäten und Veranstaltungen der ea finden. 

Die Reformation geht weiter – seit Luther?

Trotz dem bei der letzten Delegiertenversammlung (mit Beifall) geäußerten Überdruss am Reformationsjubiläum  will der AK doch in seiner blogsite einen Bezug zu Luther herstellen. In einigen Beiträgen werden dazu Literatur und Fragen zur Diskussion aufgenommen (die aber erst noch einzustellen sind). Eine Prüfung, ob und wo davon gesprochen werden kann, dass Luther selbst eine Weiterentwicklung der frühen Reformation („…AUCH FÜR DEN GLAUBEN““!) intendiert und gefördert hat, können wir uns nicht vornehmen, würden aber gerne Beiträge dazu aufnehmen. Wie auch zu der Frage, ob sich, – und wenn ja: was –  von Luther bis heute Wesentliches im Verständnis des christlichen Glaubens  geändert worden ist. (Einige im AK meinen eher Nein als JA).  Sicher ist, dass sich das Lutherverständnis wie auch das des christlichen Glaubens in Theologenkreisen im Lauf der Zeit geändert hat – die Bibel mal in der rechten, dann auch in der linken Hand? Nein, da ging es schon um mehr – z.B. in dieser  Lutherdekade um Luthers Antisemitismus. Es  gelang bis jetzt (im Gegensatz zu früheren Feiern)  zu feiern ohne diesen zu beschönigen.

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„Was uns der Glaube heute zu sagen hat.“ Die Kirche ist gefragt

Immerhin wurde in zahlreichen Veranstaltungen und auf verschiedene Weise in  der in diesem Jahr zu Ende gehenden  Reformationsdekade nicht nur zurückblickend an die damals entstandenen historischen Veränderungen in der Kirche erinnert, sondern auch danach gefragt,  „was uns der Glaube heute zu sagen hat.“ Dazu haben wir aber nur wenig gefunden. Es werden meist nur die bekannten und gebräuchlichen Schlagwörter genannt und in einen Zusammenhang mit heutigen Verhältnissen gebracht.

Wir können mit unseren Möglichkeiten  nur auf einen sehr geringen Teil der erschienenen Literatur eingehen und verweisen in der Literaturliste und in Themenbeiträgen nur dann darauf, wenn es sich um etwas Ungewöhnliches handelt.

Neu ist z.B., Luther zu begegnen an Orten, an denen er gewesen ist und gelebt hat. Mit Unterstützung  vom Tourismus und von den Kommunen. 

Viele Orte und Regionen sind durch Ausstellungen (mit Katalogen!), Gestaltungen, Programme und Aktionen zu Medien der Erinnerung, Information und  Weitergabe von Merkmalen der Reformation geworden, natürlich vorzugsweise auch mit Martin Luther (mit der Bibel in der Hand, aufrecht in der Haltung des Protestanten).  Sind sie zu Zielpunkten des Tourismus geworden, die Luther und die Reformation als Wegweiser zu neuem Verständnis des christlichen Glaubens erleben lassen? Auch das Bild des Reformators hat sich verändert (bis hin zu Comics,  s.u. Reisen mit Luther ist auch als Spiel erhältlich, bei Kosmos)

Blick über den Zaun…. 

Wir wollen uns aber auch in einigen Bereichen außerhalb der Kirche danach umsehen, ob wenigstens Anregungen von diesen Formen dazu ausgehen, auch neu verstandene Glaubensinhalte ausdrücken und vermitteln zu  können. Einige davon können wir nur nennen:

Kabarett

findet „Neues für den Glauben“ noch nicht als Stoff für wirksame Überzeichnung geeignet, gibt aber gerne die Kirche und ihr Personal der Lächerlichkeit preis. Man muss schon von der Möglichkeit des zeitversetzten Ansehens von Kabarett im Fernsehen Gebrauch machen, um Anregungen zu eigenem Nachdenken über das, was sich in der Kirche und beim Glauben ändern muss, zu bekommen.

Karikaturen

können karikierte Objekte als liebenswürdig und als etwas Besonderes erscheinen und verstehen lassen. Sie regen dazu an, die Wirkungen auf Betrachter zu reflektieren und dabei nach den sich darin ausdrückenden Wertmaßstäben zu fragen.

Im Genre Luther im Comic und als Cartoon ist einiges zu finden, das nicht nur für Kinder und Jugendliche weiterführend für ihr Glaubensverständnis sein könnte.

Sie beschränken sich auf das historisch Bekannte bzw. Geglaubte, vereinfachen und kürzen es. Eine kritische Prüfung steht noch aus.

Im Weiteren wollen wir (nach Möglichkeit) folgende

Perspektiven und Vorgaben 

berücksichtigen:

„Reformation des Glaubens“ ist seit Luther und insbesondere heute als Medienereignis zu sehen

Die Erfindung der Druckerpresse und weitere Möglichkeiten: 

Rezension von Kaufmann in der SZ.  Dieser sieht in der Verbreitung von reformatorischen Schriften in dem Einsatz der Druckerpresse ein wesentliches Medium.

 Dazu kommt dann die ausgiebige Benutzung weiterer schon gebräuchlicher Formen der Agitation wie Schreiben, Demonstrationen, ……Predigten, Romane

Mit digitalem Druck ist massenhafte Vervielfältigung auch von Bildern  möglich.

Filme 

Es gab zahlreiche Kino- und TV-Filme zu Jesus und Luther, die z.T. wenig beachtete Züge  herausstellten (z.B: Der arme Mann Luther von Leopold Ahlsen im Bayer. Rundfunk 1962), größtenteils aber Neues nur in der Technik und von Schauspielern zeigten.-

Musicals

Zum Beispiel das Musical „Jesus Christ Superstar“, das in seiner Musik und seinen Texten ein eindrucksvolles –  indirekt auch theologisches –  Bild Jesu’s vorstellt, durch das auch das Gottesbild bestätigt oder verändert wird.

Internet

Die für Glauben und Reformation relevanten Inhalte im Internet sind  unüberschaubar zahlreich. Was gesucht und gefunden wird hängt nicht nur vom Interesse der Besucher ab, sondern auch von deren medialen Kenntnissen und ihrem Assoziations- und Interpretationsvermögen.

Das Internet nutzen wir selbst  als Medium in den beiden blogsites „Kernfragen-des-glaubens.de  und reformation-geht-weiter.de sowie mit der Facebook-Gruppe „Die Reformation geht weiter „Gottesbild heute“  Arbeitskreis ev. Akademiker.“(Auch die EAiD und der Mitteldeutsche EAiD-Landesverband sind als Gruppe im Facebook vertreten). „Neues für den Glauben“ bringt (manchmal) die Auswahl von anderswo, die dann mit den Mitgliedern der eigenen Gruppe ‚geteilt’ wird. (Man gehört meist mehreren Gruppen an, als ein Mitglied unter Hunderten,   ohne ein einziges jemals gesehen zu haben.)

Was wir bis jetzt gesammelt haben ist nur ein Bruchteil dessen, was für den Glauben eine Bedeutung haben könnte. Wir sprechen einzelne Themenbereiche und Unterthemen meist nur kurz an und nennen dazu Inhalte als Beispiele für Variationen.

In diesen Darstellungs- und Ausdrucksformen ist –  mehr oder weniger, kurz oder lang, bildhaft oder mit Worten und Texten – Wesentliches von diesem Mann Luther enthalten. Sie sind beispielhaft für seinen Glaubens, oder sind es   – in liberaler oder konservativer, auch kritischer – Rezeption geworden. Ob und ggfs. wie sie die weitere Entwicklung des christlichen Glaubens beeinflussen (werden) ist schwer zu sagen.  Hat vielleicht Marshall McLuhan Recht mit seiner These „Das Medium ist die Botschaft?

In unterschiedlichen Wissensgebieten bzw. aus deren Ergebnissen werden neue Interpretationsmöglichkeiten von Glaubensinhalten entwickelt

Quantentheorie als Hintergrund für nontheistisches Gottesverständnis 

(ist bereits im Buch „Kernfragen des Glaubens“ enzhalten)


Was die Bibel über unsere Evolution verrät
 

Theologie und historisch-kritisches Bibelverständnis werden durch eine Betrachtung als „Tagebuch der Menschheit“ aus der Sicht der Evolutionsforschung erweitert.

Nachhaltigkeit als Perspektive und Aufgabe für den Glauben

Auch in der bildenden Kunst hat sich die Darstellung religiöser Inhalte und deren Interpretation weiter entwickelt.  Wir gehen in der Literaturliste auf einige auffällige Beispiele ein. 

Schlußfolgerungen 

für den AK Gottesbild heute

Möglichkeiten für ein neuzeitliches Glaubensverständnis werden zwar wahrgenommen, aber nicht realisiert.

Die Fragestellungen und Aktionsmöglichkeiten sind zu komplex und zu umfangreich, um  mit unseren Ressourcen darauf eingehen zu können oder etwas Erstrebenswertes zu erreichen. Wir finden es aber für uns selbst lohnend, etwas zum Problembewusstsein und zur Wahrnehmung von  aktuellen Veränderungen beim christlichen Glauben beizutragen.

Für die Evangelische Akademikerschaft

Es gibt eine zunehmende Zahl von neuen Möglichkeiten für weiterführendes Glaubensverständnis, die für das Interesse und die Bereitschaft für eine Reform des Glaubens in der EAiD (und der evangelischen Kirche) ausreichend sind.

Die Möglichkeiten bzw. Notwendigkeiten für eine Reform des Glaubens sind zu zahlreich und zu umfangreich, als dass von der EAiD ein nennenswerter und qualitativ ausreichender Beitrag dazu geleistet werden kann. Es scheint hierfür auch nur wenig Interesse        vorhanden zu sein. 

Es ist (für uns) nicht erkennbar, dass und ggfs.. wie sich eine Reform von Glaubensinhalten fördern und (von wem?) organisieren lässt.

Bei der Delegiertenversammlung am 20.-22.4.2017 sollte diskutiert und entschieden werden

Ob der vom LV Pfalz-Saar gestellte Antrag einer Empfehlung, die ea-Landesverbände und Arbeitskreise mögen sich mit dem Thema „Die Reformation geht weiter  – auch für den glauben.“  befassen, Zustimmung findet

Dieser Antrag schließt indirekt die Auffassung ein, dass eine „Weiterführung der Reformation – auch für den Glauben“ notwendig ist und bereits begonnen hat (wenn auch nicht organisiert).

Diese Auffassung soll durch Beiträge zu einem zweiten Buch, auf einer DVD und in dem  Online-Portal „Die Reformation geht weiter“ zum Ausdruck gebracht werden, an deren Produktion Sie sich auch schon vor der Delegiertenversammlung vom 20.- 22.4. beteiligen können.

Ein solches Engagement würde der Begründung der Verleihung des Integrationspreises 2017 durch die „Stiftung Apfelbaum“ an mich entsprechen.

II. Anhang

Themen und Texte zur Reflexion und Bearbeitung des Themas“Die Reformation geht weiter“ in der EAiD

I. 

Am Ende des Buches „Kernfragen des Glaubens“ steht die Frage: (Die) Reformation geht weiter – auch bei uns?

Auch bei mir?  Sind wir dabei? Wollen wir es?

Das Einfachste ist wohl, alles beim Alten zu lassen und sich zu möglichen und feststellbaren Veränderungen beim Glauben ein eigenes Verständnis zu leisten. Dazu bieten neuere Veröffentlichungen viel Anregung und Information.

Der EAiD-Arbeitskreis „Gottesbild heute“ hat damit begonnen, zu ausgewählten Fragen eigene Aussagen zu formulieren, ohne dabei die noch in Glaubensgemeinschaften und bei Theologen wirksamen Selbstverständlichkeiten (etwa beim Gottesverständnis) als Norm gelten zu lassen. Wir verstehen das als Beteiligung an einer auch von der Reformation ausgegangenen, weiterführende Bewegung, die noch wenig bekannt, nicht anerkannt ist, neu hinzugekommen, nachwachsend, und von manchen für gefährlich gehalten wird, weil sie Veränderungen verursachen könnte.

Wollen und können wir „Den eigenen Glauben selbst bestimmen!“? Oder übernehmen wir uns damit?

Mit dem Ergebnis sind wir nicht zufrieden, halten aber diese Art auf Glaubensfragen einzugehen für berechtigt und lohnend. Es wird dabei zwar schwieriger, bei zunehmender Verschiedenheit im Glaubensverständnis noch aktive Kommunikation mit anderen und Glaubensgemeinschaft zu behalten oder sogar neu zu finden. Aber es bieten sich zumindest denen, die neue Glaubensformen nicht  von vornherein als Abfall vom rechten Glauben ansehen, weiterführende Transformations-, Interpretations- und Orientierungsmöglichkeiten auch mit und in traditionellen religiösen Formeln und Praktiken.

II.

Was ist zu reformieren?

Das ist die Frage. Was sind „Reformen für den Glauben?“

Martin Luther wollte nicht „die Kirche“ oder „den Glauben“ reformieren, sondern Missstände wie den Ablasshandel abschaffen. Er brachte Veränderungen in Gang, die sich aus einem neuen  Verständnis der Bibel und von Lehrsätzen der Kirchen ergaben. Zur Erinnerung an die Reformation gehört auch die  Mahnung, sich nicht im Schatten einmal gefundener Formulierungen sicher zu fühlen, sondern im aktuellen Kontext weiter zu suchen nach dem, was heute aus der Sicht des Glaubens gesagt werden muss.

Der „Glaube“ ist komplex und vielfältig. Veränderungen des Glaubens können nur beispielhaft an begrenzten Bekenntnissätzen und Verhaltensweisen  aufgezeigt werden, die in einem größeren Zusammenhang stehen. Sie vollziehen sich weithin auch ohne das Zutun von Gläubigen und werden unterschiedlich bewertet. Gründe für die Weiterentwicklungen in religiöser und kirchlicher Praxis sind nicht leicht zu erkennen und werden zunehmend auch mit wissenschaftlichen Methoden untersucht.

Als sicher kann gelten, dass seit „der Reformation“ Martin Luthers nicht mehr nur die Deutungshoheit der Kirchen und ihrer Theologen für Fragen des Glaubens maßgebend ist (und schon gar nicht die der Machthaber in einer Gesellschaft). Auch Gläubige ohne kirchliches Amt dürfen  sich dafür zuständig fühlen. Zumindest was Veränderungen beim eigenen Glauben betrifft.

Dem entspricht unter anderem auch ein Interesse an neuen Möglichkeiten des Glaubens und Offenheit für neue Formen religiöser Praxis und Gemeinschaft,  die sich mit den traditionellen Glaubensweisen verbinden lassen. „Reform des Glaubens“ will nicht einfach überliefertes  und bewährtes Glaubensgut durch Neues ersetzen, sondern auch Althergebrachtes durch neue Interpretation und neuzeitliches Verständnis erklären.

Reformation – Evolution?

Nach dem Selbstverständnis Martin Luthers und der daraus entstandenen Theologie und Kirchengemeinschaften war es hauptsächlich eine Rückkehr zum Original des Glaubens und zu seinen Quellen und nicht die Entstehung von Neuem.

Heute orientieren sich Gläubige zwar auch an Bibel, Tradition und Kirche, sehen aber Veränderungen beim Glaubensverständnis überwiegend bedingt und bestimmt durch neue Interpretation, zeitgemäßes Verständnis und spirituelle Evolution.

Neues Verständnis von Glaubensinhalten wird zur Zeit nicht nur von Theologen (in Büchern und Zeitschriften), religiös engagierten Einzelnen und kirchlichen sowie freien (kleineren) Gruppen gesucht und versuchsweise vertreten. Es wird auch von den Medien aufmerksam und meist zustimmend beobachtet („Ist da jemand“ in Der SPIEGEL 24/2014 zum Buch „Religion ohne Gott“ von Richard Dworkin und in „’Erfüllt leben’ Meine Werte, mein Glaube mein Glück“. SPIEGEL Reihe „Wissen“ Nr. 6/2015 ). Die Berechtigung und Notwendigkeit neuer Glaubensformen wird auch mit der Abkehr vieler Christen von Kirche und Glauben erklärt und begründet (obwohl sich die Hoffnung, die Abnahme von traditioneller Frömmigkeit würde sich durch Aufgeben von veralteten Glaubensinhalten stoppen lassen, bis jetzt nicht erkennbar erfüllt hat).

Die organisierten Kirchen und die mit ihnen verbundenen Mitglieder tun wenig für die Entwicklung neuer Glaubensformen. Da es sich um zum Teil vor Jahrtausenden entstandene Vorstellungen und Strukturen handelt, ist eine Veränderung kaum systematisch und wirksam zu organisieren, zumal sich meist heftiger Widerstand regt, wo es in der Praxis versucht wird. Wenn man die positiven Veränderungen beim Glauben als eine Art Evolution versteht, würde eine Verbesserung zwar ziemlich langsam erfolgen, aber es würden sich viele Konflikte vermeiden lassen.

IV

   Startseite für das Online-Portal

„Reformation geht weiter.  Auch für den Glauben.“

Am 31. Oktober 2017 wird in vielen christlichen Kirchen daran erinnert, dass der sächsische Mönch und Priester Martin Luther vor 500 Jahren in 95 Thesen die Abstellung von Missständen in der römisch-katholischen Kirche forderte. Er tat dies, indem er auf das in der Bibel berichtete und beschriebene Entstehen des Glaubens an Jesus und damit an die Grundlage des christlichen Glaubens  verwies.

Aber das war nicht nur eine Rückbesinnung auf die überlieferten Grundlagen des Glaubens (für die sich auch schon 100 Jahre früher Jan Hus einsetzte und mit seinem Leben bezahlte). Vielmehr breitete sich mit Luther ein neues Verständnis wesentlicher Glaubensinhalte und damit auch der Kirche aus.

Und das ist auch heute so: „Was bleiben will muss sich ändern“ ist der Titel eines 2015 erschienenen Buches von Matthias Kroeger „zur Legitimation einer Reform in den Herzstücken des christlichen Glaubens“. Viele Christen denken bei der Reformationsdekade  nicht nur an „Die Reformation“ Martin Luthers, sondern mehr noch an anstehende und sich vollziehende Veränderungen  im Glaubensbekenntnis und in der Kirche heute. .

Mit unserer aktualisierten blogsite „Reformation geht weiter.  Auch für den Glauben.“ wollen wir einiges von dem sammeln, was es zu einem erneuerten und zeitgemäßen Verständnis des Glaubens  gibt. Wir suchen und fragen nach bereits vorhandenen  Neuentdeckungen und Öffnungen, nach Fortschreibungen und Versuchen neuer Glaubensdeutung.  Einen Anfang dazu haben wir mit dem Buch und dem Internetprojekt „Kernfragen des Glaubens“ gemacht. Nun wollen wir mit dieser Website von April bis zum Ende des Jahres 2017  Informationen sammeln zu folgenden Punkten:

  • Themen und Inhalte des Glaubens – neu interpretiert und verstanden 
  • Literatur für Reformen des Glaubens

Das soll einen Überblick über verschiedenartige Beiträge zur ‚Weitergehenden Reformation’ bieten und der Unterstützung der eigenen und gemeinsamen Meinungsbildung und Kontaktaufnahme mit anderen, an Reformen Engagierten, dienen.

Bitte geben sie Ihren Beitrag an den dafür eingerichteten Formularen mit Angabe Ihrer E-mail-Adresse ein oder vermitteln Sie uns etwas. Oder schauen Sie zunächst das an, was schon in der blogsite steht.

Wir würden uns über Ihre Beteiligung freuen.

Der EAiD-Arbeitskreis „Gottesbild heute“

Beten in der Uni?

Guenter Hegele    7. Februar 2017    Kommentare deaktiviert für Beten in der Uni?

Aus Die ZEIT  PRO 

Interview  mit Patrick Honecker und Christian Thomsen

Honecker: Unsere Studierenden sollen die Freiheit haben, ihre Religion auszuüben. Ein Raum der Stille ist kein Gebetsraum. Religiöse Studierende, egal welcher Konfession, müssen akzeptieren, dass sich dort auch Leute zurückziehen, die nur zur Ruhe kommen wollen und vielleicht Atheisten sind. Gleichzeitig muss man nicht in jeder religiösen Handlung einen Wunsch zum Missionieren sehen. Nach den Vorkommnissen der Silvesternacht in Köln droht der Islam unter einen Generalverdacht zu geraten.

ZEIT: An anderen Hochschulen wurden Räume der Stille und Gebetsräume geschlossen. Was denken Sie darüber?

Honecker: Es gibt immer noch viele Räume der Stille an deutschen Unis. Wir probieren das aus. In zwei Jahren werden wir bewerten, ob die Idee richtig war. Klar ist: Wenn es Konflikte gibt, setzen wir unser Hausrecht durch. Das fängt beim Verweis an und endet in der Schließung des Raumes.

Patrick Honecker ist Sprecher des Rektors der Universität zu Köln

Fragen an Christian Thomsen

DIE ZEIT: Warum schließen Sie an der TU Berlin den Gebetsraum für Muslime?

Christian Thomsen: Eine staatliche Universität ist ein weltanschaulich neutraler und unparteiischer Ort, an dem der wissenschaftliche Diskurs im Mittelpunkt steht. Sie ist kein Ersatz für eine Moschee. Bei uns haben sich freitags mehr als 500 Personen zum Gebet mit Imam versammelt, den kleinen Gebetsraum nutzten täglich mehr als 100 Männer. Allein hinsichtlich Versammlungsrecht und Brandschutz hätten wir längst eingreifen müssen. Ausreichend Räume für die Religionsausübung von Hunderten von Menschen können und wollen wir nicht zur Verfügung stellen, zumal wir dadurch eine Religion bevorzugen und das Neutralitätsgebot des Grundgesetzes verletzen.

ZEIT: Welche Reaktionen bekommen Sie?

Thomsen: Bundesweit gab es großes Interesse und zu über 90 Prozent Zustimmung. Und es gab keine Pegida-Stimmung! Natürlich sind die betroffenen Personen enttäuscht, weil es praktisch ist, Vorlesung und Gebet an einem Ort durchzuführen. Rund 600 Studenten sendeten mir eine Petition. Daraufhin habe ich mich mit vier muslimischen Studentenvereinen getroffen. Wir werden sehen, welche Erfahrungen wir nun sammeln, und treffen uns erneut.

ZEIT: Welche Rolle sollten Weltanschauungen an einer öffentlichen Institution spielen – und wie passen sie zum Leitbild der Universität?

Thomsen: Diversität ist uns wichtig. Wir waren eine der ersten Unis, die ein Programm für Geflüchtete hatten. Das zeigt unsere Willkommenskultur und den Integrationswillen. Beides geht auch ohne die Bevorzugung einer bestimmten Religion.

ZEIT: Die Uni zu Köln möchte einen Raum der Stille eröffnen. Wäre das auch etwas für die TU?

Thomsen: Ich kenne das Konzept von Köln nicht. Ich will nicht ausschließen, dass wir in ein paar Jahren über einen un- oder überkonfessionellen Raum nachdenken. Jetzt ist das für uns keine Option.

Christian Thomsen ist Präsident der Technischen  UNIVERSITÄT BERLIN

Was ist Sünde?

Guenter Hegele    5. Februar 2017    Kommentare deaktiviert für Was ist Sünde?
  1. Was ist Sünde?  Fricke

Ein theologischer Blick  von Michael Fricke

Theologie und Kirche befinden sich heute in einer paradoxen Lage. Einerseits gilt die „Sünde“ als Kernbestand christlicher Lehre, andererseits sind das Unbehagen gegenüber den Missklängen des Begriffs und der Wunsch nach Alternativen deutlich wahrzunehmen. Der folgende Beitrag widmet sich diesem Zwiespalt und versucht ihn produktiv zu nutzen.

Blicken wir zunächst auf die traditionelle evangelische Theologie. In ihrem Denken sind drei Dinge scheinbar klar: Sünde ist im Wesen „Unglaube“, sie stellt einen „Bruch des Gottesverhältnisses durch den Menschen“ dar. (1) Menschen wenden sich dagegen, dass Gott ihr Leben bestimmt. „Sünde ist die Weigerung, dem zu vertrauen, der der Grund meines Lebens ist“.(2)

Diese ablehnende Haltung steht in Zusammenhang mit Verfehlungen auf zwischenmenschlicher Ebene.

Die Rede von der Sünde ist als zentraler Gedanke des christlichen Glaubens unverzichtbar. Es ist zu beklagen, dass das Bewusstsein für die „Sünde“ in der Gesellschaft und in Teilen von Kirche und Theologie verloren gegangen ist und man vorzugsweise von „Schuld“ spricht.

Die hier vorgenommene Gleichsetzung von Unglaube und Sünde ist in mehrfacher Hinsicht problematisch: Wenn man Menschen dafür kritisiert, dass sie eine Gottesbeziehung ablehnen und auf sich selbst vertrauen, macht man ihnen etwas zum Vorwurf, das man an anderer Stelle .erlaubt‘ hat, nämlich, die Einladung Gottes zum Glauben anzunehmen oder abzulehnen. Diese Botschaft wird in unserer Kirche an Schlüsselstellen verkündet. Junge Menschen haben in der Konfirmandenzeit die Gelegenheit sich zu entscheiden, Gottes in der Taufe gegebenes Ja zu bestätigen – oder auch nicht. Auch beim Wiedereintritt in die Kirche hält man den Menschen nicht vor, dass sie zuvor in „Sünde“ lebten.(3) Wahlfreiheit ist ein Kennzeichen unserer Moderne. So wäre es im Hinblick auf das Grundgesetz nicht stimmig, wenn die Evangelische Kirche die Freiheit des religiösen Bekenntnisses (Art. 4, Abs. 1) bejaht und zugleich „Unglauben“ als Sünde brandmarkt. Schließlich wurde der behauptete Zusammenhang zwischen Gottesferne und zwischenmenschlichem Fehlverhalten zum einen nie empirisch erwiesen, zum anderen ist er auf theoretischer Ebene bereits problematisch, denn er impliziert, dass Menschen, die ohne Glauben leben, eher zu Fehlverhalten tendieren.

Dunkle Geschichte des Sündenbegriffs 

In der Geschichte hat der Sündenbegriff einen massiven Missbrauch erfahren. Zwei Aspekte seien hier genannt. Erstens hat man die Sünde der Frau mehr angelastet als dem Mann, ein Beleg dafür ist die polemische Deutung der „Sündenfallgeschichte“ in Gen 3 durch Sir 25:

„Die Sünde nahm ihren Anfang bei einer Frau, und um ihretwillen müssen wir alle sterben.“ Die Frau wurde zur Urheberin und Trägerin der Sünde. Zweitens wurde schon in der Alten Kirche Sünde mit concupiscentia, Begierde gleichgesetzt. Sexualität ist Ausdruck von Begehrlichkeit, also ist auch sie Sünde. Die belastende und zerstörerische Geschichte des Sündenbegriffs ist heute im Bewusstsein von Theologie und Kirche angekommen. Vieles musste zurückgenommen und mühsam korrigiert werden. Insgesamt bleibt der Eindruck: Der Sündenbegriff ist in gewisser Weise „verbraucht“.

Vielfalt der biblischen Vorstellungen 

Die Formel „Sünde“ sei im Wesen „Unglaube“, also die Weigerung GOtt zu vertrauen, oder, in einer anderen Spielart, Sünde sei „Selbsterhebung“ des Menschen, der so sein wolle wie GOtt, ist Ergebnis einer unguten Vereinfachung. Wer in der Bibel nach entsprechender Orientierung sucht, wird sich davon lösen und die verschiedenen und teilweise auch nicht zu einem Lehrgebäude zusammenfügbaren Vorstellungen und Bilder wahrnehmen.

Kön 12,19; Jes 1,2) ist ein weiterer wichtiger Begriff. Nach 1 Kön 8,46 sündigen alle Menschen, dagegen geht das Hiobbuch davon aus, dass es Gerechte gibt, die vor Gott schuldlos sind (Hi 10, 7). Mancher Sünder muss erst auf die Erkenntnis gestoßen werden, so König David (2 Sam 11f.). Das Eingestehen von Sünde u~d die Bitte um Vergebung finden sich prominent in den Psalmen: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.“ (Ps 51,3). Ziel Gottes ist die Umkehr des Sünders und seine Rettung, damit „er lebe“ (Ez 33,11). Die Propheten kennzeichnen Sünde als Abfall von Gott bzw. Hinwendung zu anderen Göttern und zugleich als Struktur des Unrechts:

„Denn ich kenne eure Freveltaten, die so viel sind, und eure Sünden, die so groß sind, wie ihr die Gerechten bedrängt und Bestechungsgeld nehmt und die Armen im Tor unterdrückt.“ (Am 5,12). Sündigen gegen Menschen heißt gleichzeitig gegen Gott zu sündigen (Num 5,6), ohne dass dies näher erläutert wird.

Das AT erklärt nicht, woher die Sünde kommt. Es sieht den Menschen als „sehr gut“ (Gen 1,31) an und zugleich als ein Wesen, das nach dem „Bösen“ trachtet (Gen 6,5). Liest man die biblischen Texte der Reihenfolge nach, liegt zwischen den

Die Rede von der Sünde ist als zentraler Gedanke des christlichen Glaubens unverzichtbar.

beiden Stellen der „Sündenfall“, auch wenn der Begriff nicht auftaucht. Gen 2-3 erzählt vom Handeln des Menschen gegen ein Gebot, das GOtt ihm auferlegt hat. Formal ist der Akt als“ Ungehorsam“ zu interpretieren. Der Sinn des Gebotes, dass der Mensch nicht von einem Baum essen soll, der die lebenswichtige Fähigkeit vermittelt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, bleibt letztendlich verborgen. Vielleicht liegt er darin, dass der Mensch wissen und akzeptieren soll, „dass er nicht Gott ist“(5) und somit auch nicht alles bekommt, was er begehrt – symbolisiert wird dies durch das Essverbot. Der Übertretung folgen ein Erkennen, verbunden mit Scham, und das Verlassen des Paradieses. Der Mensch ist auf sich selbst gestellt, ein Gestalter, aber auch ein Gefährdeter. Die Sünde „lauert“ Kain auf (Gen 4,7). Er soll über sie herrschen, aber er erliegt ihr und tötet seinen Bruder – das ist der eigentliche Sündenfall in der Bibel.

Im biblischen Sprachgebrauch finden sich für Sünde und  Schuld mehrere Begriffe. Der häufigste im Alten Testament ist chata (Substantiv chatat) und bedeutet „sich verfehlen“ – zunächst die Verfehlung des (Schuss-)Zieles (Ri 20,16), dann der „Fehltritt“ (Spr 19,2) und im weiteren Sinn ein Verhalten, das dem Gemeinschaftsverhältnis mit Gott oder den Menschen nicht gerecht wird. (4) Daneben gibt es ‚awon, das unheilvolles Vergehen, Schuld und/oder Strafe meint

(z.B. Gen 4,13). Rechtsbruch (pescha) Der Mensch soll nicht von einem Baum essen, der die lebenswichtige Fähigkeit vermittelt, zwischen Gut 

gegenüber Menschen oder GOtt (z.B. 1 und Böse zu unterscheiden. 

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Jesus und die Sünderin. Zeichnung von Peter Litzenburger 

Im NT ist der wichtigste Begriff“ Verfehlung“, „Schuldigwerden (hamartia), daneben gibt es Unrecht (adikia), Fehltritt (paraptoma), Übertretung (parabasis) und Schuld bzu: Sünde (opbeilema). In den Evangelien und der Apostelgeschichte kann man die erstaunliche Entdeckung machen, dass „Sünde“ fast ausschließlich im Kontext ihrer Vergebung bzw. Überwindung vorkommt. Jesus selbst redet nie in lehrhafter Weise über „die“ Sünde. Er gilt als Freund der Sünder (Lk 7,34), sucht (Mk 2,15ff.) und holt sie in die Gemeinschaft. Er vergibt Sünden (Mk 2,5). Im Vaterunser verdeutlicht Jesus, dass man einander Schuld vergeben soll, wenn man Vergebung durch Gott sucht (Mt 6,12). Bei Joh wird Sünde theologisch gefasst als Unglaube (16,9) und geistliche Blindheit (9,39ff.), die den

Tod nach sich ziehen (8,24). Paulus entwirft eine umfassende Sündenlehre: Alle Menschen haben gesündigt (Röm 3,23). Noch mehr: sie stehen unter der Herrschaft der Sünde (3,9), die, einer dämonischen Macht gleich, durch den Ungehorsam Adams in die Welt kam. Man ist in ihr gefangen, Befreiung und Erlösung bringt nur Christus (5,12-21). Paulus versteht Sünde u.a. auch als „Begierde“ (7,7); das Begehren des „Fleisches“ bedeutet Feindschaft gegen Gott (8,7).

Erbsünde und strukturelle Sünde 

Augustin prägte unter Bezugnahme auf Röm 5,12 die Auffassung, dass die Erbsünde physisch durch die Zeugung übertragen wird. Gleichzeitig entwickelte sich

im Mönchtum aus den biblischen Lasterkatalogen (z.B. Gal 5, 19f.) und im Gegenüber zu den vier weltlichen und drei christlichen Haupttugenden eine Lehre über die „sieben Todsünden „: Völlerei, Unkeuschheit, Habsucht, Trägheit, Zorn, Hoffart und Neid. Die altkirchlichen Bekenntnisse, das Apostolikum und das Nizänum, enthalten weder eine Lehre über die Erbsünde noch Sündenkataloge. Wie Jesus in den Evangelien sprechen sie von der „Vergebung der Sünden“. Die Confessio Augustana lehrt dagegen in Artikel 2, dass alle Menschen“ von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht [. .. J haben können, firner dass auch diese angeborene Seuche und Erbsünde wirklich Sünde ist“. (6) Die Erbsündenlehre ist mehrfach problematisch: Sie kann sich nicht auf die Schrift stützen, im Gegenteil, sie lässt das biblische Gebot, Gott“ von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen Kräften“ zu lieben (Otn 6,5; Mk 12,28) geradezu absurd erscheinen. Ferner legt sie nahe, dass die Schlechtigkeit des Menschen mit der Zeugung weitergegeben werde und diskreditiert damit Sexualität. Schließlich verschiebt die Erbsündenlehre die Verantwortlichkeit auf“Adam und Eua“ und steht im Widerspruch dazu, dass jeder Mensch vor Gott nach seiner eigenen Schuld gefragt ist.

Aus diesen Gründen ist es besser, sich vom Begriff der „Erbsünde“ zu lösen. Inhaltlich lässt sich sagen: Das Sündigsein bzw. -werden bildet den Rahmen, in dem sich menschliches Leben vollzieht, Verstrickungen in die Sünde setzen sich über Generationen fort, wie man z.B. aus der Geschichte des Nationalsozialismus lernen kann oder aus der weltweiten Klimaveränderung, an der wir alle mitwirken und der wir und unsere Kinder nicht entrinnen können. Damit kommt ein weiterer Begriff ins Spiel – die „strukturelle Sünde“. Mit der „Erbsünde“ hat sie gemein, dass man in sie ,hineingeboren ‚wird, sie einfach vorfindet, sie also überindividuell ist. Inhaltlich sagt sie jedoch etwas anderes aus: Es handelt sich um gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Strukturen, die eine Vielzahl von Menschen involvieren, und zwar einerseits als Opfer dieser Zustände und andererseits als Akteure. Wege aus dieser

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Verstrickungen in die Sünde: die Klimaveränderung, an der wir alle mitwirken und nicht entrinnen können. 

Struktur hinaus zu finden ist theoretisch möglich, aber praktisch sehr schwierig und mühsam. Als konkretes Beispiel mag man hier etwa an die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen denken, unter denen Kinder und Jugendliche die Rohstoffe für Mobiltelefone in Mrika gewinnen, die in Deutschland wiederum gerade von vielen Kindern und Jugendlichen gekauft und benutzt werden.

Wozu und inwiefern heute von „Sünde“ reden? – Thesen 

Aus dem Gesagten ergibt sich zuallererst die Maßgabe, behutsam mit dem Begriff der „Sünde“ umzugehen. Es ist zu reflektieren, wo er eher Schaden als Nutzen anrichtet.

Sünde in der von Individualisierung und menschlicher Autonomie geprägten Moderne als „Unglaube“ oder „fehlendes Vertrauen zu Gott“ darzustellen, ist wenig sinnvoll. Der Gedanke der „Sünde“ meint eher einen „Fehltritt“ oder ein „schweres Uni echt“ .

Wenn christlicher Glaube nicht nur Bestätigung des Ich, sondern auch Herausforderung ist, muss er auch zur Umkehr rufen. In diesem Zusammenhang ist der Gedanke der „Sünde“ sinnvoll. Wenn biblische Erzähler, Propheten und Jesus Zustände oder Verhalten mit „Sünde“ kennzeichnen, sind diese Aussagen konkret und keine Wesensaussagen über den Menschen. Damit steht dem „Sünder“, der auch Mensch ist, die Tür zu Selbsterkenntnis und Umkehr offen.

Eine Rede über „die allgemeine Sünde des Menschen“ ist wenig hilfreich. Besser ist es von „Sünde“, allein oder in Gemeinschaft mit anderen Menschen, im Sinne einer Selbstzuschreibung zu reden. Das Er- und Bekennen von Sünde und Schuld mündet – wie das Vaterunser lehrt – in die Bitte um Vergebung, die wir von Gott und unserem Mitmenschen brauchen. Sünde ist, so wie Jesus es getan hat, in den Zusammenhang von Gnade und Vergebung zu stellen.

Der Hinweis, dass alle Menschen Sünder sind, ist nur berechtigt, wenn deutlich wird, dass nicht alle in gleicher Weise Schuld erleiden oder auf sich laden.(7) „Sünde“ hat bei der Kritik an gesellschaftlichen Strukturen einen autoritativ-pro-

phetischen Beiklang. Dieser ist berechtigt, wenn die Kritik aus einer Ohnmacht heraus formuliert wird (denn Gott steht auf Seiten der Ohnmächtigen).

Beim Erkennen von Sünde sind Reflexion und Hinspüren hilfreich, inwieweit das Ideal, Gott und den Mitmenschen zu lieben,(8) im Blick geblieben ist. Inhaltlich ist Sünde nicht pauschal auf „Stolz“ oder ,,Auflehnung“ festzulegen, denn auch

„Selbstverneinung“ (9) kann Sünde sein.

Es kann nicht restlos geklärt werden, inwiefern „Sünde gegen Menschen“ zugleich „Sünde gegen Gott“ ist, und-auch nicht, ob Gott über die an ihm begangenen Sünden hinaus auch diejenigen Sünden vergibt, die an Menschen begangen wurden (siehe Holocaust) – gewiss schenkt er Reue.(10),

In der Praxis sind Rituale der Besinnung und Buße sinnvoll. Sie können zu bestimmten Anlässen und Zeiten in

verschiedenen gottesdienstlichen Formen, aber auch im säkularen Bereich (Aufarbeitung gesellschaftlicher Schuld) angeboten werden. Ihr Sinn ist es, gestörte Beziehungen „wiederzubeleben“. (11) Die rituelle „Sündenvergebung“ ist eingebettet zu sehen in die Förderung von Männern und Frauen im Sinne einer Subjekrwerdung, das heißt, ein verantwortlicher, eigener Mensch zu werden .•

Anmerkungen 

(1) W Krötke, Sünde/Schuld und Vergebung, I. Begriffiichkeit, RGG Bd. 7, Tübingen 2004, 1867f. 
(2) Evangelischer Erwachsenenkatechismus: glauben – erkennen -leben, im Auftrag der VELKD,
Gütersloh 2001, 174 (3) Vgl. dazu http://eintritt.evangelisch. dei rubriken/kirche/ evangelisch-werden, Zugriff vom 24.03.2014. 
(4) Vgl. R. Knierim in: THAT, Bd. 1, München/Zürich 1984,545. 
(5) B. Jacob, Das Buch Genesis [1934], hg. in Zusammenarbeit mit dem Leo Baeck Institut, Stutegart 2000, 93 . 
(6) Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Evangelisch-Lutherische Kirchen in Bayern und Thüringen, München 1994, Nr. 906 (5. 1565f.). 
(7) V gl. L. Scherzberg. Sünde/Schuld, Gegenwartsdiskussion, in: Wörterbuch der Feministischen Theologie, hg. v. E. Grossmann u.a., Gütersloh 2002,527. (8) Vgl. W Härle, Dogmatik, Berlin/New York 1995, 466. 
(9) Scherzberg. 526. 
(10) Vgl. H. Gollwitzer, in: S. Wiesenthal, Die Sonnenblume. Eine Erzählung mit Kommentaren, Frankfurt a. M. 1984, 187. (11 )M. Sievernich, Sünde/Schuld und Vergebung, IX. Praktisch-theologisch, in: RGG Bd. 7, Tübingen 2004,1864. 

Dr. Michael Fricke ist Professor für Evangelische Theologie/Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Universität Regensburg 

2. Sünde in asiatischen Religionen

Asiatische Religionen 

In eine völlig andere Welt werden wir geführt, wenn es um das Menschenverständnis des Buddhismus geht. Der Buddhismus in seiner Grundform kennt keinen Gott, der sich dem Menschen gnädig zuwenden könnte (vom Buddhismus des Reinen Landes in Ostasien abgesehen), er kennt nur den Menschen, der vor sich selbst und vor allen Lebewesen verantwortlich ist. Insofern kennt er auch den Begriff der Sünde allenfalls indirekt. Auch Ethik baut nicht darauf sich für sein Handeln vor einer Instanz rechtfertigen zu müssen und vielleicht von dieser auch bestraft zu werden.

Dies kann unter den Bedingungen der Denkformen der gott-bezogenen Religionen zu denken geben, wie dann Begründungen der Ethik überhaupt zustande kommen können; deshalb sei ein Blick darauf erlaubt, wie der Buddhismus sich das Leben des Menschen und die Frage nach seinem Gut- oder Böse-Sein vorstellt. Schon dass der Mensch geboren wird, ist ein Auslöser von Leiden für ihn:

Er will von Anfang an haben, besitzen, festhalten. immer mehr haben, Dinge, Reichtümer, andere Menschen, Ruhm. Er muss jedoch feststellen, dass alle Din-

ge dieser Welt vergänglich sind und ihm zwischen den Händen zerrinnen wie der Sand eines nassen und langsam trocken werdenden Sandklumpens. Dies verursacht Leiden für ihn, welches sich in anderen Formen des Leidens wie Krankheit, Alter und schließlich Sterben fortsetzt. Es steht an, dass er wiedergeboren wird und diesen Kreislauf unendlich lange fortsetzt. Daran kann sich etwas ändern, wenn er selbst die Ursache für sein Leiden, nämlich die Begierde, durchschaut und auf diese Weise zu einer klaren Sicht der Wirklichkeit gelangt. Diese Einsicht kann ihm dazu verhelfen, endlich nicht mehr wiedergeboren zu werden und dem leidvollen Leben nicht mehr ausgesetzt zu werden. Zugleich und als Bestandteil dessen ist der „edle achtfache Pfad“ zu beherzigen, der neben Anteilen der Erkenntnis und Versenkung auch ethische Bestandteile für ein Leben in Einklang mit der gesamten Mit-Welt vorsieht. Die ethischen Regeln sind nicht weit von den anderen Religionen entfernt, mit einer etwas größeren Betonung der Unverletzlichkeit des Lebens. Schlechte Taten und Gedanken werden in Gier, Hass und Täuschung unterschieden. Hier nun nähern wir uns dem Gedanken des Karma, das wörtlich Handeln heißt: In diesem Ähnlich ist es mit dem Hinduismus. Auch hier ist avidya = Ignoranz, Unwissenheit gegenüber der Wirklichkeit das eigentliche Pendant zum Sündengedanken. Zugleich aber kennt auch der Hinduismus einen ethischen Kodex und die Verletzung der ethischen Regeln, genannt papa. In der Rangfolge der Schwere der Sünde spielt das Kastensystem eine Rolle: So wiegt es besonders schwer, einen Brahmanen zu töten, dessen Kaste an der Spitze des Systems steht, und es ist verwerflicher, eine Kuh zu töten als einen Kastenlosen. Gesühnt werden können Vergehen mit Strafen oder Bußmaßnahmen wie Geschenken gegenüber Brahmanen oder mit Pilgerwallfahrten. Im Unterschied zum Buddhismus kann hier durchaus ein Gott als Lehrer und Gesetzgeber auftreten, so Krishna in der Bhagavadgita, und somit auch dem Menschen als Gegenüber dienen und Verantwortung einfordern. Dies spielt jedoch bei weitem nicht dieselbe Rolle wie in den monotheistischen Religionen.

In anderen religiös geprägten sozialen . Ordnungen, z.B. im Pazifik, wird nicht \m engeren Sinne von Sünde, sondern von Fehlverhalten ausgegangen, das bzw, dessen Folgen mit Hilfe von rituellen sozialen Mediationsvorgängen wieder“ „in Ordnung“ gebracht werden können.

kannten Komplexität aus dem jüdischchristlichen Kontext stammt. Es kann nicht ohne Schwierigkeiten in andere kulturelle und religiöse Zusammenhänge übertragen werden, da es mit einem bestimmten Menschen- und Gottesbild verbunden ist: das verantwortliche Gegenüber von Gott und Mensch, die Beziehungsdynamik, das Thema einer dem Menschen anhaftenden Sündhaftigkeit (Ursünde, Erbsünde) und des .Begehens von Sünden“ – all dies sind Fragestellungen, die nicht einfach in asiatische Religionsformen hineinprojeziert werden können, weil sie dort nicht oder unter völlig anderen Denkformen vorkommen. Der Mensch ist ein Wesen, das stetig der Versuchung ausgesetzt ist, gegen den Willen Gottes, der Götter, gegen die ethischen Regeln seiner Religion zu verstoßen und damit Beziehungen (zu Gott, zum Gemeinwesen) zu gefährden – so viel Gemeinsamkeit mag es geben, in aller Vorsicht gesprochen. In allen religiösen Systemen ist es, wenn man sie als Ergänzungsbegriff zu „Sünde“ nehmen darf, eigene Verantwortung, aus der der Mensch nicht entlassen wird, sei es vor sich selbst und vor dem universalen Ganzen, sei es vor Gott und den konkreten anderen Menschen und sonstigen Mitgeschöpfen. •

3. Interview mit Schulze. Seid froh, dass ihr die Freiheit habt, selbst zu entscheiden

Blick des Menschen auf sich selbst, auf Es war nicht schon 

umgedeutet. Auch wenn der Deutungsrahmen heute ein anderer ist, gleich mentarium. 

len. Es ist ein zeitloses Reflexionsinstru-

geblieben ist die Fähigkeit, sich zu beo- ~ 

bachten. Der Mensch weiß, dass er über- baugerüst: Früher sind Verbote oder 

treiben kann und dass Übertreibungen • Gebote an den Menschen herangetragen 

schädlich sein können, für ihn selber worden. Heute muss der Mensch reflek- 

oder für andere. tieren und selber entscheiden was richtig und was falsch ist. 

keuschheit, Stolz wirken irgendwie angestaubt. Woher nehmen Menschen heute die Werte und Normen? 

Schulze: Sie kommen nach wie vor aus der kulturellen Tradition, werden aber

baugerüst:: Der Mensch wird zu seinem eigenen Beichtvater.

Schulze: Wenn wir die Zeitschriftenauslage an der Kasse eines Supermarktes betrachten, finden wir fast keine Zeitschrift ohne Diätempfehlungen. Zuviel zu essen heißt zwar jetzt nicht mehr Völlerei und gilt nicht mehr als Todsünde, aber der Fokus der Selbstbeobachtung ist gleich geblieben. Bei der Sexualität hingegen scheint sich die kritische Selbstbeobachtung gegenwärtig fast aufgelöst zu haben, wobei ich denke, dass sich dies wieder ändern wird. Sexualität wird schon lange nicht mehr als Unkeuschheit bezeichnet, aber sie wird sozusagen eingehegt. Menschen haben heute beispielsweise die Möglichkeit, sich in Swingerclubs zu vergnügen, können bei Facebook in über 50 verschiedenen Bezeichnungen ihr Geschlecht angeben oder sympathisieren mit Conchita Wurst, der Sängerin des European Song Contest, die als Diva mit Vollbart auftritt. Es gibt also Enklaven, in denen die Sexualität sich austoben kann. Auch die Seitensprungportale im Internet gehören dazu. Gleichzeitig haben wir einen sexualitätsneutralen öffentlichen Raum. Die Sexualität wurde also einerseits enthemmt und andererseits eingezäunt. Darin drückt sich auch Kritik gegenüber einer totalen Entfesselung der Sexualität aus.

baugerüst: Die Liste der Todsünden ist also tief verankert im Menschen.

Schulze: Sie ist Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses der Menschen und fast universell verbreitet, natürlich mit vielen Variationen. Wir finden sie auch in ganz anderen theologischen Denksyste-

seine Schwächen, auf seine Gelüste, auf die Notwendigkeit, Kompromisse zu schließen, aber auch um die Abwehr von Instanzen, die einen unterdrücken wol-

Schulze: Aber war es nicht schon immer Anliegen der christlichen, vor allem der protestantischen Theologie, dass der Mensch eigenverantwortlich mit sich selbst, mit anderen und mit Gott umgeht? Natürlich gibt es verschiedene Richtlinien, es gibt die Bergpredigt, die Zehn Gebote, auch die von Menschen verfassten und dann theologisierten sieben Todsünden, entscheiden aber sollte immer der Einzelne. Die Institution Kirche, selbst die protestantische Kirche mit ihren puritanischen Richtungen, wollte zwar immer wieder den Menschen vorschreiben wie sie sich verhalten sollen, aber damit hatte sie ihre eigene Theologie nicht begriffen.

baugerüst: Ich frage noch einmal: In früheren Zeiten hat der Mensch einen Katalog vorgefunden „Du sollst!“ „Du sollst nicht“. Heute ist der Einzelne doch alleine gelassen.

Schulze: In der Frage schwingt für mich fast ein Bedauern mit. Ich sehe für Christen in der Person Jesu und für alle in der Aufklärung eine Aufforderung zum Selbstdenken und zur Eigenverantwortlichkeit. Das empfinde ich als große, aber immer noch nicht umfassend verarbeitete und von vielen nicht umgesetzte Befreiung. Der Sündenkatalog ist ein Selbstbeobachtungsinstrument, das wir gut brauchen können, mehr nicht, eine Vorstellung von Grenzen und Kompromissen.

baugerüst: Braucht aber der Mensch trotz der Fähigkeit zur Selbstreflexion nicht auch ein Geländer um sich zu orientieren?

immer Anliegen der christlichen, vor allem der protestantische Theologie, dass

der Mensch eigenverantwortlich mit sich selbst, mit anderen und mit Gott umgeht

Schulze: Ja, vielleicht ist das hilfreich um sich zu orientieren. Nur, wer ist legitimiert diese Geländer zu setzen? Es gibt heilige Schriften die solche Geländer konstruieren. Es gibt aber auch Zweifel an der Heiligkeit dieser Schriften. Sind diese Geländer wirklich von Gott oder nicht doch menschlich konstruiert und interpretiert?

baugerüst: Nehmen wir z.B. die Verschmelzung von Sexualität und Sünde, die vielen Menschen auch große Schuldgefühle brachte. Paulus ermahnte die Gemeinde nicht zu Sklaven des Fleisches zu werden. Das ist doch von außen an den Menschen herangetragen.

Schulze: Was angeblich von außen an den Menschen herangetragen wurde, war schon immer menschengemacht. Die Bibel ist ein Interpretations- und Kristallisationskern für eine Dogmatik, die sich entgegen der Wortbedeutung ständig verändert hat. Seit der historischen Rekonstruktion der Bibelentstehung können wir heute nicht mehr sagen, Gott habe uns ein Geländer gegeben. Ganz im Sinne von Schleiermacher.

baugerüst: Hinzu kommen Geländer aus der Tradition oder solche, die Autoritäten erlassen haben.

Schulze: Ja natürlich, und dann frage ich mich, warum Menschen, wenn sie mit common sense ausgestattet sind und über die freie Wahl in vielen Lebenssituationen verfügen, einen Eisenkäfig der Geländerlosigkeit vorziehen sollen?

Kann der Mensch ohne Geländer leben? 

baugerüst: Ist der Mensch in der Lage, ohne Geländer zu leben?

Schulze: Der Mensch kann sich sein Geländer selbst bauen und auf der Metaebene darüber nachdenken. Wie gesagt, für mich sind alle Geländer von Menschen gemacht. Statt platter Todsündenkataloge ist die goldene Regel hilfreich, die besagt, dass man so handeln solle, wie man es auch von anderen sich selbst gegenüber erwartet. Das ist eine Regel auf der Metaebene, die mir in vielen Situationen etwas bringt.

baugerüst: Kann der Mensch über alles frei entscheiden, insbesondere auch dann, wenn er z.B. jede rote Ampel als einen Angriff auf die eigene Persönlichkeit empfindet, weil sie ihn einschränkt?

Man kann nur zwischen verschiedenen Formen der Unbequemlichkeit wählen.

2Schulze: Wir haben einerseits Tendenzen der Freiheitseinschränkung und andererseits Tendenzen einer Liberalisierung. Die Einschränkungen fassen den Menschen als Quelle der Selbstschädigung ins Auge und wollen ihn vor sich selbst schützen, z.B. im Straßenverkehr, bei der Ernährung oder im Umgang mit Suchtmitteln. Auf der anderen Seite fallen Grenzen. Sexualität und private Beziehungen wurden entkonventionalisiert und liberalisiert.

baugerüst: Der gesellschaftliche oder auch private Diskurs um das eigene Verhalten ist ein sympathischer Gedanke. Nur hungern nicht viele Menschen danach von wem auch immer zu erfahren, was richtig und falsch, gut oder schlecht ist? Es gibt Tausende von Ratgebern für alle möglichen Bereiche.

Schulze: Schreibt man den Menschen etwas vor oder engt man sie ein, dann hungern sie nach Freiheit, doch kaum haben sie die Freiheit, verlangen sie nach jemanden, der ihnen sagt was richtig und was falsch ist.

baugerüst: Warum reagieren Menschen so?

Schulze: Ja warum? I didn t promise you a rosegarden! Wie ist es auch schrecklich, dass das Leben so unbequem ist! Man kann nur zwischen verschiedenen Formen der Unbequemlichkeit wählen. Der Weg des Westens war ein Bekenntnis zum Geworfensein in die Welt, in der man sich entscheiden muss und diese Entscheidungen nicht an irgendwelche eingebildeten oder mit Macht und Gewalt auftretenden anderen Instanzen abgeben will. Ja, das ist oft unbequem, aber welche Alternative wäre besser?

Sich darüber zu beklagen, dass es anstrengend ist, sich über gut und böse, richtig und falsch auseinanderzusetzen und Diskurse zu führen, das ist – jetzt werde ich wirklich normativ – das ist Wehleidigkeit, die ich nicht ernst nehmen kann.

baugerüst: Andere Religionen und Kulturen haben eine andere Auffassung über die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen.

Schulze: Ich finde die Metapher des Geländers gut und frage, wo kommt eigentlich das Geländer her, nachdem die Gottgegebenheit von Geländern in Zwei-

Das Erringen unserer normativen Positionen, jenseits religiöser oder kirchlicher Vorschriften war eine große Kulturleistung.

ausüben. Aber fragen Sie mal Textilarbeiterinnen in China oder Bangladesch, ob sie damit einverstanden sind, wenn ihre Fabriken geschlossen werden. Wenn wir den Konsum ungerecht produzierter Waren als Sünde bezeichnen, müssen wir auch fragen, wie wir die wegfallenden Arbeitsplätze ersetzen können, auf die Menschen angewiesen sind.

baugerüst: In ihrem Buch unterscheiden Sie zwischen einem Sündenbegriff

des Alten Testaments und einen Sündenbegriff des Neuen Testamente. „Wer eine Sündenbilanz von Gott erwartet“, schreiben Sie, „hat seine Unbegreiflichkeit nicht begriffen.“ Was hat sich an dem Sünden begriff geändert?

fel gezogen wurde. Die Menschen des Westens sind derzeit normativ herausgefordert, weil wir mit der Verneinung der Gottgegebenheit andere Religionen oder Kulturen provozieren. Aber das Erringen unserer normativen Positionen, jenseits religiöser oder kirchlicher Vorschriften war eine große Kulturleistung. Wir haben noch gar nicht gelernt, diese Errungenschaft offensiv nach außen zu vertreten: als ein Bekenntnis zum Recht, sich seine Geländer im Diskurs selber zu schaffen.

baugerüst: Das individuelle Handeln oder Unterlassen ist das eine. Jeder Mensch hierzulande wird aber als weißer Angehöriger einer westlichen Industrienation geboren. Das heißt, wir alle leben in weltweiten Strukturen und unser Lebensstil hat Auswirkungen auf andere. Ist der Begriff Sünde anwendbar darauf, wie wir leben oder auf wessen Kosten wir konsumieren?

Schulze: Wenn der Begriff Sünde in diesem sozialethischen Zusammenhang verwendet wird, frage ich, was sind die Alternativen? Ohne Alternative keine Sünde. Indem Sie atmen, verbrauchen Sie CO2 und belasten damit die Umwelt. Die einzige Alternative wäre dann der Selbstmord, damit Sie diese Sünde vermeiden. Etwas Ähnliches will die Bewegung zur freiwilligen Auslöschung der Menschheit. Natürlich müssen wir die Umwelt schonen, aber ich lehne es ab, unsere bloße Existenz als unmoralisch zu stigmatisieren.

baugerüst: Gibt es also keine Alternative zu ungerechten Strukturen?

Schulze: Natürlich müssen wir kritisch hinschauen und als Verbraucher Druck

Schulze: Ich bin Soziologe und kein Theologe, aber es ist Allgemeinwissen, dass das Alte Testament viele explizite Handlungsanleitungen enthält, Geländer eben. Im Neuen Testament dagegen steht die Hinwendung zu Gott, zu Jesus im Zentrum. Da kann man eine Prostituierte sein oder ein habgieriger Zöllner, das spielt alles keine Rolle, vielmehr kommt es darauf an, dass der Mensch die Nähe zu Gott sucht. Sünde im Neuen Testament ist gedacht als Gottesferne.

baugerüst: Ist dann das populäre oder säkulare Verständnis von Sünde mit den Ge- und Verboten auf dem Stand des Alten Testaments?

Schulze: Im Alten Testament stehen zwar Regeln und Vorschriften, aber das kann man gewissermaßen auch neutestamentlich interpretieren, im Sinn der Zuwendung zu Gott, wie dies in einer Geschichte von Isaac Singer deutlich wird, in der ein New Yorker Jude gefragt wird, warum er denn diese ganzen Essensvorschriften beachte und dieser antwortet, die Vorschriften mögen ja vielleicht unsinnig sein, sie symbolisieren für ihn aber die Liebe zu Gott.

baugerüst: Aber ein Sündenverstandnis, das dem Menschen Vorschriften macht und ihn versucht zu kontrollieren, diente doch auch zur Aufrechterhaltung von Macht, zur Absicherung von Herrschaftsansprüchen, auch der Kirche.

Schulze: Ja natürlich, die Kirche hat damit sogar Geld gemacht. Die Wurzeln des Protestantismus liegen aber im Protest dagegen. Die Reflexion in der Aufklärung über Kirche und Theologie, über Glauben und Religion sollte ja dazu beitragen, dass der Mensch fähig wird, über sich selber nachzudenken. Voltaire ist nur ein Name von vielen.

Es bleibt auch heute noch eine Herausforderung des Christentums, nach all den unterjochenden und instrumentalisierenden Interpretationen der Bibel neu über Spiritualität, Religiosität und Ethik in Freiheit nachzudenken.

baugerüst: Die eigentliche Sünde ist dann die Verweigerung einer Gottesbeziehung.

Schulze: Ich glaube nicht, dass man hierzu noch Sünde sagen sollte. Der Sündenbegriff ist sehr fragwürdig, wenn damit gemeint ist, dass der Mensch gegenüber Gott eine Schuld auf sich lädt, sobald er dieses oder jenes tut oder nicht tut.

baugerüst: Was für ein Gottesbild steht dahinter?

Schulze: Schon als Sechs- oder Siebenjähriger im Kindergottesdienst habe ich nie verstanden, wie es sein kann, dass Gott mich erschaffen hat, ich Jesu Schäflein sein und gleichzeitig sündig sein soll oder gar mit einer Erbsünde belastet. Das war und ist ein Widerspruch für mich. Mein Gottesbild ist ein anderes und hat nichts mit dem strafenden, eifersüchtigen, rächenden oder drohenden Gott zu tun.

baugerüst: Was aber, wenn Menschen, auch Gottesdienstbesucher in den Kirchen, doch ein Geländer erwarten und sich in der Freiheit allein gelassen fühlen?

Schulze: Dann wäre es doch die erste Aufgabe der Kirchen dagegen zu reden:

Das Leben ist kein Honiglecken, ihr habt nun mal diese wunderbare und anstrengende Freiheit. Seid froh, dass ihr die Freiheit habt, selbst zu entscheiden, und hört damit auf, kaum dass die jahrhundertelange Eingrenzung des Pferchs endlich weggefallen ist, diese Einschränkung wieder zurückzuverlangen .•

Aus Freitag: Vergessen, aber nicht vergeben

Was ist Sünde? 

Sünde ist ein genuin theologischer Begriff. Von Schuld kann man auch abgesehen von Gott reden. Dass Menschen an anderen Menschen schuldig werden oder umgekehrt Opfer von schuldhaftem Handeln werden, gehört zu den alltäglichen Lebenserfahrungen. Sünde hingegen bedeutet – trotz der vielfach beklagten sprachlichen Banalisierung und Verflachung a la „Verkehrssünder“- im Kern immer, dass hier Gott im Spiel ist: Sündigen kann man eigentlich nur im Bereich und aus der Perspektive von Religion. Sünde betrifft immer das Verhältnis zu Gott bzw. die Lebensweise vor Gott. Wer von Sünde redet, spricht damit die Beziehung zu Gott an.

Sünde ist ein Beziehungsbegriff.

Vielfach wird unter Sünde schlicht und gesetzlich die Übertretung eines Gesetzes bzw. einer Norm verstanden. Menschen sind Sünder (innen) , wenn sie gegen einen Gesetzeskatalog verstoßen. Dies ist zwar nicht völlig falsch, trifft aber den Kern der Sache nicht. Wer sündigt, ver-

, geht sich nicht einfach an einem Gesetz oder einer Norm. Auch ein moralinsaures Verständnis, wie es manche kirchliche und/oder kleinbürgerliche Kreise gerne gepflegt haben und bisweilen noch pflegen (Sünde wäre dann irgendwie alles, was Spaß macht … ), geht fehl.

Sünde bedeutet in der Summe biblischen und also theologischen Verständnisses in erster Linie, dass Beziehungen destruiert oder zerstört werden. In eindringlichen Symbolgeschichten schildern die Urgeschichten der Bibel, wie die Sünde sich breitmacht. Die „ersten Menschen“ verletzen und zerstören geradezu systematisch alle denkbaren Beziehungen:

Die Beziehung zu Gott, familiäre Beziehungen, die Beziehung zu anderen Menschen und zur Natur (Schöpfung). Die gesamte darauf folgende erzählende und prophetische Literatur des AT kann man als Geschichte einer sich permanent wiederholenden Destruktion des Gemeinschaftsverhältnisses zu Gott lesen: Durch Rechtsbruch und asoziales Verhalten untereinander einerseits und durch Fremdgötterei, Abfall von Gott und verlogene Gottesdienste und Kulthandlungen andererseits wird unentwegt und immer wieder die Gemeinschaftstreue gegenüber Gott (oder wie einige damalige Theologen es auch bezeichneten: der „Bund mit Gott“) verletzt, während Gott an dieser Gemeinschaftstreue trotz allem und trotz seines berechtigten Zornes festhält: wegen seiner Liebe (z. B. Hosea 11,1-9) kann er nicht anders als dass sein Zorn eben nur einen Tag währt, seine Gnade aber lebenslänglich (Psalm 30,69).

Grundsünde und Tatsünden.

Eine Dogmatik (Glaubenslehre) hat die Aufgabe, biblisch-theologische Sachverhalte zu ordnen und zu systematisieren. Klassische und neuere (2) evangelische Entwürfe unterscheiden gerne zwischen der Grundsünde und den daraus folgenden Tatsünden: 

Die eigentliche Ursünde oder Grundsünde ist die Zerstörung der Beziehung und des paradiesisch ungetrübten Zusammenseins mit Gott. Was die Urgeschichte der Bibel in tiefgründigen Bildern und Erzählungen plastisch macht, beschreibt (nicht nur) die reformatorische Theologie so: Sünde bedeutet schlichtweg Unglaube. Sünde ist Leben ohne Gott oder gegen Gott und passiert dort, wo Menschen sein wollen wie Gott und sich selbst und ihre Welt vergötzen. Ein Sünder ist jemand, der Gott nicht als seinen Gott

Die eigentliche Ursünde ist die Zerstörung 

anerkennt und der zu Gott kein Vertrauen hat (so war es leider eben schon bei „Adam und Eva“). Sündigen heißt (so spitzt Jesus es zu), sich und sein Leben eben nicht Gott anzuvertrauen wie ein Kind und ihn eben nicht über alle Dinge zu lieben; alles was im Leben „nicht aus dem Glauben gehet, das ist Sünde“ (Luther), Dabei geht es allerdings nicht nur um glaubensferne und böse Atheisten: Sünder(innen) sind all die Menschen, die Gott mehr oder weniger viel an Glauben, an Vertrauen, Liebe, Respekt, Dank schuldig bleiben; und da das allen, auch den besten Christen, so geht, hat Paulus schon Recht, wenn er behauptet, dass alle Menschen Sünder seien. Und genau darum bitten auch Christfirmjen in jedem Gottesdienst und hoffentlich

auch gelegentlich zwischendurch beim Gebet des Vaterunsers: „vergib uns unsere Schulden“ – der ursprüngliche Plural (I) in der 5. Vaterunser- Bitte (Matthäus 6,12) meint genau dies: Die Bitte um Vergebung für das, was wir Gott schuldig bleiben.

Erst aus dieser „Wurzelsünde“ der Selbstvergötzung und der Gottlosigkeit entstehen geradezu zwangsläufig die Tatsünden (Schuld): Die Beziehungen von Menschen zu anderen Menschen, zur Schöpfung und letztlich auch zu sich selber werden immer wieder destruiert und zerstört. Die Urgeschichte der Bibel beschreibt die Grundtypen dieser Tatsünden: Die Gier, der Mord und die Lüge (Kain und Abel), Bosheit und die Zerstörung der Natur (Sintflut), Grenzüberschreitungen und Grö

ßenwahn (menschlicher Geschlechtsverkehr mit Himmelswesen und der Turmbau zu Babel) – Phänomene, die auch ohne ihre mythisch-narrative Einkleidung heute als Tatsünden allenthalben zu besichtigen sind. Es scheint dies „seitdem“ wie ein Verhängnis auf der gesamten Menschheit zu liegen, dass sie unentrinnbar in solch sündige Verhaltensweisen verstrickt ist. Paulus beschreibt dies Phänomen als „Macht der Sünde“, der Menschen aus sich heraus nicht zu entkommen vermögen.

Die Beschäftigung mit Sünde muss lebensdienlich sein – Veranrwortungsübernahme Es geht bei der Beschäftigung mit der Sünde weder darum, den Teufel im Urwald der Welt zu jagen bzw. Sünder bei der Ausübung ihres unflätigen Tuns aufzuspüren, um sie der gerechten Strafe zuzuführen, noch geht es darum, mit Hilfe der Kategorie Sünde Macht über andere Menschen auszuüben, um sie nach den eigenen theologischen Ansichten und den eigenen moralischen Vorstellungen zu formen oder um sie zu genussunfähigen Asketen zu erziehen.

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Es geht vielmehr darum, im Bereich von Religion und Alltagsleben einen erwachsenen Umgang mit dem Phänomen Sünde zu finden, die Realität ernst zu nehmen und Verantwortungsfahigkeit zu fördern.

Was heißt das für Jugendarbeit? 

Mit dem Phänomen Sünde und Schuld in der Jugendarbeit umzugehen, heißt:

1. Gott und die Beziehung zu Gott ernst nehmen. 

Es geht dabei nicht darum, sich durch eine Glaubensleistung das ewige Leben oder so zu erwerben, aber durchaus um den eigenen Verantwortungsanteil – auch von jungen Menschen – für ihre Gottesbeziehung. Und das bedeutet, mit jungen Menschen Wege eines lebensdienlichen Vertrauens auf Gott und der Liebe zu Gott zu entdecken – und zu verstehen, dass „die Sache mit dem heiligen Gott“ nicht primär den Charakter eines spirituellen Partyservices hat und Gott nicht der Geschäftsführer eines religiösen Wellness-Studios ist, sondern dass Gott durchaus seine Ansprüche hat und mit dem Lebenszentrum von Menschen zu tun haben will.

Die Realität ernst nehmen. 

Nämlich die Welt, die durchaus m Schuld und Sünde verstrickt ist (jeder Krieg und jedes ökologische Verbrechen demonstrieren dies) wahrzunehmen genauso wie die eigenen Anteile von Schuld und Schuldverstrickung. Befreiung geschieht nicht dadurch, dass man Sünde abschafft oder verleugnet, sondern sie benennt – auch die eigene.

Die Verantwortungsfohigkeit von Menschen ernst zu nehmen. 

Sündigen und Schuldig-Werden setzt einen verantwortungsfähigen Menschen voraus. Menschen sind nicht nur Opfer der Verhältnisse, sondern haben Machtspielraum und Entscheidungsspielraum. In der Jugendarbeit bedeutet dies, Jugendliche in ihrer Subjektivität und der Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme zu stärken und im „permanenten bewussten Widerstand gegen die Sünde“ (H.G. Geyer) und ihre Verstrickungen an ge-

lingenden Beziehungen zu Menschen und zur Schöpfung zu arbeiten.

Vergebung entdecken. 

Niemand kann unschuldig bleiben. Niemand ist ohne Sünde. Versuche, unschuldig bleiben zu wollen oder „sich zu ent-schuldigen“ enden in Realitätsverleugnung, Zynismus oder Verzweiflung. Das Konzept der Vergebung (inklusive Schuldbekenntnis!) in der Beziehung zu Gott und in den Beziehungen von Menschen untereinander gehört zu dem Lebensdienlichsren, was wir mit jungen Menschen entdecken und erleben können. •

Benno Hafeneger (Hrsg.)

Anmerkungen

(1) Immer noch äußerst lesenswert ist das 1976 erschienene Buch Gottesvergiftung von Tilmann Moser

(2) So z.B. knapp und präzise: Gerhard Ebeling, Dogmatik des christlichen Glaubens Band 1. Tübingen, 1979, S. 374f

Michael Freitag ist Referent für Theologie, Bildung und Jugendsoziologie bei der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej)

ISBN 978-3-89974797-3, 2. erg. u. überarb. Auf!., 528 S., € 49,80

„Für Einsteiger/-innen als auch für erfahrene Pädagoginnen und Pädagogen bietet das Handbuch ein umfassendes und interessantes Grundlagen- und Nachschlagewerk der Außerschulischen Jugendbildung. “ 

Sandra Trede in: Außerschulische Bildung 

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4. Umfrage bei Jugendlichen

Leben wir in sündigen Strukturen, wie einige behaupten, weil wir auf Kosten anderer leben?

Lea: Bei dem Punkt „Lust auf Rache“ habe ich ja noch gar nichts getan, da habe ich ja nur daran gedacht. Deshalb wäre das für mich noch keine

Sünde. Wobei es natürlich viele Menschen gibt, die auch sagen ich muss von meinem Geist her genauso ohne Sünde leben wie bei meinen Handlungen. Wenn ich es nicht ausüben will, dann sollte ich auch nicht daran denken oder vielleicht auch Lust dazu sich noch so bemüht.

Lea: Ich glaube man blendet es oft aus, wenn Produkte unfair hergestellt werden. Man freut sich doch immer wieder, wenn man ein T-Shirt für fünf EDro bekommt und vergisst ganz schnell wo das herkommt und wie es produziert wird. Es gibt kein richtiges haben es zu tun. Leben im falschen, auch wenn man sich noch so bemüht.

Denise: Aber hat nicht jeder schon mal an Rache gedacht?

Lea: Also bei „Lust auf Rache“ ist es durchaus so, dass man sich selber auch schädigen kann, wenn man z.B. von diesem Gedanken nicht mehr loskommt. Wenn ich mich selbst schädige habe ich ein schlechtes Gewissen mir selbst gegenüber.

Wollust, Faulheit, Völlerei, Neid, Habgier, Rache und Eitelkeit gehören zu den sieben Todsünden. Versteht das heute noch jemand?

Lucas: Ein paar Worte haben mir nichts gesagt. Z.B. Völlerei.

Denise: Völlerei ist für mich nicht zu sehr eine Sünde, weil ich mich selber schädige, dick werde oder vielleicht auch krank, weil ich zu viel oder falsch esse, vielmehr ist es für mich eher eine Sünde, wenn andere Menschen hungern müssen. Hier bin ich ja seIber schuld, wenn ich es mache. Als viel größere Sünde sehe ich, wenn wir Essen wegschmeißen. Die Sünde mir gegenüber ist nicht so schlimm als wenn ich eine Sünde gegenüber einem anderen Menschen begehe.

Lea: Ich finde bei den sieben Todsünden hat jede einzelne auch positive Seiten. Habsucht kann durchaus auch anspornend sein.

Denise: Aber wenn wir die Klamotten nicht kaufen würden, was würden die Menschen dort machen? Klar sind viele nicht unter tollen Umständen hergestellt, aber was würden die Menschen sonst arbeiten?

Lucas: Dann hätten die Produzenten Druck und müssten andere Arbeitsbedingungen zurVerfügung stellen. Aber das funktioniert wahrscheinlich nicht.

Lea: Wenn z.B. H&M pleite gehen würde, gäbe es wahrscheinlich in den Produktionsländern weniger Arbeit.

Lucas: Wir leben nun mal in Strukturen aus denen wir nicht herauskommen. Die Menschen hierzulande wollen nicht von ihrem Standard herunter oder mehr Geld für Produkte ausgeben.

Lea: Auch wenn ich mich immer bemühe Fair Trade Produkte zu kaufen, sind viele Dinge undurchschaubar geworden. Oft weiß man gar nicht, wie man sich richtig verhalten soll.

Lucas: Trotzdem steht dann der große Bildschirm mit 60 Zoll im Wohnzimmer.

Was ist Vergebung?

Lea: Zum Beichten brauche ich eigentlich keinen anderen. Ich kann

auch daheim alleine im Gebet oder einfach auch so mit Gott sprechen. Oft fällt aber einem auch ein Stein vom Herzen, wenn man mit jemand anders über Dinge reden kann, die einen belasten. Der Schritt in einen Beichtstuhl wäre für mich schwerer.

Denise:Wenn ich jemand habe dem ich etwas erzählen kann, dann ist das schon eine Entlastung. Schlecht ist es wenn ich dazu gezwungen werden würde wie in der katholischen Kirche. Genauso schlecht ist es, wenn ich jemanden etwas erzähle und meine, die Sache sei damit für mich erledigt, obwohl ich sie eigentlich gar nicht richtig bereut habe.

Lea: Die Beichte muss auch nicht unbedingt mit der Institution Kirche etwas zu tun haben Man kann es auch selber, alleine machen. Oder mit einem Menschen, dem man vertraut. Das Wichtige an der Beichte ist ja eigentlich, dass man darüber nachdenkt, was ich falsch gemacht habe und das reflektiert.

Es würde schon genügen, wenn man abends darüber nachdenkt, womit ich an dem Tag zufrieden war oder was ich unterlassen habe.

Lucas: Wenn man betet und bereut, dann kann einem auch eine Sünde vergeben werden, aber die eigene Reue muss geschehen.

Denise: Ich glaube, dass die Menschen die nicht glauben, es einfacher haben mit der Sünde zu leben. Auf jeden Fall können die besser damit umgehen als Menschen, die die ganze Zeit das Gefühl haben, dass von oben jemand zuschaut. Obwohl nach meiner Vorstellung schaue ich mir ich eigentlich selber zu. Ich glaube aber, dass auch Menschen die Religion missbraucht haben, um andere Menschen zu unterdrücken oder um eigene Machtansprüche zu sichern .•

5. Dorothee Sölle Der Sündenfall 

Die Bibel erzählt über das Zustandekommen der Trennung von Gott eine Geschichte, die in der christlichen Tradition die vom »Sündenfall« genannt wird, ein Wort, das in der hebräischen Bibel nicht vorkommt. ( … ) Dieses Konzept missverstehen wir, wenn wir es allein als ein moralisches Konzept ansehen, wenn wir dabei nur an die Sünden denken, die wir alle tun: lügen, stehlen, morden, betrügen. Schlimm genug, aber was wir mit dem Singular meinen – die Sünde, die Grundsünde, die Ursünde – ist etwas anderes: ein Zustand, nicht schon ein Handeln. Mit einem schrecklichen Begriff, der nicht in der Bibel steht, aber in der Tradition eine Rolle gespielt hat, heißt diese Ursünde im Gegensatz zur Tatsünde als der bewussten Verletzung von Gottes Gesetz: „Erbsünde „. Dieser Begriff ist deswegen so schwierig, weil er missverstanden wird als ein biologisches Schicksal, durch das man Krankheiten oder genetische Anlagen erben kann.

( … ) Gemeint ist, dass wir in Zustände hineingeboren sind, in denen wir nicht die Verursacher der Sünde sind, sondern schon immer in der Sünde leben.

Ich muss hier von den Erfahrungen meiner Generation sprechen. Ohne diese primären Erfahrungen hätte ich nie verstanden, was mich von Gott trennt. Als sehr junge Frau war ich zum ersten Mal in Holland und bemerkte, dass einige Leute mit mir als Deutsche nicht reden wollten, weil ihre Angehörigen von den Nazis umgebracht worden waren. Da ist mir sehr deutlich· geworden, dass ich zwar nichts dazu „getan“ hatte – ich war zu jung -, und trotzdem wusste ich, dass diese anderen ein Recht dazu hatten, sich umzudrehen und mit mir nicht zu sprechen, weil ich durch Sprache, Kultur und Erbe einer Gemeinschaft von Menschen angehöre, die in einem Schuldzusammenhang lebt. Das kann ich mir nicht aussuchen, es ist einfach so. Und dieses

Sünde ist zwar auch meine Entscheidung, mein freier Wille, mein Nein zu Gott, sie ist aber auch Schicksal, in das ich hineingeboren wurde.

Stück Objektivität gehört zum Sündenbegriff dazu. Sünde ist zwar auch meine Entscheidung, mein freier Wille, mein Nein zu Gott, sie ist aber auch Schicksal, in das ich hineingeboren wurde. Ich bin verwickelt durch meine Eltern, meine Lehrerinnen und Lehrer, meine Tradition. Auch die Spätgeborenen können diese Realität nicht abstreifen – und so unzutreffend es ist, von Kollektivschuld zu sprechen, so notwendig ist doch der Sinn für eine kollektive Haftung. Ich bin auch verantwortlich für das Haus, das ich nicht gebaut habe, aber bewohne. Eben das versucht die merkwürdige Lehre von der „Erbsünde“ festzuhalten. Der Zustand des In-Sünde-Geborenseins entsteht nicht aus meiner persönlichen Entscheidung oder meinem Willen. Es gibt ein Zusammentreffen von Schuld und Schicksal, das wir „dialektisch“ verstehen müssen. Wir müssen die beiden widersprüchlichen Aussagen zusammendenken, die jede ihre Wahrheit haben, aber einander widersprechen, sodass in der normalen Logik nur eines der beiden Glieder Wahrheit beanspruchen könnte. Genau das leistet die christliche Tradition, wenn sie im Begriff der „Erbsünde“ Schuld und Schicksal, die einander ausschließen, zusammendenkt. Schuld-fähig ist ja nur die Person, die frei ist. Aber wenn ich schuldfähig, das heißt frei bin, dann ist das sozusagen die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist das Schicksal der Sünde, in die ich hineingeboren bin. Wir suchen uns die Gesellschaft,

Wir suchen uns die Gesellschaft, in der wir leben, und den Ort, den wir in ihr haben, ja nicht aus, sondern werden in etwas hineingeboren, das von der Struktur der Sünde, derTrennung von Gott, schon immer besti m mt ist.

in der wir leben, und den Ort, den wir in ihr haben, ja nicht aus, sondern werden in etwas hineingeboren, das von der Struktur der Sünde, der Trennung von Gott, schon immer bestimmt ist. Diese objektive Verfassung bejahen wir dann auch subjektiv. Neutestamentlich ausgedrückt ist die Sünde also eine Macht, die über uns herrscht. ( … )

Ich bin der Schreckensherrschaft schon immer unterworfen. Paulus beschreibt die Herrschaft der Sünde mit den Metaphern des Imperium Romanum. Die Sünde herrscht, unterwirft, erobert, zahlt Sold aus, verbreitet Schrecken und Tod. Er benennt die Sünde in ihrem sozialgeschichtlichen Kontext. So lebe auch „ich“, aus der Gegenwart gesprochen, schon immer unter gewalttätigen Mächten – dem Militarismus, der Energieverschwendung, dem Fleischverzehr, der Ausplünderung. Ist dies verstanden als Terror, den die Sünde ausübt, so wird die Frage dann allerdings sein, wie ich mich dazu verhalte. Das sind die beiden Elemente, die man immer zusammendenken muss. Das eine Element ist Schicksal,

Ich bin verwickelt durch meine Eltern, meine Lehrerinnen und Lehrer, meine Tradition.

Erbe, Verflochtenheit, gesellschaftlicher Zwang, Macht der Sünde (das objektive Element) – und das subjektive Element ist mein Wille darin, mein eigenes Handeln, meine Freiheit, meine Entscheidung mitzumachen.

Dorothee Sälle war eine Theologin und Sprachwissenschaftlerin mit besonderem Augenmerk für feministische und politische Theologie, die Theologie der Befreiung und für Mystik. Dorothee Sölle starb 2003.

6. Gärtner  Segen 

Ein Symbol für die GestaltungskraftGottes 

Grundbegriffe und Sinnbilder – Folge 31: Segen ist weder Erfolgsgarantie noch magisches Schutzschild

Der Segen Gottes begegnet im Neuen Testament den Menschen in der Person Jesu, Da, wo er ist, geschieht Segen, und Menschen werden zu Gesegneten. Ihnen wird Heilung zuteil, oder es gelingt ihnen, ihr Leben zu ändern.

Eine syrophönizische Frau bittet Jesus um Hilfe für ihre kranke Tochter (Markus 7, 24-30). Jesus erkennt in dieser fremden Frau ihren Glauben und heilt ihre Tochter, obwohl sie keine Juden sind, dem Volk zu dem er geschickt wurde. Zachäus, der betrügerische Zolleinnehmer, ändert durch Jesu Zuwendung sein Leben (Lukas 28, 9-14). Modern interpretiert kann man sagen,. dass er von J esus die Annahme erfährt, die er sich auf einem falschen Weg über die Betrügereien verschaffen wollte.

Von Jesus wird die Kindersegnung überliefert und die Aufforderung an die Nachfolgenden, zu segnen und zu taufen. Diese Überlieferungen gehen ver-· mutlieh auf die frühchristliche Gemeinde- und Taufpraxis zurück. Der Segen und die Segenshandlungen nehmen für die Menschen, die nicht in der Zeit Jesu lebten, an Bedeutung zu. Seine Spendung versichert die Gegenwart des Heils, repräsentiert Gottes Anwesenheit in der Welt. Gesegnete werden selbst zu Segen. Darum sind sie aufgefordert zu segnen, auch die, die einem böse wollen, die verfluchen oder die verfolgen.

Segen stellt in den Machtbereich Gottes. Er symbolisiert seine Nähe und Wirkkraft. Segen ist weder eine Garantie für Erfolg noch ein magisches Schutzschild gegen Böses und Leidvolles. Auch gesegnete Menschen können Leid und Unglück erleben. Trotzdem sind sie „behütet“ und unter Gottes Schutz gestellt. Das Entscheidende am Segen ist ’nicht, ob Gutes erfahren wird oder ob es schlecht geht. Gesegnetsein heißt: Inmitten der äußeren Umstände, wie immer sie aussehen, ist Gottes Nähe vorhanden, ist seine Kraft da, hat der Mensch die Möglichkeit, mit den Gegebenheiten seines Lebens umzugehen.

Segen symbolisiert die Gestaltungskraft Gottes in der Welt. Zur Wirkung kommt er durch Menschen, die sich anrühren lassen im Segensgeschehen und berühren lassen durch das, was heilt und stärkt. Heiderose Gärtner-Schultz 

Anders von Gott reden?

Guenter Hegele    5. Februar 2017    Kommentare deaktiviert für Anders von Gott reden?

Assoziationen und Kommentare zu ausgewählten Predigten von Jörg-Dieter Reuß*

von Günter Hegele

Die Zitierung erfolgt bis auf wenige Ausnahmen ohne Angabe der Fundstelle.  

Das Wort „GOTT“ bezeichnet wohl den wichtigsten Inhalt des (nicht nur christlichen) Glaubens. Es gibt viele andere Worte/Namen dafür, die auf Eigenschaften, Handeln und Formen seiner Existenz hinweisen. Der Theologe G. Theißen hat (in „Glaubenssätzen“ S. 58) eine Vielzahl neuerer Bezeichnungen für Gott aufgeführt, die auch eine andere Art der Beziehung zu dieser größeren Wirklichkeit ermöglichen und erfordern. Sie sind im Zusammenhang mit den wesentlichen anderen Inhalten des Glaubens zu sehen. So hat z.B. eine Änderung im Verständnis von Jesus, Schöpfung oder Bibel auch Veränderungen beim Gottesbild zur Folge – und umgekehrt.

Informationen zu und Erfahrungen mit Gott erhalten Gläubige nach kirchlicher Lehre und in eigenem Zeugnis (u.a.) durch Offenbarung, Bibel, Gottesdienst und  Ereignisse.

Deren Interpretation  hat sich, hauptsächlich wegen der Entwicklung der Natur- und Geisteswissenschaften, stark verändert. Das bedeutete jedoch nicht, dass früheres Verständnis von Glaubensinhalten wertlos oder unbrauchbar wurde. Es konnte vielmehr aus dem Rückblick heutiger Verhältnisse und mit moderner Auslegung in seiner damaligen Funktion verstanden werden und im übertragenen Sinn wertvolle Einsichten vermitteln. (vgl. z.B. „Gott 9.0“ von M. Küstenmacher und anderen).

Dabei ergaben sich u.a. zwei Probleme:

  1. wollten oder können sich zahlreiche Gläubige und Kirchenleitungen nicht (schnell) auf ein verändertes Glaubensverständnis einlassen. Sie beharrten z.B. auf einem wörtlichen Verständnis der Bibel und auf bei Konzilen beschlossenen Glaubensbekenntnissen (zumindest in ihrer eigenen Auslegung).
  2. Es kam zum Streit über neue Verständnismöglichkeiten mancher christlichen Glaubensinhalte (z.B.  Bibel, Abendmahl, Auferstehung, Kirche), weswegen sich zahlreiche verschiedene Kirchengemeinschaften bildeten.   Deren Mitglieder entwickelten  darüber hinaus eigene und vom offiziellen Verständnis abweichende Glaubensvorstellungen, auch bei zentralen Bekenntnissätzen wie dem, dass Gott allmächtig sei.

Erst seit kurzem und allmählich  wird (z.B. in der evangelischen Kirche) erkannt und praktiziert, dass ein „Weitergehen der Reformation – auch für den Glauben“ kein Rückschritt oder Verlust ist, sondern zu einem konstruktiven Miteinander pluralistischer Theologien führen kann. „Biblisch vorgegeben ist uns nicht die Gleichmacherei, sondern die (auf Jesus hin zentrierte) Pluralität.“  Dazu will der Arbeitskreis „Gottesbild heute“ zum Reformationsgedenken 2017 einen Beitrag leisten, indem in einigen der von Pfarrer Jörg-Dieter Reuß veröffentlichten Predigten mit dessen Einverständnis Stellen mit unterschiedlichem Gottesverständnis mit kursiver Formatierung markiert und z.T. kommentiert wurden.

1) Glauben mit Herz und Verstand. Mutmach-Predigten & mehr von Jörg-Dieter Reuß 2015 BoD-Verlag

Anders von Gott reden – aber wie? 

Unterschiedliches Gottesverständnis, ausgewählt aus Predigten und Texten von Jörg-Dieter Reuß und z.T. mit kursiver oder Times-Roman Formatierung kommentiert von Günter Hegele

……“Aber unsere Kinder sollen wir nicht opfern! Die sollen leben und sich entfalten, damit das aus ihnen wird, was Gott in sie hineingelegt hat.“

Das setzt ein personales Gottesverständnis voraus.
16

„In den beiden unterschiedlichen  Schöpfungsberichten der Bibel ist Eines wesentlich: Dass  nämlich Gott als Schöpfer dahintersteht. Wenn das wahr ist, dann ist die Entstehung der Welt und des Lebens kein dummer Zufall, sondern das Werk einer überlegenen Macht. „

Einzelzüge der Erzählungen  können aber trotzdem in ihrem übertragenen Sinn verwendet werden. 

„Das Handeln Gottes fängt nicht erst da an, wo die natürlichen Erklärungen aufhören. Unser Gott handelt auch in den Vorgängen, die aus naturwissenschaftlicher Sicht eine ganz natürliche Sache sind. Im Blick auf die Evolutionstheorie heißt das: Es ist unnötig und sinnlos, sie im, Namen des biblischen Schöpfungsglaubens bekämpfen zu wollen. Die Evolutionstheorie ist zwar keine bewiesene Tatsache und kann es (aus wissenschaftstheoretischen Gründen) auch nie werden. Sie hat ihre Lücken und Schwachstellen und ist wohl kaum schon der Weisheit letzter Schluss. Aber sie hat auch eine ganze Reihe guter Argumente. Aufs Ganze gesehen ist sie viel zu gut, um sie denen zu überlassen, die von Gott nichts wissen wollen. Nein, der richtige (oder vorsichtiger gesagt: der bessere) Weg sieht so aus, dass wir lernen, die Evolutionstheorie als eine moderne Schöpfungsgeschichte (zu verstehen).

…….

Wer will uns hindern, aus der Sicht des Glaubens in diesen sogenannten Zufällen die schöpferischen Einfälle Gottes zu Menschen, die Ehrfurcht empfinden vor jener geheimnisvollen Macht und Weisheit, die wir „Gott“ nennen – zu erkennen, zu lesen und zu deuten.“

Die „Meditative Weihnachtspredigt“ setzt voraus, dass die Zuhörer das im übertragenen Sinn als Bild verstehen.

Staunend werden wir inne:

So ist das also, wenn Gott, wenn das Eine und Ganze in unser Leben tritt. Keine barocke Prachtentfaltung, kein Glanz, der die Augen blendet, keine erdrückende Vollkommenheit. Kein Glaspalast, keine Stilmöbel, keine goldenen Tapeten. Krippe und Windeln, Heu und Stroh, Ochs und Esel, Staub und Mist sind die Begleiterscheinungen der Offenbarung. So teilt Gott sich mit. So kommt sein Wort zu uns, damals wie heute.

112-113

Ostern: Die Rehabilitation deines Verworfenen

Der, der allem Anschein nach am Kreuz gescheitert und in Gottverlassenheit zugrunde gegangen ist – gerade den hat Gott an Ostern rehabilitiert und „vor aller Augen beglaubigt“ (Apostelgeschichte 17,31). Durch die Auferweckung bekennt sich Gott nachträglich nun doch zu Jesus. Zu diesem Jesus, den die konservativen Religionshüter seiner Zeit als Gotteslästerer verurteilt haben.

Hier wird „Auferweckung“ ohne Erklärung und wahrscheinlich nicht in seiner traditionellen Bedeutung als Wiederbelebung  verwendet.   „Gott bekennt sich nachträglich nun doch zu Jesus“ zeigt  im Unterschied zu den Thesen (Kreuzestod nicht als Versöhnungsopfer und Abendmahl als Bluttrinken) noch (sprachlich) ein mythologisches Verständnis.

Das scheint auch in der Formulierung „In den Augen Gottes hat Jesus Recht behalten und ist Sieger geblieben.“ (beim Verständnis von Ostern als „Rehabilitierung eines Verworfenen“ ) noch durch. Das ist kein Widerspruch, weil beides vertreten und verwendet werden kann. An einer Stelle sagt der Prediger, er wolle seine ZuhörerInnen nicht zu seiner Auffassung nötigen oder überreden. (Sie müssten sich aber, wenn sie sich auf Neues einlassen wollen, erst daran gewöhnen.) Das gibt Grund zu der Annahme, dass ein Miteinander von verschiedenen  Auffassungen (vielleicht sogar abwechselnd, z. B. bei Gottesdiensten) für möglich gehalten wird. 

Wenn auch nicht völlig gleichwertig. 

So hat zwar (z.B.) sowohl der liebende wie der strafende Gott seinen Platz im Gottesbild. Im Mittelalter stand der Richter-Gott im Vordergrund, heute wird der gnädige und vergebende Gott herausgestellt. 

„Gott hat seinen Sohn nicht gesandt, um die Welt zu richten, sondern um die Welt zu retten. Wer an ihn glaubt, wird nicht verurteilt. Wer aber nicht glaubt, der ist schon verurteilt.“ Das heißt: Wer meint, auf ein gesundes Gottvertrauen verzichten zu können, der verurteilt sich selbst zu einem Dasein ohne tragenden Grund, ohne letzte Geborgenheit und ohne tieferen Sinn. Und damit ist er schon bestraft genug (Johannes 3,19).

Im Unterschied zum Judentum oder Islam glauben wir Christen an einen Gott, der nicht nur die Frommen liebt und annimmt, sondern auch die Unfrommen und Gottlosen, wie Paulus im Römerbrief schreibt (Kapitel 4,Vers 5). Das heißt nun beileibe nicht, dass Gott alles gut findet, was wir Menschen so treiben oder anstellen. Aber er macht einen Unterschied zwischen unserer Person und unseren Taten. Und zwar zu unseren Gunsten. Der Schmu, den wir uns eventuell geleistet haben, der wird früher oder später auffliegen. Der Mist, den wir vielleicht gemacht haben, der wird früher oder später zugrunde gehen. Das kann ziemlich peinlich sein. Es kann sogar richtig wehtun. Aber es wird uns nicht das Leben kosten. Auch nicht das Ewige Leben. Das zu wissen, tut gut. Und es macht froh.

132

Was will Jesus mit diesem Gleichnis (Lk.15) sagen? Gott, der sich im Vater dieser Geschichte spiegelt, will und braucht kein stellvertretendes Opfer, um uns nach einem Fehltritt (oder einer ganzen Serie von Fehltritten) wieder in die Arme zu schließen. Wenn jemand meint, ihn mit Opferblut besänftigen zu müssen, dann ist das im Grund eine Beleidigung.“

 

Aus: Der Unsichtbare Gott und unsere Goldenen Kälber. (2. Mose 32)

Die Erzählung vom „Goldenen Kalb“ (2. Mos. 32) wird als Lehrstück zum rechten Umgang mit dem mit seinem Volk durch die Wüste ziehenden Gott(esbild). 

„Was stellen wir uns eigentlich vor, wenn wir „Gott“ sagen? Die Bilder, die uns da in den Sinn kommen, sind alle fragwürdig, um nicht zu sagen: mehr oder weniger falsch. Auch die biblischen Bilder, denn auch sie sind in der Seele von Menschen entstanden. 

Und doch brauchen wir unsere Bilder. Ungefähr 50, wie ein kleines Kind bei Nacht seinen Teddybären braucht. Wenn man schon die tröstliche Nähe der Mutter entbehren muss, dann muss man wenigstens ein Kuscheltier im Arm halten können, damit man bei Nacht nicht 50 allein ist. – Kinder haben hier ein gesundes Unterscheidungsvermögen. Im Kuscheltier steckt etwas drin von der mütterlichen oder väterlichen Geborgenheit, die das Kind sich holt, weil es sie braucht. Und doch hat, soweit ich weiß, noch kein Kind seinen Teddybären mit der Mutter oder dem Vater verwechselt.

In diesem Punkt sind wir als Erwachsene anscheinend nicht klüger geworden. Eher dümmer. Wenn man uns ein Goldenes Kalb oder ein anderes Gottesbild gibt, sind wir ständig in Gefahr, es mit dem wirklichen Gott zu verwechseln. Deshalb sind die Gottesbilder so gefährlich. Und doch wären wir hoffnungslos überfordert, wenn wir auf sie verzichten müssten. Alle Menschen, die noch ein religiöses Empfinden haben, wissen ‚tief in ihrem Innern, dass das Leben nur dann gelingen kann, wenn Gott in der Nähe ist. Darum gibt es in fast allen Religionen den Versuch, diese Nähe Gottes sicherzustellen. Die Nachbarvölker Israels haben das zum Beispiel so  gemacht, dass sie Tempel gebaut und Götterbilder darin aufgestellt haben. Die Götter sollten in diesen Standbildern wohnen, wie die Seele im Körper wohnt. So hatten die Gottheiten ihren, festen Platz und konnten einem nicht mehr weglaufen. 

Und genau diese Sicherstellung hat der Gott Israels in den Zehn Geboten abgelehnt. Der Gott, der sein Volk in die Freiheit geführt hat, lässt sich auch selbst nicht einsperren. Nicht in einen Tempel. Nicht in eine Kirche. Nicht in ein Standbild, und wäre es aus purem Gold. Darum heißt das zweite Gebot: Mach dir kein Gottesbild! Ich denke, es war ein Fehler, dass Luther im Katechismus dieses Gebot einfach übergangen hat. Es hätte uns an etwas ganz Entscheidendes erinnern können. Nämlich an dies, dass keine Kirche die Gegenwart Gottes sicherstellen kann, auch wenn sie ihre Altäre vergoldet. Gott lässt sich nicht herbeizaubern und schon gar nicht irgendwo festnageln. Übrigens auch nicht am Kreuz. Wenn irgendwo ein Kruzifix hängt, ist das noch lange keine Garantie dafür, dass an diesem Ort auch nur ein Hauch der Nähe Gottes erfahrbar wird.“

Das gilt für Wörter und Bilder, Musik und Schauspiel.  

Vom Neuen Testament gilt als Vorgabe für alle Aussagen über Gott und den Glauben:

 Maßstab ist Jesus und seine Botschaft. Was dem Anliegen und der Wesensart Jesu Christi widerspricht, kann für uns Christen nicht maßgeblich sein, und wenn es hundertmal in der Bibel stehen sollte.

So können Erzählungen aus urvordenklicher Zeit und archaische Gottesbilder  dazu dienen, vor einem falschen Umgang damit zu warnen, nämlich davor, es mit einem guten Teil davon zu übertreiben.   

24

Gottes Geist und der gesunde Menschenverstand

Die herzhafte Erzählung einer Story von dem Bandenführer David und seiner (späteren) Frau Abigail (1. Samuel 25) lässt zwar auf den ersten Blick nichts erkennen, was für heutiges Leben und Glauben von Interesse sein könnte (außer vielleicht, dass  man damals schon gerne Feigen gegessen hat, nein: Feigenmark!)) – aber der Prediger findet (wie auch tatsächlich die kluge Frau Abigail) an zahlreichen Stellen unübersehbar Gott als den Handelnden. Aber es ist nicht das Problem, dass und wie (nach einem damals geglaubten und verehrten Bild von) Gott damals gehandelt hat. Herauslesen kann man (mit genug Bereitwilligkeit): 

„Gott ist in dieser Geschichte so anwesend, wie er es auch in unserem Leben ist…..

Gott handelt hier so, wie er meistens handelt, damals wie heute. Unaufdringlich, aber zuverlässig. Er sorgt schon dafür, dass die Leute, die ihm vertrauen, nicht zu kurz kommen. Er versorgt David und seine Mannschaft nicht nur mit dem täglichen Brot, sondern gelegentlich auch mit Braten und Wein, Feigenmark und Rosinen. Er hindert David daran, einen schlimmen Fehler zu machen und schwere Schuld auf sich zu laden. Und schließlich lässt er ihm sogar eine ebenso hübsche wie kluge Frau zukommen.

Und David lässt den Kopf nicht hängen, verliert nicht die Nerven, versucht auch nicht zu fliehen. Er kennt eine Kraftquelle, die über die menschlichen Möglichkeiten hinausgeht. Er holt sich Kraft und Mut bei seinem Gott. Und das ist ja wohl auch der Grund, warum der biblische Gottesglaube bis heute eine attraktive Sache ist und bleibt: Er eröffnet den Zugang zu einer Kraftquelle, die spätestens dann, wenn’s kritisch wird, von unschätzbarem Wert ist.

Das alles wird uns erzählt ohne Weihrauchschwaden, ohne salbungsvolle Frömmelei, ohne religiöse Betulichkeit. Gott handelt hier ganz weltlich, ganz praktisch und so lebensnah, wie es nur geht.

Und beim Predigthörer und Leser wächst die Bereitschaft, dieses praxisbezogene Gottesbild in vielen Stellen des eigenen Lebens zu entdecken. Auch gut. Aber doch für in der jüdischen und hebräischen Welt weniger Beschlagene etwas mühsam zu assoziieren.  

50

Wer offen ist für neue Seiten an Gottesbildern, kann bei Reuß Überraschungen erleben. Schon wegen des ungewohnt respektlosen Stils und des Vergleichs von Gott (als ebenso „eitler Tyrann wie ein Assad oder Putin“):

„Ich finde, mit dem Gott, an den wir Christen glauben und zu dem Jesus ‚Vater’ gesagt hat, mit dem hat der Gott Hiobs herzlich wenig zu tun. Denn Hiobs Gott hat nichts Väterliches an sich. Ihm fällt am Ende nichts Gescheiteres ein, als seine Größe zu beweisen mit der plumpen Kraft des Nilpferds, das er geschaffen hat. Nichts gegen ein

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schönes Nilpferd! Aber der Gott, der uns in Jesus begegnet, hat wohl doch eine andere Visitenkarte.

Ich denke, ich muss das noch ein wenig deutlicher sagen. Der Gott Hiobs gebraucht, nein: missbraucht seine Allmacht wie ein rücksichtsloser Diktator, wie ein eitler Tyrann, wie ein Assad oder Putin, Eigentlich ist er nur auf seine eigene Ehre bedacht. Er liebt die Menschen nicht, und er braucht sie auch gar nicht. Wenn er sie ein bisschen mitspielen lässt auf seinem großen Welttheater, so geschieht das nur Gnaden halber. Er könnte, wenn er wollte, auch alles ganz alleine machen.

 

Der Gott, der in Jesus auf uns zukommt, hat ein anderes Gesicht. Wie die Erfahrung zeigt, ist er ein starker und zuverlässiger Begleiter auf dem Lebensweg. Die Macht, die er hat und immer wieder erweist, sollten wir nicht unterschätzen. Es ist vielleicht nicht nur, aber doch in erster Linie die Macht der Liebe. Die kann manchmal wahre Wunder wirken, verkrümmte Menschen wieder aufrichten und den Niedergedrückten neuen Lebensmut einflößen. Wo es nötig ist, kann sie auch einmal hart und streng sein und sich in den Weg stellen, wenn es ein verkehrter Weg ist.

Aber die Macht der Liebe ist immer begrenzt. Sie ist verwundbar. Sie kann scheitern. Darum finde ich es – ehrlich gesagt – unglücklich bis verfehlt, wenn das Glaubensbekenntnis von Gott als dem „allmächtigen Vater“ redet. Denn wie es aussieht, ist der allmächtige Gott oft gar nicht väterlich. Und der väterliche Gott ist leider nicht allmächtig. Sonst müsste es in unserer Welt ziemlich anders zugehen.“

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Der Gott des Glaubens hat viele Gesichter: Wenn es guten Menschen schlecht geht Hiob. 

Der Prediger bedauert zwar an einer Stelle, dass Luther das 2. Gebot nicht in seinen Katechismus übernommen hat.  Aber Gottesbilder helfen auch, mehr Werke des Schöpfers Gott zu entdecken. 

„Es ist ja wahr, und eine steigende Zahl von Wissenschaftlern gibt es offen zu: Mit einigem guten Willen kann man in der Natur das Walten einer ganz erstaunlichen Weisheit entdecken. Aber die Konstruktionsfehler der Schöpfung, die lassen sich halt auch nicht übersehen: die Architektur der Erdkruste, die unweigerlich zu Erdbeben führen muss; die Zecken und Schnaken im Sommer; die Schnupfen- und Grippeviren im Winter; die bösartigen Krebszellen und so weiter. Und wenn ich nachts Zahn- oder Bauchweh bekomme, hilft es mir leider nichts, dass oben am Sternenhimmel eine wunderbare Ordnung herrscht. Wem es auch nur annähernd so schlecht geht wie dem Hiob, für den ist es ein schwacher Trost, dass die Schöpfung ansonsten eine großartige Sache ist.“

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Anderen Angst einjagen?

„Worauf es in erster Linie ankommt, das ist die Liebe zu Gott oder, was fast dasselbe ist, die Liebe zum Leben. Der 1.Johannesbrief hat das ausgesprochen hellsichtig beschrieben. Da heißt es nämlich in Kapitel 4 (Vers 16ff): „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm … Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“

Gerade so sehe ich es bei Jesus. Er lebte ganz in der Liebe zu Gott. Darum hatte er vor Gott keine Angst. Darum konnte er auch darauf verzichten, anderen mit Gott Angst einzujagen und ihnen die Hölle heiß zu machen.

Doch genau das geschieht ja nun in unserem Predigttext. Da wird ganz massiv gedroht mit der Verdammung beim „jüngsten“, d.h. letzten und endgültigen Gericht. Damit stehen wir vor einer Frage,  die nicht wenige Christen auch heute bedrängt und umtreibt: Gibt es so etwas wie ein Endgericht? Und das heißt ja konkret: Muss ich jetzt doch Angst haben? Vielleicht nicht um mich, aber um meinen Mann oder meine Kinder, die dem Glauben ablehnend oder gleichgültig gegenüberstehen?

Ich habe keine fertige Antwort auf die Fragen, die hier aufbrechen. Ich kann Ihnen nur ein paar Beobachtungen weitergeben.

Das gehört unbedingt in eine Sammlung von Gottesbildern. 

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Unpassende Passionschoräle

In manchen Chorälen sehen oder lernen die Gläubigen Gott mit einem Doppelgesicht;

„Gott hat ein Doppelgesicht. Mit dem einen lächelt er uns freundlich an. Das andere ist vor Zorn hochrot angelaufen. Er will gut zu uns sein – einerseits. Andererseits aber ist er ein strafwütiger Gerechtigkeitsfanatiker. Blut muss fließen, sonst gibt es keine Verzeihung. Um seine anderen Kinder – also uns – zu verschonen, macht er erst mal seinen Lieblingssohn zum Prügelknaben und lässt ihn einen qualvollen Tod sterben.““ Wenn Kinder ihre Eltern so doppelgesichtig erleben, dann werden sie krank. Sie entwickeln Depressionen, manchmal sogar eine Bewusstseinsspaltung. Darum kann das Gottesbild der Passionschoräle unmöglich gesund sein. Es ist krank, und es macht krank. Jedenfalls dann, wenn man es ernst nimmt und ein einigermaßen sensibler Mensch ist. Man kann das auch so sagen: Das Gottesbild der Passionschoräle ist eine traurige Karikatur des heilenden und befreienden Gottes, für den Jesus in Wort und Tat eingetreten ist. Wenn Jesus Recht hat, dann ist Gott nämlich kein Buchhaltergott, kein Prinzipienreiter und erst recht kein Richter und Henker. Sondern er mag die Menschen, und zwar ganz einfach deshalb, weil sie seine Geschöpfe sind. Im Vertrauen auf diesen Gott hat Jesus belastete Menschen freigesprochen von ihrer Schuld. Einfach so, kraft der ihm

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verliehenen Vollmacht. Und er hat uns beten gelehrt: „Vergib uns unsre Schuld, so wie auch wir denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind“ (Matthäus 6,12; Lukas 11,4).“

War Jesus … ein braves Schaf und hat sich für unsere Erlösung freiwiIIig abschlachten lassen?

Den Eindruck können manche Passionslieder machen:
„Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder.
Es geht und büßet in Geduld
die Sünden aller Sünder. ,.
Es geht dahin, wird matt und krank,
ergibt sich auf die Würgebank,
entsaget allen Freuden;
es nimmet an Schmach, Hohn und Spott, Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod und spricht: Ich will’s gern leiden.“

Ich sehe nicht, wie ich hier denen widersprechen könnte, die daraus den Schluss ziehen: Der zornige, strafwütige Gottvater findet sein passendes Gegenüber im unterwürfigen, leidenswilligen Sohn. Aus der Sicht der Passionschoräle, wohlgemerkt. In Wirklichkeit war Jesus nämlich alles andere als leidenswillig. Er hielt nichts davon, den irdischen Freuden zu entsagen. Er hat das Leben geliebt und das Leiden bekämpft, wie seine vielen Krankenheilungen zeigen. Er hat sich am Essen gefreut und auch den Wein nicht verachtet. Im Genießen war er so ungeniert, dass seine Gegner ihn darob beschimpft haben als „Fresser und Säufer“ (Matthäus 11,19; Lukas 7,34). Gelegentlich ließ er sich sogar von Frauenhänden pflegen, einölen und parfümieren.

Aber Jesus war ganz gewiss kein Softie oder Weichei. Sondern er war eine Kämpfernatur. Keiner Auseinandersetzung ist er aus dem Weg gegangen. Kein harmloses Lamm war er, sondern ein unbequemer Querdenker, ein theologischer Brandstifter (Lukas 12,49), ein provozierender Stein des Anstoßes. Sonst hätte er sich nicht so viele Feinde gemacht, Todfeinde eingeschlossen.

Tatsächlich wird Jesus in den ersten drei Evangelien nie und nirgends mit einem Lamm verglichen. Nur im Johannesevangelium, Kapitel 1, hören wir Johannes „den Täufer sagen: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das die Sünde der Welt wegträgt“ (Vers 29; vgl. Vers 36). Aber dieser Spruch passt mehr schlecht als recht in den Zusammenhang, und im weiteren Verlauf des Evangeliums wird nie mehr Bezug darauf genommen. Das ist seltsam und verlangt nach einer Erklärung. Ich sehe hier zwei Möglichkeiten.

Möglichkeit eins: Der dubiose Spruch vom Gotteslamm gehört gar nicht zum ursprünglichen Bestand des Johannesevangeliums, sondern wurde von späterer Hand eingefügt. Und zwar im Bestreben, dieses eigenwillige Evangelium an die kirchlich-dogmatische Kette zu legen.

Möglichkeit zwei: Der Spruch ist echt. Dann sollten wir ihn beim Wort nehmen und stehen lassen als das, was er ist: nämlich keine Selbstaussage Jesu, sondern eben bloß – eine Meinung des Täufers. Aus meiner Sicht eine irrige Meinung. Denn Jesus hat die Sünde der Welt ja gar nicht weggeschafft. Sonst müsste die Welt seitdem ohne Sünde sein. Und das ist sie nun wirklich nicht.

Im eigenen Jesusbild begründet Reuß seine Kritik an manchen Passionsliedern exegetisch und theologisch. Er lässt zwar auch erkennen, dass einige Lieder nicht nach seinem Geschmack sind und bezeichnet sie als Schnulzen.  

Aber das ausschlaggebende Kriterium ist sein Jesusverständnis. 

Gilt das auch für die unterschiedlichen Gottesbilder, die er anspricht oder skizziert?

Ja, aber nicht durchgängig. Den non-theistischen Gott M. Kroegers erwähnt er nicht. Aber er nimmt entschieden (wohl mit  K.P.Jörns, in dessen Gesellschaft für eine Reform des Glaubens er als Autor genannt wird) Abschied auch von langjährigen Traditionen und zentralen Glaubensinhalten (was hier nur sehr unzureichend und zu wenig detailliert behandelt werden konnte). Da ist er schon weiter und mutiger als das, was von der kirchlichen Praxis her an Reformbereitschaft für den Glauben zu bemerken ist.  Lässt sich diese durch Einzelpersonen oder auch durch Gruppen beeinflussen? Oder sind wir Teil einer religiösen Evolution?

Egal wie die Antwort ausfällt, es ist jedenfalls spannend.

Emmanuel Cere zu seinem Buch „Das Reich Gottes“.

Guenter Hegele    5. Februar 2017    Kommentare deaktiviert für Emmanuel Cere zu seinem Buch „Das Reich Gottes“.

Anhang zu

Emmanuel Cere zu seinem Buch „Das Reich Gottes“.

Interpretierende Zusammenfassung eines Interviews in „Christ und Welt“.

Immer weniger Menschen glauben weil sie von den Eltern dazu erzogen wurden. Für viele stellt sich die Frage des Glaubens. gar nicht  mehr. Für andere aber ist die Kirche mit ihren Begriffen ein Glaubenshindernis. Sie wollen ein bestimmtes sakrales Vokabular nicht mehr hören. Man denke nur an das Wort Sünde. Gerade diese Haltung  ist heute  eine offene Frage.

Worum geht es also im persönlichen Glauben? Carrre bekennt:  Im Credo  gibt es keinen  Satz  an den ich glaube. Das gibt es aber in den Worten  Christi. (Es ist nicht immer klar, ob von Jes von Nazareth, von Christus oder von Jesus Christus die Rede ist, gemeint  ist aber wohl  für Carrere persönlich  der Mensch und Prediger Jesus, auch wenn der Gegenstand des Glaubens  nicht  einfach  mit diesem zusammenfällt). Was hat sich dann an Ostern ereignet? Die Auferstehung Christi oder etwas anderes, sehr Seltsames? Dass sich nämlich eine sehr kleine Gruppe von Leuten einredete, dieser „unbedeutende Prediger“ sei auferstanden und dann dieses extrem  seltsame Phänomen,  an das bis heute immer mehr Menschen glaubten. An den auferstandenen Jesus Christus, statt wie  vorher  an Gott.

Die Kirchenskeptiker, von denen die Rede war, stoßen sich heute an dieser Seltsamkeit des entstehenden Glaubens weniger, als an der dogmatischen Hartnäckigkeit mit der sie von ihrer Kirche umgeben wird. Aber ist nicht die Auferstehung das Herz des Christentums wie Paulus sagt. Und wer nicht an diese. Auferstehung Jesu Christi glaubt ist eben kein Christ. Oder?

Carrere stellt fest, das ihn am Christentum nicht die Auferstehung berühre, sondern die Worte Jesu, Worte als Lebensnahrung (des „unbedeutenden Predigers“? könnte man fragen) auch ohne Auferstehung, von der in ihnen gar nicht die Rede ist. Jesus spricht für Carrere außergewöhnliche Sätze, anders als alle anderen Figuren in den Evangelien. (Gehören aber die Evangelisten nicht zum Kreis derer, die an die Auferstehung glauben, sind also bereits „Beglaubigende“ , die uns diese Worte zu Gehör bringen? So der mögliche Einwand).

Für Carrere müssen wir uns der Geschichte der Ereignisse 50,60 Jahre nach dem Tod Jesu jedenfalls ohne den kulturellen Ballast nähern, mit dem gewöhnlich über das Christentum gesprochen wird. Und so will uns dieser Autor die Anfänge aus dem Blickwinkel eines Menschen nahebringen, der kein Gläubiger mehr ist, der aber ein sehr positives Verhältnis zum Christentum hat. Dieses Verhältnis rührt wie er bekennt, nicht zuletzt von Lukas her, als einem „Schriftsteller mit ganz eigenen von ihm erfundenen Geschichten“. Auch wenn er Quellen benutzt  hat, gibt  es diese Geschichten  eben nur bei  ihm. Er ist kein Augenzeuge,  hat aber Zeugen befragt.

Für Carrere ist Lukas, der als Grieche denkt, so etwas wie „der Thukydides des Christentums“, ein verlässlicher Berichterstatter, kein Prediger. Auch kein Sektierer, sondern offen und  neugierig,  mit einer Moral, die alles andere ist als bürgerlich.

Paulus ist die Hauptfigur.  Der Erzähler aber ist Lukas.

Das Tagebuch der Menschheit

Guenter Hegele    5. Februar 2017    Kommentare deaktiviert für Das Tagebuch der Menschheit

Auswahl kurzer Zitate aus

Carel van Schaik & Kai Michel

Was die Bibel über unsere Evolution verrät

Geeignet für blogsite nach Meinung von GH

Die Überschriften der aus 569 Seiten ausgewählten Zitate stehen am Ende der 13 Seiten.
Die „Einleitung“enthält die Grundgedanken und die Absicht des Buches und ist als Datei 3 Anlage zu öffnen.

Die Zitate erscheinen mir geeignet für eine Verwendung in unserer blogsite zu sein.

Eine Rezension des Buches ist geplant.

Die Seitenzahlen (im Buch) wurden stehen gelassen, um sie beim zitierten Text angeben zu können, die Fußnotenziffern im Text sind bei Verwendung zu löschen.

Leider sind auch noch Fehler bei der  Korrektur stehen geblieben.

Durch die Evolution ha der Mensch 3 Naturen erhalten: 

Zur ersten Natur gehören so unterschiedliche Neigungen wie Liebe zwischen Eltern und Kindern, der Sinn für Fairness und die Empörung über Ungerechtigkeit und Ungleichheit, der Abscheu gegenüber Inzucht und Kindstötung, die Furcht vor Fremden, die Sorge um die eigene Reputation, das Gefühl, sich anderen nach Geschenken und erhaltener Hilfe verpflichtet zu fühlen, die Eifersucht, der Ekel. Und nicht zuletzt unser religiöser Sinn, der allerorten übernatürliche Akteure  am Werk sieht. Die erste Natur meldet sich als Intuition und Bauchgefühl zu Wort.

Die existenziellen Probleme, die das neue, das sesshafte Leben mit sich brachte, waren so dringend, dass schnelle kulturelle Lösungen vonnöten waren, die zu neuen Gewohnheiten, Konventionen und Mentalitäten führten. Solche kulturellen Produkte werden nicht vererbt, sie müssen, wenn sie sich bewähren,  tradiert  und jeweils neu erlernt werden. Die Menschen verinnerlichen sie schon in der frühen Kindheit – und zwar so sehr, dass sie ihnen zur zweiten Natur werden. Man muss  über  sie  keine  Rechenschaft  ablegen. Während die  erst  Natur  gewissermaßen  unsere   natürliche   Natur   darstellt, ist die zweite Natur unsere  kulturelle  Natur,  die  große  territoriale oder ethnische Unterschiede aufweisen  kann.

In den Bereich unserer zweiten Natur gehören Sitten und Gebräuche, die Religion als kulturelles Produkt, so wie sie von den entsprechenden Institutionen vertreten wird, ebenso Regeln des Anstands, der Höflichkeit und der guten Manieren, die etwa Norbert Elias in seinem Klassiker Der Prozess der Zivilisation beschrieben hat.37 Kurzum all das, von dem es heißt:  «Das tut  man  nicht!»  Oder: «So  macht  man das hier!»

Die dritte Natur nennen wir unsere Vernunftnatur. Das sind jene kulturell verankerten Maximen, Praktiken, Institutionen, denen wir aufgrund einer weitgehend bewussten Rationalität folgen – etwa als das Ergebnis einer gezielten Situationsanalyse. Was nicht heißt, dass die Regeln durch und durch rational sein müssen. Es scheint aber vernünftig, ihnen zu folgen, weil sie Common Sense sind oder Schwierigkeit drohen, wenn man sie nicht befolgt.

Jene schicksalhafte Verhaltensänderung der Spezies Mensch am Anbeginn des Holozäns versetzte uns in eine neue Welt, in eine Welt, für die wir nicht gemacht waren. Mit dem Sesshaftwerden, dem gewaltigen Populationswachstum, den höheren Bevölkerungsdichten und dem technischen Fortschritt konnte unsere erste Natur nicht mithalten. Natur drei übernahm das Ruder. Mit beeindruckender Effizienz. Heute gibt es nur noch wenige Situationen, in denen wir guten Gewissens unserer ersten Natur die Entscheidung  überlassen können.

Das klassische Beispiel: Eine verheiratete Frau verliebt sich neu, ein gebundener Mann verfallt einer anderen Frau. Unsere erste Natur seufzt dann: «Liebe!» Die zweite Natur mahnt: «Treue!» Und die dritte Natur gibt zu bedenken: «Denk an Anwaltskosten, Hypothek und Alimente!» Als moralisches Dilemma ist dieser Fall übrigens ein modernes Mismatch-Phänomen: Die Monogamie ist eine kulturelle Erfindung, die es kaum je zur zweiten Natur gebracht hat. Da nützen auch alle Versuche der Kirche wenig, der Ehe mit einem «Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden» einen Erste-Natur-Anstrich  zu verleihen.

Weit weg  vom Paradies

Es ist der Schlüssellochblick auf das soziale Chaos, der die Kain-und-Abel-Episode so wertvoll macht. Die eigentumsbasierte Gesellschaft setzte Konkurrenz, Ungleichheit und Gewalt in die Welt. Darauf waren die Menschen nicht vorbereitet. Evolutionsgeschichtlich betrachtet geschah das in kürzester Zeit; emotionale Anpassungen waren nicht möglich. Die neuen Regeln standen gegen die alten, angeborenen Gefühle; das Recht des Stärkeren erlebte seine Wiederauferstehung. Wie in einer klassischen Tragödie kollidierten die Prinzipien. Wir nennen das Mismatch. Konfusion in höchstem Maße ist die Folge.

Die Geschichte von Kain und Abel findet sich in der Bibel an  der richtigen Stelle: Der Bruderkonflikt tritt als Folge des Sesshaftwerdens mit fast naturgesetzlicher Logik auf. Das trifft die Familien mitten ins Herz. Die alten Verwandtschaftsbindungen zerreißen; die Nächsten drohen von zentrifugalen Kräften in alle Windrichtungen verstreut zu werden. Kain verschlägt es ins Land Nod. Weit weg vom Paradies.

Hier drängen sich Fragen auf: Wieso eigentlich glauben die Menschen, dass Gott sie bestraft? Heute wird viel von göttlicher Liebe und Barmherzigkeit gesprochen. Am Anfang der Bibel ist davon wenig zu spüren. Dass er Noahs Familie überleben lässt, macht die Sache kaum besser. Und vor allem: Wieso glaubten die Menschen, dass ihr Tun so schlimm gewesen sein könnte, dass Gott Anlass gehabt hätte, sie zu züchtigen, zu quälen oder sogar ganz von der Erde zu tilgen?

Diese Fragen zu beantworten heißt, der menschlichen Psychologie auf den Grund zu gehen und zu erkunden, was uns überhaupt zu religiösen Wesen macht. Die Geschichte von der Sintflut wird uns zu einem neuen Verständnis der kulturellen Evolution der Religion verhelfen.

«Big Brother in the  Sky»

Uns mag der Hinweis mancher  Exegeten  nicht  überzeugen,  dass im Zusammenhang mit der Sintflut vom Zorn Gottes keine Rede sei.2 Welche Emotionen sollten ihn denn sonst bewegt haben, die Menschheit auszulöschen? Zorn gehört nun mal zu seinen hervorstechendsten Eigenschaften – den Theologen ist er eher unangenehm. Noch im Jahr 2009 beklagte der Bibelwissenschaftler Jörg Jeremias, dass es «bis heute keine befriedigende exegetische Monographie zum Zorn Gottes» gebe. Der sei «bei der Mehrzahl der Theologen ein ungeliebtes Thema, das man gern weit in den Hintergrund drängt, um sich nicht mit ihm auseinandersetzen zu müssen».3 Das Verdrängen muss harte Arbeit sein: Im Alten Testament finden sich sage und schreibe an die 390 Belege für den substantivischen und 130 für den verbalen Gebrauch göttlichen Zorns.4

Auch den Gläubigen ist er nicht geheuer. Der gewalttätige Gott passt so gar nicht zu dem, was sie sich heute von der Religion wünschen: Gott soll trösten, die Angst vor dem Tod nehmen, über die Kontingenzen  des  Lebens  hinweghelfen  und  ein  Gefühl  der Geborgenheit geben.

Was  ist Religion?

Wir dringen hier zum Kern einer Frage vor, die keineswegs abschließend beantwortet ist. Im Gegenteil. An Definitionen, was Religion sei, herrscht kein Mangel. Jared Diamond listet in seinem Buch Vermächtnis sechzehn verschiedene auf, um dann eine siebzehnte, seine eigene, zu präsentieren. Wir zitieren sie hier, weil uns ihre, von Diamond selbst konstatierte Komplexität, anschaulich macht, mit was für einer vertrackten Materie wir es zu tun haben:

Religion ist eine Gruppe von Merkmalen, die eine soziale Gruppe von Menschen, welche diese Merkmale gemeinsam haben, von anderen Gruppen abgrenzt, die diese Merkmale nicht in genau der gleichen Form besitzen. Zu diesen gemeinsamen Eigenschaften gehört immer mindestens eines von drei Merkmalen, oft aber auch alle drei: Erklärung von  Übernatürlichem,  Entschärfung von Ängsten vor unkontrollierbaren Gefahren durch  Rituale,  und Trost für die schmerzhaften Seiten des Lebens und die Aussicht auf den Tod. Außer in der Frühzeit dienten Religionen auch dazu, eine standardisierte Organisation, politischen Gehorsam, Toleranz gegenüber Fremden, die zur gleichen Religion gehören wie man selbst, und die Rechtfertigung von Kriegen gegen Gruppen mit anderen Religionen zu fördern.15

Diamonds Definition führt vor Augen, was Religion, wie wir sie heute verstehen, in jedem Fall ist: das Ergebnis eines langen, nicht immer zielgerichteten historischen Prozesses. Religion ist eben keine über den Zeiten stehende, ewig gleiche Entität. Sie ist ein Produkt der kumulativen kulturellen Evolution, ein komplexes Amalgam verschiedener Elemente, ein «kulturelles Paket» von Glaubensformeln und Praktiken. 16

Die Funktionen von Religion haben sich im Laufe der Jahrtausende genauso verändert  wie  ihre Zuständigkeitsbereiche.  Viel zu oft wird das Verständnis dessen, was Religion sein könnte, im Heute gewonnen und ins Gestern und Vorgestern zurückprojiziert. Doch Gott hat in modernen Tagen  andere Aufgaben zu erledigen  als damals, als er seine himmlische Karriere antrat, und -erst recht – als in jenen Tagen, in denen er versuchte, die Menschheit in einer gigantischen Flut zu ertränken.

Vergegenwärtigen wir uns die Evolution der Religion: Als Ausgangspunkt ist die Religiosität anzusehen; sie stellt das biologische Substrat dar und ist Teil unserer ersten Natur. Dass sie den Homo sapiens schon seit Äonen begleitet und damit als menschliche Universalie verstanden werden kann, steht außer Zweifel.  Der  Glaube an übernatürliche Wesen wird von vielen Wissenschaftlern als Nebenprodukt kognitiver Funktionen des Gehirns verstanden, die dazu dienen, «auf Ursachen, Abläufe und Absichten zu schließen, Gefahren vorherzusehen und kausale Erklärungen mit einem Vorhersagewert zu formulieren».17

Kinder neigen pesonders dazu, «Überlegung und Zweck in übertriebener Weise auf Aspekte der Natur zu übertragen». 18 Sie sind überzeugt, alles -von den Tieren bis zu Sonne, Mond und Sternen – sei von jemandem zu einem bestimmten Zweck erschaffen worden; hinter jedem Geschehen steckejemand, der etwas im Schilde führe. Nicht an übernatürliche Wesen zu glauben muss erst erlernt werden.19 Wir kommen darauf zurück.

Religiosität ist zwar angeboren, ihre individuelle Ausprägung von Mensch zu Mensch jedoch unterschiedlich, denn sie ist nicht zuletzt

4  Die Sintflut: Der Zorn Gottes 101

Kosten der Gesellschaft, schöpften die produzierten Übchüsse ab und sicherten damit ihre despotische Herrschaft. Da liegt die Vermutung nahe, dass sich die Machtkonzentration unter den Geistern parallel zur Machtkonzentration unter den Menschen vollzog. Die einen sicherten die Herrschaft der anderen. Mit den «Big Men» kamen die «Big Gods» – wie auf Erden so im Himmel.32

Aber es muss noch einen anderen Grund geben, warum plötzlich Götter auftauchten, die sich für das Wohlverhalten der Menschen interessierten. Moralisches Monitoring und  Herrschaftslegitimation haben sicher den Erfolg der Götter gefördert, aber sie verhalfen ihnen nicht zum großen Auftritt. Die Bibel bringt uns da auf  eine andere Idee. Auf eine Annahme, die grundlegend ist für das Verständnis menschlicher Kultur. An keiner Stelle lässt sich so gut erkennen, wie das mit den Göttern wirklich war, wie an jener, wo einer von ihnen unvorstellbare Wassermassen über die Menschheit schwappen ließ. Tauchen wir ein in die Sintflut.

Wieso sind wir schuld?

Am Anfang war also die Flut. Ein gewaltiges Ereignis von  großem Erklärungsbedarf. Alle Versuche, zu begründen, warum die Götter sie wohl geschickt haben mochten, waren nachträgliche Rationalisierungen. Verzweifelte Versuche, einer sinnlosen Naturkatastrophe Sinn zu verleihen. Wieso aber kamen die Menschen überhaupt auf die Idee, dass hinter einer Naturkatastrophe ein Gott als Ursache steckte? Und wieso glaubten sie, selbst schuld zu sein am göttlichen Unmut?

Eigentlich traf schon der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) den Nagel auf den Kopf, als er in seiner Götzen-Dämmerung das «Philosophieren mit dem Hammer» praktizierte. Er diagnostizierte bei den Menschen den «Irrtum einer falschen Ursächlichkeit» und führte diesen auf die «älteste und längste Psychologie» zurück: «alles Geschehen war ihr ein Tun, alles Tun Folge eines Willens, die Welt wurde ihr eine Vielheit von Tätern, ein Täter (ein <Subjekt>) schob sich allem Geschehen unter».40

Die Sintflut: Der Zorn Gottes 109

Gott wird berechenbar

Nach der Sintflut erklärte er besänftigt: «Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.» Mehr noch, Gott schloss einen Bund, einen Vertrag mit Noah und dessen Söhnen und allem Getier: «Und ith richte meinen Bund so mit euch auf, dass hinfort nicht mehr alles Fleisch verderbt werden soll durch die Wasser der Sintflut und hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe.»

Die Passage bringt es auf den Punkt, was Religion als Rationalisierungskraft leistet: Sie macht Gott – und damit die Katastrophen – berechenbar. Der Höchste ist an einen Vertrag gebunden. Anstatt selbstherrlich seinem Zorn freien Lauf lassen zu können, muss er von nun an seine Affekte unter Kontrolle halten und sich als verlässlicher Handlungspartner erweisen. Das Schlimmste sei damit, lautet das Postulat der Priester, für die Zukunft ausgeschlossen.

Aber das ist noch nicht alles. Gott gibt den Menschen ein Zeichen als Beweis und Erinnerung an ihren Bund: den Regenbogen. «Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man  meinen  Bogen  sehen in den Wolken»,· spricht  Gott zu Noah.

«Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe.»

Wir sagten es schon, dass Religion, indem sie alles Unglück auf bekannte Mächte zurückführt, «eine beruhigende, befreiende, erleichternde» Wirkung hat.82 Damit wird ein evolutionärer Nutzen deutlich, den wir schon bei der Analyse von Evas Fluch und den weiblichen Geburtsschmerzen feststellten: Der Regenbogen wird zum himmlischen «Don’t panic!»-Zeichen. «Ihr werdet überleben», lautet die Botschaft. Religion lässt die Menschen Ruhe bewahren und stellt sicher, dass klaren Verstandes nach rettenden Lösungen gesucht wird.

Das zeichnet die Mose-Bücher aus: ein Überfluss an Gesetzen, Regeln und Anweisungen, die sich über alle vier Bücher verteilen. Der Dekalog, die Zehn Gebote, die Gott Mose übergibt, sind nur die Spitze des Eisbergs. Rabbiner haben ganze 613 Mitzwot gezählt, 365 Verbote und 248 Gebote, um präzise zu sein. Dazu gehören Klassiker   wie: «Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.» Oder das Ius talionis, das Recht der gleichwertigen Vergeltung, besser bekannt als: «Auge um Auge, Zahn um Zahn». Aber es zählen auch Vorschriften dazu wie: «Du sollst das Böcklein nicht kochen in seiner Mutter Milch.» Schließlich wimmelt es von himmlischen Direktiven in Sachen Homosexualität, Sodomie und außer- ehelichem Geschlechtsverkehr. Von den finessenreichen Anweisungen in Sachen Heiligtum, Priestergewändern und Opferpraktiken ganz zu schweigen.

Die Hausordnung der Schöpfung

Was das Besondere am mosaischen Gesetz ist, macht der Vergleich mit dem altorientalischen Recht deutlich. Im Unterschied zu Texten wie dem babylonischen Codex Hammurapi (18.Jh. v. Chr.) fallen vor allem zwei Dinge auf. Erstens dringen die Bestimmungen der Tora in Lebensbereiche vor, die ansonsten von rechtlichen Regulierungen unberührt bleiben. Die altorientalischen Rechtstexte sind «strikt säkular», in ihnen wird eine «durchgängige Trennung von rechtlichen, religiösen und moralisch-ethischen Normen vorausgesetzt», das heißt, es finden sich in ihnen keine «Bestimmungen zu Themen wie Altarbau, Opferdarbringungen, kultischen Abgaben, Priesterregeln». 18 Die Tora dagegen macht nicht einmal vor Sexualität, Hygiene oder Ernährung halt.

Zweitens haben wir es hier mit Gottes eigenen Gesetzen zu tun; er brachte seine Vorschriften höchstpersönlich auf die Felstafeln oder diktierte sie Mose. Sie kommen als Gottes ureigenster Wille daher – sogar solche, die das Vergraben der menschlichen Notdurft betreffen. Im Orient waren die Götter zwar die «Hüter des Rechts», nie aber dessen Quelle.19

Die Tora ist nur  ein Teil der hebräischen Bibel. Der so erstaunlich berechenbare Gott wird sich im weiteren Verlauf des Buchs der Bücher noch gewaltig verändern. In der kulturellen Evolution der biblischen Religionen  ist die Tora eine Zwischenstufe. Aber eben eine von fundamentaler Bedeutung. Sie hat sich als ambitionierter Versuch etabliert, die Probleme zu bewältigen, die aus dem größten Fehler der Menschheitsgeschichte, dem Sesshaftwerden, resultierten.

Wenn wir nun die Bestimmungen der Tora begutachten, knüpfen wir uns nicht jedes einzelne Gesetz vor. Wir konzentrieren uns auf die wesentlichen Kategorien, um die Funktionsweise der Tora zu erläutern. Keine Bange: Die Gesetze sind ein reizvolles Beschäftigungsfeld, weil sie uns in den Sumpf menschlichen Handelns führen. Gesetze braucht es schließlich nur dort, wo die entsprechenden Verstöße auch auftreten. So betrachtet, wird selbst der Dekalog zur Verbrechenskartei: Menschen morden, stehlen, brechen  die  Ehe und beten andere Götter an. Doch wen wird das  überraschen? Nichts anderes hat uns die Genesis  erzählt.

Jahwe: Der Gott mit den zwei Leben. 

( Das Gotttesbild hat sich schon öfter gewandelt.)

Wir  haben  es  mit  einem  neuen  Gott  zu  tun.  Oder  zumindest mit einer gewaltigen  Metamorphose  des alten.

Während man es in der Genesis mit «einer familien- und  sippenbezogenen Schutzgottheit» zu tun hatte, tritt einem nun der   «kriegerische

und gewalttätige Gott  <des  Volkes>  [entgegen],  der  die Ablehnung – ja   sogar  Vernichtung  der  anderen  Völker  und  ihrer  Götter  fordert  sowie strafend und  gewalttätig gegen sein Volk vorgeht».

Mit ihm werden Attribute wie Allmacht, Allwissenheit  oder  ewige  Unveränderlichkeit  verbunden.

Es geht  nicht nur darum, die Gemeinschaft durch ein formelhaftes Regelwerk zusammenzubinden, sondern sie wird durch dieses auf einen gemeinsamen Kern moralischer Werte verpflichtet. Die Tora ist auch und vor allem eine Anweisung zum richtigen Verhalten . Sie will Armut und Gewalt, Leid und Krankheit verhindern. Sie will die Schwachen schützen – und bezieht sogar die Tiere ein. Sie strebt nach dem Wohl des Kollektivs, deshalb kommt es auf das Verhalten eines jeden Einzelnen an. Schon in der Antike wurden ihre hohen ethischen Forderungen bewundert.4 Sie korrespondieren oft mit den Maximen der Jägerund-Sammler-Welt, also mit unserer ersten Natur, der Ungleichheit und Ungerechtigkeit suspekt sind und die auf Solidarität setzt: «Lie­

be deinen Nächsten.»

(Und die vielen strafbewehrten Vorschriften?GH )

Die Welt berechenbar machen

Heute gilt Religion oft als Heimstatt des Irrationalen. Die kulturelle Institution Religion, das, was wir intellektuelle Religion nennen, ist jedoch als eine überaus vernünftige Angelegenheit gestartet. In protowissenschaftlicher Manier baute sie durch Beobachtung der Umwelt ein System unglückreduzierender Handlungen auf. Sie schuf damit «kulturelle Resistenzen» .5 Bei der Tora haben wir es gewissermaßen mit einem Programm zu tun, dessen exakte Ausführung  in eine Welt des Friedens führen sollte. Dieser Gott ließ sich nicht mehr durch Magie oder individuelle Interventionen dazu verleiten, sich mal auf diese, mal auf jene Weise zu verhalten.

Inmitten despotischer Staaten, wo Willkür  und Nepotismus  blühten, war das ein zivilisatorischer Fortschritt. An die Stelle der Selbstherrlichkeit  trat  die Regelhaftigkeit   der Welt. Der Gott der Tora war berechenbar.

Die  Annahme  eines  einheitlichen,  rational  rekonstruierbaren  1

Prinzips, das die Welt durchdringt, ist von höchster Bedeutung. Weil !

der eine Gott für alles zuständig ist und damit die gesamte Welt,  von allen potenziell willkürlich agierenden Göttern, Geistern und Dämonen befreit, wird diese verständlich und beherrschbar. Die Annahme einer rational einsichtigen Realität und der Verständlichkeit  der Kräfte, die ihr Funktionieren  gewährleisten,  bereitet  weitergehenden Rationalisierungen den Boden. Das ist das kulturelle Substrat, auf dem die Saat von Wissenschaft, Medizin und Recht i! prächtig gedeihen wird.

Die «Wurzeln der Rationalität moderner Gesellschaften» sind «in der rationalisierenden Pragmatik des israelitischen Gottes- und Weltverständnisses zu suchen».9 Wir haben es mit jener  Rationalisierung  zu tun, die Max Weber die «Entzauberung der Welt» nannte. 10 Die sich in der , Tora manifestierende intellektuelle Religion gehört zur Avantgarde des kulturellen Fortschritts. Die Bibelautoren  haben  einen  Ehrenplatz in der Ruhmeshalle der Wissenschaft verdient.

Der Hang zur Gewalt

Das dritte Erbe der Tora ist heikler Natur: die Gewalt. In den letzten Jahren wurde viel darüber debattiert, ob dem Monotheismus ein besonderer Hang zur Gewalt innewohne. Auslöser war Jan Assmanns These von der «mosaischen Unterscheidung», von der Unterscheidung «zwischen wahrem Gott und falschen Göttern, wahrer Religion und falschen Religionen», die grundlegend für den Monotheismus sei.12 Daraus resultiere eine «Kraft zur Negation», mit der

«das Prinzip des <tertium non datur»>, des ausgeschlossenen Dritten, in einen Bereich hineintragen worden sei, in dem «es vorher nicht zu Hause, ja gar nicht denkbar gewesen war, die Sphäre des Heiligen, der Gottesvorstellung und der Religion». 13

Der Monotheismus akzeptiert nur noch eine Wahrheit. Alles andere ist Lüge. Solch ein Anspruch auf Wahrheit findet sich im Polytheismus nicht. Auch dort ist Gewalt ein Mittel der Wahl, aber dann geht es um Macht. 14  Nur die monotheistischen  Religionen kennen «zugleich mit der Wahrheit, die sie verkünden, auch ein Gegenüber, das sie bekämpfen», sagt Assmann. «Nur sie kennen Ketzer und Heiden, Irrlehren, Sekten, Aberglauben, Götzendienst, Idolatrie, Magie, Unwissenheit, Unglauben, Häresie und wie die Begriffe alle heißen mögen für das, was sie als Erscheinungsformen des Unwahren denunzieren, verfolgen und ausgrenzen.» 15 In Hinblick auf die Exodus-Überlieferung stellt der Ägyptologe fest, es habe wohl etwas zu bedeuten, «dass der Monotheismus in den biblischen Texten die Geschichte seiner Durchsetzung in allen Registern der Gewaltsamkeit erzählt». Die Geschichte vom Exodus und von der Landnahme des Gelobten Landes sei schließlich kaum etwas anderes als «eine Serie von Massakern». 16

Ohne auf die vor allem von Theologen geführte Monotheismus-Debatte eingehen zu wollen, sollte hier deutlich werden, dass unsere evolutionäre Herangehensweise einen bisher unbeachteten Faktor ins Spiel bringt. Denn bei der «Serie von Massakern», die, wie Assmann ausdrücklich betont, rein fiktiver Natur sind, handelt es  sich um CREDs, um Glaubwürdigkeit stiftende Handlungen handelt, wie wir sie im Kontext des Exodus beobachten konnten. Sie sollten den Lesern  vor Augen führen, wozu das Volk in der Lage war, wenn es seinem  Gott Jahwe endlich einmal treu war. Anstatt wie in der historischen  Realität immer nur Opfer zu sein, konnte es in der biblischen Fiktion über seine Feinde triumphieren – und zwar gewaltig. Außerdem war  der Bedarf an solchen CREDs, wie wir zeigten, riesig. Schließlich ,

galt es, den neuen Gott gegen die alte Glaubenswelt durchzusetzen.

Über himmlische Moral

Mit Jahwe hat erstmals ein durch  und  durch moralischer  Gott Weltbühne betreten. Wo anders gäbe es einen Gott, der für die     – Armen und Schwachen eintritt und die Könige seiner Gerechtigkeit unterwirft?  Der fordert: «Liebe deinen Nächsten»  und  dessen Gebote bis heute geehrt werden? Und doch bereitet dieser Gott vielenn Menschen Schwierigkeiten. Ihnen setzt  der  Widerspruch  zu,  dass dieses Wunder an Moral einen Hang zu exzessiver Gewalt hat. Gottes Zorn wird «zu den größten Rätseln der biblischen Theologie,“ gezählt.

Die Kapitel 4 und 5 wurden kaum berücksichtigt, u.a.  weil sich in ihnen die Grundthese von der Auswirkung der frühzeitlichen Menschheitsgeschichte mit dem Übergang von der Jäger- und Sammlerkultur in die Sesshaftigkeit nicht mehr durchhalten lässt. Ihre Auswertung soll aber nachgeholt werden. 

Zum Beispiel bei    Erlösung wird individuell

Die vielen Götter des Christentums

Jesus: Gott  und Mensch
Maria: Mutter Gottes  vgl, Kermani!!

Teil 5 Das Neue Testament Hoffnung auf Erlösung
1 8 Als Jesus im  Himmel  blieb: Die Geburt des Christentums

Das Buch der Natur: Gottes zweite Bibel 471

Die Zukunft der Religion

Wie geht es weiter? Wir sind keine Zukunftsforscher, wollen allerdings wenigstens die Tendenzen benennen, die sich aus Sicht der kulturellen Evolution aufdrängen.

Erstens: Die Religion hat ihre Mission erfüllt, die Funktionsweise der Welt zu erklären, indem sie selbst bessere Instrumente für diese Aufgabe geschaffen hat. Jeder gesellschaftliche Gültigkeit beanspruchende Welterklärungsan–spruch des Christentums ist damit vom Tisch. Damit sollte – theoretisch – kein Konfliktpotenzial mit der Wissenschaft mehr bestehen. Für die europäische Welt ist das schon weitgehend der Fall.

Zweitens: Wir haben gezeigt, wie die Religion eine die Moral regulierende Funktion übernahm, in dem  Glauben,  auf  diese Weise die Gunst der Götter zu gewinnen und die Gesellschaft vor Katastrophen zu schützen. Unsere Moral aber ist sehr viel älter als die Religion. Diese hat sich der Moral nur angenommen in Zeiten, da der Egoismus kleiner und großer Despoten die Gesellschaften neu zu zerstören drohte. Damit schufen die biblischen Religionen die Grundlage für Menschenrechte und Demokratie. Wo diese säkularen Institutionen nun etabliert sind, brauchen wir die Religion nicht mehr zur Legitimation. Auch hier hat die Religion ihre Mission erfüllt. Natürlich können religiöse Institutionen weiterhin als moralische Anwälte agieren. Aber sie besitzen kein «höheres» Recht, aufgrund dessen sie einen Anspruch auf Normativität gegenüber der Gesellschaft beanspruchen dürften.

Drittens: Wenn also die kulturellen  Schutzfunktionen wegfallen,

weil die Religion mithalf, tauglichere Institutionen zu schaffen, wird die intuitive Religion wachsen. Der Anteil der theologischen Lehre nimmt ab, mit dem Rückgang der intellektuellen Anteile sinkt der Kohärenzzwang,  das  Bedürfnis  nach  rationaler  Stimmigkeit. Das gemeinsame Erlebnis tritt in den Vordergrund, die spirituelle Erfahrung. Aber auch hier ist es wie im Bereich der Musik, wo eine große Spannbreite zwischen populärer und ernster Musik besteht. Sicher wird es immer Gläubige geben, welche die Religion gerade wegen der Ehrwürdigkeit ihrer theologischen Lehrgebäude goutieren oder die hoffen, mit ihrer Hilfe das raffinierte Zusammenspiel der Naturgesetze zu begreifen. Der Glauben wird auf jeden Fall auch in Europa pluralistischer.

Schon jetzt ist zu diagnostizieren: Es haben jene Gemeinden und spirituellen Angebote Zulauf, die der ersten Natur viel zu bieten haben. Die Menschen finden dort ihr Glück, wo sie das Gefühl haben, von einer höheren Macht Schutz und Geborgenheit geschenkt zu bekommen. Wo sie sich aufgehoben fühlen wie einst in der lebendigen Gemeinschaft einer Jäger-und-Sammler-Gruppe. So betrachtet, könnte die Religion sich zu einer Zufluchtsstätte der ersten Natur wandeln.

Und damit sind wir bei viertens: Die skizzierten  Entwicklungen finden innerhalb der traditionellen Kirchen nicht unbedingt Beifall. Immer wieder ist Kritik an der «Spiritualisierung» und «Individualisierung» der Religion zu vernehmen. Religion dürfe doch nicht zu einem Wellness-Angebot verkommen. Da sei der ganze Mensch gefordert, heißt es. Das Bekenntnis zu Gott umfasse alle Aspekte des Lebens. Eine «Religion light» erscheint inakzeptabel, wenn sie nicht ohnehin ganz des Teufels ist.

Das ist unsere alte Psychologie,  unsere  erste Natur. Da   meldet sich die uralte Angst vor Trittbrettfahrern: Deshalb müssen die Kosten hoch sein! Wir wollen unsere Gruppe geschlossen halten! Da darf nicht jeder kommen und gehen wie in einer Yogagruppel Entsprechend boomen vor allem die rigiden, nicht die liberalen Kirchen. Jene, die viel von ihren Mitgliedern verlangen, viel Einsatz, viel Geld, viel Hingabe, um so nur die beisammen zu haben, denen es wirklich ernst ist.48

In diesem Kontext erklärt sich auch, warum viele strenggläubige Gruppen noch immer auf dem Glauben an die wortwörtliche Wahrheit der Bibel beharren. Der funktioniert als kostspieliges Signal: Wer heutzutage beteuert, wirklich daran zu glauben, dass Gott die Welt am Sams0tag, den 22. Oktober 4004 v. Chr. um Punkt sechs Uhr abends geschaffen hat – wie es sich aus der Bibel extrapolieren lassen soll -,49 beweist damit vor allem eins: Auf ihn ist Verlass! Er ist ein vertrauenswürdiges Mitglied seiner Gruppe. Auch das steckt in unserer uralten Jäger-und-Sammler-Seele.

Hier  lauert, fünftens,  Gefahr. Nicht  nur,  dass wir  längst nicht mehr in kleinen Gemeinschaften durch die Savanne ziehen. Nein, dort wo das Ingroup-Bewusstsein forciert wird, ist die alte FreundFeind-Psychologie nicht fern. Denn die gehört ebenfalls zur ersten Natur der Menschen. Da werden schnell alle außerhalb der eige nen Gruppe Stehenden dämonisiert. Da ist die Anfälligkeit  für Verschwörungstheorien groß. Denn wenn man schon an übernatürliche Akteure glaubt – und die erste Natur glaubt an viele -, ist man geneigt, sie überall am Werk zu sehen, vor allem in der bösen Welt jenseits der eigenen Gruppe.

Religion kann ein zweischneidiges Schwert sein. Sie schweißt nach innen zusammen und schließt die Gemeinschaft nach außen ab. Das macht einen Gutteil ihres Erfolgsgeheimnisses aus. Das Christentum hat das in seiner Geschichte besonders gut verstanden. Wir lasen es in der Bibel: Jesus der Freund, der uns barmherzig in jeder Notlage zur Seite steht, und Jesus der Apokalyptiker, der die Mächte des Teufels bekämpft, sind ein und dieselbe Person. Aber heute ist allenfalls noch einer von beiden akzeptabel.

Halten wir fest: Die Religion wird den Homo sapiens weiterhin begleiten, und das Christentum wird in seinen intuitiven Teilen stärker werden. Heikel wird es dort, wo die Religion beansprucht, das Verhalten der Menschen zu bestimmen. Für eine kritische Phase unserer Geschichte war das ihre Aufgabe; sie hat das, angesichts fehlender Alternativen, mit Bravour gemeistert. Aber, und das ist die Lektion, die sich aus der kulturellen Evolution ziehen lässt, das ist keine Mission für alle Ewigkeit gewesen. Für die Bibel immerhin ist das eine gute Nachricht. Sie muss nicht mehr die perfekte Schrift eines perfekten Gottes sein. Sie darf endlich das sein, was sie auf jeden Fall ist: ein verdammt gutes Buch.

Epilog

Wir sind angekommen. Unsere Reise durch die Bibel hat uns von der Genesis zur Apokalypse geführt. Wir waren dabei, als Adam und Eva das Paradies verlassen mussten, und haben die Menschen begleitet, wie sie jenseits von Eden versuchten, ihr Leben zu meistern. Glückliche Augenblicke waren ihnen nur selten vergönnt. Am Ende der Bibel dann geht die Welt im Inferno unter. Nach all dem Chaos, das ist die Botschaft der Johannes-Offenbarung, ist es höchste Zeit für eine neue Erde und einen neuen Himmel, für das himmlische Jerusalem.

Eden und Armageddon sind das Alpha und das  Omega  der Bibel. Dazwischen mussten die Menschen sich in einer Welt behaupten, für die sie nicht gemacht waren. Das ist das eigentliche Thema der Bibel: das Leben in einer unpassenden Welt. Und damit hat sie recht. Wir haben gezeigt, wie der Homo sapiens seit dem Sesshaftwerden versuchte, in einer Welt zu bestehen, für die es ihm an biologischen Anpassungen mangelte. Wir lesen es in der Bibel: Die Menschen geben ihr Bestes, in dieser Welt voller Katastrophen nicht unterzugehen. Sie behaupten sich, obwohl der Bruder dem Bruder zum Feind wird, die Frauen ihre Freiheit verlieren und Despoten ihrem Egoismus freien Lauf lassen und die Gesellschaft als Beute betrachten.

Was die Theologie traditionellerweise als Beleg für die Sündhaftigkeit der Menschen wertet – hätten sich Adam und Eva gehorsam gezeigt, wäre uns dieses Schicksal erspart geblieben -, gilt uns in evolutionsbiologischer Perspektive als Ringen mit den Konsequenzen der radikalsten Verhaltensänderung, die je  eine Tierart auf die sem Planeten absolvieren musste: dem Sesshaftwerden und dem Zusammenleben in immer größeren Gesellschaften. Die Menschen haben das mit Bravour gemeistert, weil sie alles auf ihren entscheidenden Trumpf setzten: die Fähigkeit zur kumulativen kulturellen Evolution.

Doch sie zahlten einen Preis dafür: Mismatch! So nennen wir das Auseinanderklaffen zwischen der psychischen Ausstattung und den neuen Lebensbedingungen. Das ist der Preis, den wir bis heute für den kulturellen Fortschritt zahlen. Wir fühlen uns nicht recht heimisch in einer Welt, die immer unüberschaubarer und anonymer wird und voll unbekannter Herausforderungen  steckt. Was  Freud als «Unbehagen in der Kultur» bezeichnete, nennen wir, unserem Gegenstand entsprechend, Heimweh nach dem Paradies.

……… ·“

Unsere  Haupterkenntnis  lautet: Religion  darf nicht  auf traditionelle Weise als schon immer vorhandene Entität wahrgenommen werden. Man muss unterscheiden zwischen einem religiösen Substrat auf der einen Seite, das, genetisch verankert, Teil der Condition humaine ist. Dabei handelt es sich um eine spezifische Weise, die Welt wahrzunehmen und zu interpretieren. Diese intuitiv-individuelle Religion verfügt über keine Lehre; ihre Riten und Praktiken sind uralter Bestandteil unserer zweiten Natur. Wie «religiös musikalisch», um einmal mehr Max Webers Metapher aufzunehmen, die Menschen in dieser Hinsicht sind, hängt von den individuellen Anlagen ab, von der Sozialisation und der jeweiligen Kultur.

Auf der anderen Seite steht das, was wir als intellektuell-institutionelle Religion beschrieben haben, was also integraler Bestandteil jenes kulturellen Sets ist, das uns  helfen  sollte, in der neuen Welt  zu bestehen. Ohne Experten kommt es  nicht  aus. Hier  setzt  unsere Hypothese des kulturellen Schutzsystems an, die wir auf der Basis unserer anthropologischen Bibellektüre entwickelt haben. Sie beschreibt letztlich nichts anderes als den Versuch der Menschen, sich mittels Kultur gegen die Unbill der neuen Verhältnisse zu schützen.

In den Anfängen haben wir es noch mit einer kulturellen  Ursuppe zu tun. Funktionelle Differenzierungen treten allenfalls ansatzweise auf. Zentral für das Verständnis der intellektuellen Religion ist, dass Wissenschaft und Religion hier noch ein und dasselbe sind, ja eigentlich noch gar nicht existieren. Wir werten diese Kultur heute nur deshalb als religiös, weil die Menschen alles als das Werk übersinnlicher Akteure interpretierten. Das gab ihnen ihre erste und zweite Natur vor, und die dritte Natur lieferte noch keine alternativen Methoden, um das Funktionieren der Welt zu erklären. Das Fortschreiten der kulturellen Evolution führte zu Spezialisierungen, Ausdifferenzierungen und zur Wissenschaft. Ein allmählicher Prozess: Wir haben gezeigt, dass bis ins 19.Jahrhundert hinein  Wissenschaftler überzeugt waren, mit ihrer Forschung die Schönheit der göttlichen Schöpfung zu rekonstruieren.

Das kulturelle Schutzsystem hat verschiedene  Ausprägungen. Da haben wir einmal jene protowissenschaftlichen Elemente, die  wir besonders gut in der Tora beobachten konnten: das Meiden von Körperflüssigkeiten, das Verbot bestimmter Sexualpraktiken  oder die Quarantäne von Kranken, um alles Unglück zu vermeiden, das als Strafe Gottes erschien. Diese Maßnahmen sind im Laufe der Jahrhunderte durch Wissenschaft und Medizin obsolet geworden. Um ein markantes Beispiel zu geben: Die Sanktionierung der Homosexualität ist nichts als das Resultat einer veralteten vorwissenschaftlichen Theoriebildung. Wo die Gebote und Verbote die Zeiten überdauerten, taten sie das nur, weil sie zum festen Bestandteil der zweiten Natur geworden waren oder als Costly Signals den Zusammenhalt der religiösen Gemeinschaften stärkten.

Dann gibt es jenen Zweig des kulturellen Schutzsystems, den  wir unter der Chiffre Apokalypse beschrieben haben. Böse Mächte stehen hinter dem Übel der Welt. Diese gilt es zu bekämpfen und sich des Beistands guter Mächte zu versichern. Auch dieser Zweig ist veraltet. Wir wissen längst besser, wer für was in der Welt verantwortlich zu machen ist. Dort, wo die Zusammenhänge nicht ganz nachvollziehbar sind, treibt dieses Denken immer noch Blüten. Im Fall von Krankheiten etwa, bei denen die Schulmedizin nicht helfen kann, manifestiert es sich in Pilgerfahrten oder Teufelsaustreibungen. Im Weltlichen Bereich lebt die «apokalyptische Matrix» vor allem in Gestalt von Verschwörungstheorien fort. Die Neigung, überall soziale Kausalitäten zu vermuten, wurzelt tief in unserer Natur. Und die glaubt nun mal nur allzu gerne, dass hinter jedem Ereignis irgendjemand steckt, der seine Hände im Spiel hat.

Schließlich ist noch der soziale Zweig des kulturellen Schutzsystems zu nennen, dem es um Zusammenhalt, um Asabiya, geht. Auch der barmherzige Gott, der zur Nächstenliebe aufruft, ist ein Versuch, die Mismatch-Erfahrung zu lindern. Die Psalmen und Teile des Neuen Testaments zeigten uns, wie groß das Bedürfnis  nach einem Gott ist, der für uns Partei nimmt. Nach jemandem, der sich auf die Seite der Sünder stellt und Gnade vor Recht ergehen lässt. So wie Jesus das tat. Dann ist er nicht der gnadenlose Richter des Jüngsten Gerichts, sondern  der Jäger-und-Sammler-Jesus, den wir in Kapitel 17 bestaunten. Denn  in  den  prähistorischen  Gruppen, in denen sich unsere Psychologie formte, gab es keine abstrakten Gesetze. Ein Vergehen war ein Skandal, aber einer, der nach reichlich Diskussionen und Verhandlungen doch so gut wie immer in Versöhnung endete. Stets gab es Menschen, die alle erdenklichen Gründe für den Beschuldigten in die Waagschale warfen. Auf die Seinen war Verlass.

Ist es nicht das, was Gläubige sich bis heute von Gott wünschen? Dass er mit ihnen genauso nachsichtig und barmherzig  umgeht, wie es Jesus gegenüber der Ehebrecherin war? «Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.» Gott soll den einzelnen Menschen lieben trotz all seiner Unzulänglichkeiten, niemanden verloren geben, auch dann nicht, wenn er gegen sein Recht verstoßen hat. Der intuitive Gott steht immer an der Seite der Menschen, der intellektuelle dagegen steht auf Seiten des Rechts, der Kirche und der Gesellschaft.

Wir dürfen nicht vergessen: Unsere Identität ist eine soziale Identität, die prähistorische Gruppe war Teil unserer Persönlichkeit. Als die Gruppe wegfiel, war das wie eine Amputation. Phantomschmerzen waren die Folge! Auch das ist ein Grund für die Karriere der Götter: Als die alten Gruppensolidaritäten schwanden, investierten wir in die himmlischen Beziehungen. Das war doppelt ratsam, weil die Götter ja auch für das neue Unheil Verantwortung zu tragen schienen. Zugespitzt formuliert: Gott kompensiert als Surrogat den Verlust der alten Gruppenbindungen  und lindert die  Phantomschmerzen.

Das erste und letzte Gebot

Aus diesem Grund findet sich auch das Gebot, Gott zu lieben, im Alten wie im Neuen Testament: Wenn wir Gott lieben, liebt er uns auch. Das ist das altbekannte Gesetz der Reziprozität. Aber nicht nur das: Der Aufruf zur Gottesliebe geht einher mit dem Gebot der Nächstenliebe. Jesus und ein Pharisäer sind sich einig, dass wir es hier mit den höchsten Geboten der Tora zu tun haben. Dabei – das erscheint uns wichtig, das noch einmal festzustellen – hat die goldene Regel als menschliche Universalie im Ursprung überhaupt nichts mit Religion zu tun.

Unter Jägern  und  Sammlern war  die Verpflichtung  auf Gegen­seitigkeit eine Selbstverständlichkeit. Sie war die Grundlage allen Beisammenseins: Das erste und letzte Gebot der Menschheit. Prima­

tologen sehen die gleichen Mechanismen schon bei unserer Affenverwandtschaft am Werk. Bei allen bisher erforschten Affenarten steht die Versöhnung innerhalb der Gruppe, insbesondere mit den Kumpanen, hoch im Kurs. Fairness hat folglich als entwicklungsgeschichtlich uralte Fähigkeit zu gelten, sagt zum Beispiel Frans de Waal. Sie dient dazu, «angesichts des Wettstreits um Ressourcen die Harmonie in der Gruppe aufrechtzuerhalten». 1 Was die Bibel von den Menschen in Sachen Nächstenliebe verlangt, ist also schlicht, sich wieder so versöhnlich zu verhalten, wie das Jäger und Sammler innerhalb der eigenen Gemeinschaft immer taten. “

Dass die Bibel die goldene Regel einfordern muss, obwohl diese die längste Zeit der Menschheitsgeschichte eine Selbstverständlichkeit gewesen war, belegt, dass die Reziprozität in den größer gewordenen Gesellschaften weitgehend aus dem Alltag verschwand. Und damit reihen sich auch die Appelle zur Gottes- und Nächstenliebe nahtlos in das kulturelle Schutzsystem der Bibel ein. Es will die alte Harmonie wiederherstellen, um gegen die Vereinzelung, die fehlende soziale Kontrolle und die daraus resultierenden sozialen Verwerfungen anzugehen. Es stiftet damit sozialen Klebstoff. Aber nicht so sehr durch Strafandrohung, wie oft argumentiert wird. Nein,  die Bibel versucht einfach, der Biologie wieder zu ihrem Recht zu verhelfen, indem sie alles daran setzt, unseren intuitiven Verhaltensmaximen  gesellschaftliche Akzeptanz  zu verschaffen.

Während heute für die Katastrophen- oder Krankheitsbekämpfung tauglichere Maßnahmen zur Verfügung stehen, hat die Religion im Bereich der Nächstenliebe, des menschlichen Miteinanders, ihre Zuständigkeit behaupten können. Dort fehlt es an Alternativen; staatliche Institutionen sind hier nur beschränkt hilfreich. Insofern wird noch immer von den Kanzeln dieser Welt die Nächstenliebe gepredigt. Dabei ist jedoch wichtig: Die Religion tritt hier nur stellvertretend für unsere erste Natur auf. Deren Botschaft lautet schlicht: Seid menschlich! Genuin religiös ist das nicht.

Analysiert man die Bibel, dieses tausend Jahre umfassende Tagebuch menschlicher Geschichte, lässt sich die kulturelle Evolution idealtypisch als dialektischer Prozess beschreiben. Die Nöte der Menschen, vor allem die immer wieder auftretenden Katastrophen, sind die Unruhestifter, die Taktgeber der kulturellen Evolution. Immer wieder erschüttern sie die Gesellschaften; immer wieder zwingen sie die dritte Natur der Menschen, neue Strategien zu   entwickeln.

Ob Katastrophen, Krankheiten oder Konflikte – wir geben keine Ruhe, bis wir wissen, wer dahintersteckt. Wir spüren ein großes Verlangen nach CREDs, um zu verhindern, dass wir ausgenutzt werden. Taten  überzeugen  uns  mehr  als Worte.  Ungerechtigkeit,  also fehlende Reziprozität, empört uns. Wir sind schnell bereit, Fremde  zu verteufeln. Wir versuchen, uns auf alles, was geschieht, einen Reim zu machen – und sind erpicht, noch jeden Winkel selbst imaginärer Welten wie Himmel und Hölle zu erkunden. Erklärungen glauben wir eher, wenn sie Akteure ins Spiel bringen, als wenn sie mit abstrakten Prozessen argumentieren. Wir sind Animisten mit einem Faible für Magie, Zauber und Charisma, und selbst die Rationalsten unter uns haben ihre  kleinen  abergläubischen  Ticks. Wir  wollen die Dinge selbst in der Hand haben. Die Monogamie halten wir für eine vernünftige Idee, auch wenn es uns in der Praxis oft schwerfällt, ihren Maximen gerecht zu werden. Das Urteil der anderen ist uns extrem wichtig. Wir sind soziale Netzwerker und begnadete Kooperateure. Wir sind aber auch Egoisten, gerne bereit, einen sich bietenden Vorteil zu nutzen, um es der Konkurrenz zu zeigen. Wir haben Angst vorm Sterben, aber nicht vor dem Tod – zumindest so lange niemand uns unsere Intuitionen raubt, dass der Tod nicht das Ende von allem ist.

Die anthropologische Bibellektüre verrät uns auch, was unserer ersten Natur guttut: Gemeinschaft, gemeinsame Erlebnisse, Gleichheit, Gleichberechtigung und natürlich Geschichten und noch bessere Geschichten. Also all das, was uns ein Stück des verlorenen Paradieses zurückgibt. In allen diesen Angelegenheiten können wir uns auf die Bibel verlassen, sie birgt Menschheitserfahrung von Jahrtausenden.

Was die Bibel auf jeden Fall ist

Und damit sind wir am Ende. Unser Ziel war es nicht, in Konkurrenz mit religiösen Deutungen zu treten. Wir wollten nur zeigen, was noch alles in der Bibel steckt. Viele ungehobene Schätze schlummern in ihren Geschichten, es gibt tatsächlich so etwas wie eine bisher verborgen gebliebene Bibel. Wir hoffen, den Beweis erbracht zu haben, dass es sich um keine Übertreibung handelt, wenn wir die Bibel in dieser Hinsicht als das wichtigste Buch der Menschheit bezeichnen .

Angesichts ihres monumentalen Charakters war es uns nur möglich, eine erste Bestandsaufnahme vorzunehmen. Doch die sollte belegt haben, mit welch einem phantastischen Stoff wir es zu tun haben. Die Bibel ist es wert, dass alle jene, die sich für die Evolution der menschlichen Kultur interessieren, sie eines genauen Blickes würdigen. Natürlich wäre es ein extrem lohnenswertes Unterfangen, mit unserem kultur-evolutionären Ansatz nun auch andere Religionen zu untersuchen.

Vor allem hoffen wir jedoch,  bei den Lesern die Neugier auf die Bibel geschürt zu haben. Zugegeben, sie ist kein einfach zu lesendes

Buch. Wir glauben aber, die Lektüre fällt leichter, wenn  man  die Bibel als Tagebuch der Menschheit begreift, als eines, an dem tausend Jahre geschrieben und gearbeitet wurde. Das deshalb oft so widersprüchlich erscheint. Das dafür aber Zeugnis ablegt vom heroischen Kampf  der Menschen  mit  einer Welt, für die sie nicht  gemacht  sind.

Denn damit fällt auch  die  Verpflichtung  fort,  die  makellose Schrift eines  makellosen  Gottes  sein  zu  müssen.  Dieser  Anspruch ist es ja, der die Bibel für viele Menschen unverständlich macht: Wie kann das Buch Gottes so voller Fehler und Grausamkeiten stecken? Warum ist dieser Gott oft so zornig? Nein, die Bibel ist keine per fekte Schrift. Diese Erwartungen kann sie  nicht  erfüllen.  Muss  sie auch nicht; sie hat das selbst nie behauptet. Sie war ein gutes Jahrtausend lang work in progress. Es wäre ein inspirierendes Gedankenexperiment, sich vorzustellen, die Arbeit an der Bibel wäre nie eingestellt worden. Gerade finge man wohl an, das Fünfte Testament zu schreiben. Wir haben den Verdacht,  die  Geschichte  des  Abendlandes wäre  anders verlaufen.

Es bleibt weiterhin jedem Leser selbst überlassen, ob sie oder  er zwischen den Zeilen der Bibel göttlichen Geist zu verspüren glaubt oder nicht. Wir zumindest sind guter Dinge, gezeigt zu haben, was sie auf jeden  Fall ist: Sie ist eine Bibel der menschlichen Natur. Allein deshalb hat das Buch der Bücher einen Ehrenplatz in jedem Bücherregal  verdient.

Inhaltsverzeichnis dieser Sammlung von Zitaten

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Stolpersteine auf dem Weg der drei Buchreligionen

Guenter Hegele    5. Februar 2017    Kommentare deaktiviert für Stolpersteine auf dem Weg der drei Buchreligionen

Klaus Schmidt

Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig erinnert seit 1992 an Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten Wohnort kleine Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir verlegt. Fußgänger werden durch diese bundesweit verlegten „Stolpersteine“ informiert, nicht irritiert oder gar gefährdet –  im Gegensatz zu schadhaften Bürgersteigen, die schon Stürze verursacht haben.

Es gibt in den drei „abrahamitischen“ Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam „steile“ Dogmen, bei denen strittig ist, ob sie zu Frieden fördernden Glaubenswahrheiten führen – oder irritieren und Gewalt stimulieren. Es gibt in ihnen aufgrund historisch-kritischer Arbeit aber auch vorurteilsfreie Untersuchungen und Ergebnisse, die zu größerer Bescheidenheit und gegenseitiger Annäherung führen.

„Unsere festgefügten Bilder von anderen Menschen, von anderen Konfessionen und Religionen sind Fragmente – und auch die eigenen Gottesbilder sind Fragmente“, so Professor Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland auf der Landessynode im Januar 2016. „All unsere Bilder haben eine begrenzte Reichweite, alle werden schief oder auch falsch. Wir dürfen uns nicht auf festgefügte Bilder und schon gar nicht auf Feindbilder festlegen lassen.“ Professor Ernst Troeltsch bemerkte schon 1896 Ähnliches. „Meine Herren, es wackelt alles“ so begann er seine Rede auf einem Theologenkongress in Eisenach. Er selbst wackelte nicht, aber die meisten Zuhörer waren entsetzt.

Historisch-kritische Forschung hat zu klarer Unterscheidung zwischen jüdischen und christlichen Glaubensauffassungen geführt – zugleich aber auch zu größer Annäherung. Der in Jerusalem lehrende Religionswissenschaftler  Joseph Klausner war einer der ersten, der 1922 in seinem Werk „Jesus von Nazareth“ Jesus als einen Lehrer hoher Sittlichkeit und Gleichnis-Redner ersten Ranges würdigte, ihm aber prophetische und messianische Titel absprach. Bahnbrechend für den jüdisch-christlichen Dialog wurde der in München geborene Religionswissenschaftler Schalom Ben-Chorin (1913-99). Er war 1961 Mitgründer der „Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen“ beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Sein Buch „Bruder Jesus, der Nazarener in jüdischer Sicht“ (1967) gipfelt in dem Satz: „Der Glaube Jesu eint uns, der Glaube an Jesus trennt uns.“ Der Religionsphilosoph Martin Buber hatte zuvor schon seine eigenen Schlussfolgerungen  Schalom Ben-Chorin gegenüber kurz und bündig so zusammen gefasst: „ Jesus ist mein älterer Bruder, aber der Christus der Kirche ist ein Koloß auf tönernen Füßen“ (in: Schalom Ben-Chorin, Zwiesprache mit Martin Buber, Berlin 1966).

Auch die islamische Forschung ist längst auf Augenhöhe mit der jüdischen und christlichen. Mouhanad Khorchide (geb. 1971), Sohn palästinensischer Flüchtlinge, promovierte nach seinem Theologiestudium in Beirut in Wien, wurde österreichischer Staatsbürger, Religionslehrer, Imam, Universitätsassistent und 2007 Lehrbeauftragter für das Lehramt für Islamische Religion an Schulen. Seit 2010 ist er Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien der Universität Münster. In seinem 2012 erschienenen Buch Islam ist Barmherzigkeit fordert er eine historisch–kritische Exegese des Koran und interpretiert ihn als ein Buch, dessen Gebote nicht wörtlich ins heutige Leben übertragen werden können. Eine Interpretation des Koran sei richtig, wenn der Interpret zunächst die ursprünglichen Bedeutungen koranischer Aussagen wie auch ihre historischen Kontexte erforscht, von ihnen dann bestimmte ethische Prinzipien ableitet und diese schließlich auf die moderne Situation anwendet. Mit seinen Auffassungen ist Khorchide in den Medien präsent – häufig im Fernsehsender „phönix“.

Im Folgenden sollen drei Aspekte „christlicher Stolpersteine“ beschrieben und zur Diskussion gestellt werden:

S.    2- 8   Die Trinitätslehre – Abschied vom Monotheismus?
S.   9-14   Sichtweisen – Jesus im Trialog
S. 14-18   Jesus, Sohn der Maria – und „Gottes Sohn“?

Die Trinitätslehre – Abschied vom Monotheismus?

Im schwierigen Verhältnis der drei  Buchreligionen zueinander stellt der von den Großkirchen hartnäckig verteidigte Trinitätsglaube ein Problem dar: Judentum und Islam betrachten ihn als Verletzung des biblisch verankerten Monotheismus. So schreibt etwa Rabbiner Stanley Greenberg vom Sinai-Tempel in Philadelphia: „Christen haben selbstverständlich das Recht, an die Lehre der Trinität Gottes zu glauben. […]  Monotheismus, der kompromisslose Glaube an einen Gott, ist das Kennzeichen der hebräischen Bibel, der zweifelsfreie Grund des Judaismus und der unerschütterliche Glaube der Juden. Ob nun Christen als Polytheisten oder als Tritheisten bezeichnet werden, oder ob man das christliche Konzept der Trinität als eine Spielart des Monotheismus auffasst, eine Aussage bleibt immer bestehen: Dreieinigkeit und Judesein schließen sich aus.  (www.bible-only.org – 26.02.2003).

Auch im Koran wird der Trinitätsglaube vielfach als nicht „schriftgemäß“ abgelehnt, so etwa in Sure 4,171: „O Volk der Schrift, überschreitet nicht euren Glauben und sprecht von Allah nur die Wahrheit. Der Messias Jesus, der Sohn der Maria, ist der Gesandte Allahs und Sein Wort, das Er in Maria legte, und Geist von Ihm. So glaubet an Allah und Seinen Gesandten und sprecht nicht: ›Drei‹. Steht ab davon, gut ist’s euch. Allah ist nur ein einiger Gott.“

Zur Zeit der deutschen Aufklärung wurde die Trinität ins Reich frommer Fantasie verwiesen. Goethe bemerkte 1824 im Gespräch mit Eckermann: „Ich glaube an Gott und die Natur und an den Sieg des Edlen über das Schlechte. Aber das war den frommen Seelen nicht genug. Ich sollte auch glauben, dass drei eins und eins drei sei; das aber widerstrebte dem Wahrheitsgefühl meiner Seele; auch sah ich nicht ein, dass mir damit im Mindesten geholfen gewesen wäre.“ 

Fehlanzeige im Neuen Testament

Im Matthäus-Evangelium ( 28,19) befiehlt Jesus seinen Jüngern,  allen Völkern zu predigen. Zwar erwähnt der „Missionsbefehl“ die drei Wesen, die später Bestandteile der Trinität werden, doch wurde der Satz: „…salbe sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ nach textkritischer Untersuchung als späterer Zusatz zum biblischen Text zu erkannt – wie auch an Folgendem:

– Die von Paulus in seinen Briefen erwähnte Salbung in der frühen Kirche wurde nur im Namen Jesu durchgeführt. Auch der „Missionsbefehl“ im Anhang zum  Markus-Evangelium (16,15) kennt weder Vater, Sohn noch Heiligen Geist.

– Der einzige weitere Verweis auf eine Trinität im 1. Johannesbrief (5,7) ist unecht. Der Satz: „…es gibt drei, die im Himmel aufzeichnen, der Vater, das Wort und der Heilige Geist: und diese drei sind Eins“ ist ein späterer Zusatz zum biblischen Text und im Sinne intellektueller Redlichkeit  in fast keiner der heutigen Bibelversionen zu finden ist (vgl. Besagt der Missionsauftrag in Matthäus 28:19, dass „Gott …).

Ironie der Geschichte: Die besonders in der Reformationsdekade immer wieder beschworene Formel „allein die (Heilige) Schrift“ (sola scriptura) ist im Blick auf die Dreifaltigkeitslehre reine Makulatur.

 Die Christologie – eine trinitarische Vorstufe

Die Vergöttlichung Jesu im Christentum setzt voraus, dass Jesus anders als andere jüdische Profeten oder Charismatiker als Messias bzw. einzigartiger „Sohn Gottes“ verstanden wird. Doch schon längst hat neutestamentliche Forschung ergeben, dass Jesus keinen Hoheitstitel wie Messias/Christus oder „Gottessohn“ für sich in Anspruch genommen hat.

Ferner: In den Evangelien wird von einem Mann erzählt, der Jesus fragte ( Markus 10,17f.): „Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Jesus antwortete: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen.“

Es ist sehr erstaunlich, dass dieses offensichtlich alte, späterer Christologie zuwider laufende Jesuswort von den Evangelisten – denen zufolge Jesus sich selbst als „Christus“ (Messias) und „Gottessohn“ bezeichnete/ bezeichnen ließ –  nicht weggelassen wurde. Denn jetzt ist ja Jesus zwar „Gottes Sohn“, aber laut eigener Aussage „nicht gut“, weil ja nur einer gut ist: Gott selber.

Bemerkenswerter noch: Jesus ließ sich von Johannes dem Täufer taufen. Dessen Taufpraxis zielte auf  Buße und rief zur Umkehr wegen der Nähe des Reiches Gottes auf. Jesus konnte sich hier einreihen. Für ihn war offensichtlich nur Gott gut, er ergo Sünder. Für die Erschaffer der Christologie aber war das anstößig. Sie ließen stattdessen Gottes Geist wie eine Taube auf den Täufling herabkommen: „Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ (Markus 1,10-11, vgl. Matthäus 3,17).

Doch auch das Jesus zugeschriebene „Vater unser“ weist in die gleiche Richtung wie die noch nicht mythologisch verklärte Johannes-Taufe: Der Gottessohn kommt hier überhaupt nicht vor, auch keine Spur von Trinität. Hier schließt sich Jesus selbst mit der Bitte „Vergib uns unsere Schuld“ in den Kreis der Sünder ein. Dieses Gebet kann von jedem frommen Juden so gesprochen werden. Es enthält nichts Neues.

Die „Sohn Gottes“-Bezeichnung hat im Neuen Testament Varianten erfahren:   Sie war ein Auferstehungstitel (bei Paulus im Römerbrief; 1,4), dann ein Adoptionstitel (bei der Taufe; Markus-Evangelium 1,11), dann ein Geburtstitel (Geburtsgeschichten im Matthäus- und Lukas-Evangelium, z. B. Lukas 1,32) ferner eine präexistente Dimension (vor allem im Johannes-Evangelium).

Den schließlich am Kreuz Gestorbenen haben die Christologen von damals und meist auch noch Heutige aus der irdischen Sphäre leibhaftig in den Himmel gehoben.

Jesus hat laut Evangelien und Konsens aller ernst zunehmenden Exegeten mit dem Ende der Geschichte noch zu seinen Lebzeiten gerechnet („Parusie-Erwartung“): „Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht trinken von dem Gewächs des Weinstocks, bis das Reich Gottes kommt“ (Lukas 22,18; vgl. Matthäus 26,29).

Für Martin Buber war Jesus aufgrund aller dieser Erkenntisse – wie erwähnt – „älterer Bruder“, der Christus der Kirche aber „ein Koloß auf tönernen Füßen“

Die Entfaltung Lehre 

Die Lehre von der „Dreifaltigkeit“ Gottes verfestigte sich erst im 4. Jahrhundert. Auslöser dafür waren heftige, nicht enden wollende Kontroversen. Sie begannen 318 im ägyptischen Alexandria während einer Diskussion, die der trinitarisch gesinnte Bischof Alexander mit seinen Ältesten führte. Einer von ihnen – Arius – widersprach ihm heftig. Später bekräftigte ein junger Diakon namens Athanasius die bischöfliche Position: Jesus, der Erlöser, könne nicht selbst ein erlösungsbedürftiges Geschöpf sein.

Der „arianische Streit“

319 wurde auf einer lokalen Synode der Bischöfe von Libyen und Ägtypten die von Arius vertretene Lehre, Jesus Christus sei als Sohn Gottes Gott untergeordnet ( „subordiniert“), einmütig als Irrlehre verurteilt. Der nun aus Alexandria verbannte Arius verbreitete jedoch seine Lehre mit Unterstützung einflussreicher Bischöfe weiter, und die Kontroverse dehnte sich auf den gesamten christlichen Osten aus.

Kaiser Konstantin, der sich wenige Jahre zuvor vom Sonnengott-Kult („sol invictus“) abgewandt hatte, mahnte die Streitenden:  sie sollten sich einigen – vergeblich. Daraufhin berief er

Im Jahr 325 über 1.800 Bischöfe zu einem allgemeinen Konzil nach Nicäa (bei Konstantinopel) ein. Doch nur 318 kamen, und Alexanders Position setzte sich durch. Allen Arianern wurde mit Exkommunikation gedroht. Arius wurde verbannt, doch zwei Jahre später begnadigt.

Im Volk waren die Meinungen geteilt, und innerhalb weniger Jahre war die Christenheit des Ostens tief gespalten. Die Folgen waren Verleumdungen und Absetzungen. Konstantins kaiserliche Söhne teilten sich die Herrschaft im Osten und Westen. Der Westen war eher gegen den Arianismus, der Osten dafür – beide Seiten verurteilten einander. Doch die arianische Partei hatte insgesamt bei der höheren Geistlichkeit und hellenistisch Gebildeten viele Anhänger, so dass im Jahr 360 die Mehrheit der Bischöfe freiwillig oder gezwungen arianisch stimmten. Es kam zu tumultartigen Synoden. Ein heidnischer Beobachter notierte: „Die Straßen sind voll von galoppierenden Bischöfen.“

Der Sieg des Trinitarismus 

Nach langjährigen kaiserlichen und kirchenpolitischen Machtspielen kam 379 der trinitarisch gesinnte Kaiser Theodosius an die Macht und setzte zwei Jahre später auf dem Ersten Konzil von Konstantinopel die trinitarische Lehre durch.

Während der Arianismus unter  germanischen Völkern (Goten, Vandalen) , die zur Zeit der arianischen Vorherrschaft christianisiert wurden, noch einige Jahrhunderte fortbestand, wurde der Entscheid von Konstantinopel in der orthodoxen und in der katholischen Kirche nie wieder in Frage gestellt. Mit dem Übertritt des fränkischen Königs Chlodwig I. zum römisch-katholischen Glauben begann der Siegeszug des Trinitarismus auch in der germanischen Welt. 

„Im Ergebnis“ – so der Religionswissenschaftler Karl-Heinz Ohlig –  „erscheint die Trinitätslehre als ein Versuch, Monotheismus, Monismus und Polytheismus zu verbinden, also alle wichtigen weltreligiösen und hochkulturellen Gottesvorstellungen. […] Vielleicht erklärt sich die Faszination der Trinitätslehre daraus, dass sie die Vorstellung all der genannten Gottesvorstellungen – auf eine spannungsreiche Weise  – zu verbinden sucht: die Wärme und das Hoffnungspotential, das der Monotheimus erweckt, die rationale Plausibilität eines letzten immanenten Prinzips sowie die kommunikative und soziale Lebendigkeit des Polytheismus. Schon Gregor von Nyssa war der Meinung, dass die Trinitätslehre ‚die Mitte zwischen beiden Meinungen‘, zwischen Polytheismus und jüdischem Monotheismus darstelle“ (Karl-Heinz Ohlig, Ein Gott in drei Personen? 2. Aufl., 2000, S. 124).

Erasmus, Luther und das „Comma Johanneum“

Der einzige Verweis auf eine Trinität im 1. Johannesbrief (5,7) ist unecht. Den Satz „…es gibt drei, die im Himmel aufzeichnen, der Vater, das Wort und der Heilige Geist: und diese drei sind Eins“ hat

kein Kirchenvater vor dem Konzil von Nicäa zitiert. In keiner frühchristlichen syrischen, koptischen, armenischen, äthiopischen, arabischen oder slawischen Bibelausgabe findet sich dieser Zusatz.

Der Handschriftenbefund ist eindeutig. Nur die späten bezeugen das „Comma“ (den „Abschnitt“), in früheren ist es als Zusatz ersichtlich. Die wenigsten Kirchenväter kennen es; Augustinus beurteilt es als nicht original biblisch. Es gelangte aber in die lateinische Bibelübersetzung („Vulgata“).

Erasmus von Rotterdam, der als erster das gesamte Neue Testament in griechischer Sprache vorlegte, fügte den Text ab seiner dritten Auflage hinzu, obwohl ihn nur ganz wenige und sehr junge griechische Handschriften enthalten. Man vermutet, dass eine dieser Handschriften – aus dem 16. Jahrhundert (!) – produziert worden war, um Erasmus zu widerlegen – oder als Arianer zu verketzern. Er druckte zwar ab 1522 den Text mit der trinitarischen Wendung, erklärte aber in einer Anmerkung, warum er ihn nicht für ursprünglich hielt.

Martin Luther, der sich bei seiner Bibelübersetzung an Erasmus‘ erster Auflage orientierte, übernahm das Comma nicht. (Allerdings schlich es  sich seit Ende des 16. Jh. in die Lutherbibel ein – aus der es erst im 20. Jahrhundert wieder entfernt wurde. Heute steht es meist in einer Anmerkung.)

Im Text seiner Vorlesung über den 1. Johannesbrief schrieb Luther, das Comma sei durch den Eifer der Theologen gegen die Arianer ungeschickt eingefügt worden: „ Ich könnte mich leicht darüber lustig machen, dass es keine ungeeignetere Beweisstelle für die Trinität gibt“ (vgl. Bart D. Ehrman, Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden: Wie die Bibel wurde, was sie ist. Gütersloh 2008; Die Geschichte des „Comma Johanneum“ und des Textus …; ferner:  Jan Rohls: Gott, Trinität und Geist. Ideengeschichte des Christentums Bd. 3, Tübingen 2014).

Die Verfolgung der Antitrinitarier

Durch einen franziskanischen Mönch entdeckt der Spanier Miguel Serveto (1511-53) als Student den Humanismus, der von Norditalien aus ganz Europa erreicht hat. Er beginnt, Rechtswissenschaft zu studieren. Doch seine Leidenschaft gehört der Theologie. Wenn die Humanisten Recht haben mit ihrer Lehre, man solle zu den Quellen zurückkehren – dann müssten sich die Christen von der Trinititätslehre verabschieden. Die Vorstellung, dass Gott „dreifaltig“ sei, aus drei Wesenheiten bestehe: Gott-Vater, Sohn und Heiligem Geist, sei schlicht unbiblisch. Im Alter von zwanzig Jahren präsentiert er seine Argumente in Buchform: „De trinitatis erroribus“, die Irrtümer der Dreifaltigkeit.

Er will damit zugleich Muslimen und Juden ein wichtiges Argument gegen den christlichen Glauben nehmen. Denn von beiden ist zu hören, die Christen würden eigentlich an drei Gottheiten glauben. Zu Recht, meint Servet. Ein Dialog zwischen den drei verschwisterten Religionen könne nur gelingen, wenn alle an nur einen Gott glauben würden. Die Feindseligkeit zwischen Christen und Muslimen betrachtet er voller Trauer, beklagt Blutschuld auf beiden Seiten und verurteilt das Edikt von 1492, mit dem König und Kirche die Glaubenseinheit in Spanien erzwungen hatten.

In seltener Einmütigkeit bezichtigen später der katholische Klerus und die Reformatoren Servet der Gotteslästerung . Er flieht nach Paris, wird Doktor der Medizin,  studiert  Kunst und Geometrie, Theologie und Hebräisch. Eine Korrespondenz mit Calvin endet im Streit.  „Wenn es mir zusage, will er nach Genf kommen“, schreibt Calvin 1546 einem Freund. „Doch ich garantiere für nichts. Denn kommt er wirklich hierher, so lasse ich ihn, wenn mein Einfluss etwas bewirkt, nicht wieder lebendig fortziehen.“ 1553 vertieft Servet seine Kritik:

„Alle scheinen zu einem Teil die Wahrheit zu besitzen und zum anderen den Irrtum“ schreibt er. „Aber ein jeder bemerkt den Irrtum des anderen und sieht seinen eigenen nicht. Möge Gott in seiner Gnade uns die Augen öffnen für unsere Fehler, so dass wir nicht an ihnen festhalten.“

In Frankreich wird Servet als „Ketzer“ überführt und zum Tode verurteilt, kann jedoch aus dem Gefängnis fliehen. Sein Ziel: Italien. Auf der Durchreise besucht er einen Gottesdienst in Genf – Calvin ist der Prediger. Der lässt Servet sofort festnehmen, wird zum Zeugen, Gutachter und Ankläger zugleich.  Er verweigert einen Verteidiger, ebenso Hafterleichterung und Hilfen für den in seiner feuchten Zelle Erkrankten. Die Mehrheit der Richter verhängt die Todesstrafe – für eine Tat, die nicht in ihrem Land begangen wurde, und eine Person, die nicht ihrer Gewalt untersteht.

Am 27. Oktober 1553 wird der Scheiterhaufen mit zum Teil grünem Holz entzündet. Nach mehr als einer halben qualvollen Stunde findet Michael Servet den Tod. Später verteidigt sich Calvin: er habe sich statt Verbrennung für  Enthauptung ausgesprochen. Der als sanft geltende Wittenberger Reformator Philipp Melanchthon dankt Calvin. Die Verbrennung Servets sei „ein frommes und denkwürdiges Beispiel“. Er sei damit „vollständig einverstanden“: „Und ich bestätige zugleich, dass Deine Obrigkeit recht gehandelt hat.“

Unstrittig ist, dass das Urteil nicht im Rahmen eines Kirchenzuchtverfahrens gefällt wurde, sondern in einem Kriminalprozess auf der Grundlage des Reichsrechts, das die Leugnung der Trinität mit Atheismus gleichsetzte.

Weitere protestantische Obrigkeiten folgen dem Genfer Beispiel und verurteilen „Antitrinitarier“ zum Tode: 1566 den Theologen Valentino Gentile in Bern und 1572 den Pfarrer Johannes Sylvanus in Heidelberg. Dessen Amtsbruder flieht nach Konstantinopel – und erhält im islamischen Herrschaftsbereich Asyl. (Zum Ganzen vgl. meinen Beitrag „Die Hinrichtung des Humanisten“ in www.transparentonline.de/index…/562-die-hinrichtung-des-humanisten; 2014).

Besungenes „Geheimnis“ und beschworene Gemeinsamkeit 

Wo angesichts biblischer Widersprüchlichkeiten und (theo)logischer Zweifel eine gewisse Ratlosigkeit herrscht, wird die göttliche Dreifaltigkeit ein „Geheimnis“ genannt, das man nur mit Ehrfurcht bekennen – oder besingen – könne. So formuliert die regionale „Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen“ 2007 in Hamburg: „Die Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit Gottes lässt sich so wenig wie das Wunder der Liebe rational erklären. Deshalb haben die Christen zu allen Zeiten die Trinität als Geheimnis mehr in Liedern und im Lobpreis besungen als in Lehrformeln gefasst. Jedes Glaubensbekenntnis ist nicht zuerst Lehre, sondern ein alle Christen verbindendes Bekenntnis, das zur Anbetung führt. Die Trinität bleibt ein Geheimnis, das man nur mit Ehrfurcht bekennen kann („Der Glaube an den dreieinigen Gott“ – ACK Hamburg www.hamburg.de.. ./Trinität_Erklärung_2007.pdf).

In der Ökumene ist die Zustimmung zum altkirchlichen Credo Bedingung für eine Mitgliedschaft. So formulierte die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) schon 1981 in ihrer  Erklärung zur 1600-Jahr-Feier des Glaubensbekenntnisses von Nizäa-Konstantinopel: „Dieses Bekenntnis zum dreieinigen Gott ist das einzige ökumenische Glaubensbekenntnis, das die östliche und westliche, die römisch-katholische und die reformatorische Christenheit durch alle Trennungen hindurch verbindet […]. Die Gemeinsamkeit im Bekenntnis zum dreieinigen Gott ist unaufgebbare Bedingung für die Einheit der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche (ACK-Faltblatt 1995).

Sachlich-nüchtern stellte Karlheinz Ohlig 1999 dazu fest:

„Was der Religionswissenschaftler einfachhin konstatieren kann, bedeutet aber zugleich eine Anfrage an die Theologie nach der Legitimität eines solchen Konstrukts. Wenn es feststeht – und daran scheint kein Weg vorbeizuführen – , dass Jesus selbst nur vom Gott Israels, den er Vater nannte, und nichts von seiner eigenen späteren ‚Vergottung‘ wusste, mit welchem Recht kann dann eine Trinitätslehre normativ sein? Wie also ist eine Lehrentwicklung zu legitimieren, die eigentlich erst im zweiten Jahrhundert begann. […] Wie auch die einzelnen Etappen zu interpretieren sein mögen, so steht doch fest, dass die Trinitätslehre, wie sie sowohl im Osten wie – erst recht  –  im Westen am Ende ‚Dogma‘ wurde, keinerlei biblische Grundlage besitzt und auch keine ‚ununterbrochene Aufeinanderfolge‘ (continua successio) kennt“ (Karlheinz Ohlig. Ein Gott, drei Personen? Mainz, 1999, S. 124f).

Die EKD erklärt heutzutage unumwunden, dass das altkirchliche Credo keine biblische Grundlage hat. Kaum ein Thema des christlichen Glaubens sei „so rätselhaft (geworden), wie das Bekenntnis der Christen zum dreieinigen Gott“. „Zu Gott kann man beten, aber zu Jesus oder zum Heiligen Geist? Wie kann Jesus Gott und zugleich Sohn Gottes sein? Und was hat es mit dem Heiligen Geist auf sich? Drei gleich eins, eins gleich drei – eine Rechnung, die paradoxer nicht sein könnte. In der Bibel findet sich keine Trinitätslehre.“ […]. Doch dann rettet sich die EKD angesichts der in den sonntäglichen Gottesdiensten verankerten Glaubensbekenntnisse in das dem Geheimnis zugeordnete Gebet: „Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass derartige Gedankengänge nicht gerade einfach nachvollziehbar sind. So konnte Philipp Melanchthon schlussfolgern: ‚Die Geheimnisse der Gottheit sind besser anzubeten als zu erforschen‘“ (EKD: Glaubens-ABC www.ekd.de ›). Ausgerechnet Melanchthon, der Servets Verbrennung guthieß!

Entzauberte Glaubensbekennisse

Vor einem halben Jahrhundert wurden alternative Glaubensbekenntnisse formuliert –  so etwa 1961 von Martin Ohly, Pfarrer der Kirchengemeinde Ottweiler. (Er wurde1975 Superintendent des Kirchenkreises und 1990 Beauftragter der EKiR und ev. Kirche in der Pfalz bei Landesregierung und Landtag). Dieses  Credo war weder trinitarisch – noch christologisch:

[…] Ich glaube an Jesus. / Denn er war, was wir sein sollten: / Freund und Bruder aller, die ihn brauchten./ Weil er liebte, mußte er leiden. / Weil er so weit ging, mußte er sterben./ Aber er starb nicht umsonst./ Gott hat ihm Recht gegeben. / Er wird das letzte Wort behalten, / und alle, die Toten, die Lebenden und die Kommenden, /müssen sich messen lassen an ihm.

Ich glaube an den Geist. / Denn mit Jesus kam ein neuer Geist in die Welt, / der die verfeindeten Menschen / eine gemeinsame Sprache lehrt / und einander als Geschwister erkennen lässt […]. 

Wohl am bekanntesten wurde Dorothee Sölles Credo, das erstmals 1968 im Rahmen des Kölner Politischen Nachgtgebets vorgetragen wurde:

[…] Ich glaube an Gott
der den Widerspruch des Lebendigen will
und die Veränderung aller Zustände
durch unsere Arbeit
durch unsere Politik
Ich glaube an Jesus Christus
der Recht hatte, als er
„ein einzelner der nichts machen kann“
genau wie wir
an der Veränderung aller Zustände
arbeitete und darüber zugrunde ging. […]

Ich glaube an Jesus Christus
der aufersteht in unser Leben
daß wir frei werden
von Vorurteilen und Anmaßung
von Angst und Haß […]

Ich glaube an den Geist
der mit Jesus in die Welt gekommen ist
An die Gemeinschaft aller Völker
Und unsere Verantwortung für das
Was aus unserer Erde wird […]

 Das folgende, 1996 von Erika Görke aufgeschriebene Bekenntnis überwand auch die bisherige maskuline sprachliche Engführung und fand einen Platz im Evangelischen Gesangbuch:

Wir glauben an Gott,/ den Ursprung von allem, was geschaffen ist,/ die Quelle des Lebens, aus der alles fließt;/ das Ziel der Schöpfung, die auf Erlösung hofft.  

Wir glauben an Jesus Christus,/ den Gesandten der Liebe Gottes, / von Maria geboren. /  Ein Mensch, der Kinder segnete, / Frauen und Männer bewegte, / Leben heilte und Grenzen überwand./ Er wurde gekreuzigt. / In seinem Tod hat Gott die Macht des Bösen gebrochen / und uns zur Liebe befreit. / Mitten unter uns ist er gegenwärtig / und ruft uns auf seinen Weg.

Wir glauben an Gottes Geis , / Weisheit von Gott, / die wirkt wo sie will./ Sie gibt Kraft zur Versöhnung / und schenkt Hoffnung, / die auch der Tod nicht zerstört. / In der Gemeinschaft der Glaubenden / werden wir zu Schwestern und Brüdern, / die nach Gerechtigkeit suchen./ Wir erwarten Gottes Reich.

Aus: Evangelisches Gesangbuch, Gebete zum Gottesdienst. Vgl. auch Klaus-Peter Rex (Hg.) Neue Glaubensbekenntnisse: mit Hinweisen für die Verwendung in Gottesdienst und Unterricht, Gütersloh 1995.

Zwischen Klartext und Nebelkerzen

Ein Hamburger Kirchenstreit  

Im August 2005 wurde in der evangelischen Wochenzeitung „Die Nordelbische“ eine Art trinitarischer Streit dokumentiert. Es sei ein Missverständnis, schrieb Horst Gorski, Propst in Altona, dass das traditionelle Glaubensbekenntnis das einzig gültige, unverzichtbare Bekenntnis sei: „Es ist nicht vom Himmel gefallen.“ Selbst der innere Kreis der Kirchenmitglieder habe mit Jesus Christus als Gottessohn seine Probleme. Die alten Formeln trügen „viele Elemente untergegangener Weltbilder“. Man müsse einen Text schaffen oder aus dem Bestand auswählen, „der für die Menschen unserer Zeit geeignet ist“. Gorski: Das „abstrakt-richtige Bekenntnis unseres Glaubens gibt es nicht. Pastor Ulrich Rüß, Vorsitzender der „Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis“ widersprach: „moderne“ Bekenntnisse seien „vom Zeitgeist getragen“ . Gundula Döring, Referentin im Nordelbischen Frauenwerk, nannte dagegen die Rede von Gott als „allmächtigem Vater“ schlicht „ein Ärgernis“. In der Wirkungsgeschichte sei der Symbolcharakter der bildlichen Sprache verlorengegangen. Gorski: „Wir sind ausgerechnet im Kern unseres Glaubens sprachlos geworden – vielleicht manchmal sogar glaubenslos.“ Glaubens-Auskunft müsse am Ende aber einfach, verständlich und gesprächsfähig sein. Sogar das Hamburger Abendblatt berichtete ausführlich über diese Kontroverse ( Kirchenstreit um das Glaubensbekenntnis – Hamburg …www.abendblatt.de › Hamburg, 27.8.05).

 Aufhellung mit Teelichtern – ein hessisches Arbeitsblatt

Im kirchlichen Konfirmandenunterricht werden Kinder/Jugendliche oft angeregt, eigene Bekenntnisse zu formulieren und schließlich im Gottesdienst neben dem Apostolikum vorzutragen.  In der hessischen Kirche gibt es dazu folgende Arbeitsblatt-Anregung:

„Nach einem Lied erklären Konfirmanden oder Pfarrer/-in, dass das Apostolische Glaubensbekenntnis, wenn es im Gottesdienst gemeinsam gesprochen wird, uns verbindet (mit der gesamten Christenheit durch Raum und Zeit). Es ist Ausdruck der Gemeinschaft der Gläubigen. Jemand, der an den dreieinigen Gott glaubt, ist nicht allein. Er ist verbunden mit anderen Menschen und mit Gott. Eine Konfirmandin/Ein Konfirmand erzählt vom Erhellen einzelner Stellen des Glaubensbekenntnisses durch Teelichter und fordert die Gemeinde auf, noch einmal aus den Reihen zu kommen und dies ebenso zu tun. Die Gottesdienstbesucher erhalten je ein Teelicht, das sie zu der Aussage des Credos stellen können, die ihnen besonders wichtig ist. Danach wird, wenn möglich, die Beleuchtung gedimmt. Das Bild wirkt bei meditativer Musik. Als Abschluss wird das Apostolische Glaubensbekenntnis gemeinsam gesprochen.“

Eine Grundaufklärung über Entstehung und Fragwürdigkeit oder auch nur ein Hinweis auf die unbiblische Entstehung des altkirchlichen Credos ist in dem hessischen Arbeitsblatt nicht vorgesehen (PDF Download als PDF – Für eine gute Konfirmandenarbeit in …).

Trinitatis – das Dreifaltigkeitsfest

Dieses Fest, das um die erste Jahrtausendwende in französischen Benediktinerklöstern aufkam und 1334 durch Papst Johannes XXII. in den römischen Kalender eingeführt wurde, ist auch im Protestantismus fest verankert. So lautet denn der lapidare Satz im „Glaubens-ABC“ der EKD: „Trinitatis ist das Fest der Dreieinigkeit, das am ersten Sonntag nach Pfingsten gefeiert wird.“

Laut badischer Landeskirche ist „Trinitatis das Fest des dreieinigen Gottes, der sich nach den biblischen Erzählungen den Menschen als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist offenbart hat“ (Trinitatis – Evangelische Landeskirche in Baden…). Ist das exegetische Nachlässigkeit oder unbewusste Irreführung?

Die bayrische Landeskirche formuliert vorsichtiger und beschwört – wie viele kirchliche Interpreten –  das „Geheimnis“ der Trinität: „Im Zentrum des christlichen Glaubens steht ein geheimnisvoller Gott. Die Dreieinigkeit aus Vater, Sohn und heiligem Geist ist ein Geheimnis, das sich nicht mit dem Verstand auflösen lässt. Aber sie ist auch Ausdruck eines Gottes, der sich auf ganz unterschiedliche Weise erfahrbar macht.“ […] der zugleich Schöpfer der Welt ist, als historische Person auf der Erde gelebt hat und sich außerdem als spirituelle Quelle jedem offenbart, der zu ihm betet“ (Jenseits des Wissens – Kirchenjahr – Evangelisch …).

„Ungläubiges Staunen“

Im August 2015 wurde Friedenspreisträger Navid Kermani, Autor des im selben Jahr erschienenen Bestsellers „Ungläubiges Staunen“,  im Deutschlandfunk gefragt, was für ihn am Christentum problematisch, schwierig, unverständlich sei. Er nannte spontan die Trinität: Da habe ich die gleichen Schwierigkeiten, die Goethe damit hatte. Das ist etwas, was nicht in den Kopf hineingeht. Mit dem Herzen begreife ich das nicht, wie aus eins drei wird. Den Juden geht es ja sehr ähnlich. […] Das Christentum ist in diesem Sinne zutiefst synkretistisch, weil es sich ja zusammensetzt aus all den Religionen, Kulturen, die vorher da waren. Bei dem Islam ist es genauso – im Islam steckt so viel Christentum, soviel auch zoroastrische Religion, alt-arabische Religion, jüdische Religion… Es gibt keine Religion pur. Die Religionsgründer haben immer an die Vorgänger angeknüpft und fühlten sich als Fortsetzer“ (Navid Kermani – Ein Muslim und sein Buch über das …www.deutschlandfunk.de…).       

Sichtweisen – Jesus im Trialog

Aus gegebenem Anlass formulierte die beim Evangelischen Kirchentag beheimatete „Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen“ 1999 ein öffentliches „Nein zur Judenmission“: Das Neue Testament habe „Gottes Treue zum erwählten Volk Israel“ bekräftigt. Dies schließe aus, Juden Jesus als den für ihr Heil nötigen Messias zu verkündigen. Der Neutestamentler Professor Klaus Wengst erläuterte dies allgemein verständlich so: „Was wir durch Jesus Christus an Vertrauen zu Gott gewinnen und an Vergebung der Sünden, an Erbarmen und an Rechtfertigung erfahren, kennt und erfährt das Judentum in Vergangenheit und Gegenwart auch ohne Jesus“. Solche Auffassung wird in der EKD mehrheitlich geteilt (Christen und Juden – eine Verhältnisbestimmung …).

Auch im Bereich der katholischen Kirche werden ähnliche Positionen vertreten. So kam man in den USA im Jahr 2002 bei einer „Konsultation des Nationalen Rates der Synagogen und des Bischöflichen Komitees für ökumenische und interreligiöse Angelegenheiten“  zu folgenden Schlussfolgerungen: „Sollten wir dann nicht ein gemeinsames Arbeitsprogramm erstellen? Sollten wir nicht unsere geistigen Kräfte vereinigen, um die gemeinsamen Werte, die zur Wiederherstellung der unerlösten Welt führen können, darzulegen und ihnen gemäß zu handeln?“ (Reflexion über Bund und Mission.12. August 2002).

Das Judentum beansprucht keine Heilsexklusivität. Auch Angehörige anderer Glaubensrichtungen können „Anteil an der kommenden Welt“ erlangen, wenn sie bestimmte, in mythischen oder geschichtlichen Zusammenhängen dargestellte moralische Grundregeln einhalten. So  gelten in der Hebräischen Bibel an Adam und Noah ergangene Gebote für alle Menschen, lässt sich Moses von seinem Schwiegervater, einem midianitischen Priester beraten und wird der persische König Kyros sogar als Messias beschrieben, der in göttlichem Auftrag die Juden aus dem Exil wieder in die Heimat führt. Juden und Jüdinnen beteiligen sich häufig am Dialog der Religionen – sofern sie sich nicht vereinnahmt fühlen oder als Ziel von evangelikaler „Judenmission“ erfahren.

Jesus aus jüdischer Sicht und Erkenntnis

Jesus war Jude. Das wird von keinem ernst zu nehmenden Wissenschaftler heute mehr bestritten. Die Konsequenz von Jesu Judesein ist ein strenger Monotheismus –  so sehen es auch die jüdischen Jesusforscher . Matthäus 4,10 (Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen), Markus 10,18 (Keiner ist gut als Gott allein) und vor allem Markus 12,30, wo Jesus das „Sch’ma Jisrael“ (Höre, Israel) zitiert, weisen darauf hin. Jüdische Neutestamentler lehnen den dogmatischen Christus ab, sprechen wie der amerikanische Rabbiner und Religionsphilosoph Michael Wyschogrod (1925-2015) von „hoher“ Christologie.

Schon Maimonides, der bedeutendste jüdische Denker des Mittelalters (1135-1204) erklärte, die Muslime mit ihrem klaren Monotheismus stünden den Juden näher als die Christen, die Jesus vergöttlicht hätten. In der Neuzeit war der bereits erwähnte Joseph Klausner einer der ersten, der 1922 in seinem Werk „Jesus von Nazareth“ Jesus als einen Lehrer hoher Sittlichkeit und Gleichnis-Redner ersten Ranges würdigte, ihm aber prophetische und messianische Titel absprach. Schalom Ben-Chorins Buch „Bruder Jesus, der Nazarener in jüdischer Sicht“ (1967) gipfelt in dem Satz: „Der Glaube Jesu eint uns, der Glaube an Jesus trennt uns.“ Der sei kein Prophet, weil die Formel „so spricht Gott“ fehlt. Seine Predigt sei vor allem Schriftauslegung und  Gleichnisrede. Wahrscheinlich habe er zu einer inneren Opposition innerhalb der Gruppe der Pharisäer gehört. Im Laufe weiterer Entwicklung sei er zu einem „Christusgespenst“  gemacht worden. Ben-Chorin spricht ähnlich wie Martin Buber vom Bruder Jesus: „Es ist nicht die Hand des Messias, diese mit Wundmalen gezeichnete Hand. Es ist bestimmt keine göttliche, sondern eine menschliche Hand, in deren Linien das tiefste Leid eingegraben ist“ (S. 11). Die Bergpredigt Jesu sei keineswegs eine Kampfansage an die Tradition. Vielmehr stelle sie der  Verflachung der Tora deren Urabsicht gegenüber. Und die Feindesliebe sei schon in der Tora verankert (3. Mose 19,17 f). Zu Gethsemane sagt Ben-Chorin: „Man kann diesen Bericht nicht lesen, ohne zu Tränen erschüttert zu sein: Hier steht kein Held, kein Halbgott, kein Mythos! Hier zittert ein Mensch um sein Leben. Und in dieser Stunde der Angst ist uns Jesus besonders nahe. Es ist mir unfasslich, wie man diese menschliche Tragödie auf dem Hintergrund eines Dogmas von der Zweinaturenlehre Christi verstehen kann: wahrer Mensch und wahrer Gott“ (S. 148).

Der in Ungarn geborene britische Religionswissenschaftler Geza Vermes (1924-2013), Sohn jüdischer Eltern, die im Holocaust umkamen, interpretiert in seinem Buch „Jesus, der Jude – ein Historiker liest die Evangelien“ (1973/1993) Jesus ähnlich wie Ben Chorin – und protestantische Neutestamentler. Der Messiastitel sei kein Gegenstand der Lehre Jesu. Er spiele nur in den legendarischen Kindheitsgeschichten, im Johannesevangelium und in der Passionstradition eine Rolle. Dass er sich durchsetzte, sei wahrscheinlich der früh einsetzenden Polemik gegen die Juden zuzuschreiben, die Jesus als Messias, als Christus, strikt ablehnten. Und diese Ablehnung resultiere daraus, dass nichts, gar nichts eingetreten ist von dem, was vom Messias und der messianischen Zeit erhofft wurde – weder Tier- noch Völkerfrieden noch der im Magnifikat besungene Triumph: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebet die Niedrigen, die Hungrigen füllet er mit Gütern und lässt die Reichen leer“ (Lukas 1,46 ff).

Wie fast alle Neutestamentler hält Vermes fest, Jesus habe sich auch nicht als einzigartigen Gottessohn verstand. Der Vers Matthäus 11,27 („Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn denn nur der Vater …“) sei ein späterer hymnischer Text und Markus 13, 31 f („Auch der Sohn kennt nicht den Zeitpunkt, wo Himmel und Erde vergehen, nur der Vater kennt ihn“) soll die beunruhigende Wirkung über das Nichteintreffen der Ankunft des Menschensohnes abschwächen. Wie sich jüdische Charismatiker (Heiler) als Söhne Gottes bezeichnen, so könnte Jesus sich auch in diesem Sinne als Sohn Gottes gewusst haben. Oder auch, weil er ein intimes Verhältnis zu seinem himmlischen Vater habe.

Zusammenfassend sagt Vermes: Der Titel ‚Sohn Gottes‘  sei ursprünglich ein Auferstehungstitel (bei Paulus Römerbrief 1,4), dann ein Adoptionstitel (Taufe, besonders deutlich bei Markus 1,11), dann ein Geburtstitel (Matthäus und Lukas berichten ja Geburtsgeschichten, z. B. Lukas 1,32) und zum Schluss dieser Entwicklung ein präexistenter Titel (bei Johannes vor allem im Prolog). Die theozentrische Frömmigkeit bei Jesus wird spätestens ab Paulus von einer christozentrischen Frömmigkeit überlagert (mit der Vorstellung vom Sühnetod Christi, Gebete nicht nur zu Gott, sondern auch zu Christus, u.a.m.): „Viele Zeitalter sind vergangen, seit der einfache, jüdische Mensch der Evangelien in den Hintergrund trat, um für die prächtige und majestätische Figur des kirchlichen Christus Platz zu machen“ (Geza Vermes, Jesus, der Jude – ein Historiker liest die Evangelien, 1993, S. 274; vgl. auch Walter Homolka, Jesus von Nazareth im Spiegel jüdischer Forschung, Berlin/Teetz 2009; Der monotheistische Jesus ?- jüdische Jesusbilder und ihre …).

Das Gebet Jesu, das Vaterunser (Matthäus 6,9-13; Lukas 11,2ff), konnte und kann von jedem frommen Juden gesprochen werden. Es enthält im Vergleich zu den Gebeten seiner Zeit nichts Neues. Jesus erscheint hier implizit als Sohn unter Söhnen, die ihren himmlischen Vater um Vergebung ihrer Schuld bitten. Auch für den Islam, für den Jesus kein „Sohn Gottes“ ist, könnte das Gebet akzeptabel sein. Doch Christen haben hier ein Problem, wie das folgende Ereignis zeigt.

Das „Vater unser“ in Hessen

Im Oktober 2010 feierten Protestanten, Juden und Muslime in der Kirchengemeinde Seeheim an der Bergstraße am Erntedankfest  einen Gottesdienst – samt „Vaterunser“. „Es ist ein jüdisches Gebet, das von Jesus gesprochen wurde und das auch Muslime beten können“, so die Begründung. Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung sah das anders: „Das Vaterunser ist das Urgebet der Christenheit. Die Bibel nennt Jesus Christus als seinen Urheber“, hieß es in einer von der kirchlichen Pressestelle verbreiteten Erklärung. Wenn Muslime den Wortlaut mitsprächen, so verbänden sie damit andere Vorstellungen: „Das ist nicht schlimm. Aber dieses besondere Gebet gemeinsam zu beten, verschleiert die Unterschiede, die es eben auch gibt.“ Juden, Muslime und Christen sprächen unterschiedlich von und mit Gott, so Jung. Alle drei Religionen verträten drei Wahrheitsansprüche nebeneinander. „Das ist von allen anzuerkennen, und das verlangt Respekt voreinander.“ Ob es eine eindeutige Wahrheit gebe und eine der drei Religionen sie vertrete, könne – von außen betrachtet – niemand sagen. (Dürfen Juden und Muslime das Vaterunser beten …).

Der Gekreuzigte – erschienen und auferweckt

Für den jüdischen Glauben waren – und sind – individuelle Totenerweckungen vor der Endzeit befremdlich. „Warum wird es bei euch für etwas Unglaubwürdiges erachtet, wenn Gott Tote auferweckt?“ soll Paulus einst (laut Apostelgeschichte 26,8) in einer Verteidigungsrede gefragt haben.

Spuren von dem, was sich nach dem Tode Jesu ereignet hat, finden sich in dem von Paulus überlieferten wohl ältesten und historisch wichtigsten Text (1. Korinther 15,3-8). Demnach „erschien“ Jesus erst dem Kephas (Petrus), dann den Zwölfen, später „mehr als 500 Brüdern auf einmal“, ferner dem Jesus-Bruder Jakobus, „allen Aposteln“ und zuletzt auch Paulus selbst.

Der visionären Erfahrung folgt die Reflexion: warum musste er sterben?  Steht nicht geschrieben:

„Verflucht ist jeder, der am Holz hängt“ (5. Mose 21,23)? Antwort sucht man in profetischen Texten (Jesaja 53,3ff; Hosea 6,2), die man kühn auf Jesus hin deutet; „Für unsere Sünden gestorben, nach den Schriften“, „auferweckt am dritten Tag, nach den Schriften“. Über Ort, Zeit und Art der Erscheinungen äußert sich Paulus nicht. Auch ein „leeres Grab“ erwähnt er  mit keinem Wort.

Die ersten Dogmenbildungen sind gewiss auch Ergebnis der Trauerarbeit der frühen Jesusbewegung, die durch den plötzlichen und unerwarteten Tod ihres Meisters zutiefst erschüttert und verunsichert wurde. Die damalige Rede von Jesu Auferweckung verdient Achtung und Respekt. Mit ihr versuchten seine frühen AnhängerInnen, den Glauben an ihren Meister über dessen grausames Scheitern hinaus zu bewahren. Die Mythologisierung seiner Person ist zugleich auch Poesie und Dichtung der Jesusnachfolgenden. Sie  ist in der konkreten Situation und Zeit jeweils eine wichtige poetische Metapher. „Gegenstand des Glaubens kann nur sein, was durch die Mythologeme zur Sprache gebracht werden soll. Die christologischen Texte des Neuen Testaments  sind Liebesdichtung, und wer sie zum Dogma macht, handelt so, als wolle er ein Liebesbekenntnis in einen juristischen Vertragstext umwandeln“ (Gerd Theißen, Argumente für einen kritischen Glauben, München 1988, S. 110).

Liebe ohne Gewalt – „Gott braucht kein Sühnopfer“

Die christliche Vorstellung vom Sühnopfer Christi ist für den jüdischen Glauben befremdlich. Der schon früh als Opfer und Martyrium gedeutete Tod Jesu (vgl. Philipperbrief des Paulus, 2,8) ersetzte vor allem nach der Zerstörung des Tempels (70 n.Chr.)  mehr und mehr den jüdischen Kult und die durch ihn bewirkte Sühne. Hinzu kamen wichtige Motive und Symbole aus der Hebräischen Bibel, die auf Jesus hin gedeutet wurden: das stellvertretende Leiden des Gottesknechtes (Jesaja 53), das Bundesopfer (Exodus 24,8), Gedanken vom Loskauf oder das Osterlamm. Dadurch wurden Verbindungen zwischen dem jüdischen und hellenistischen kulturellen Gedächtnis einerseits und der Tragödie des Leidens und Sterbens Jesu andererseits hergestellt. Die Passion Jesu wurde zum in Gottesdiensten zelebrierten Kultdrama geworden.

Im 21. Jahrhundert wird die Sühnopfer-Theologie bis in kirchliche Leitungsebenen hinauf  mehr und mehr in Frage gestellt. „Ich halte nichts von Interpretationen des Kreuzestodes, die sich im Leiden suhlen“, sagte EKiR-Präses Nikolaus Schneider, 2009 in einem Interview für die April-Ausgabe von „chrismon plus rheinland“.  „Gott braucht kein Sühneopfer.“ Wohl aber bräuchten die Menschen die Botschaft vom Kreuz – „als Zeichen für Gottes Liebe und Solidarität, als Symbol für das Mitgehen Gottes mit uns durch den Tod.“ Ähnlich äußerte sich im selben Jahr der pensionierte Bonner Superintendent Burkhard Müller in Morgenandachten des WDR.

Der emeritierte Theologie-Professor Klaus Peter Jörns hatte schon in mehreren Büchern dazu aufgefordert, von der Sühnopfer-Theologie Abschied zu nehmen. Im Februar 2010 erklärte er dann im „Deutschen Pfarrerblatt“, ein „Muss“ für den Tod Jesu zu behaupten, sei „ein theologisches Konstrukt, das die Hinrichtung Jesu unbedingt als Heilsgeschehen deuten möchte“. Doch in solchemTrost stecke doch „die trostlose Botschaft, dass Gott nicht nur aus seiner Liebe heraus mit uns Menschen mitleidet, sondern nur auf dem Umweg über Jesu Tod“ – und dass „Gott Jesu Leiden instrumentalisiert hat, weil er so oder so Sühne will“. Überall auf der Welt werde nach Sühne gerufen, die aber dadurch nicht besser werde. „Immer wieder geschieht neues Unrecht, geschehen immer neue Übergriffe auf das Leben anderer. Dass das Christentum dafür eine Mitverantwortung trägt, ist evident und bedarf theologischer Konsequenzen.“

Bärbel Wartenberg-Potter, von 2001 bis 2008 Bischöfin von Holstein-Lübeck, erklärte 2011 –  ähnlich wie zuvor Nikolaus Schneider –  in der Oster-Ausgabe der nordelbischen „Evangelischen Zeitung“: „Gott braucht kein Sühneopfer.“ Sonst „brauchten wir Menschen sie erst recht, brauchten Sündenböcke und Opferungen“. Jesus habe hingegen habe gezeigt, dass der einzige Weg, Böses aus der Welt zu schaffen, nicht die Sühne durch gewaltsame Opfer sei, sondern das Verzeihen und die Umkehr. Der Gott Jesu wolle Versöhnungstaten statt Menschenopfer. Nach diesem Beispiel sollten auch die Menschen als Friedensstifter handeln.

„Rechtgläubige“ Theologen liefen Sturm gegen Wartenberg-Potter. Schon als Bischöfin sei sie eine Fehlbesetzung gewesen, sei „mehr feministische Humanistin als bibelgebundene Christin“ und habe wohl nicht verstanden, „mit welchem Gewicht die Sünde auf der Menschheit lastet“. Sie kämpfe „gegen ein verzerrtes Gottesbild“ und biete selbst kaum mehr als „das armselig flache Gottes-Konstrukt der Aufklärung“.

Ganz anders Matthias Kroeger, bis 1998 Professor für Kirchen- und Theologiegeschichte in Hamburg. Er  meinte schon 2004 in seinem Buch  Im religiösen Umbruch der Welt: Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche: „Noch die schönsten Weihnachtslieder und die tiefsten, unersetzlichsten Passionslieder sind von diesen inzwischen unwahr und kontraproduktiv gewordenen Absolutheits-, Genugtuungs-, Versöhnungs-, Präexistenz- und anderen Komplexen durchzogen und geraten daher – von Jahrfünft zu Jahrfünft – immer weiter ins Abseits. Es wird Zeit, dass den hier fälligen Revisionen Bewusstsein und Raum, kirchen-öffentlicher Raum für erklärte und legitime Freiheit gegenüber diesen Vorstellungen geschaffen wird.“

Eine solche Revision würde die Verbundenheit mit dem Judentum stärken. Den Dialog mit dem Islam könnte sie freilich kaum fördern. Der Koran (Sure 4,157f) bestreitet Jesu Kreuzestod. Er unterstellt den Juden Mordabsichten, „ doch ermordeten sie ihn nicht und kreuzigten ihn nicht, sondern einen ihm ähnlichen“, und letztendlich „erhöhte ihn Allah zu sich“ – will sagen:  statt eines gewöhnlichen Todes gestorben zu sein, ist er lebendig in den Himmel entrückt worden. Das wäre mit der Überlieferung des Prophetenbiographen Ibn Ishaq vereinbar, nach welcher Mohammed bei seiner Himmelsreise Jesus mit den übrigen im Koran genannten Propheten im Himmel angetroffen hat.“ (Ch. Schirrmacher: Der Islam, Bd. 2, Holzgerlingen 2003,S. 224).

Die Vergottung Jesu und der „Gottprotz“

In den ersten Jahrhunderten n. Chr. rückte zunehmende „christologische“ Mythisierung Jesus immer weiter vom Judentum weg – später auch vom Islam. Sie gewann zentrale Bedeutung ausschließlich für den christlichen Glauben und die christliche Identität. Jesus wird neben Gott gesetzt, ja unter  dem Einfluss der „hellenistischen“ Mittelmeerwelt vergöttlicht – in Ansätzen schon vor Paulus, wie seinem Philipperbrief (2,5-11) zu entnehmen ist.

 

Christliche Hardliner und Fundamentalisten halten mit der Endlosschleife des sonntäglichen Credos eisern an wortwörtlich verstandenen Glaubensformeln fest. Der jüdische Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti bemerkte in seinem Buch „Der Ohrenzeuge“ (1983) sarkastisch: „Der Gottprotz muss sich nie fragen, was richtig ist, er schlägt es nach im Buch der Bücher. Da findet er alles, was er braucht. Da hat er eine Rückenstütze. Da lehnt er sich beflissen und kräftig an. Was immer er unternehmen will, Gott unterschreibt es. Es soll ihm einer eine Frage sagen, auf die er keine passende Antwort fände“ (S. 87).

Angesichts des zunehmenden Biblizismus hielt es der Münchener Alttestamentler Prof. Christoph Levin 2006 für wichtig, „den jüdischen und den christlichen Glauben vor dem religiösen Fundamentalismus zu bewahren, der sich auf die Bibel wie auf einen papierenen Fetisch beruft.“ Reinhard Hempelmann, Leiter der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, formulierte 2013 empathischer:   „Unübersichtlichkeit provoziert die Sehnsucht nach Verlässlichkeit, nach Klarheit, nach Verbindlichkeit, auch nach Abgrenzung. Das für alle protestantischen Kirchen charakteristische Schriftprinzip wird in zahlreichen neuen freikirchlichen Gemeinschaftsbildungen zum Verbalinspirationsdogma gesteigert und gewissermaßen in den Rang des Bekenntnisses erhoben, um anfechtungsfreie Gewissheit herzustellen.“ (Fundamentalismusdebatte.de…).

Die Wertschätzung Jesu im Islam

Laut Koran gelten, Judentum, Christentum und eventuell auch andere Religionen als Vorläufer der islamischen Gemeinschaft, deren Glauben  sie – laut Mehrheitsmeinung – ebenfalls zu Gott führen könne. Neben zahlreichen Hadithen berufen sich Befürworter des Dialoges gern auf Sure 29,46: „Und streitet mit den Leuten der Schrift nie anders als auf eine möglichst gute Art“, auch auf Mohammeds respektvolle Glaubensgespräche mit Christen in Nadschaf.

Nach Auffassung einiger Theologen drückt das Wort Islam neben der Bezeichnung des konkreten Glaubenssystems auch eine Haltung der Gotteshingabe aus, die auch von Christen, Juden und anderen praktiziert werden könne. Insofern könne ein guter  Gottgläubiger auch dann Islam praktizieren, wenn er sich selbst nicht als Muslim im engeren Wortsinn verstehe.( Islam – Fragen und Antworten – Islamisches Zentrum München…)

Jesus – Gesandter Allahs und Zeichen der Barmherzigkeit

Im Koran heißt es: „Er sagte: Ich bin der Diener Gottes. Er hat mir die Schrift gegeben und mich zu einem Propheten gemacht“ (Sure 19:30). Der Koran äußert sich an vielen Stellen über Jesus, sein Leben und Wirken, und stellt ihn mit den großen Propheten der Religionsgeschichte in eine Reihe. Mehr noch als ein einfacher Prophet ist Jesus ein von Gott gesandter Religionsstifter, jedoch nicht Gottes Sohn. Mit der Jungfräulichkeit Marias wird auch seine göttliche Herkunft anerkannt (Sure 3, 45-48). Nur er wird sogar „Mahdi“ (Messias) genannt (Sure 5, 76.79). Am Ende der Zeit wird er als Messias zum Endgericht wiederkommen. Doch jede Vergöttlichung wird abgewehrt: „Oh Volk der Schrift, übertreibt nicht in eurem Glauben, und sagt von Allah nichts als die Wahrheit. Der Messias, Jesus, Sohn der Maria, war nur ein Gesandter Allahs und eine frohe Botschaft von Ihm.“ Es sei „fern von seiner Heiligkeit, dass er einen Sohn haben sollte“ (Sure 4,172).

Am 22. Dezember 2015 teilte die Islamische Religionsgemeinschaft Hessen (IRH) in einer Presseerklärung mit: „Die Geburt Jesu ist für uns Muslime ein besonderer Anlass für Freude, denn er gehört nach dem Koran zu den größten Gesandten, beziehungsweise Propheten Allahs.“  Der IRH-Vorsitzende Ramazan Kuruyüz betonte, Jesus und seine Geburt würden im Koran als Zeichen von Allahs Barmherzigkeit und Allmacht bezeichnet. Angesichts der Flüchtlingssituation – so die IRH – seien Muslime und Christen auf von Jesus und Mohammed vermittelte Werte wie Barmherzigkeit, Liebe und Mitgefühl angewiesen: „Wir stehen gleichermaßen in der Pflicht, den Menschen in Not beizustehen, mit ihnen barmherzig umzugehen und ihnen ein neues Zuhause zu geben. Das ist zugleich ein gesamtgesellschaftliches und religionsübergreifendes Gebot der Menschlichkeit.“ (Der Islam und die Geburt Jesu: EKHN Evangelische Kirche ..).

Interreligiöse Weihnachtslieder – Zustimmung und Widerspruch 

Am 22. Dezember 2014 war in „spiegel online“ zu lesen: „Politiker regen an, zum Zeichen der Solidarität mit Muslimen in Weihnachtsgottesdiensten ein Lied aus dem Islam zu singen. Erwähnt wurde der baden-württembergische SPD-Abgeordnete Thomas Funk, der zuvor in der „Bildzeitung“ erklärt hatte, Verständnis, Achtung und Toleranz ließe sich auch „mit einem Lied befördern“. Der Grünen-Politiker Omid Nouripour sagte auf eine Anfrage hin laut „Bild“: „Es wäre ein tolles Zeichen des friedlichen Zusammenlebens der Religionen, wenn in der Kirche ein islamisches Lied gesungen würde und in der Moschee ein Weihnachtslied.“

Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach war da bei „FOCUS online“ entschieden anderer Meinung: Weihnachten sei „kein Hochamt für Multikulti, sondern ein christliches Fest, bei dem traditionell nur christliche Weihnachtslieder gesungen werden. Dabei soll es bleiben.“ Ihm sei auch nicht bekannt, „dass in irgendeiner Moschee ,Stille Nacht, heilige Nacht‘ gesungen wird oder es entsprechende Pläne gibt. Bevor Herr Nouripour vorschlägt, dass der Muezzin zur Christmette ruft, hoffe ich sehr, dass es beim christlichen Glockenläuten bleibt.“

Auch die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner hatte Vorbehalte. „Ich kann mir nicht recht ausmalen, wie Muslime in der Moschee etwa das Lied ,Auf, Christen, singt festliche Lieder‘ singen“, sagte sie zu FOCUS Online. „Vielleicht muss man also nicht unbedingt etwas vermixen, das nicht wirklich zusammenpasst. Trotz guter Absicht, verrenken sollten wir uns nicht.“

Elias Canetti bemerkte in ähnlichen Zusammenhängen in seinem Buch „Der Ohrenzeuge“ (1983) sarkastisch: „Der Gottprotz traut der Vorvergangenheit und holt sie zu Hilfe. Die Finessen der Neuzeit sind überflüssig. Man kommt viel besser ohne sie aus. Sie machen nur alles komplizierter. Der Mensch will eine klare Antwort wissen, und eine, die sich gleichbleibt. Eine schwankende Antwort ist nicht zu gebrauchen. Für verschiedene Fragen gibt es verschiedene Sätze. Es soll ihm einer eine passende Frage sagen, auf die er keine passende Antwort hätte“ (S.87).

Die EKD reagierte flexibler, braucht sich vielleicht von dem Etikett Gottprotz nicht ganz so getroffen fühlen:  Die „uns allen vertrauten Weihnachtslieder“  mit der Botschaft vom Kind in der Krippe setzten „ein deutliches Zeichen gegen Ausgrenzung und Ausländerfeindlichkeit“. Im Übrigen unterstütze die Kirche „jede Möglichkeit, das friedliche Miteinander weiter zu befördern“, sagte der EKD-Sprecher.

 

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Amman Mazyek, schlug dagegen im Gespräch mit der „Katholischen Nachrichten-Agentur“ (KNA) als Lied für Weihnachtsgottesdienste „Tala‘a al-badru alayna” („Heller Mondschein leuchtet“) vor. Das wäre „ein wunderbares Zeichen des Friedens und der Anteilnahme“ – ebenso wie Gesang christlicher Lieder bei muslimischen Veranstaltungen.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) ging einen Schritt weiter als alle anderen. Er plädierte dafür, im Sinne des interreligiösen Dialogs auch den jüdischen Glauben einzubeziehen: Die Vertreter aller abrahamitischen Religionen könnten damit „ein gutes Zeichen“ setzen. (Islamische Lieder in der Kirche?: Bosbach: „Weihnachten ist …).

Der „Sohn der Maria“ – und „Gottes Sohn“?  

In der katholischen Kirche wird die Mutter Jesu als sündlose „Jungfrau Maria“ und – seit dem 5. Jahrhundert – als „Gottesmutter“ verehrt: ein unumstößliches Dogma. Die Präsidententochter und Theologie-Professorin Dr. Uta Ranke-Heinemann widersprach. Am 15. April 1987 bemerkte sie im Marienwallfahrtsort Kevelaer gegenüber dem WDR: „Viele Juden sind umgebracht worden, weil sie nicht an die Jungfrauengeburt glauben konnten. Und ich kann das auch nicht.“ Drei Monate später entzog ihr der Essener Bischof Franz Hengsbach  die Lehrerlaubnis für Katholische Theologie.1991 ereilte den Paderborner Privatdozenten Eugen Drewermann das gleiche Schicksal. Ein Jahrspäter erhielt er Predigtverbot, 2005 trat er aus der Kirche aus.

In der evangelischen Kirche hat Aufklärung eine größere Chance. Die Bischöfin Maria Jepsen sagte im Mai 2010 der „Tageszeitung“ (taz), mit  „Jungfrau“ solle ausgedrückt werden, „dass Jesus ein ganz besonderes Kind, ein Gotteskind, ist“. Diese Sicht trenne sie „klar von der katholischen und orthodoxen Auffassung, für die Maria sogar die immerwährende Jungfrau ist“. Das Glaubensbekenntnis könne sie gut nachsprechen: „weil ich die Glaubensaussage teile, dass Jesus von Anfang an von Gott gewollt, in die Welt geschickt und ein besonderer Mensch ist, der Himmel und Erde miteinander verbindet. Da interessiert mich die biologische Wertung überhaupt nicht.“  Nimmt man der Geburt Jesu nicht etwas von ihrer Schönheit? Die Wundervorstellung gehe dabei nicht verloren: „Nein, das Wunder ist, dass Gott seinen Sohn nicht in einem Palast hat zur Welt kommen lassen, sondern von einer einfachen Frau in einem kleinen Ort in Galiläa.“ (Zum Ganzen vgl. Christian Danz (Hg.), Zwischen historischem Jesus und dogmatischen Christus. Zum Stand der Christologie im 21. Jahrhundert, Tübingen 2010).

Ähnlich äußerte sich die ehemalige Bischöfin Prof. Dr. Margot Käßmann in einem Interview mit dem SPIEGEL (22.7.2013): „Da bin ich ganz Theologin des 21. Jahrhunderts. Ich glaube, dass Maria eine junge Frau war, die Gott vollkommen vertraut hat. Aber dass sie im medizinischen Sinne Jungfrau war, das glaube ich nicht. […) Ich denke, dass Josef  im biologischen Sinne der Vater Jesu war.“ In den „Westfälischen Nachrichten“ (14.12.2013) ergänzte sie: Maria sei zum Zeitpunkt ihrer Niederkunft de facto nicht verheiratet gewesen. „Jesus als uneheliches Kind, verehrt und gefeiert von einer Kirche, in der längst nicht jedes Kind willkommen ist.“ Unehelich? Oder doch nur vorehelich?

Irritierende Quellen – die ungeklärte Vaterschaft

Das Motiv einer Jungfrauengeburt Jesu fehlt in den ältesten Schriften des Neuen Testaments. Zur Zeit von Paulus existiert dieser Mythos gewiss noch  nicht – anderenfalls hätte er ihn nicht verschweigen dürfen. Nach seinem ca. im Jahr 55 geschriebenen Galaterbrief, (4,4) wurde Jesus „von einer Frau“ (griechisch gynaika) – nicht etwa Jungfrau – geboren: Er erwähnt sie ein einziges Mal – namenlos.

Das Evangelium nach Markus (das älteste, ca. 70 n .Chr.) erzählt, wie Jesus in seiner Heimatstadt abgelehnt wurde (6,1-6). Dabei wird er als „Sohn der Maria“ bezeichnet. Das ist höchst ungewöhnlich, da ein jüdischer Mann – ebenso wie ein nichtjüdischer im damaligen Kulturraum – normalerweise mit dem Namen seines Vaters verbunden wurde, selbst dann, wenn der Vater schon gestorben war. Einen Hinweis für die Annahme, „Sohn der Maria“ sei distanzierend oder abwertend gemeint, liefern die drei Evangelisten Matthäus, Lukas und Johannes, denen das Markusevangelium vorlag und die unabhängig voneinander „Sohn der Maria“ in „Sohn des Handwerkers“ bzw. (Matth. 13,55)„Sohn des Joseph“ (Luks 4,22; Joh. 1,45) änderten.

Die Bezeichnung Jesu als „Sohn der Maria“, die bereits in seinem Heimatort gegen ihn geäußert wurde, mag ursprünglich als Verhöhnung gemeint sein, als Schimpfwort:  Einen Mann nicht nach dem Vater, sondern nach der Mutter zu benennen, war in der damaligen Kultur Ausdruck für eine uneheliche Herkunft. Nur illegitime Söhne wurden damals nach der Mutter benannt. (Vgl. Die Jesusgestalt – zwischen Mythos und Geschichte ,   30.12. 2009.)

Ein Soldat namens Panthera…

Zu einer Annäherung an eine Antwort wird gelegentlich auf eine vom Philosophen Celsus zitierte Erzählung aus dem 2. Jahrhundert verwiesen: Ein römischer Soldat namens Panthera sei der leibliche Vater Jesu aus einer unehelichen Beziehung mit Maria. Die Legende in ihrer überlieferten Form ist Ausdruck jüdischer Polemik. Doch lässt sich nicht rekonstruieren, ob die Überlieferung der Geistzeugung Jesu und der Jungfrauengeburt eine Reaktion auf oder die Voraussetzung für den jüdischen Vorwurf der Nichtehelichkeit Jesu ist.  Jedenfalls steckt dieser Vorwurf bereits in der bei Markus überlieferten Bezeichnung Jesu als „Sohn der Maria“. Durch sie wird erst recht deutlich, warum spätere Christen die Lehre der Jungfrauengeburt überhaupt ausgebildet haben. Teilweise war sie offensichtlich die Reaktion auf die verleumderisch gemeinte, aber historisch zutreffende Nachricht, dass Jesus außerhalb einer Ehe gezeugt bzw. geboren wurde.

Maria im Schatten der Besatzungsmacht: Hatte sie eine kurze Liebesbeziehung zu einem römischen Soldaten – oder einem ganz anderen Mann. Wurde sie verführt? vergewaltigt? Die offensichtlich uneheliche  Zeugung Jesu zog in späteren Evangelien-Texten den Vorwurf des Adoptivvaters Joseph nach sich, Maria habe Jesus in Unzucht empfangen. Ein Engel erklärt seinen „Irrtum“. Hat Maria ursprünglich geschwiegen – aus Scham, Not oder Bedrängnis? „Sie erzählt nichts, ja, darf gar nichts von ihrer Schwangerschaft berichten. Vielmehr wird ihre Gebärmutter fortan – in Reaktion auf die feindliche pornographische Unterstellung – zum Ort einer Zeugung ohne Sexualität gemacht. Die Gynäkologie dient hier der Theologie zur Legitimation der göttlichen Herkunft und Herrschaft Jesu“ (Gerd Lüdemann, in: Die Weihnachtsgeschichten der Bibel – Kreudenstein online).

Von der „reinen Magd“ zur „Gottesmutter“

In der Theologiegeschichte wurde der Mythos der „Jungfrauengeburt“ in den Rang eines in der katholischen Kirche heute noch wortwörtlich verbindlichen Glaubensbekenntnisses erhoben. Um 200 n. Chr. fand er sich erstmals in Vorformen des späteren Apostolikums: „geboren von der Jungfrau Maria“. Die „heidnische“ Götterwelt mit ihren vielfältigen Göttinnen forderte die Christen heraus, Maria noch weiter zu erhöhen – bis hin zur seit dem 5. Jahrhundert für sakrosankt erklärten „Gottesmutter“:

„Heil dir, Maria, Gottes Mutter, erhabener, kostbarer Gemeinbesitz der ganzen Welt. Du nie verlöschende Lampe, du Krone der Jungfräulichkeit, du Zepter des wahren Glaubens, du unzerstörbarer Tempel, du Wohnung des Grenzenlosen, du Mutter und Jungfrau, durch die die Engel und Erzengel sich freuen, die Teufel in die Flucht gejagt werden, und die gefallene Schöpfung in den Himmel aufgenommen wird.“

Mit diesem heute noch gebräuchlichen Lobpreis verstand es Kyrill, Bischof von Alexandria, im Jahr 431 auf dem Konzil von Ephesus, Maria als „Gottesgebärerin“ zu verherrlichen.  Der blühende Marienkult mit seinen vielen Fest- und Gedenktagen nahm von hier seinen Ausgang. Aus Maria, der in Evangelien gepriesenen „reinen Magd“, wurde die erhabenste Himmelsherrscherin aller Zeiten. Noch also hat sich die Hoffnung von Thomas Jefferson (1743-1826) nicht erfüllt, der da sagte: „Es wird der Tag kommen, an dem die mystische Entstehung Jesu im Leib einer Jungfrau und mit dem höchsten Wesen als Vater in die gleiche Kategorie eingeordnet wird wie die Fabel von der Geburt der Minerva aus dem Kopf Jupiters.“

Maria als tröstendes Exempel

Die Schweizer Pastorin Luzia Sutter Rehberg hat aufgrund existentiellen Zugangs zum alten Mythos einen ganz neuen Zugang zu Maria gefunden: „Das wäre eine feministische Deutung, die auch heute sehr viele Frauen anspricht, die solche Dinge erlebt haben, also Vergewaltigungen z.B. Und denen dann plötzlich die ganze Jungfrau Maria-Geschichte unheimlich einfährt, weil sie merken, mein Gott, die hat das erlebt, was ich auch erlebt habe. Das sind Erfahrungen auch von Gemeindegliedern mit eigenen Kindern und eigenen Leben, die plötzlich theologisch zur Sprache kommen können. Und das allein hat schon einen großen Wert. Es geht ja nicht nur um den exegetischen Buchstaben, und  wer hat jetzt recht. Sondern immer auch um die Frage: Wie wirkt das, wie leben wir das menschlich aus“.

Luzia Sutter Rehberg hat auch als Predigerin beim Schweizer Radio ihre Erkenntnisse und Auffassungen darstellen können – mit beträchtlicher Zustimmung (Vgl. Die Jesusgestalt – zwischen Mythos und Geschichte , 30.12. 2009).

Distanz und Nähe – jüdische Stimmen

Die bedeutendste Annäherung an Marias Sohn Jesus verdanken wir in jüngerer Zeit neben Martin Buber Schalom Ben-Chorin.  Sein Ziel: Eine Annäherung an die reale Existenz von Marias Erdentagen diesseits von mythologischen Überhöhungen: „An keiner Gestalt des Neuen Testaments wird die griechisch-römische Verfremdung des hebräischen Erbes deutlicher als an der Mariens.“ Um sie wob man eine Wolke gewoben „aus Glaube, Liebe und Hoffnung, aus Mythos, Sehnsucht und archetypischen Vorstellungen, aus Weisheit und kindlicher Einfalt, aus Traum und Gebet.“ Schalom Ben-Chorin holt Maria auf den Boden palästinensischer Wirklichkeit zurück. Dabei geht es ihm darum, die vielfältigen Nebel und Schleier zu lüften, „um das jüdische Antlitz einer jungen Mutter aus Galiläa wieder deutlich zu machen“ (Schalom Ben-Chorin; vgl. MARIA – IM JUDENTUM UND ISLAM).

In den überlieferten Schriften jüdischen Denkens und Glaubens kommt Maria/Mirjam kaum vor. Als Gestalt  christlichen Heilsgeschichte bleibt sie dem Judentum fremd. Wenn  jüdische Autoren über sie schreiben, dann zwar weniger für eine jüdische als für eine christliche Leserschaft, doch entdecken manche in Marienbildern zutiefst menschliche Züge – so auch  Alisa Bach, Vorstands-Mitglied der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover. Sie meint: „Aus jüdischer Sicht ist Maria zwar keine Heilige, aber sie könnte durchaus dem Paradigma der „jüdischen Mutter“ entsprochen haben, die sich voller Selbstaufopferung um ihre überbehüteten und vergötterten Söhne kümmert. Als Jüdin, die in christlich geprägter Umgebung lebt, begegnet mir jedoch die christlich „verzauberte“ Maria in zahlreichen Gestalten: als florentinische Dame mit einem gut genährten Baby auf dem Schoß inmitten italienischer Landschaft, als schmerzensreiche Schutzgöttin von Faust’s Gretchen, als wundertätige Heilige im weihnachtlichen Dornwald und als Pieta über den leblosen Körper ihres erwachsenen Sohnes gebeugt – Sinnbild des unstillbaren Schmerzes aller Mütter, denen Mächtige und Gewalttätige die Kinder raubten. Was mich an Maria berührt ist weniger die christliche Geschichte einer Heiligen als vielmehr die in der europäischen Kultur vielfach erzählte menschliche Geschichte einer jungen, schönen Frau, die das Glück erlebt Mutter zu werden und schließlich das tragische Schicksal einer verwaisten Mutter durchleben muss“ (in:Was mir Maria bedeutet www.landeskirche-hannovers.de/evlka-de/presse-und-medien/frontnews, 19.12.2013).

P.S. Auch für den Islam ist das Wichtigste im Leben Marias, dass sie durch ein göttliches Wunder schwanger wurde und Jesus Christus zur Welt brachte. Die Ankündigung der Geburt Jesu und die Geburt selber werden geschildert in Sure 3,45-49; 19,16-35 und 66,12. Während Sure 3,47 mehr das Allmachtswort Gottes betont, erzählt Sure 66,12 davon, dass Gott von seinem Geist in Maria hineinblies. Jedoch ist Jesus im Koran und Islam Prophet, nicht Messias und noch weniger „Gottes Sohn“.

Intellektuelle Redlichkeit und kirchliche Wirklichkeit

Das Apostolikum – sonntäglicher Bekenntnis- und Basistext der Kirche – enthält Aussagen, die heute nicht nur unverständlich, sondern theologisch und historisch höchst fragwürdig sind. Jungfrauengeburt und Himmelfahrt gehören gewiss dazu.  Dennoch wird an ihm als dem „einigenden Band“ aller Kirchen eisern festgehalten. Eine Kirche, „die ihren Glauben derart unzureichend mit einem Formular aussagt, das über 1500 Jahre alt ist, stellt sich ein erschreckendes Armutszeugnis aus“, meinte der schwäbische Pfarrer Dr. Jochen Vollmer (1939-2014). Einer lebendigen Kirche bleibe nichts anderes übrig, als „den Exodus aus der vergangenen Bekenntnisform zu wagen“. Es sei mündigen Christen nicht zuzumuten, ihren Glauben mit den Worten des Apostolikums heute zu bekennen.

Ehrliche Aufklärung und intellektuelle Redlichkeit seien dringend notwendig, nicht die monopole Verwaltung der christlichen Wahrheit, sondern der offene Dialoge. Kirchliche Erwachsenenbildung müsse dazu beitragen, dass Christen und Christinnen „gemäß dem allgemeinen Priestertum aller Gläubigen zur eigenen Urteilsbildung fähig werden“ (in: Deutsches Pfarrerblatt 2 / 2002: Theologie ohne Tabus).

Wahrheit wird uns frei machen – so schwierig die Annäherung oft an sie ist und wie schwer sie oft auch zu erreichen ist. Manchmal ist auch hier Sokrates‘ Weisheit angebracht: „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ Würde die Kirche aber aus realer oder irrationaler Angst vor Bestandsverlusten bereits auf dem Weg der Wahrheitsfindung auf der Strecke bleiben, müßte man dem sarkastisch düsteren Urteil des großen Theologen Hans Conzelmann (1915-1989) weiterhin Recht geben: „Die Kirche lebt praktisch davon, das die Ergebnisse der wissenschaftlichen Leben-Jesu-Forschung in ihr nicht publik sind.“

Nikotin und schlechte Medizin können tödlich sein. Falsches Leben auch. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, meinte Theodor W. Adorno. Dagegen kann Aufklärung helfen – „der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel Kant). Dabei ist Angst ein schlechter Ratgeber. Auch hier ist Kants Vorschlag nützlich: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Hier hat die Kirche noch Nachholbedarf.