Die Reformation geht weiter! Auch für den Glauben.

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Die Reformation geht weiter!

Das war bei der EKD-Synode 2012 zu hören, das sagt die Lutherbotschafterin Käßmann  und das haben sogar Foren und Gruppen in Facebook aufgenommen.
Reformationsgedenken darf nicht nur nach rückwärts gewandte Erinnerung sein, sondern sollte ihrem Sinn entsprechend weitergeführt werden.
Die Evangelische Akademikerschaft in Deutschland fordert:

Die Reformation geht weiter. Auch für den Glauben!

Zu „www.kernfragen-des-glaubens.de“ wurde im Internet eine Diskussionsplattform eingerichtet, auf der auch kirchenferne Menschen ihr Glaubensverständnis zum Ausdruck bringen können. Denn: Das Verständnis von Religion und Glauben hat sich geändert. Viele Menschen entwickeln eigenen Vorstellungen von Gott, Jesus, Kirche, Sünde und Vergebung.

Lesen Sie mehr über Reformation heute als „Evolution des Glaubens“!

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Reformation auch für den Glauben – wie ist das gemeint?

  • Der Titel“Reformation geht weiter“  wurde schon 2012 im Vorfeld der EKD-Synode und hauptsächlich für organisatorische Veränderungen in der Kirche gebraucht.• Danach wurde er von der
  • Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland auch für das Projekt www.kernfragen-des-glaubens.de verwendet …
  • … und ergänzt (und eingeschränkt): ..auch für den Glauben.
  • Evangelikale Gruppen missionieren damit in Facebook mit der Erweiterung „..die Reformation muss weitergehen!“.
  • Recht haben sie. Aber nicht mit der Forderung, weiterzumachen wie bisher.
  • Das Wort „Reformation“ bedeutet für uns heute nicht nur (wie damals für Luther) Rückbesinnung auf den Ursprung des Glaubens an Gott und Jesus (in der Bibel) wegen schwerwiegender Fehlentwicklungen (Ablasshandel).
  • Uns geht es um die Weiterentwicklung des christlichen Glaubens, wie sie zunehmend von einzelnen Christen, Gruppen und Gemeinschaften als möglich und notwendig vertreten wird, (neuerdings auch von den Medien)
  •  …. als da sind: Entmythologisierung der Bibel, Naturwissenschaft und Gottesglaube, Menschenrechte, Weltethos.
  • Als kleine Gruppe erheben wir nicht den Anspruch, etwas für den Fortgang der Reformation tun zu können. Aber zu unserer eigenen Orientierung fragen wir, in welchem Zusammenhang Veränderungen beim Glauben an Gott, an Jesus, an die Bibel oder die Kirche stehen. Weiterlesen

Anders von Gott reden?

Assoziationen und Kommentare zu ausgewählten Predigten von Jörg-Dieter Reuß*

von Günter Hegele

Die Zitierung erfolgt bis auf wenige Ausnahmen ohne Angabe der Fundstelle.  

Das Wort „GOTT“ bezeichnet wohl den wichtigsten Inhalt des (nicht nur christlichen) Glaubens. Es gibt viele andere Worte/Namen dafür, die auf Eigenschaften, Handeln und Formen seiner Existenz hinweisen. Der Theologe G. Theißen hat (in „Glaubenssätzen“ S. 58) eine Vielzahl neuerer Bezeichnungen für Gott aufgeführt, die auch eine andere Art der Beziehung zu dieser größeren Wirklichkeit ermöglichen und erfordern. Sie sind im Zusammenhang mit den wesentlichen anderen Inhalten des Glaubens zu sehen. So hat z.B. eine Änderung im Verständnis von Jesus, Schöpfung oder Bibel auch Veränderungen beim Gottesbild zur Folge – und umgekehrt.

Informationen zu und Erfahrungen mit Gott erhalten Gläubige nach kirchlicher Lehre und in eigenem Zeugnis (u.a.) durch Offenbarung, Bibel, Gottesdienst und  Ereignisse.

Deren Interpretation  hat sich, hauptsächlich wegen der Entwicklung der Natur- und Geisteswissenschaften, stark verändert. Das bedeutete jedoch nicht, dass früheres Verständnis von Glaubensinhalten wertlos oder unbrauchbar wurde. Es konnte vielmehr aus dem Rückblick heutiger Verhältnisse und mit moderner Auslegung in seiner damaligen Funktion verstanden werden und im übertragenen Sinn wertvolle Einsichten vermitteln. (vgl. z.B. „Gott 9.0“ von M. Küstenmacher und anderen).

Dabei ergaben sich u.a. zwei Probleme:

  1. wollten oder können sich zahlreiche Gläubige und Kirchenleitungen nicht (schnell) auf ein verändertes Glaubensverständnis einlassen. Sie beharrten z.B. auf einem wörtlichen Verständnis der Bibel und auf bei Konzilen beschlossenen Glaubensbekenntnissen (zumindest in ihrer eigenen Auslegung).
  2. Es kam zum Streit über neue Verständnismöglichkeiten mancher christlichen Glaubensinhalte (z.B.  Bibel, Abendmahl, Auferstehung, Kirche), weswegen sich zahlreiche verschiedene Kirchengemeinschaften bildeten.   Deren Mitglieder entwickelten  darüber hinaus eigene und vom offiziellen Verständnis abweichende Glaubensvorstellungen, auch bei zentralen Bekenntnissätzen wie dem, dass Gott allmächtig sei.

Erst seit kurzem und allmählich  wird (z.B. in der evangelischen Kirche) erkannt und praktiziert, dass ein „Weitergehen der Reformation – auch für den Glauben“ kein Rückschritt oder Verlust ist, sondern zu einem konstruktiven Miteinander pluralistischer Theologien führen kann. „Biblisch vorgegeben ist uns nicht die Gleichmacherei, sondern die (auf Jesus hin zentrierte) Pluralität.“  Dazu will der Arbeitskreis „Gottesbild heute“ zum Reformationsgedenken 2017 einen Beitrag leisten, indem in einigen der von Pfarrer Jörg-Dieter Reuß veröffentlichten Predigten mit dessen Einverständnis Stellen mit unterschiedlichem Gottesverständnis mit kursiver Formatierung markiert und z.T. kommentiert wurden.

1) Glauben mit Herz und Verstand. Mutmach-Predigten & mehr von Jörg-Dieter Reuß 2015 BoD-Verlag

Anders von Gott reden – aber wie? 

Unterschiedliches Gottesverständnis, ausgewählt aus Predigten und Texten von Jörg-Dieter Reuß und z.T. mit kursiver oder Times-Roman Formatierung kommentiert von Günter Hegele

……“Aber unsere Kinder sollen wir nicht opfern! Die sollen leben und sich entfalten, damit das aus ihnen wird, was Gott in sie hineingelegt hat.“

Das setzt ein personales Gottesverständnis voraus.
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„In den beiden unterschiedlichen  Schöpfungsberichten der Bibel ist Eines wesentlich: Dass  nämlich Gott als Schöpfer dahintersteht. Wenn das wahr ist, dann ist die Entstehung der Welt und des Lebens kein dummer Zufall, sondern das Werk einer überlegenen Macht. „

Einzelzüge der Erzählungen  können aber trotzdem in ihrem übertragenen Sinn verwendet werden. 

„Das Handeln Gottes fängt nicht erst da an, wo die natürlichen Erklärungen aufhören. Unser Gott handelt auch in den Vorgängen, die aus naturwissenschaftlicher Sicht eine ganz natürliche Sache sind. Im Blick auf die Evolutionstheorie heißt das: Es ist unnötig und sinnlos, sie im, Namen des biblischen Schöpfungsglaubens bekämpfen zu wollen. Die Evolutionstheorie ist zwar keine bewiesene Tatsache und kann es (aus wissenschaftstheoretischen Gründen) auch nie werden. Sie hat ihre Lücken und Schwachstellen und ist wohl kaum schon der Weisheit letzter Schluss. Aber sie hat auch eine ganze Reihe guter Argumente. Aufs Ganze gesehen ist sie viel zu gut, um sie denen zu überlassen, die von Gott nichts wissen wollen. Nein, der richtige (oder vorsichtiger gesagt: der bessere) Weg sieht so aus, dass wir lernen, die Evolutionstheorie als eine moderne Schöpfungsgeschichte (zu verstehen).

…….

Wer will uns hindern, aus der Sicht des Glaubens in diesen sogenannten Zufällen die schöpferischen Einfälle Gottes zu Menschen, die Ehrfurcht empfinden vor jener geheimnisvollen Macht und Weisheit, die wir „Gott“ nennen – zu erkennen, zu lesen und zu deuten.“

Die „Meditative Weihnachtspredigt“ setzt voraus, dass die Zuhörer das im übertragenen Sinn als Bild verstehen.

Staunend werden wir inne:

So ist das also, wenn Gott, wenn das Eine und Ganze in unser Leben tritt. Keine barocke Prachtentfaltung, kein Glanz, der die Augen blendet, keine erdrückende Vollkommenheit. Kein Glaspalast, keine Stilmöbel, keine goldenen Tapeten. Krippe und Windeln, Heu und Stroh, Ochs und Esel, Staub und Mist sind die Begleiterscheinungen der Offenbarung. So teilt Gott sich mit. So kommt sein Wort zu uns, damals wie heute.

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Ostern: Die Rehabilitation deines Verworfenen

Der, der allem Anschein nach am Kreuz gescheitert und in Gottverlassenheit zugrunde gegangen ist – gerade den hat Gott an Ostern rehabilitiert und „vor aller Augen beglaubigt“ (Apostelgeschichte 17,31). Durch die Auferweckung bekennt sich Gott nachträglich nun doch zu Jesus. Zu diesem Jesus, den die konservativen Religionshüter seiner Zeit als Gotteslästerer verurteilt haben.

Hier wird „Auferweckung“ ohne Erklärung und wahrscheinlich nicht in seiner traditionellen Bedeutung als Wiederbelebung  verwendet.   „Gott bekennt sich nachträglich nun doch zu Jesus“ zeigt  im Unterschied zu den Thesen (Kreuzestod nicht als Versöhnungsopfer und Abendmahl als Bluttrinken) noch (sprachlich) ein mythologisches Verständnis.

Das scheint auch in der Formulierung „In den Augen Gottes hat Jesus Recht behalten und ist Sieger geblieben.“ (beim Verständnis von Ostern als „Rehabilitierung eines Verworfenen“ ) noch durch. Das ist kein Widerspruch, weil beides vertreten und verwendet werden kann. An einer Stelle sagt der Prediger, er wolle seine ZuhörerInnen nicht zu seiner Auffassung nötigen oder überreden. (Sie müssten sich aber, wenn sie sich auf Neues einlassen wollen, erst daran gewöhnen.) Das gibt Grund zu der Annahme, dass ein Miteinander von verschiedenen  Auffassungen (vielleicht sogar abwechselnd, z. B. bei Gottesdiensten) für möglich gehalten wird. 

Wenn auch nicht völlig gleichwertig. 

So hat zwar (z.B.) sowohl der liebende wie der strafende Gott seinen Platz im Gottesbild. Im Mittelalter stand der Richter-Gott im Vordergrund, heute wird der gnädige und vergebende Gott herausgestellt. 

„Gott hat seinen Sohn nicht gesandt, um die Welt zu richten, sondern um die Welt zu retten. Wer an ihn glaubt, wird nicht verurteilt. Wer aber nicht glaubt, der ist schon verurteilt.“ Das heißt: Wer meint, auf ein gesundes Gottvertrauen verzichten zu können, der verurteilt sich selbst zu einem Dasein ohne tragenden Grund, ohne letzte Geborgenheit und ohne tieferen Sinn. Und damit ist er schon bestraft genug (Johannes 3,19).

Im Unterschied zum Judentum oder Islam glauben wir Christen an einen Gott, der nicht nur die Frommen liebt und annimmt, sondern auch die Unfrommen und Gottlosen, wie Paulus im Römerbrief schreibt (Kapitel 4,Vers 5). Das heißt nun beileibe nicht, dass Gott alles gut findet, was wir Menschen so treiben oder anstellen. Aber er macht einen Unterschied zwischen unserer Person und unseren Taten. Und zwar zu unseren Gunsten. Der Schmu, den wir uns eventuell geleistet haben, der wird früher oder später auffliegen. Der Mist, den wir vielleicht gemacht haben, der wird früher oder später zugrunde gehen. Das kann ziemlich peinlich sein. Es kann sogar richtig wehtun. Aber es wird uns nicht das Leben kosten. Auch nicht das Ewige Leben. Das zu wissen, tut gut. Und es macht froh.

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Was will Jesus mit diesem Gleichnis (Lk.15) sagen? Gott, der sich im Vater dieser Geschichte spiegelt, will und braucht kein stellvertretendes Opfer, um uns nach einem Fehltritt (oder einer ganzen Serie von Fehltritten) wieder in die Arme zu schließen. Wenn jemand meint, ihn mit Opferblut besänftigen zu müssen, dann ist das im Grund eine Beleidigung.“

 

Aus: Der Unsichtbare Gott und unsere Goldenen Kälber. (2. Mose 32)

Die Erzählung vom „Goldenen Kalb“ (2. Mos. 32) wird als Lehrstück zum rechten Umgang mit dem mit seinem Volk durch die Wüste ziehenden Gott(esbild). 

„Was stellen wir uns eigentlich vor, wenn wir „Gott“ sagen? Die Bilder, die uns da in den Sinn kommen, sind alle fragwürdig, um nicht zu sagen: mehr oder weniger falsch. Auch die biblischen Bilder, denn auch sie sind in der Seele von Menschen entstanden. 

Und doch brauchen wir unsere Bilder. Ungefähr 50, wie ein kleines Kind bei Nacht seinen Teddybären braucht. Wenn man schon die tröstliche Nähe der Mutter entbehren muss, dann muss man wenigstens ein Kuscheltier im Arm halten können, damit man bei Nacht nicht 50 allein ist. – Kinder haben hier ein gesundes Unterscheidungsvermögen. Im Kuscheltier steckt etwas drin von der mütterlichen oder väterlichen Geborgenheit, die das Kind sich holt, weil es sie braucht. Und doch hat, soweit ich weiß, noch kein Kind seinen Teddybären mit der Mutter oder dem Vater verwechselt.

In diesem Punkt sind wir als Erwachsene anscheinend nicht klüger geworden. Eher dümmer. Wenn man uns ein Goldenes Kalb oder ein anderes Gottesbild gibt, sind wir ständig in Gefahr, es mit dem wirklichen Gott zu verwechseln. Deshalb sind die Gottesbilder so gefährlich. Und doch wären wir hoffnungslos überfordert, wenn wir auf sie verzichten müssten. Alle Menschen, die noch ein religiöses Empfinden haben, wissen ‚tief in ihrem Innern, dass das Leben nur dann gelingen kann, wenn Gott in der Nähe ist. Darum gibt es in fast allen Religionen den Versuch, diese Nähe Gottes sicherzustellen. Die Nachbarvölker Israels haben das zum Beispiel so  gemacht, dass sie Tempel gebaut und Götterbilder darin aufgestellt haben. Die Götter sollten in diesen Standbildern wohnen, wie die Seele im Körper wohnt. So hatten die Gottheiten ihren, festen Platz und konnten einem nicht mehr weglaufen. 

Und genau diese Sicherstellung hat der Gott Israels in den Zehn Geboten abgelehnt. Der Gott, der sein Volk in die Freiheit geführt hat, lässt sich auch selbst nicht einsperren. Nicht in einen Tempel. Nicht in eine Kirche. Nicht in ein Standbild, und wäre es aus purem Gold. Darum heißt das zweite Gebot: Mach dir kein Gottesbild! Ich denke, es war ein Fehler, dass Luther im Katechismus dieses Gebot einfach übergangen hat. Es hätte uns an etwas ganz Entscheidendes erinnern können. Nämlich an dies, dass keine Kirche die Gegenwart Gottes sicherstellen kann, auch wenn sie ihre Altäre vergoldet. Gott lässt sich nicht herbeizaubern und schon gar nicht irgendwo festnageln. Übrigens auch nicht am Kreuz. Wenn irgendwo ein Kruzifix hängt, ist das noch lange keine Garantie dafür, dass an diesem Ort auch nur ein Hauch der Nähe Gottes erfahrbar wird.“

Das gilt für Wörter und Bilder, Musik und Schauspiel.  

Vom Neuen Testament gilt als Vorgabe für alle Aussagen über Gott und den Glauben:

 Maßstab ist Jesus und seine Botschaft. Was dem Anliegen und der Wesensart Jesu Christi widerspricht, kann für uns Christen nicht maßgeblich sein, und wenn es hundertmal in der Bibel stehen sollte.

So können Erzählungen aus urvordenklicher Zeit und archaische Gottesbilder  dazu dienen, vor einem falschen Umgang damit zu warnen, nämlich davor, es mit einem guten Teil davon zu übertreiben.   

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Gottes Geist und der gesunde Menschenverstand

Die herzhafte Erzählung einer Story von dem Bandenführer David und seiner (späteren) Frau Abigail (1. Samuel 25) lässt zwar auf den ersten Blick nichts erkennen, was für heutiges Leben und Glauben von Interesse sein könnte (außer vielleicht, dass  man damals schon gerne Feigen gegessen hat, nein: Feigenmark!)) – aber der Prediger findet (wie auch tatsächlich die kluge Frau Abigail) an zahlreichen Stellen unübersehbar Gott als den Handelnden. Aber es ist nicht das Problem, dass und wie (nach einem damals geglaubten und verehrten Bild von) Gott damals gehandelt hat. Herauslesen kann man (mit genug Bereitwilligkeit): 

„Gott ist in dieser Geschichte so anwesend, wie er es auch in unserem Leben ist…..

Gott handelt hier so, wie er meistens handelt, damals wie heute. Unaufdringlich, aber zuverlässig. Er sorgt schon dafür, dass die Leute, die ihm vertrauen, nicht zu kurz kommen. Er versorgt David und seine Mannschaft nicht nur mit dem täglichen Brot, sondern gelegentlich auch mit Braten und Wein, Feigenmark und Rosinen. Er hindert David daran, einen schlimmen Fehler zu machen und schwere Schuld auf sich zu laden. Und schließlich lässt er ihm sogar eine ebenso hübsche wie kluge Frau zukommen.

Und David lässt den Kopf nicht hängen, verliert nicht die Nerven, versucht auch nicht zu fliehen. Er kennt eine Kraftquelle, die über die menschlichen Möglichkeiten hinausgeht. Er holt sich Kraft und Mut bei seinem Gott. Und das ist ja wohl auch der Grund, warum der biblische Gottesglaube bis heute eine attraktive Sache ist und bleibt: Er eröffnet den Zugang zu einer Kraftquelle, die spätestens dann, wenn’s kritisch wird, von unschätzbarem Wert ist.

Das alles wird uns erzählt ohne Weihrauchschwaden, ohne salbungsvolle Frömmelei, ohne religiöse Betulichkeit. Gott handelt hier ganz weltlich, ganz praktisch und so lebensnah, wie es nur geht.

Und beim Predigthörer und Leser wächst die Bereitschaft, dieses praxisbezogene Gottesbild in vielen Stellen des eigenen Lebens zu entdecken. Auch gut. Aber doch für in der jüdischen und hebräischen Welt weniger Beschlagene etwas mühsam zu assoziieren.  

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Wer offen ist für neue Seiten an Gottesbildern, kann bei Reuß Überraschungen erleben. Schon wegen des ungewohnt respektlosen Stils und des Vergleichs von Gott (als ebenso „eitler Tyrann wie ein Assad oder Putin“):

„Ich finde, mit dem Gott, an den wir Christen glauben und zu dem Jesus ‚Vater’ gesagt hat, mit dem hat der Gott Hiobs herzlich wenig zu tun. Denn Hiobs Gott hat nichts Väterliches an sich. Ihm fällt am Ende nichts Gescheiteres ein, als seine Größe zu beweisen mit der plumpen Kraft des Nilpferds, das er geschaffen hat. Nichts gegen ein

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schönes Nilpferd! Aber der Gott, der uns in Jesus begegnet, hat wohl doch eine andere Visitenkarte.

Ich denke, ich muss das noch ein wenig deutlicher sagen. Der Gott Hiobs gebraucht, nein: missbraucht seine Allmacht wie ein rücksichtsloser Diktator, wie ein eitler Tyrann, wie ein Assad oder Putin, Eigentlich ist er nur auf seine eigene Ehre bedacht. Er liebt die Menschen nicht, und er braucht sie auch gar nicht. Wenn er sie ein bisschen mitspielen lässt auf seinem großen Welttheater, so geschieht das nur Gnaden halber. Er könnte, wenn er wollte, auch alles ganz alleine machen.

 

Der Gott, der in Jesus auf uns zukommt, hat ein anderes Gesicht. Wie die Erfahrung zeigt, ist er ein starker und zuverlässiger Begleiter auf dem Lebensweg. Die Macht, die er hat und immer wieder erweist, sollten wir nicht unterschätzen. Es ist vielleicht nicht nur, aber doch in erster Linie die Macht der Liebe. Die kann manchmal wahre Wunder wirken, verkrümmte Menschen wieder aufrichten und den Niedergedrückten neuen Lebensmut einflößen. Wo es nötig ist, kann sie auch einmal hart und streng sein und sich in den Weg stellen, wenn es ein verkehrter Weg ist.

Aber die Macht der Liebe ist immer begrenzt. Sie ist verwundbar. Sie kann scheitern. Darum finde ich es – ehrlich gesagt – unglücklich bis verfehlt, wenn das Glaubensbekenntnis von Gott als dem „allmächtigen Vater“ redet. Denn wie es aussieht, ist der allmächtige Gott oft gar nicht väterlich. Und der väterliche Gott ist leider nicht allmächtig. Sonst müsste es in unserer Welt ziemlich anders zugehen.“

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Der Gott des Glaubens hat viele Gesichter: Wenn es guten Menschen schlecht geht Hiob. 

Der Prediger bedauert zwar an einer Stelle, dass Luther das 2. Gebot nicht in seinen Katechismus übernommen hat.  Aber Gottesbilder helfen auch, mehr Werke des Schöpfers Gott zu entdecken. 

„Es ist ja wahr, und eine steigende Zahl von Wissenschaftlern gibt es offen zu: Mit einigem guten Willen kann man in der Natur das Walten einer ganz erstaunlichen Weisheit entdecken. Aber die Konstruktionsfehler der Schöpfung, die lassen sich halt auch nicht übersehen: die Architektur der Erdkruste, die unweigerlich zu Erdbeben führen muss; die Zecken und Schnaken im Sommer; die Schnupfen- und Grippeviren im Winter; die bösartigen Krebszellen und so weiter. Und wenn ich nachts Zahn- oder Bauchweh bekomme, hilft es mir leider nichts, dass oben am Sternenhimmel eine wunderbare Ordnung herrscht. Wem es auch nur annähernd so schlecht geht wie dem Hiob, für den ist es ein schwacher Trost, dass die Schöpfung ansonsten eine großartige Sache ist.“

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Anderen Angst einjagen?

„Worauf es in erster Linie ankommt, das ist die Liebe zu Gott oder, was fast dasselbe ist, die Liebe zum Leben. Der 1.Johannesbrief hat das ausgesprochen hellsichtig beschrieben. Da heißt es nämlich in Kapitel 4 (Vers 16ff): „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm … Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“

Gerade so sehe ich es bei Jesus. Er lebte ganz in der Liebe zu Gott. Darum hatte er vor Gott keine Angst. Darum konnte er auch darauf verzichten, anderen mit Gott Angst einzujagen und ihnen die Hölle heiß zu machen.

Doch genau das geschieht ja nun in unserem Predigttext. Da wird ganz massiv gedroht mit der Verdammung beim „jüngsten“, d.h. letzten und endgültigen Gericht. Damit stehen wir vor einer Frage,  die nicht wenige Christen auch heute bedrängt und umtreibt: Gibt es so etwas wie ein Endgericht? Und das heißt ja konkret: Muss ich jetzt doch Angst haben? Vielleicht nicht um mich, aber um meinen Mann oder meine Kinder, die dem Glauben ablehnend oder gleichgültig gegenüberstehen?

Ich habe keine fertige Antwort auf die Fragen, die hier aufbrechen. Ich kann Ihnen nur ein paar Beobachtungen weitergeben.

Das gehört unbedingt in eine Sammlung von Gottesbildern. 

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Unpassende Passionschoräle

In manchen Chorälen sehen oder lernen die Gläubigen Gott mit einem Doppelgesicht;

„Gott hat ein Doppelgesicht. Mit dem einen lächelt er uns freundlich an. Das andere ist vor Zorn hochrot angelaufen. Er will gut zu uns sein – einerseits. Andererseits aber ist er ein strafwütiger Gerechtigkeitsfanatiker. Blut muss fließen, sonst gibt es keine Verzeihung. Um seine anderen Kinder – also uns – zu verschonen, macht er erst mal seinen Lieblingssohn zum Prügelknaben und lässt ihn einen qualvollen Tod sterben.““ Wenn Kinder ihre Eltern so doppelgesichtig erleben, dann werden sie krank. Sie entwickeln Depressionen, manchmal sogar eine Bewusstseinsspaltung. Darum kann das Gottesbild der Passionschoräle unmöglich gesund sein. Es ist krank, und es macht krank. Jedenfalls dann, wenn man es ernst nimmt und ein einigermaßen sensibler Mensch ist. Man kann das auch so sagen: Das Gottesbild der Passionschoräle ist eine traurige Karikatur des heilenden und befreienden Gottes, für den Jesus in Wort und Tat eingetreten ist. Wenn Jesus Recht hat, dann ist Gott nämlich kein Buchhaltergott, kein Prinzipienreiter und erst recht kein Richter und Henker. Sondern er mag die Menschen, und zwar ganz einfach deshalb, weil sie seine Geschöpfe sind. Im Vertrauen auf diesen Gott hat Jesus belastete Menschen freigesprochen von ihrer Schuld. Einfach so, kraft der ihm

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verliehenen Vollmacht. Und er hat uns beten gelehrt: „Vergib uns unsre Schuld, so wie auch wir denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind“ (Matthäus 6,12; Lukas 11,4).“

War Jesus … ein braves Schaf und hat sich für unsere Erlösung freiwiIIig abschlachten lassen?

Den Eindruck können manche Passionslieder machen:
„Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder.
Es geht und büßet in Geduld
die Sünden aller Sünder. ,.
Es geht dahin, wird matt und krank,
ergibt sich auf die Würgebank,
entsaget allen Freuden;
es nimmet an Schmach, Hohn und Spott, Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod und spricht: Ich will’s gern leiden.“

Ich sehe nicht, wie ich hier denen widersprechen könnte, die daraus den Schluss ziehen: Der zornige, strafwütige Gottvater findet sein passendes Gegenüber im unterwürfigen, leidenswilligen Sohn. Aus der Sicht der Passionschoräle, wohlgemerkt. In Wirklichkeit war Jesus nämlich alles andere als leidenswillig. Er hielt nichts davon, den irdischen Freuden zu entsagen. Er hat das Leben geliebt und das Leiden bekämpft, wie seine vielen Krankenheilungen zeigen. Er hat sich am Essen gefreut und auch den Wein nicht verachtet. Im Genießen war er so ungeniert, dass seine Gegner ihn darob beschimpft haben als „Fresser und Säufer“ (Matthäus 11,19; Lukas 7,34). Gelegentlich ließ er sich sogar von Frauenhänden pflegen, einölen und parfümieren.

Aber Jesus war ganz gewiss kein Softie oder Weichei. Sondern er war eine Kämpfernatur. Keiner Auseinandersetzung ist er aus dem Weg gegangen. Kein harmloses Lamm war er, sondern ein unbequemer Querdenker, ein theologischer Brandstifter (Lukas 12,49), ein provozierender Stein des Anstoßes. Sonst hätte er sich nicht so viele Feinde gemacht, Todfeinde eingeschlossen.

Tatsächlich wird Jesus in den ersten drei Evangelien nie und nirgends mit einem Lamm verglichen. Nur im Johannesevangelium, Kapitel 1, hören wir Johannes „den Täufer sagen: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das die Sünde der Welt wegträgt“ (Vers 29; vgl. Vers 36). Aber dieser Spruch passt mehr schlecht als recht in den Zusammenhang, und im weiteren Verlauf des Evangeliums wird nie mehr Bezug darauf genommen. Das ist seltsam und verlangt nach einer Erklärung. Ich sehe hier zwei Möglichkeiten.

Möglichkeit eins: Der dubiose Spruch vom Gotteslamm gehört gar nicht zum ursprünglichen Bestand des Johannesevangeliums, sondern wurde von späterer Hand eingefügt. Und zwar im Bestreben, dieses eigenwillige Evangelium an die kirchlich-dogmatische Kette zu legen.

Möglichkeit zwei: Der Spruch ist echt. Dann sollten wir ihn beim Wort nehmen und stehen lassen als das, was er ist: nämlich keine Selbstaussage Jesu, sondern eben bloß – eine Meinung des Täufers. Aus meiner Sicht eine irrige Meinung. Denn Jesus hat die Sünde der Welt ja gar nicht weggeschafft. Sonst müsste die Welt seitdem ohne Sünde sein. Und das ist sie nun wirklich nicht.

Im eigenen Jesusbild begründet Reuß seine Kritik an manchen Passionsliedern exegetisch und theologisch. Er lässt zwar auch erkennen, dass einige Lieder nicht nach seinem Geschmack sind und bezeichnet sie als Schnulzen.  

Aber das ausschlaggebende Kriterium ist sein Jesusverständnis. 

Gilt das auch für die unterschiedlichen Gottesbilder, die er anspricht oder skizziert?

Ja, aber nicht durchgängig. Den non-theistischen Gott M. Kroegers erwähnt er nicht. Aber er nimmt entschieden (wohl mit  K.P.Jörns, in dessen Gesellschaft für eine Reform des Glaubens er als Autor genannt wird) Abschied auch von langjährigen Traditionen und zentralen Glaubensinhalten (was hier nur sehr unzureichend und zu wenig detailliert behandelt werden konnte). Da ist er schon weiter und mutiger als das, was von der kirchlichen Praxis her an Reformbereitschaft für den Glauben zu bemerken ist.  Lässt sich diese durch Einzelpersonen oder auch durch Gruppen beeinflussen? Oder sind wir Teil einer religiösen Evolution?

Egal wie die Antwort ausfällt, es ist jedenfalls spannend.

Das Tagebuch der Menschheit

Auswahl kurzer Zitate aus

Carel van Schaik & Kai Michel

Was die Bibel über unsere Evolution verrät

Geeignet für blogsite nach Meinung von GH

Die Überschriften der aus 569 Seiten ausgewählten Zitate stehen am Ende der 13 Seiten.
Die „Einleitung“enthält die Grundgedanken und die Absicht des Buches und ist als Datei 3 Anlage zu öffnen.

Die Zitate erscheinen mir geeignet für eine Verwendung in unserer blogsite zu sein.

Eine Rezension des Buches ist geplant.

Die Seitenzahlen (im Buch) wurden stehen gelassen, um sie beim zitierten Text angeben zu können, die Fußnotenziffern im Text sind bei Verwendung zu löschen.

Leider sind auch noch Fehler bei der  Korrektur stehen geblieben.

Durch die Evolution ha der Mensch 3 Naturen erhalten: 

Zur ersten Natur gehören so unterschiedliche Neigungen wie Liebe zwischen Eltern und Kindern, der Sinn für Fairness und die Empörung über Ungerechtigkeit und Ungleichheit, der Abscheu gegenüber Inzucht und Kindstötung, die Furcht vor Fremden, die Sorge um die eigene Reputation, das Gefühl, sich anderen nach Geschenken und erhaltener Hilfe verpflichtet zu fühlen, die Eifersucht, der Ekel. Und nicht zuletzt unser religiöser Sinn, der allerorten übernatürliche Akteure  am Werk sieht. Die erste Natur meldet sich als Intuition und Bauchgefühl zu Wort.

Die existenziellen Probleme, die das neue, das sesshafte Leben mit sich brachte, waren so dringend, dass schnelle kulturelle Lösungen vonnöten waren, die zu neuen Gewohnheiten, Konventionen und Mentalitäten führten. Solche kulturellen Produkte werden nicht vererbt, sie müssen, wenn sie sich bewähren,  tradiert  und jeweils neu erlernt werden. Die Menschen verinnerlichen sie schon in der frühen Kindheit – und zwar so sehr, dass sie ihnen zur zweiten Natur werden. Man muss  über  sie  keine  Rechenschaft  ablegen. Während die  erst  Natur  gewissermaßen  unsere   natürliche   Natur   darstellt, ist die zweite Natur unsere  kulturelle  Natur,  die  große  territoriale oder ethnische Unterschiede aufweisen  kann.

In den Bereich unserer zweiten Natur gehören Sitten und Gebräuche, die Religion als kulturelles Produkt, so wie sie von den entsprechenden Institutionen vertreten wird, ebenso Regeln des Anstands, der Höflichkeit und der guten Manieren, die etwa Norbert Elias in seinem Klassiker Der Prozess der Zivilisation beschrieben hat.37 Kurzum all das, von dem es heißt:  «Das tut  man  nicht!»  Oder: «So  macht  man das hier!»

Die dritte Natur nennen wir unsere Vernunftnatur. Das sind jene kulturell verankerten Maximen, Praktiken, Institutionen, denen wir aufgrund einer weitgehend bewussten Rationalität folgen – etwa als das Ergebnis einer gezielten Situationsanalyse. Was nicht heißt, dass die Regeln durch und durch rational sein müssen. Es scheint aber vernünftig, ihnen zu folgen, weil sie Common Sense sind oder Schwierigkeit drohen, wenn man sie nicht befolgt.

Jene schicksalhafte Verhaltensänderung der Spezies Mensch am Anbeginn des Holozäns versetzte uns in eine neue Welt, in eine Welt, für die wir nicht gemacht waren. Mit dem Sesshaftwerden, dem gewaltigen Populationswachstum, den höheren Bevölkerungsdichten und dem technischen Fortschritt konnte unsere erste Natur nicht mithalten. Natur drei übernahm das Ruder. Mit beeindruckender Effizienz. Heute gibt es nur noch wenige Situationen, in denen wir guten Gewissens unserer ersten Natur die Entscheidung  überlassen können.

Das klassische Beispiel: Eine verheiratete Frau verliebt sich neu, ein gebundener Mann verfallt einer anderen Frau. Unsere erste Natur seufzt dann: «Liebe!» Die zweite Natur mahnt: «Treue!» Und die dritte Natur gibt zu bedenken: «Denk an Anwaltskosten, Hypothek und Alimente!» Als moralisches Dilemma ist dieser Fall übrigens ein modernes Mismatch-Phänomen: Die Monogamie ist eine kulturelle Erfindung, die es kaum je zur zweiten Natur gebracht hat. Da nützen auch alle Versuche der Kirche wenig, der Ehe mit einem «Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden» einen Erste-Natur-Anstrich  zu verleihen.

Weit weg  vom Paradies

Es ist der Schlüssellochblick auf das soziale Chaos, der die Kain-und-Abel-Episode so wertvoll macht. Die eigentumsbasierte Gesellschaft setzte Konkurrenz, Ungleichheit und Gewalt in die Welt. Darauf waren die Menschen nicht vorbereitet. Evolutionsgeschichtlich betrachtet geschah das in kürzester Zeit; emotionale Anpassungen waren nicht möglich. Die neuen Regeln standen gegen die alten, angeborenen Gefühle; das Recht des Stärkeren erlebte seine Wiederauferstehung. Wie in einer klassischen Tragödie kollidierten die Prinzipien. Wir nennen das Mismatch. Konfusion in höchstem Maße ist die Folge.

Die Geschichte von Kain und Abel findet sich in der Bibel an  der richtigen Stelle: Der Bruderkonflikt tritt als Folge des Sesshaftwerdens mit fast naturgesetzlicher Logik auf. Das trifft die Familien mitten ins Herz. Die alten Verwandtschaftsbindungen zerreißen; die Nächsten drohen von zentrifugalen Kräften in alle Windrichtungen verstreut zu werden. Kain verschlägt es ins Land Nod. Weit weg vom Paradies.

Hier drängen sich Fragen auf: Wieso eigentlich glauben die Menschen, dass Gott sie bestraft? Heute wird viel von göttlicher Liebe und Barmherzigkeit gesprochen. Am Anfang der Bibel ist davon wenig zu spüren. Dass er Noahs Familie überleben lässt, macht die Sache kaum besser. Und vor allem: Wieso glaubten die Menschen, dass ihr Tun so schlimm gewesen sein könnte, dass Gott Anlass gehabt hätte, sie zu züchtigen, zu quälen oder sogar ganz von der Erde zu tilgen?

Diese Fragen zu beantworten heißt, der menschlichen Psychologie auf den Grund zu gehen und zu erkunden, was uns überhaupt zu religiösen Wesen macht. Die Geschichte von der Sintflut wird uns zu einem neuen Verständnis der kulturellen Evolution der Religion verhelfen.

«Big Brother in the  Sky»

Uns mag der Hinweis mancher  Exegeten  nicht  überzeugen,  dass im Zusammenhang mit der Sintflut vom Zorn Gottes keine Rede sei.2 Welche Emotionen sollten ihn denn sonst bewegt haben, die Menschheit auszulöschen? Zorn gehört nun mal zu seinen hervorstechendsten Eigenschaften – den Theologen ist er eher unangenehm. Noch im Jahr 2009 beklagte der Bibelwissenschaftler Jörg Jeremias, dass es «bis heute keine befriedigende exegetische Monographie zum Zorn Gottes» gebe. Der sei «bei der Mehrzahl der Theologen ein ungeliebtes Thema, das man gern weit in den Hintergrund drängt, um sich nicht mit ihm auseinandersetzen zu müssen».3 Das Verdrängen muss harte Arbeit sein: Im Alten Testament finden sich sage und schreibe an die 390 Belege für den substantivischen und 130 für den verbalen Gebrauch göttlichen Zorns.4

Auch den Gläubigen ist er nicht geheuer. Der gewalttätige Gott passt so gar nicht zu dem, was sie sich heute von der Religion wünschen: Gott soll trösten, die Angst vor dem Tod nehmen, über die Kontingenzen  des  Lebens  hinweghelfen  und  ein  Gefühl  der Geborgenheit geben.

Was  ist Religion?

Wir dringen hier zum Kern einer Frage vor, die keineswegs abschließend beantwortet ist. Im Gegenteil. An Definitionen, was Religion sei, herrscht kein Mangel. Jared Diamond listet in seinem Buch Vermächtnis sechzehn verschiedene auf, um dann eine siebzehnte, seine eigene, zu präsentieren. Wir zitieren sie hier, weil uns ihre, von Diamond selbst konstatierte Komplexität, anschaulich macht, mit was für einer vertrackten Materie wir es zu tun haben:

Religion ist eine Gruppe von Merkmalen, die eine soziale Gruppe von Menschen, welche diese Merkmale gemeinsam haben, von anderen Gruppen abgrenzt, die diese Merkmale nicht in genau der gleichen Form besitzen. Zu diesen gemeinsamen Eigenschaften gehört immer mindestens eines von drei Merkmalen, oft aber auch alle drei: Erklärung von  Übernatürlichem,  Entschärfung von Ängsten vor unkontrollierbaren Gefahren durch  Rituale,  und Trost für die schmerzhaften Seiten des Lebens und die Aussicht auf den Tod. Außer in der Frühzeit dienten Religionen auch dazu, eine standardisierte Organisation, politischen Gehorsam, Toleranz gegenüber Fremden, die zur gleichen Religion gehören wie man selbst, und die Rechtfertigung von Kriegen gegen Gruppen mit anderen Religionen zu fördern.15

Diamonds Definition führt vor Augen, was Religion, wie wir sie heute verstehen, in jedem Fall ist: das Ergebnis eines langen, nicht immer zielgerichteten historischen Prozesses. Religion ist eben keine über den Zeiten stehende, ewig gleiche Entität. Sie ist ein Produkt der kumulativen kulturellen Evolution, ein komplexes Amalgam verschiedener Elemente, ein «kulturelles Paket» von Glaubensformeln und Praktiken. 16

Die Funktionen von Religion haben sich im Laufe der Jahrtausende genauso verändert  wie  ihre Zuständigkeitsbereiche.  Viel zu oft wird das Verständnis dessen, was Religion sein könnte, im Heute gewonnen und ins Gestern und Vorgestern zurückprojiziert. Doch Gott hat in modernen Tagen  andere Aufgaben zu erledigen  als damals, als er seine himmlische Karriere antrat, und -erst recht – als in jenen Tagen, in denen er versuchte, die Menschheit in einer gigantischen Flut zu ertränken.

Vergegenwärtigen wir uns die Evolution der Religion: Als Ausgangspunkt ist die Religiosität anzusehen; sie stellt das biologische Substrat dar und ist Teil unserer ersten Natur. Dass sie den Homo sapiens schon seit Äonen begleitet und damit als menschliche Universalie verstanden werden kann, steht außer Zweifel.  Der  Glaube an übernatürliche Wesen wird von vielen Wissenschaftlern als Nebenprodukt kognitiver Funktionen des Gehirns verstanden, die dazu dienen, «auf Ursachen, Abläufe und Absichten zu schließen, Gefahren vorherzusehen und kausale Erklärungen mit einem Vorhersagewert zu formulieren».17

Kinder neigen pesonders dazu, «Überlegung und Zweck in übertriebener Weise auf Aspekte der Natur zu übertragen». 18 Sie sind überzeugt, alles -von den Tieren bis zu Sonne, Mond und Sternen – sei von jemandem zu einem bestimmten Zweck erschaffen worden; hinter jedem Geschehen steckejemand, der etwas im Schilde führe. Nicht an übernatürliche Wesen zu glauben muss erst erlernt werden.19 Wir kommen darauf zurück.

Religiosität ist zwar angeboren, ihre individuelle Ausprägung von Mensch zu Mensch jedoch unterschiedlich, denn sie ist nicht zuletzt

4  Die Sintflut: Der Zorn Gottes 101

Kosten der Gesellschaft, schöpften die produzierten Übchüsse ab und sicherten damit ihre despotische Herrschaft. Da liegt die Vermutung nahe, dass sich die Machtkonzentration unter den Geistern parallel zur Machtkonzentration unter den Menschen vollzog. Die einen sicherten die Herrschaft der anderen. Mit den «Big Men» kamen die «Big Gods» – wie auf Erden so im Himmel.32

Aber es muss noch einen anderen Grund geben, warum plötzlich Götter auftauchten, die sich für das Wohlverhalten der Menschen interessierten. Moralisches Monitoring und  Herrschaftslegitimation haben sicher den Erfolg der Götter gefördert, aber sie verhalfen ihnen nicht zum großen Auftritt. Die Bibel bringt uns da auf  eine andere Idee. Auf eine Annahme, die grundlegend ist für das Verständnis menschlicher Kultur. An keiner Stelle lässt sich so gut erkennen, wie das mit den Göttern wirklich war, wie an jener, wo einer von ihnen unvorstellbare Wassermassen über die Menschheit schwappen ließ. Tauchen wir ein in die Sintflut.

Wieso sind wir schuld?

Am Anfang war also die Flut. Ein gewaltiges Ereignis von  großem Erklärungsbedarf. Alle Versuche, zu begründen, warum die Götter sie wohl geschickt haben mochten, waren nachträgliche Rationalisierungen. Verzweifelte Versuche, einer sinnlosen Naturkatastrophe Sinn zu verleihen. Wieso aber kamen die Menschen überhaupt auf die Idee, dass hinter einer Naturkatastrophe ein Gott als Ursache steckte? Und wieso glaubten sie, selbst schuld zu sein am göttlichen Unmut?

Eigentlich traf schon der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) den Nagel auf den Kopf, als er in seiner Götzen-Dämmerung das «Philosophieren mit dem Hammer» praktizierte. Er diagnostizierte bei den Menschen den «Irrtum einer falschen Ursächlichkeit» und führte diesen auf die «älteste und längste Psychologie» zurück: «alles Geschehen war ihr ein Tun, alles Tun Folge eines Willens, die Welt wurde ihr eine Vielheit von Tätern, ein Täter (ein <Subjekt>) schob sich allem Geschehen unter».40

Die Sintflut: Der Zorn Gottes 109

Gott wird berechenbar

Nach der Sintflut erklärte er besänftigt: «Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.» Mehr noch, Gott schloss einen Bund, einen Vertrag mit Noah und dessen Söhnen und allem Getier: «Und ith richte meinen Bund so mit euch auf, dass hinfort nicht mehr alles Fleisch verderbt werden soll durch die Wasser der Sintflut und hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe.»

Die Passage bringt es auf den Punkt, was Religion als Rationalisierungskraft leistet: Sie macht Gott – und damit die Katastrophen – berechenbar. Der Höchste ist an einen Vertrag gebunden. Anstatt selbstherrlich seinem Zorn freien Lauf lassen zu können, muss er von nun an seine Affekte unter Kontrolle halten und sich als verlässlicher Handlungspartner erweisen. Das Schlimmste sei damit, lautet das Postulat der Priester, für die Zukunft ausgeschlossen.

Aber das ist noch nicht alles. Gott gibt den Menschen ein Zeichen als Beweis und Erinnerung an ihren Bund: den Regenbogen. «Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man  meinen  Bogen  sehen in den Wolken»,· spricht  Gott zu Noah.

«Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe.»

Wir sagten es schon, dass Religion, indem sie alles Unglück auf bekannte Mächte zurückführt, «eine beruhigende, befreiende, erleichternde» Wirkung hat.82 Damit wird ein evolutionärer Nutzen deutlich, den wir schon bei der Analyse von Evas Fluch und den weiblichen Geburtsschmerzen feststellten: Der Regenbogen wird zum himmlischen «Don’t panic!»-Zeichen. «Ihr werdet überleben», lautet die Botschaft. Religion lässt die Menschen Ruhe bewahren und stellt sicher, dass klaren Verstandes nach rettenden Lösungen gesucht wird.

Das zeichnet die Mose-Bücher aus: ein Überfluss an Gesetzen, Regeln und Anweisungen, die sich über alle vier Bücher verteilen. Der Dekalog, die Zehn Gebote, die Gott Mose übergibt, sind nur die Spitze des Eisbergs. Rabbiner haben ganze 613 Mitzwot gezählt, 365 Verbote und 248 Gebote, um präzise zu sein. Dazu gehören Klassiker   wie: «Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.» Oder das Ius talionis, das Recht der gleichwertigen Vergeltung, besser bekannt als: «Auge um Auge, Zahn um Zahn». Aber es zählen auch Vorschriften dazu wie: «Du sollst das Böcklein nicht kochen in seiner Mutter Milch.» Schließlich wimmelt es von himmlischen Direktiven in Sachen Homosexualität, Sodomie und außer- ehelichem Geschlechtsverkehr. Von den finessenreichen Anweisungen in Sachen Heiligtum, Priestergewändern und Opferpraktiken ganz zu schweigen.

Die Hausordnung der Schöpfung

Was das Besondere am mosaischen Gesetz ist, macht der Vergleich mit dem altorientalischen Recht deutlich. Im Unterschied zu Texten wie dem babylonischen Codex Hammurapi (18.Jh. v. Chr.) fallen vor allem zwei Dinge auf. Erstens dringen die Bestimmungen der Tora in Lebensbereiche vor, die ansonsten von rechtlichen Regulierungen unberührt bleiben. Die altorientalischen Rechtstexte sind «strikt säkular», in ihnen wird eine «durchgängige Trennung von rechtlichen, religiösen und moralisch-ethischen Normen vorausgesetzt», das heißt, es finden sich in ihnen keine «Bestimmungen zu Themen wie Altarbau, Opferdarbringungen, kultischen Abgaben, Priesterregeln». 18 Die Tora dagegen macht nicht einmal vor Sexualität, Hygiene oder Ernährung halt.

Zweitens haben wir es hier mit Gottes eigenen Gesetzen zu tun; er brachte seine Vorschriften höchstpersönlich auf die Felstafeln oder diktierte sie Mose. Sie kommen als Gottes ureigenster Wille daher – sogar solche, die das Vergraben der menschlichen Notdurft betreffen. Im Orient waren die Götter zwar die «Hüter des Rechts», nie aber dessen Quelle.19

Die Tora ist nur  ein Teil der hebräischen Bibel. Der so erstaunlich berechenbare Gott wird sich im weiteren Verlauf des Buchs der Bücher noch gewaltig verändern. In der kulturellen Evolution der biblischen Religionen  ist die Tora eine Zwischenstufe. Aber eben eine von fundamentaler Bedeutung. Sie hat sich als ambitionierter Versuch etabliert, die Probleme zu bewältigen, die aus dem größten Fehler der Menschheitsgeschichte, dem Sesshaftwerden, resultierten.

Wenn wir nun die Bestimmungen der Tora begutachten, knüpfen wir uns nicht jedes einzelne Gesetz vor. Wir konzentrieren uns auf die wesentlichen Kategorien, um die Funktionsweise der Tora zu erläutern. Keine Bange: Die Gesetze sind ein reizvolles Beschäftigungsfeld, weil sie uns in den Sumpf menschlichen Handelns führen. Gesetze braucht es schließlich nur dort, wo die entsprechenden Verstöße auch auftreten. So betrachtet, wird selbst der Dekalog zur Verbrechenskartei: Menschen morden, stehlen, brechen  die  Ehe und beten andere Götter an. Doch wen wird das  überraschen? Nichts anderes hat uns die Genesis  erzählt.

Jahwe: Der Gott mit den zwei Leben. 

( Das Gotttesbild hat sich schon öfter gewandelt.)

Wir  haben  es  mit  einem  neuen  Gott  zu  tun.  Oder  zumindest mit einer gewaltigen  Metamorphose  des alten.

Während man es in der Genesis mit «einer familien- und  sippenbezogenen Schutzgottheit» zu tun hatte, tritt einem nun der   «kriegerische

und gewalttätige Gott  <des  Volkes>  [entgegen],  der  die Ablehnung – ja   sogar  Vernichtung  der  anderen  Völker  und  ihrer  Götter  fordert  sowie strafend und  gewalttätig gegen sein Volk vorgeht».

Mit ihm werden Attribute wie Allmacht, Allwissenheit  oder  ewige  Unveränderlichkeit  verbunden.

Es geht  nicht nur darum, die Gemeinschaft durch ein formelhaftes Regelwerk zusammenzubinden, sondern sie wird durch dieses auf einen gemeinsamen Kern moralischer Werte verpflichtet. Die Tora ist auch und vor allem eine Anweisung zum richtigen Verhalten . Sie will Armut und Gewalt, Leid und Krankheit verhindern. Sie will die Schwachen schützen – und bezieht sogar die Tiere ein. Sie strebt nach dem Wohl des Kollektivs, deshalb kommt es auf das Verhalten eines jeden Einzelnen an. Schon in der Antike wurden ihre hohen ethischen Forderungen bewundert.4 Sie korrespondieren oft mit den Maximen der Jägerund-Sammler-Welt, also mit unserer ersten Natur, der Ungleichheit und Ungerechtigkeit suspekt sind und die auf Solidarität setzt: «Lie­

be deinen Nächsten.»

(Und die vielen strafbewehrten Vorschriften?GH )

Die Welt berechenbar machen

Heute gilt Religion oft als Heimstatt des Irrationalen. Die kulturelle Institution Religion, das, was wir intellektuelle Religion nennen, ist jedoch als eine überaus vernünftige Angelegenheit gestartet. In protowissenschaftlicher Manier baute sie durch Beobachtung der Umwelt ein System unglückreduzierender Handlungen auf. Sie schuf damit «kulturelle Resistenzen» .5 Bei der Tora haben wir es gewissermaßen mit einem Programm zu tun, dessen exakte Ausführung  in eine Welt des Friedens führen sollte. Dieser Gott ließ sich nicht mehr durch Magie oder individuelle Interventionen dazu verleiten, sich mal auf diese, mal auf jene Weise zu verhalten.

Inmitten despotischer Staaten, wo Willkür  und Nepotismus  blühten, war das ein zivilisatorischer Fortschritt. An die Stelle der Selbstherrlichkeit  trat  die Regelhaftigkeit   der Welt. Der Gott der Tora war berechenbar.

Die  Annahme  eines  einheitlichen,  rational  rekonstruierbaren  1

Prinzips, das die Welt durchdringt, ist von höchster Bedeutung. Weil !

der eine Gott für alles zuständig ist und damit die gesamte Welt,  von allen potenziell willkürlich agierenden Göttern, Geistern und Dämonen befreit, wird diese verständlich und beherrschbar. Die Annahme einer rational einsichtigen Realität und der Verständlichkeit  der Kräfte, die ihr Funktionieren  gewährleisten,  bereitet  weitergehenden Rationalisierungen den Boden. Das ist das kulturelle Substrat, auf dem die Saat von Wissenschaft, Medizin und Recht i! prächtig gedeihen wird.

Die «Wurzeln der Rationalität moderner Gesellschaften» sind «in der rationalisierenden Pragmatik des israelitischen Gottes- und Weltverständnisses zu suchen».9 Wir haben es mit jener  Rationalisierung  zu tun, die Max Weber die «Entzauberung der Welt» nannte. 10 Die sich in der , Tora manifestierende intellektuelle Religion gehört zur Avantgarde des kulturellen Fortschritts. Die Bibelautoren  haben  einen  Ehrenplatz in der Ruhmeshalle der Wissenschaft verdient.

Der Hang zur Gewalt

Das dritte Erbe der Tora ist heikler Natur: die Gewalt. In den letzten Jahren wurde viel darüber debattiert, ob dem Monotheismus ein besonderer Hang zur Gewalt innewohne. Auslöser war Jan Assmanns These von der «mosaischen Unterscheidung», von der Unterscheidung «zwischen wahrem Gott und falschen Göttern, wahrer Religion und falschen Religionen», die grundlegend für den Monotheismus sei.12 Daraus resultiere eine «Kraft zur Negation», mit der

«das Prinzip des <tertium non datur»>, des ausgeschlossenen Dritten, in einen Bereich hineintragen worden sei, in dem «es vorher nicht zu Hause, ja gar nicht denkbar gewesen war, die Sphäre des Heiligen, der Gottesvorstellung und der Religion». 13

Der Monotheismus akzeptiert nur noch eine Wahrheit. Alles andere ist Lüge. Solch ein Anspruch auf Wahrheit findet sich im Polytheismus nicht. Auch dort ist Gewalt ein Mittel der Wahl, aber dann geht es um Macht. 14  Nur die monotheistischen  Religionen kennen «zugleich mit der Wahrheit, die sie verkünden, auch ein Gegenüber, das sie bekämpfen», sagt Assmann. «Nur sie kennen Ketzer und Heiden, Irrlehren, Sekten, Aberglauben, Götzendienst, Idolatrie, Magie, Unwissenheit, Unglauben, Häresie und wie die Begriffe alle heißen mögen für das, was sie als Erscheinungsformen des Unwahren denunzieren, verfolgen und ausgrenzen.» 15 In Hinblick auf die Exodus-Überlieferung stellt der Ägyptologe fest, es habe wohl etwas zu bedeuten, «dass der Monotheismus in den biblischen Texten die Geschichte seiner Durchsetzung in allen Registern der Gewaltsamkeit erzählt». Die Geschichte vom Exodus und von der Landnahme des Gelobten Landes sei schließlich kaum etwas anderes als «eine Serie von Massakern». 16

Ohne auf die vor allem von Theologen geführte Monotheismus-Debatte eingehen zu wollen, sollte hier deutlich werden, dass unsere evolutionäre Herangehensweise einen bisher unbeachteten Faktor ins Spiel bringt. Denn bei der «Serie von Massakern», die, wie Assmann ausdrücklich betont, rein fiktiver Natur sind, handelt es  sich um CREDs, um Glaubwürdigkeit stiftende Handlungen handelt, wie wir sie im Kontext des Exodus beobachten konnten. Sie sollten den Lesern  vor Augen führen, wozu das Volk in der Lage war, wenn es seinem  Gott Jahwe endlich einmal treu war. Anstatt wie in der historischen  Realität immer nur Opfer zu sein, konnte es in der biblischen Fiktion über seine Feinde triumphieren – und zwar gewaltig. Außerdem war  der Bedarf an solchen CREDs, wie wir zeigten, riesig. Schließlich ,

galt es, den neuen Gott gegen die alte Glaubenswelt durchzusetzen.

Über himmlische Moral

Mit Jahwe hat erstmals ein durch  und  durch moralischer  Gott Weltbühne betreten. Wo anders gäbe es einen Gott, der für die     – Armen und Schwachen eintritt und die Könige seiner Gerechtigkeit unterwirft?  Der fordert: «Liebe deinen Nächsten»  und  dessen Gebote bis heute geehrt werden? Und doch bereitet dieser Gott vielenn Menschen Schwierigkeiten. Ihnen setzt  der  Widerspruch  zu,  dass dieses Wunder an Moral einen Hang zu exzessiver Gewalt hat. Gottes Zorn wird «zu den größten Rätseln der biblischen Theologie,“ gezählt.

Die Kapitel 4 und 5 wurden kaum berücksichtigt, u.a.  weil sich in ihnen die Grundthese von der Auswirkung der frühzeitlichen Menschheitsgeschichte mit dem Übergang von der Jäger- und Sammlerkultur in die Sesshaftigkeit nicht mehr durchhalten lässt. Ihre Auswertung soll aber nachgeholt werden. 

Zum Beispiel bei    Erlösung wird individuell

Die vielen Götter des Christentums

Jesus: Gott  und Mensch
Maria: Mutter Gottes  vgl, Kermani!!

Teil 5 Das Neue Testament Hoffnung auf Erlösung
1 8 Als Jesus im  Himmel  blieb: Die Geburt des Christentums

Das Buch der Natur: Gottes zweite Bibel 471

Die Zukunft der Religion

Wie geht es weiter? Wir sind keine Zukunftsforscher, wollen allerdings wenigstens die Tendenzen benennen, die sich aus Sicht der kulturellen Evolution aufdrängen.

Erstens: Die Religion hat ihre Mission erfüllt, die Funktionsweise der Welt zu erklären, indem sie selbst bessere Instrumente für diese Aufgabe geschaffen hat. Jeder gesellschaftliche Gültigkeit beanspruchende Welterklärungsan–spruch des Christentums ist damit vom Tisch. Damit sollte – theoretisch – kein Konfliktpotenzial mit der Wissenschaft mehr bestehen. Für die europäische Welt ist das schon weitgehend der Fall.

Zweitens: Wir haben gezeigt, wie die Religion eine die Moral regulierende Funktion übernahm, in dem  Glauben,  auf  diese Weise die Gunst der Götter zu gewinnen und die Gesellschaft vor Katastrophen zu schützen. Unsere Moral aber ist sehr viel älter als die Religion. Diese hat sich der Moral nur angenommen in Zeiten, da der Egoismus kleiner und großer Despoten die Gesellschaften neu zu zerstören drohte. Damit schufen die biblischen Religionen die Grundlage für Menschenrechte und Demokratie. Wo diese säkularen Institutionen nun etabliert sind, brauchen wir die Religion nicht mehr zur Legitimation. Auch hier hat die Religion ihre Mission erfüllt. Natürlich können religiöse Institutionen weiterhin als moralische Anwälte agieren. Aber sie besitzen kein «höheres» Recht, aufgrund dessen sie einen Anspruch auf Normativität gegenüber der Gesellschaft beanspruchen dürften.

Drittens: Wenn also die kulturellen  Schutzfunktionen wegfallen,

weil die Religion mithalf, tauglichere Institutionen zu schaffen, wird die intuitive Religion wachsen. Der Anteil der theologischen Lehre nimmt ab, mit dem Rückgang der intellektuellen Anteile sinkt der Kohärenzzwang,  das  Bedürfnis  nach  rationaler  Stimmigkeit. Das gemeinsame Erlebnis tritt in den Vordergrund, die spirituelle Erfahrung. Aber auch hier ist es wie im Bereich der Musik, wo eine große Spannbreite zwischen populärer und ernster Musik besteht. Sicher wird es immer Gläubige geben, welche die Religion gerade wegen der Ehrwürdigkeit ihrer theologischen Lehrgebäude goutieren oder die hoffen, mit ihrer Hilfe das raffinierte Zusammenspiel der Naturgesetze zu begreifen. Der Glauben wird auf jeden Fall auch in Europa pluralistischer.

Schon jetzt ist zu diagnostizieren: Es haben jene Gemeinden und spirituellen Angebote Zulauf, die der ersten Natur viel zu bieten haben. Die Menschen finden dort ihr Glück, wo sie das Gefühl haben, von einer höheren Macht Schutz und Geborgenheit geschenkt zu bekommen. Wo sie sich aufgehoben fühlen wie einst in der lebendigen Gemeinschaft einer Jäger-und-Sammler-Gruppe. So betrachtet, könnte die Religion sich zu einer Zufluchtsstätte der ersten Natur wandeln.

Und damit sind wir bei viertens: Die skizzierten  Entwicklungen finden innerhalb der traditionellen Kirchen nicht unbedingt Beifall. Immer wieder ist Kritik an der «Spiritualisierung» und «Individualisierung» der Religion zu vernehmen. Religion dürfe doch nicht zu einem Wellness-Angebot verkommen. Da sei der ganze Mensch gefordert, heißt es. Das Bekenntnis zu Gott umfasse alle Aspekte des Lebens. Eine «Religion light» erscheint inakzeptabel, wenn sie nicht ohnehin ganz des Teufels ist.

Das ist unsere alte Psychologie,  unsere  erste Natur. Da   meldet sich die uralte Angst vor Trittbrettfahrern: Deshalb müssen die Kosten hoch sein! Wir wollen unsere Gruppe geschlossen halten! Da darf nicht jeder kommen und gehen wie in einer Yogagruppel Entsprechend boomen vor allem die rigiden, nicht die liberalen Kirchen. Jene, die viel von ihren Mitgliedern verlangen, viel Einsatz, viel Geld, viel Hingabe, um so nur die beisammen zu haben, denen es wirklich ernst ist.48

In diesem Kontext erklärt sich auch, warum viele strenggläubige Gruppen noch immer auf dem Glauben an die wortwörtliche Wahrheit der Bibel beharren. Der funktioniert als kostspieliges Signal: Wer heutzutage beteuert, wirklich daran zu glauben, dass Gott die Welt am Sams0tag, den 22. Oktober 4004 v. Chr. um Punkt sechs Uhr abends geschaffen hat – wie es sich aus der Bibel extrapolieren lassen soll -,49 beweist damit vor allem eins: Auf ihn ist Verlass! Er ist ein vertrauenswürdiges Mitglied seiner Gruppe. Auch das steckt in unserer uralten Jäger-und-Sammler-Seele.

Hier  lauert, fünftens,  Gefahr. Nicht  nur,  dass wir  längst nicht mehr in kleinen Gemeinschaften durch die Savanne ziehen. Nein, dort wo das Ingroup-Bewusstsein forciert wird, ist die alte FreundFeind-Psychologie nicht fern. Denn die gehört ebenfalls zur ersten Natur der Menschen. Da werden schnell alle außerhalb der eige nen Gruppe Stehenden dämonisiert. Da ist die Anfälligkeit  für Verschwörungstheorien groß. Denn wenn man schon an übernatürliche Akteure glaubt – und die erste Natur glaubt an viele -, ist man geneigt, sie überall am Werk zu sehen, vor allem in der bösen Welt jenseits der eigenen Gruppe.

Religion kann ein zweischneidiges Schwert sein. Sie schweißt nach innen zusammen und schließt die Gemeinschaft nach außen ab. Das macht einen Gutteil ihres Erfolgsgeheimnisses aus. Das Christentum hat das in seiner Geschichte besonders gut verstanden. Wir lasen es in der Bibel: Jesus der Freund, der uns barmherzig in jeder Notlage zur Seite steht, und Jesus der Apokalyptiker, der die Mächte des Teufels bekämpft, sind ein und dieselbe Person. Aber heute ist allenfalls noch einer von beiden akzeptabel.

Halten wir fest: Die Religion wird den Homo sapiens weiterhin begleiten, und das Christentum wird in seinen intuitiven Teilen stärker werden. Heikel wird es dort, wo die Religion beansprucht, das Verhalten der Menschen zu bestimmen. Für eine kritische Phase unserer Geschichte war das ihre Aufgabe; sie hat das, angesichts fehlender Alternativen, mit Bravour gemeistert. Aber, und das ist die Lektion, die sich aus der kulturellen Evolution ziehen lässt, das ist keine Mission für alle Ewigkeit gewesen. Für die Bibel immerhin ist das eine gute Nachricht. Sie muss nicht mehr die perfekte Schrift eines perfekten Gottes sein. Sie darf endlich das sein, was sie auf jeden Fall ist: ein verdammt gutes Buch.

Epilog

Wir sind angekommen. Unsere Reise durch die Bibel hat uns von der Genesis zur Apokalypse geführt. Wir waren dabei, als Adam und Eva das Paradies verlassen mussten, und haben die Menschen begleitet, wie sie jenseits von Eden versuchten, ihr Leben zu meistern. Glückliche Augenblicke waren ihnen nur selten vergönnt. Am Ende der Bibel dann geht die Welt im Inferno unter. Nach all dem Chaos, das ist die Botschaft der Johannes-Offenbarung, ist es höchste Zeit für eine neue Erde und einen neuen Himmel, für das himmlische Jerusalem.

Eden und Armageddon sind das Alpha und das  Omega  der Bibel. Dazwischen mussten die Menschen sich in einer Welt behaupten, für die sie nicht gemacht waren. Das ist das eigentliche Thema der Bibel: das Leben in einer unpassenden Welt. Und damit hat sie recht. Wir haben gezeigt, wie der Homo sapiens seit dem Sesshaftwerden versuchte, in einer Welt zu bestehen, für die es ihm an biologischen Anpassungen mangelte. Wir lesen es in der Bibel: Die Menschen geben ihr Bestes, in dieser Welt voller Katastrophen nicht unterzugehen. Sie behaupten sich, obwohl der Bruder dem Bruder zum Feind wird, die Frauen ihre Freiheit verlieren und Despoten ihrem Egoismus freien Lauf lassen und die Gesellschaft als Beute betrachten.

Was die Theologie traditionellerweise als Beleg für die Sündhaftigkeit der Menschen wertet – hätten sich Adam und Eva gehorsam gezeigt, wäre uns dieses Schicksal erspart geblieben -, gilt uns in evolutionsbiologischer Perspektive als Ringen mit den Konsequenzen der radikalsten Verhaltensänderung, die je  eine Tierart auf die sem Planeten absolvieren musste: dem Sesshaftwerden und dem Zusammenleben in immer größeren Gesellschaften. Die Menschen haben das mit Bravour gemeistert, weil sie alles auf ihren entscheidenden Trumpf setzten: die Fähigkeit zur kumulativen kulturellen Evolution.

Doch sie zahlten einen Preis dafür: Mismatch! So nennen wir das Auseinanderklaffen zwischen der psychischen Ausstattung und den neuen Lebensbedingungen. Das ist der Preis, den wir bis heute für den kulturellen Fortschritt zahlen. Wir fühlen uns nicht recht heimisch in einer Welt, die immer unüberschaubarer und anonymer wird und voll unbekannter Herausforderungen  steckt. Was  Freud als «Unbehagen in der Kultur» bezeichnete, nennen wir, unserem Gegenstand entsprechend, Heimweh nach dem Paradies.

……… ·“

Unsere  Haupterkenntnis  lautet: Religion  darf nicht  auf traditionelle Weise als schon immer vorhandene Entität wahrgenommen werden. Man muss unterscheiden zwischen einem religiösen Substrat auf der einen Seite, das, genetisch verankert, Teil der Condition humaine ist. Dabei handelt es sich um eine spezifische Weise, die Welt wahrzunehmen und zu interpretieren. Diese intuitiv-individuelle Religion verfügt über keine Lehre; ihre Riten und Praktiken sind uralter Bestandteil unserer zweiten Natur. Wie «religiös musikalisch», um einmal mehr Max Webers Metapher aufzunehmen, die Menschen in dieser Hinsicht sind, hängt von den individuellen Anlagen ab, von der Sozialisation und der jeweiligen Kultur.

Auf der anderen Seite steht das, was wir als intellektuell-institutionelle Religion beschrieben haben, was also integraler Bestandteil jenes kulturellen Sets ist, das uns  helfen  sollte, in der neuen Welt  zu bestehen. Ohne Experten kommt es  nicht  aus. Hier  setzt  unsere Hypothese des kulturellen Schutzsystems an, die wir auf der Basis unserer anthropologischen Bibellektüre entwickelt haben. Sie beschreibt letztlich nichts anderes als den Versuch der Menschen, sich mittels Kultur gegen die Unbill der neuen Verhältnisse zu schützen.

In den Anfängen haben wir es noch mit einer kulturellen  Ursuppe zu tun. Funktionelle Differenzierungen treten allenfalls ansatzweise auf. Zentral für das Verständnis der intellektuellen Religion ist, dass Wissenschaft und Religion hier noch ein und dasselbe sind, ja eigentlich noch gar nicht existieren. Wir werten diese Kultur heute nur deshalb als religiös, weil die Menschen alles als das Werk übersinnlicher Akteure interpretierten. Das gab ihnen ihre erste und zweite Natur vor, und die dritte Natur lieferte noch keine alternativen Methoden, um das Funktionieren der Welt zu erklären. Das Fortschreiten der kulturellen Evolution führte zu Spezialisierungen, Ausdifferenzierungen und zur Wissenschaft. Ein allmählicher Prozess: Wir haben gezeigt, dass bis ins 19.Jahrhundert hinein  Wissenschaftler überzeugt waren, mit ihrer Forschung die Schönheit der göttlichen Schöpfung zu rekonstruieren.

Das kulturelle Schutzsystem hat verschiedene  Ausprägungen. Da haben wir einmal jene protowissenschaftlichen Elemente, die  wir besonders gut in der Tora beobachten konnten: das Meiden von Körperflüssigkeiten, das Verbot bestimmter Sexualpraktiken  oder die Quarantäne von Kranken, um alles Unglück zu vermeiden, das als Strafe Gottes erschien. Diese Maßnahmen sind im Laufe der Jahrhunderte durch Wissenschaft und Medizin obsolet geworden. Um ein markantes Beispiel zu geben: Die Sanktionierung der Homosexualität ist nichts als das Resultat einer veralteten vorwissenschaftlichen Theoriebildung. Wo die Gebote und Verbote die Zeiten überdauerten, taten sie das nur, weil sie zum festen Bestandteil der zweiten Natur geworden waren oder als Costly Signals den Zusammenhalt der religiösen Gemeinschaften stärkten.

Dann gibt es jenen Zweig des kulturellen Schutzsystems, den  wir unter der Chiffre Apokalypse beschrieben haben. Böse Mächte stehen hinter dem Übel der Welt. Diese gilt es zu bekämpfen und sich des Beistands guter Mächte zu versichern. Auch dieser Zweig ist veraltet. Wir wissen längst besser, wer für was in der Welt verantwortlich zu machen ist. Dort, wo die Zusammenhänge nicht ganz nachvollziehbar sind, treibt dieses Denken immer noch Blüten. Im Fall von Krankheiten etwa, bei denen die Schulmedizin nicht helfen kann, manifestiert es sich in Pilgerfahrten oder Teufelsaustreibungen. Im Weltlichen Bereich lebt die «apokalyptische Matrix» vor allem in Gestalt von Verschwörungstheorien fort. Die Neigung, überall soziale Kausalitäten zu vermuten, wurzelt tief in unserer Natur. Und die glaubt nun mal nur allzu gerne, dass hinter jedem Ereignis irgendjemand steckt, der seine Hände im Spiel hat.

Schließlich ist noch der soziale Zweig des kulturellen Schutzsystems zu nennen, dem es um Zusammenhalt, um Asabiya, geht. Auch der barmherzige Gott, der zur Nächstenliebe aufruft, ist ein Versuch, die Mismatch-Erfahrung zu lindern. Die Psalmen und Teile des Neuen Testaments zeigten uns, wie groß das Bedürfnis  nach einem Gott ist, der für uns Partei nimmt. Nach jemandem, der sich auf die Seite der Sünder stellt und Gnade vor Recht ergehen lässt. So wie Jesus das tat. Dann ist er nicht der gnadenlose Richter des Jüngsten Gerichts, sondern  der Jäger-und-Sammler-Jesus, den wir in Kapitel 17 bestaunten. Denn  in  den  prähistorischen  Gruppen, in denen sich unsere Psychologie formte, gab es keine abstrakten Gesetze. Ein Vergehen war ein Skandal, aber einer, der nach reichlich Diskussionen und Verhandlungen doch so gut wie immer in Versöhnung endete. Stets gab es Menschen, die alle erdenklichen Gründe für den Beschuldigten in die Waagschale warfen. Auf die Seinen war Verlass.

Ist es nicht das, was Gläubige sich bis heute von Gott wünschen? Dass er mit ihnen genauso nachsichtig und barmherzig  umgeht, wie es Jesus gegenüber der Ehebrecherin war? «Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.» Gott soll den einzelnen Menschen lieben trotz all seiner Unzulänglichkeiten, niemanden verloren geben, auch dann nicht, wenn er gegen sein Recht verstoßen hat. Der intuitive Gott steht immer an der Seite der Menschen, der intellektuelle dagegen steht auf Seiten des Rechts, der Kirche und der Gesellschaft.

Wir dürfen nicht vergessen: Unsere Identität ist eine soziale Identität, die prähistorische Gruppe war Teil unserer Persönlichkeit. Als die Gruppe wegfiel, war das wie eine Amputation. Phantomschmerzen waren die Folge! Auch das ist ein Grund für die Karriere der Götter: Als die alten Gruppensolidaritäten schwanden, investierten wir in die himmlischen Beziehungen. Das war doppelt ratsam, weil die Götter ja auch für das neue Unheil Verantwortung zu tragen schienen. Zugespitzt formuliert: Gott kompensiert als Surrogat den Verlust der alten Gruppenbindungen  und lindert die  Phantomschmerzen.

Das erste und letzte Gebot

Aus diesem Grund findet sich auch das Gebot, Gott zu lieben, im Alten wie im Neuen Testament: Wenn wir Gott lieben, liebt er uns auch. Das ist das altbekannte Gesetz der Reziprozität. Aber nicht nur das: Der Aufruf zur Gottesliebe geht einher mit dem Gebot der Nächstenliebe. Jesus und ein Pharisäer sind sich einig, dass wir es hier mit den höchsten Geboten der Tora zu tun haben. Dabei – das erscheint uns wichtig, das noch einmal festzustellen – hat die goldene Regel als menschliche Universalie im Ursprung überhaupt nichts mit Religion zu tun.

Unter Jägern  und  Sammlern war  die Verpflichtung  auf Gegen­seitigkeit eine Selbstverständlichkeit. Sie war die Grundlage allen Beisammenseins: Das erste und letzte Gebot der Menschheit. Prima­

tologen sehen die gleichen Mechanismen schon bei unserer Affenverwandtschaft am Werk. Bei allen bisher erforschten Affenarten steht die Versöhnung innerhalb der Gruppe, insbesondere mit den Kumpanen, hoch im Kurs. Fairness hat folglich als entwicklungsgeschichtlich uralte Fähigkeit zu gelten, sagt zum Beispiel Frans de Waal. Sie dient dazu, «angesichts des Wettstreits um Ressourcen die Harmonie in der Gruppe aufrechtzuerhalten». 1 Was die Bibel von den Menschen in Sachen Nächstenliebe verlangt, ist also schlicht, sich wieder so versöhnlich zu verhalten, wie das Jäger und Sammler innerhalb der eigenen Gemeinschaft immer taten. “

Dass die Bibel die goldene Regel einfordern muss, obwohl diese die längste Zeit der Menschheitsgeschichte eine Selbstverständlichkeit gewesen war, belegt, dass die Reziprozität in den größer gewordenen Gesellschaften weitgehend aus dem Alltag verschwand. Und damit reihen sich auch die Appelle zur Gottes- und Nächstenliebe nahtlos in das kulturelle Schutzsystem der Bibel ein. Es will die alte Harmonie wiederherstellen, um gegen die Vereinzelung, die fehlende soziale Kontrolle und die daraus resultierenden sozialen Verwerfungen anzugehen. Es stiftet damit sozialen Klebstoff. Aber nicht so sehr durch Strafandrohung, wie oft argumentiert wird. Nein,  die Bibel versucht einfach, der Biologie wieder zu ihrem Recht zu verhelfen, indem sie alles daran setzt, unseren intuitiven Verhaltensmaximen  gesellschaftliche Akzeptanz  zu verschaffen.

Während heute für die Katastrophen- oder Krankheitsbekämpfung tauglichere Maßnahmen zur Verfügung stehen, hat die Religion im Bereich der Nächstenliebe, des menschlichen Miteinanders, ihre Zuständigkeit behaupten können. Dort fehlt es an Alternativen; staatliche Institutionen sind hier nur beschränkt hilfreich. Insofern wird noch immer von den Kanzeln dieser Welt die Nächstenliebe gepredigt. Dabei ist jedoch wichtig: Die Religion tritt hier nur stellvertretend für unsere erste Natur auf. Deren Botschaft lautet schlicht: Seid menschlich! Genuin religiös ist das nicht.

Analysiert man die Bibel, dieses tausend Jahre umfassende Tagebuch menschlicher Geschichte, lässt sich die kulturelle Evolution idealtypisch als dialektischer Prozess beschreiben. Die Nöte der Menschen, vor allem die immer wieder auftretenden Katastrophen, sind die Unruhestifter, die Taktgeber der kulturellen Evolution. Immer wieder erschüttern sie die Gesellschaften; immer wieder zwingen sie die dritte Natur der Menschen, neue Strategien zu   entwickeln.

Ob Katastrophen, Krankheiten oder Konflikte – wir geben keine Ruhe, bis wir wissen, wer dahintersteckt. Wir spüren ein großes Verlangen nach CREDs, um zu verhindern, dass wir ausgenutzt werden. Taten  überzeugen  uns  mehr  als Worte.  Ungerechtigkeit,  also fehlende Reziprozität, empört uns. Wir sind schnell bereit, Fremde  zu verteufeln. Wir versuchen, uns auf alles, was geschieht, einen Reim zu machen – und sind erpicht, noch jeden Winkel selbst imaginärer Welten wie Himmel und Hölle zu erkunden. Erklärungen glauben wir eher, wenn sie Akteure ins Spiel bringen, als wenn sie mit abstrakten Prozessen argumentieren. Wir sind Animisten mit einem Faible für Magie, Zauber und Charisma, und selbst die Rationalsten unter uns haben ihre  kleinen  abergläubischen  Ticks. Wir  wollen die Dinge selbst in der Hand haben. Die Monogamie halten wir für eine vernünftige Idee, auch wenn es uns in der Praxis oft schwerfällt, ihren Maximen gerecht zu werden. Das Urteil der anderen ist uns extrem wichtig. Wir sind soziale Netzwerker und begnadete Kooperateure. Wir sind aber auch Egoisten, gerne bereit, einen sich bietenden Vorteil zu nutzen, um es der Konkurrenz zu zeigen. Wir haben Angst vorm Sterben, aber nicht vor dem Tod – zumindest so lange niemand uns unsere Intuitionen raubt, dass der Tod nicht das Ende von allem ist.

Die anthropologische Bibellektüre verrät uns auch, was unserer ersten Natur guttut: Gemeinschaft, gemeinsame Erlebnisse, Gleichheit, Gleichberechtigung und natürlich Geschichten und noch bessere Geschichten. Also all das, was uns ein Stück des verlorenen Paradieses zurückgibt. In allen diesen Angelegenheiten können wir uns auf die Bibel verlassen, sie birgt Menschheitserfahrung von Jahrtausenden.

Was die Bibel auf jeden Fall ist

Und damit sind wir am Ende. Unser Ziel war es nicht, in Konkurrenz mit religiösen Deutungen zu treten. Wir wollten nur zeigen, was noch alles in der Bibel steckt. Viele ungehobene Schätze schlummern in ihren Geschichten, es gibt tatsächlich so etwas wie eine bisher verborgen gebliebene Bibel. Wir hoffen, den Beweis erbracht zu haben, dass es sich um keine Übertreibung handelt, wenn wir die Bibel in dieser Hinsicht als das wichtigste Buch der Menschheit bezeichnen .

Angesichts ihres monumentalen Charakters war es uns nur möglich, eine erste Bestandsaufnahme vorzunehmen. Doch die sollte belegt haben, mit welch einem phantastischen Stoff wir es zu tun haben. Die Bibel ist es wert, dass alle jene, die sich für die Evolution der menschlichen Kultur interessieren, sie eines genauen Blickes würdigen. Natürlich wäre es ein extrem lohnenswertes Unterfangen, mit unserem kultur-evolutionären Ansatz nun auch andere Religionen zu untersuchen.

Vor allem hoffen wir jedoch,  bei den Lesern die Neugier auf die Bibel geschürt zu haben. Zugegeben, sie ist kein einfach zu lesendes

Buch. Wir glauben aber, die Lektüre fällt leichter, wenn  man  die Bibel als Tagebuch der Menschheit begreift, als eines, an dem tausend Jahre geschrieben und gearbeitet wurde. Das deshalb oft so widersprüchlich erscheint. Das dafür aber Zeugnis ablegt vom heroischen Kampf  der Menschen  mit  einer Welt, für die sie nicht  gemacht  sind.

Denn damit fällt auch  die  Verpflichtung  fort,  die  makellose Schrift eines  makellosen  Gottes  sein  zu  müssen.  Dieser  Anspruch ist es ja, der die Bibel für viele Menschen unverständlich macht: Wie kann das Buch Gottes so voller Fehler und Grausamkeiten stecken? Warum ist dieser Gott oft so zornig? Nein, die Bibel ist keine per fekte Schrift. Diese Erwartungen kann sie  nicht  erfüllen.  Muss  sie auch nicht; sie hat das selbst nie behauptet. Sie war ein gutes Jahrtausend lang work in progress. Es wäre ein inspirierendes Gedankenexperiment, sich vorzustellen, die Arbeit an der Bibel wäre nie eingestellt worden. Gerade finge man wohl an, das Fünfte Testament zu schreiben. Wir haben den Verdacht,  die  Geschichte  des  Abendlandes wäre  anders verlaufen.

Es bleibt weiterhin jedem Leser selbst überlassen, ob sie oder  er zwischen den Zeilen der Bibel göttlichen Geist zu verspüren glaubt oder nicht. Wir zumindest sind guter Dinge, gezeigt zu haben, was sie auf jeden  Fall ist: Sie ist eine Bibel der menschlichen Natur. Allein deshalb hat das Buch der Bücher einen Ehrenplatz in jedem Bücherregal  verdient.

Inhaltsverzeichnis dieser Sammlung von Zitaten

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Was ist zu sagen?

Wer oder was Gott ist,  lässt sich nicht auf einen Begriff oder eine Formel bringen. Um aber weitere Aussagen über eine menschlichen Geist transzendierende große Wirklichkeit machen zu können (wie sie wirkt, was sie tut, was es will) , musste ein Name dafür stehen. Anfangs waren das exklusive Eigennamen, die später auch übergreifende abstrakte Bedeutung bekamen. Die Juden sprachen deshalb den Namen ihres Gottes überhaupt nicht oder verändert aus, um sich ständig daran zu erinnern, dass Gott der „Heilige„, der „ganz andere“ ist. Trotzdem hat der Mensch immer versucht, von Gott zu sprechen – meist wie von einem personhaften, übersinnlichen oder außerweltlichen Wesen mit übernatürlichen Eigenschaften.

Namen Gottes

Guenter Hegele    24. April 2016    1 Kommentar zu Namen Gottes

„JHWH“, der israelitische Name Gottes bedeutet: „Ich werde mit dir sein!“

Daß Gott einen Namen hat, macht ihn von anderen, fremden Göttern unterscheidbar. Der Name verhindert aber auch, daß aus Gott ein namenloses „gestaltloses Göttliches“ (Numinosum) werden kann. Er ist „Personˮ insofern er Menschen in seinem Wort begegnet, sie durch seine Taten befreit oder richtet. IHWHs Name kannangerufen werden und in der gottesdienstlichen Feier wird ein Gemeinschaftsverhältnis zwischen JHWH und den Menschen Israels ermöglicht.

Israels Gott unterscheidet sich von den Göttern anderer Völker und Religionen dadurch, daß er nicht ortstabil in einem Natur oder Tempel-Heiligtum zu finden ist, sondern seine Gegenwart inmitten seines Volkes kund tut.

Neben der Tradition des Auszugs aus Ägypten ist der Name JHWHs im Überlieferungsstrang der Thora enthalten. Thora heißt soviel wie „Lehre“, „Gebot“, dies aber im Sinne einer Unterweisung. JHWH hat Israel als sein Volk erwählt und mit ihm einen Bund geschlossen. Das Grundgesetz dieses Bundes ist die Thora, insbesondere das „Zehnwortˮ (griech. Dekalog), also die Zehn Gebote.Die meisten dieser Zehn Gebote, vor allem die der zweiten Tafel, sind ihrer Form nach nicht Ge-bote, sondern Ver-bote und das in einer vollkommen apodiktischen Weise: Es heißt nicht nur „Du sollst nicht…“, sondern wörtlich übersetzt „Du wirst nicht …“, diese Dinge tun. Die Überschrift über alle diese Verbote: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. … ˮ bedeutet: Gottes Volk soll in Freiheit leben! Aber an den Wegen der Freiheit sind die Verbotstafeln aufgerichtet, die Israel vor falschem, bundeswidrigem Verhalten warnen und es in diesem Sinne „richtenˮ. indem sie vor Abwegen warnen.

Was ist heute von Gott zu sagen?

In früherer Zeit wurde eine Vielzahl von Göttern verehrt.

Philosophen kommen über das Denken zu Aussagen über Gott. Er wird von einigen als erste Ursache von allem, als tiefster Grund des Seins oder als ausgleichende Gerechtigkeit bezeichnet. Viele halten Gott für ein Gedankengebilde des Menschen, das durch die Übersteigerung menschlicher Fähigkeiten zustande kommt (z.B. allwissend, allmächtig).

Jesus nannte Gott „Vater“ und brachte ihn den Menschen durch anschauliche Vergleiche aus dem Alltag und die Zusage seiner Liebe nahe (z.B. in den Gleichnissen). In dem, was seine Anhänger nach seinem Tod von ihm erzählten, erlebten Gläubige Gott so direkt, dass sie Jesus Sohn Gottes nannten.

Die Grunderfahrung des christlichen Glaubens ist, dass Gott kein Wesen für sich ist, sondern für den Menschen da ist und ihm zum Leben hilft.

Bilder Gottes in der christlichen Kunst und in der Sprache sind nicht als Abbilder, sondern als Sinnbilder zu verstehen. Es kommt darin auf sein mit dem Bild dargestelltes Verhältnis zu den Menschen an. Das gilt für Bezeichnungen wie Richter, Herrscher, Vater, denen auch bildhafte Vergleiche zugrunde liegen. Erwachsene und Kinder gestalten ihre Gottesbilder oft mit eigener Phantasie und Einzelheiten aus. Das macht Gott zwar anschaulicher, hemmt aber manchmal die weitere Entfaltung und Vertiefung des Glaubens und stehet im Widerspruch uzu heutigen Erkenntnissen der Naturwissenschaften. Deshalb wird Gott auch als „Urgrund des Seins“ (P. Tillich) oder als „Größere Wirklichkeit“ oder „Größerer Zusammenhang“ bezeichnet.

Das Symbol wurde von Prof.Dr.Szagun mit Kindern entwickelt.

… wo gibt es das?

Fundamentalismus in der evangelischen Kirche?

•  Die evangelische Kirche wird immer konservativer.
•  Sie hat vergessen, dass sie eine Kirche der Aufklärung ist.
•  Fundamentalismus und Aberglaube breiten sich in allen Kirchen aus.

Mit diesen Thesen will der Wissenschaftspublizist Martin Urban seine Kirche aufrütteln. Gerade auch angesichts des Reformationsjubiläums. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte er:

Martin Urban

Mehr dazu in seinem Buch „Ach Gott, die Kirche!: Protestantischer Fundamentalismus und 500 Jahre Reformation.“ dtv Verlagsgesellschaft 2016

weitere Literatur