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Wandel und Reformation des Glaubens heute  

Der fällige Ruck in den Köpfen…

10 Jahre nach der Veröffentlichung seines Buches „Im religiösen Umbruch der Welt. Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche“ wurde der emeritierte Kirchhistoriker Prof. Matthias Kroeger mit Spannung in einer Vortragsveranstaltung der Evang. Akademikerschaft und der Evangelischen Akademie der Pfalz erwartet. Dies auch deshalb, weil der theol. Arbeitskreis „Gottesbild heute“ der EAiD zur Ergänzung der Diskussionsplattform www.kernfragen-des-glaubens.de eine blog-site www.reformation-geht-weiter.de entwickelt hat, auf der nicht nur nach neuem Glaubensverständnis gefragt wird, sondern auch danach, wie Reformation heute weitergehen kann bzw. wenigstens schon angefangen hat.   (Darauf ging Kroeger aber in seinem ausführlichen Vortrag nicht ein.)

I.  Die Ausgangslage: Das Verständnis des Glaubens wandelt sich

Der christliche Glaube  hat sich seit seiner Entstehung oftmals gewandelt und geändert.

Die alten Glaubenslehren stammen aus einer Zeit, in der es andere religiöse und weltanschauliche Vorstellungen als heute gab.

Kroeger hält es für legitim, an den Grundaussagen des Reformatorischen Glaubens Änderungen vorzunehmen, sogar an den Fundamenten des Glaubens.

Der Wandel des Glaubens ist kein Verrat an der Tradition.

Aber niemand soll ewas genommen werden, was er oder sie für wahr und hilfreich hält. Traditionellen Christen wird keineswegs der richtige Glaube abgesprochen; sie sollten das allerdings bei den für neueres Verständnis offenen Christen auch nicht tun, wenn diese das Recht in Anspruch nehmen, selber zu denken und in der Kirche ein anderes Verständnis des Glaubens zu entwickeln, als es bisher gewohnt war.

Wandel ist kein Verrat – auch das heute nötige nontheistische Denken nicht

Obgleich es Fehlgriffe gab und gibt sollte ins Bewusstsein kommen, dass Wandel in den Gottesvorstellungen kein Verrat an den Traditionen bedeutet. In den letzten vier Jahrzehnten gab es einen Wandel, der religionsgeschichtlich vorher nicht gedacht wurde: Seit die magischen und Totenkult-Elemente überwunden wurden, steht die Frage nach Gott heute in globalem Kontext. (Hinweis auf Willfried Spohn und asiatische Religionen.). War es das Neue im salomonischen Tempel, dass eine „Leerstelle“ am üblichen Gottes-Statuen-Platz offen gehalten wurde, so ist heute vom Zen-Buddhismus zu lernen, dass die Vorstellung von Gott als Person nicht absolute Gültigkeit hat.

Gott nicht personal zu denken kann helfen, traditionelle Formeln (z.B. des Glaubensbekenntnisses) als solche zu erkennen und zu einem Verständnis der größeren Wirklichkeit zu gelangen, das unserem heutigen Kenntnisstand nicht widerspricht.

Bonhoeffer, Tillich und C.F.v. Weizäcker können angeführt werden. „Gott ist mitten in unserer Welt jenseitig.“ „Gott ist personal, aber nicht persönlich“, „Wunder im Selbstverständlichen“. Es gibt die ungegenständliche Wahrheit; gibt das Geheimnis, das die Welt bewegt; gibt das im Herz getroffen werden, „von dem, was uns unbedingt angeht“.  Reden über Gott kann nur in Symbolen geschehen, denn „Gott“ ist der Name des Geheimnisses der Welt. Nach diesem zu suchen, sei unsere Aufgabe. Dazu muss nicht gebetet werden – eine Meditation leistet ebensolches. Dazu sollte Staunen wieder entdeckt werden –  es ist ein ‚wisse mal nicht‘, das (neues Er-) Leben ermöglicht.

II. Folgende Elemente des christlichen Glaubens sind als Beispiele für eingetretene  Veränderungen zu nennen bzw. als solche „fällig“:

1 Satisfaktionslehre, dh. die Rechtfertigung der sündigen Menschen durch den Opfertod Jesu

Sie entstand, weil die frühen Christen sich in der mittelmeerweit existierenden Auffassung verständlich machen mussten. Alle Götter forderten ein (Blut-) Opfer, um die Vergehen der Menschen gegen ihre Gebote zu vergeben. Dieser Symbolakt des Versöhnens von Gott war in jedem Tempel präsent. Menschen verstoßen gegen das Verunreinigungsgebot der heiligen Stätten und gegen ethische Auflagen ihrer Religion. Sie haben darum Opfer zu bringen, damit ihr Gott ihnen trotzdem wohlgesonnen sei und werde. Dies glaubten und glauben die „alten“ Christen – und bis vor einer Generation war dies fast unhinterfragt.
Es war eine historische Entwicklung der Opferpraxis, dass  im Christentum nur ein Gott und der durch eine symbolische Handlung (Wandlung in der Gemeinschaftsmal-Feier) versöhnt werden konnte.  Auch Luther lehrte auf dieser Basis, wenngleich er dahingehend reformierte, dass der Mensch „allein durch die Gnade“ erlöst werde. Es sei zu wenig Ehre für Gott, wenn Menschen meinten, sie könnten durch ihre Werke erlöst werden. Wir heute reflektierenden Gläubigen haben ein neues Bild zu entwickeln, können ein für uns, für unseren Wissensstand und unsere Verständnisebenen adäquates Muster finden.

Jesu Tod am Kreuz wird nicht mehr als Sühne-Opfer verstanden, das notwendig war, um Gottes Zorn wegen der Sünden der Menschen zu besänftigen. Gott braucht nicht versöhnt zu werden. Die Menschen müssen mit Gott und untereinander versöhnt werden, weil sie, statt sich für Gott zu öffnen, sich vor ihm  verschließen.

Für den Glauben müssen keine Opfer mehr erbracht werden, Jesus hat genug gewirkt.

 2  Jungfrauengeburt Jesu als zeitgebundene Aussage, dass Jesus ohne Sünde ist

Das Beispiel der biblischen Erzählung zur Menschwerdung Jesu war im antiken Weltkreis eine bei allen Religionen übliche Genealogie: Götter fanden sich nach Lust und Laune in der Welt ein und zeugten mit Menschen neue Heroen / Halbgötter / … siehe Zeus. Die aus diesem Denken folgenden  Aussagen über Jesus in der Bibel sind durch die heutigen biologischen Kenntnisse überholt; es ist nicht nötig, sie als Glaubenssätze aufrecht zu erhalten.  Leider wird in der Kirchenpraxis (lt. Kroeger) heute noch häufig eine „Sklaverei nicht mehr aussagekräftiger Formeln“ gepflegt. Die Metapher der Jungfrauengeburt lässt sich allerdings heute relativ leicht im übertragenen Sinn verstehen: Dieser Mensch lebte so vollsltändig aus dem Geist Gottes wie kein/e andere/rer

 

3   Nicht mehr nötiges Denken in der Substanz-Metaphysik

Auf Jesus wurden in der Bibel spätantike Kategorien eines Gottes angewendet. Daraus entstanden die Aussagen „wahrer Mensch und wahrer Gott“. In dieser Tradition entwickelten sich christliche Kulte und heute noch übliche Formeln im Glaubensbekenntnis.  Das zeitgebundene philosophische Denken im 4. nachchristlichen Jahrhundert erzwang, die Göttlichkeit durch Substanzzuschreibungen zu belegen. So entstand „Gott war in Christo“ und der Zusatz „wahr“ zeigt, dass von einer Vielzahl von Göttern ausgegangen wurde. Jesu feierte das Mahl mit Außenseitern der Gesellschaft, denn gerade jene haben das Geschenk des Lebens nötig. Daher auch die Aussage von Paulus, Gott schenkt uns Menschen das Leben aus Gnade.

4   Reduktion der Detailgesetze durch das „Doppelgebot“: liebe Gott und deinen Nächsten

Die jüdische Religion überzog ihre Glaubensanhänger mit einem dichten Netz von Regeln, um den Vorschriften Gottes in allen Lebenssituationen gerecht zu werden. Diese Praxis reduzierte Jesus in der Antwort auf die Frage, was zu tun sei, um in den Himmel zu kommen, mit dem Doppelgebot. In solchem Geist zu handeln sei die gebotene Aufgabe, sie zeigt sich im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Folgerichtig genüge es nicht, nur die Gesetze zu erfüllen; dies zeigt das  Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner.

 

5    Das Verständnis der Bibel

In der Bibel haben wir eine Zusammenstellung von Zeugnissen  des Glaubens von Anhängern der Jesusbewegung. Es gibt darin bereits kurze Zeit nach Jesus erhebliche Unterschiede (Paulus!).   Die weltanschaulichen und religiösen Orientierungsformen waren andere als die der meisten Menschen in der Gegenwart (Mythologie, vorwissenschaftliches Naturverständnis). Historisch-kritisches Textverständnis  wird zunehmend auch bei der  Interpretation biblischer Schriften angewendet, was zwar zusätzlichen (Zeit-)Aufwand erfordert, aber auch neue Erkenntnisse ermöglicht. Es ist neu und anders zu erklären, in welchem Sinn die Bibel „Offenbarung“ und „Gottes Wort“ ist. In der Auslegung von biblischen Texten und Themen muss sich zeigen, ob diese heute Lebenshilfe und christliche Botschaft sein können.

III. Das Gottesverständnis

Gibt es einen Gott?  Sein Eingreifen als Person in den Geschehensablauf wird zunehmend mitten in der Kirche in Frage gestellt. „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ (Bonhoeffer)

Gott ist der Name für das Geheimnis der Welt (einer von vielen).

In der Religionsgeschichte ist er nicht der einzige Gott, aber der einzige wahre Gott.

Zusammenhang und größere Wirklichkeit sind Bezeichnungen aus anderer Perspektive

In zwei Diskussionsblöcken wurde u.a. erwähnt:

Die Jesusworte über sich als Gottes Sohn sind differenziert zu sehen. Intellektuelle Redlichkeit sei nötig, werde aber in den Predigten oft vernachlässigt. Es gibt aber gut ausgebildete PfarrerInnen, die einen „Ruck“ gar nicht nötig, sondern schon lange hinter sich hätten. Während im AT von der Meinung der Redenden berichtet würde, gehe das NT davon aus, dass die Person Gott-Vater der direkte Bezug sei – d.h. Gott als Person wäre nicht aufgebbar, bzw. sollte ein Nebeneinander akzeptiert werden. Die Formel vom ‚fürchten und lieben‘ (als psychische Wirkung von drohen und hoffen) bleibt dem dualistischen Weltverständnis verhaftet, das den heutigen Kenntnisstand nicht unbedingt wiedergibt. Ein sentimentales Verkünden ‚Gott sei Liebe‘ wäre einseitig, denn Gott als Richter könne nicht übergangen werden. „Das Geheimnis Gott beinhaltet auch den Schatten.“ (Kroeger)

6   Kritik der Trinitätslehre

Der muslimische Vorwurf an die Christen, sie glaubten an drei Götter – nicht an den einzigen Allah, hat richtige Elemente. Die Vater-Sohn-Hl.Geist – begründenden Bibelabschnitte (Matt.28) könnten neu verstanden werden: Jesus ist das Gesicht Gottes; der Hl.Geist die Macht im Menschen, die zum Glauben hilft. In der christlichen dreieinigen Gottesvorstellung spiegelt sich die Gegenlogik zur realen Welt und dem Kapitalismus, denn diese glauben an Leistung – während Christen an Gottes Geschenk der Erlösung als Gnade glauben dürfen.

 

7  Jesus Gottes Sohn?

Im apostolischen Glaubensbekenntnis wird zum Leben Jesu außer seiner Geburt und seinem Tod nichts erwähnt. Er ist als Mensch und mit seiner Botschaft wahrzunehmen. Der Jesus-Glaube ist eine Lebensform, nicht in erster Linie eine Lehre. Kirchliche Dogmen und Lehren enthalten viel Spekulation und sind von zeitbedingten Erkenntnis-  und Verständnisformen bestimmt, die heute kaum noch verwendet werden. Sie können aber aus zeitgemäßer Sicht neu interpretiert werden. So ist zum Beispiel das Gottesverständnis Jesu (wie er von Gott als von seinem Vater spricht) auch für den Glauben heute richtungsweisend und weiterführend.

8   Jede Vergegenständlichung bedeute eine unzulässige   Konkretisierung des nicht erkennbaren Geheimnisses.

Die Bibel arbeitet mit teilweise fatalen Vergegenständlichungen. Luthers Kathechismusantworten: „Du sollst Gott fürchten und lieben …“ helfen dazu, beide (antinomische) Dimensionen von Gott zu erkennen. In dieser Hinsicht scheinen asiatische Religionen tiefere Erkenntnisse zu haben (der Begriff Demut fiel aber während des ganzen Abends nicht). Sie gehen von einem stetigen, strukturellen Schaffen und Vernichten durch die Götter aus.

9   Fundamente der Denkweise verändern

Eine entmythologisierende Bibelinterpretation nötigt dazu, die Fundamente des Blutopfers, der Jungfrauengeburt und der Gesetzestreue zu verändern. Historisch war immer nötig, im jeweils geistigen Zeitverständnis das christliche Gottesbild darzulegen. Heute bedeutet das, die antiken Mystiken und die mittelalterlichen Metaphysiken gemäß dem heutigen Kenntnisstand zu übersetzen. „Mit Luther über Luther hinaus“ könnte eine zutreffende Formel sein, denn „was für die Menschen damals Geist war, ist für uns nur noch Buchstabe.“ (Kroeger)

Bericht über den Vortrag von Prof. i.R. Dr..Matthias Kroeger bei einer Veranstaltung der Evangelischen Akademikerschaft i.D und des Protestantischen Clubs Neustaddt/W.  am 29.3.2014 in Neustadt/W. (Auswahl; mit Diskussionsbeiträgen in Kursiv. Aufgeschrieben und zusammengestellt von Dr. Georg Fischer und Günter Hegele. Die Reihenfolge entspricht nicht immer dem tatsächlichen Ablauf Korrekturen werden noch nachgetragen.)

 

 

 

 

 

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