Atthesia // Reden über Gott

Guenter Hegele    10. März 2014    Kommentare deaktiviert für Atthesia // Reden über Gott

Mir persönlich gefällt in der Tat am christlichen Glauben am allermeisten, dass er Gott nicht als “Wesen” begreift. Allerdings frage ich mich, ob so ein Nicht-Bild auf dem “Markt” für Gottesbilder eine Chance hat. “Es gibt nur einen Gott – Allah” sagen fundamentalistische Islamisten – und das scheint auch für viele junge Deutsche eine solche Anziehungskraft zu haben, dass sie sich lieber an einen personifizierten Gott wenden.
Jesus hatte wohl ein gutes Gespür für die mangelnde Fähigkeit des Menschens, sich mit Abstrakta abgzugeben indem er eben selbst schon solche Metaphern wie Vater, Sohn etc wählte. Das hat natürlich eine negative Seite: einen Gott, der ein Wesen ist oder als Person betrachtet wird, muss man dann wohl auch verteidigen (sonst müsste man ja gegen sich selber kämpfen), notfalls mit dem Schwert, auch das scheint vielen Menschen einen Sinn zu vermitteln. Die christliche Welt dagegen “kämpft” mit dem abstrakten Schwert des protestantischen Kapitalismus bzw. dominiert die Welt damit. Zwei sehr ungleiche Vorstellungen.
Manchmal glaube ich, man darf den Menschen nicht ganz das Bild eines personifizierten Gottes wegnehmen. Sie kommen damit nicht klar, gerade für Kinder ist diese Gottesvorstellung viel zu “unmenschlich” und abstrakt.
Und sein Sohn? Nur ein gefolteter Mann, der an einem Kreuz hängt und wir sollen “froh” sein, dass er sich für uns geopfert hat? Scheusslich anbetungswürdig. Daher: sehr kindgerecht haben hier die Christen wenigstens das schöne Bild vom “Lamm” entwickelt (oder Gott hat es uns gegeben?), um diesen im Grunde traumatisierenden Eindruck etwas abzumildern. Kann eine Relgion, die solch eine grausam zugerichtete Person als Bild verehrt, wirklich eine lebensbejahende, friedfertige Wirklichkeit schaffen?
Einen Widerspruch zu Naturwissenschaften und GLauben sehe ich nirgendwo, auch viele Forscher wie Einstein haben darin keinen Widerspruch gesehen, wohl aber stellt sich natürlich die Frage, inwieweit der Mensch aufgrund naturwiss. Erkenntnisse in den Lauf der Dinge eingreifen darf und soll. Ein altes Thema, das kaum lösbar ist. Was gemacht werden kann, wird auch gemacht. Wenn man es recht betrachtet, geht die Vorstellung, dass man in den LAuf der Welt eingreifen darf oder muss allerdings sogar geradezu einher mit einer christlichen (protestantischen) Auffassung. Keine andere Religionsvorstellung begründet solchermaßen ein Recht wie die christliche, sich als abgetrennten Teil der bezeichnenderweise so genannten Umwelt zu begreifen (und Kapital daraus zu schlagen), also Gewinne zu machen. Nicht der Hinduismus, nicht der Islam, erst recht nicht die Naturreligionen. Das hat die Christenheit zu Weltbeherrschern gemacht, wenn Max Weber recht hatte. Seltsam, oder?
Der Blick für die größere Wirklichkeit oder den größeren Zusammenhang ist vielen Christen im Grunde genommen schon lange abhanden gekommen. Ich verstehe auch nicht, warum es die Entfaltung und Vertiefung es Glaubens hemmen soll, wenn man sich Gott mit eigener Phantasie und Einzelheiten ausmalt. Das ist ein ziemlich akademisches, körper und emotionsfeindliches Denken. Wir leben in der Zeit des Konstruktivismus. Wenn Gott nicht tot sein soll MUSS zwangsläufig jeder von uns eine andere Vorstellung von ihm haben. Ist doch schön.
Es gibt zwar vielleicht Grenzen des guten Geschmacks (Ist Gott Kurt Cobain?). Aber sonst? Ich glaube es heisst eher: Du sollst Dir kein (festgefügtes) Bild von Gott machen. Es muss veränderbar sein und es muss immer gedacht werden zusammen mit der Person die ich selber bin, also Gott wirkt durch mich, denkt durch mich, fühlt durch und mit mir usw. und dem Sein anderer Menschen, aller Menschen und Tiere und der Natur, ansonsten ergibt es keinen Sinn. Aber da es dem Menschen nun mal schwer fällt, in Relationen zu denken, braucht er Symbole. Diesen Widerspruch kann, ja muss man überbrücken.
Also: so viel muss doch eigentlich garnicht reformiert werden. Am Glauben oder Gottesbild. Nur über alltagspraktische Dinge, da sollte man diskutieren (sollen Pfarrer heiraten dürfen/müssen und wenn ja wen; wann und wo kann/muss/darf Gottesdienst stattfinden, wie kann dieser aussehen usw.). Die wirklich wichtigen Dinge, die refomiert werden müssen, liegen heute allesamt außerhalb der Kirche (zum Beispiel müssten die Leute endlich einsehen, dass ein nicht nachhaltiges System wie unser Geldsystem immer wieder Ungerechtigkeiten hervorbringt und endlich durch ein anderes, nachhaltigeres System wie das fliessende Geld ersetzt werden müsste – den Mächten, die solchen Reformen entgegen stehen, hat die Kirche allerdings leider nichts oder fast nichts entgegen zu setzen).
Ich persönlich habe momentan ein sehr großes Unbehagen in Bezug auf alles was mit Religion zu tun hat. ich kann/mag nicht in ide Kirche gehen, weil mir die Zeit um zehn Uhr früh am Sonntag einfach zu wichtig ist, um sie in der Familie zu verbringen, mich die Starrheit der Liturgie stört, ich das Gefühl habe, meine Zeit zu verschwenden und ich mit Gott als Vorstellung und Institution momentan emotional garnicht leben kann (auch weil ich es nicht schaffe, die evangelische Kirche als radikal getrennt von der katholischen zu denken und mir vieles vorkommt wie tot, lebensfeindlich, bis auf diesen großartigen Papst, der erste, der mir gefällt), rational sehr wohl.
Je mehr ich mich mit Geschichte beschäftige, etwa dem ersten oder zweiten Weltkrieg oder dem was derzeit in vielen Gegenden der Welt und Bezug auf Ausbeutung geschieht, desto mehr kann ich Gott nur als üblen Bösewicht sehen, der ein ganz fieses Spiel mit uns Menschen treibt. Wahlweise als jemand, der eben nicht richtig sorgfältig gearbeitet hat bei der Schöpfung (das TheodizeeProblem eben). ich finde Bücher nett, die versuchen ein Bild von Gott zu entwerfen als jemand, der unvollkommen, unperfekt und nicht allwissend oder allgegenwärtig ist. ich denke jeder wirklich gute Guru, Gott etc. förert auch die Abnabelung von sich selbst, indem er gezielt solche Widersprüche oder Schwächen in sein eigenes Bild einbaut. aber die Kirche akzeptiert so ein Bild nicht, sondern hat diesen Zwang zur Verherrlichung, deshalb kann ich auch die Kirche nicht akzeptieren. Ich kann mir momentan nicht vorstellen, dass sich dies nochmal ändern wird, aber ich schließe es keinesfalls aus, versuche offen zu bleiben für die Erfahrung von Gott oder im Verständnis von Spiritualität .
Ich bewundere Menschen, die mit Frieden in Gott leben und immer wissen was richtig ist, beneide sie aber nicht, da mir der Zweifel ein produktiver Zustand zu sein scheint, produktiver als eine “Gewissheit”. Am wohlsten fühle ich mich persönlich derzeit in calvinistischen Kirchen ohne Altar und Darstellungen. Aber ich denke, den meisten geht es eben ganz anders, und das war schon immer so. Man darf Dinge wie eine Krippe etc. als “PR für Gott” nicht gering schätzen. Kluge Pfarrer wissen das.