Neue Themen – neue Vorschläge

Die neuen Themen:

Mit dem Formular „Hinterlasse eine Antwort“ am Seitenende, können Sie uns Themen vorschlagen, die Sie speziell interessieren,  über die Sie reden oder zu denen Sie etwas schicken möchten. Oder diskutieren Sie mit den bereits vorgeschlagenen Themen über „Antworten“. Weitere Themen finden Sie unter „Was ist zu reformieren?„.

5 Gedanken zu “Neue Themen – neue Vorschläge

  1. Guenter Hegele Artikelautor

    warum fand die Auferstehung im Geheimen statt ? warum hahat sich Jesus danach nicht den Juden und Römern öffetnlich z.B. in der Synagoge gezeigt ?

  2. AK-GH Artikelautor

    Theologie und Quantentheorie
    Naturwissenschaft als Verstehenshorizont der Theologie


    Gekürzter und redigierter Auszug aus Rolf Thoma „Heute, wenn ihr seine Stimme hört.“ Kapitel 12 und 13. ohne Quellenangaben und Erläuterungen in Fußnoten
    Inhaltsverzeichnis Seite 14

    I Quanten-Ontologie: Von der Materie zur Potenzialität

    Wie es für frühere Epochen der Kirchengeschichte immer nötig war, sich mit den Prämissen der Zeit auseinanderzusetzen und angesichts der dadurch gestellten Herausforderungen nach gültigen Antworten zu suchen, so gilt das auch für unsere Gegenwart.
    Wir fragen heute nach der Gegenwart Gottes in einer Umwelt, die durch und durch von einem naturwissenschaftlichen Weltbild geprägt ist. Die alten Weltdeutungen der Antike, die mythischen Motive und narrativen Überlieferungen der Religionen, gelten als überholt und mit dem wissenschaftlichen Weltbild nicht mehr vereinbar. Dem ge-genüber erscheint dem Laien das alte, klassische Weltbild der Naturwissen¬schaften als zuverlässig, weil durch Beobachtung gedeckt und im Alltag bewährt. Die inzwi-schen vollzogene Revolution im neuzeitlichen Weltbild durch die Quantenphysik ist Anlass genug sich der eigenen Glaubenstradition neu zu stellen und darüber das Gespräch zu suchen. – Was ist aber das „Neueˮ an der neuen Physik?
    Für das alte mechanistische Weltbild seit der Aufklärung bestand die Welt in einem apriorisch vorgegebenen Raum, in dem sich die Objekte der Materie nach Länge, Breite und Höhe drei-dimensional ausdehnten. Die Bewegung und Veränderung der Objekte geschah entlang einer Zeitachse, die als solche ebenfalls absolut vorgege-ben war. Alle Teile der Materie hatten innerhalb dieses kosmischen Raumes ihren festen Platz bzw. sie bewegten sich innerhalb der in diesem Raum ablaufenden Zeit nach der Vorherbestimmtheit objektiver Gesetzmäßigkeiten. Um zu erklären, wie sich Lichtwellen, auch als Wärmestrahlung in diesem Raum ausbreiten, postulierte man die Existenz eines Äthers, der den gesamten Weltraum so ausfüllt, dass sich Licht darin als Strahlungswellen fortbewegen können, wie die Energie der Meereswellen im Ozean.
    Dieses physikalische Weltbild brach zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen. Zuerst entdeckte Max Planck, dass das Licht einer Wärmestrahlung nicht nur Wel-lenbewegungen sind, sondern dass solche Strahlungen „gequantelt“, also als einzel-ne, unteilbare Einheiten beobachtet werden können und in diesem Sinne eine „Teil-chennaturˮ besitzen. Außerdem konnten noch so sorgfältige Experimente die Exis-tenz des Äthers nicht nachweisen. Das heißt, es gibt auch das materielle Medium gar nicht, in dem eine Strahlungswelle sich nach dieser Anschauung hätte ausbreiten können. Fast gleichzeitig revolutionierte die spezielle Relativitätstheorie Albert Einst-eins die Vorstellungen von Raum und Zeit. In der speziellen Relativitätstheorie werden die drei Komponenten des Ortsvektors (x,y,z) im 3-dimensionalen Raum um die Zeitkomponente ct zu einem Vierervektor (x,y,z,ct), der sog. Raumzeit, erwei-tert. Dabei ist c die Lichtgeschwindigkeit. Einsteins berühmte Formel aus der speziel-len Relativitätstheorie E=mc² besagt die Äquivalenz von Masse und Energie. Dem-nach kann Masse als konzentrierte Form von Energie betrachtet werden, verbunden durch das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit. Masse kann sich u. U. restlos in Ener-gie umwandeln und umgekehrt.
    Niels Bohr postulierte 1913, dass Elektronen im Atom nicht beliebige Bahnen ein-nehmen können, sondern nur solche, bei denen auf die als kreisförmig angenomme-ne Umlaufbahn eine ganze Zahl von Wellenlängen h/p der den Elektronen mit dem Impuls p zugeordneten Welle paßt. Dann sind nur diskrete Bahnen möglich, und es gibt eine Bahn niedrigster Energie, die keine Energie mehr abgeben kann. Bahnen höherer Energie können das, indem sie auf eine der erlaubten Bahnen niedrigerer Energie „springen“ und dabei Licht gemäß der Planckschen Hypothese emittieren. Damit war sowohl die Stabilität der Atome als auch die Tatsache erklärt, dass sie kein kontinuierliches, sondern ein diskretes Linienspektrum in Emission und Absorp-tion haben. Darüber hinaus gelang es Bohr, eben dieses Spektrum für das einfachste Atom, das Wasserstoffatom, quantitativ zu berechnen. Er verband dabei bereits das Teilchen mit dem Wellenbild für das Elektron, die für unsere Anschauung nicht mitei-nander vereinbar sind.
    Im Jahr 1926 gab Erwin Schrödinger der nun so genannten Quantenmechanik mit seiner Wellengleichung die Gestalt der sog. Wellenmechanik, aus der sich die Resultate des Bohr´schen Atommodells ableiten ließen.
    Werner Heisenberg erkannte, dass für die Quantenmechanik die Vertauschungs-relation
    pq – qp = (ħ/i)1
    für Ort q und Impuls p fundamental ist. Aus dieser so genannten Vertauschungsrela-tion leitete er die berühmte Unschärfe-Relation
    Δp Δq≥ħ
    ab, wobei Δp und Δq die Unschärfen bei der Messung von p und q sind.
    Die Unschärfe-Relation (oder besser: Unbestimmtheits-Relation) ist eine charak-teristische Eigenheit der Quantenwelt. Sie besagt, dass bestimmte Eigenschaften eines Teilchens, deren Observablen nicht vertauschbar sind, nicht gleichzeitig genau bestimmt sein können. Das prominenteste Paar sind Ort und Impuls. Das heißt etwa: Ist die Position eines Teilchens bekannt, so ist seine Geschwindigkeit weitgehend unbestimmt. Umgekehrt ist der Aufenthaltsort umso unbestimmter, je genauer seine Geschwindigkeit v und mit ihr sein Impuls p = mv bestimmt ist. (m ist seine Masse). Wichtig ist, dass diese Art von Unschärfe nicht aus Messungenauigkeiten oder Mess-fehlern resultiert. Sie ist eine unausweichliche Konsequenz der mathematischen Struktur der Quantenphysik, aus der sie sich unabhängig von konkreten Experimen-ten ableiten läßt.
    Das bedeutet, dass Elektronen, Atome und andere Quantenobjekte sich grundlegend anders verhalten, als wir es von den Dingen aus unserem Alltag kennen. Sie haben keine klar bestimmten Bahnen, weil auf Bahnen Ort und Impuls zugleich gegeben sind.
    Es ist also die Eigenart von quanten-physikalischen Einheiten, sich in Zuständen zu entwickeln, die sich wie Wellen im Raum ausbreiten, wenn sie unbeobachtet sind, sich aber als lokalisierbare Teilchen darstellen, sobald sie beobachtet werden. Die-sen Sachverhalt nennt man den Welle-Teilchen-Dualismus.
    Die Erkenntnisse Heisenbergs und anderer hatten alsbald eine Revolution des physikalischen Weltbildes zur Folge. Hatte man bis dahin gedacht, dass die Wirklichkeit alles das und nur das wäre, was man beobachten, sprich, messen kann, so wurde man nun eines Besseren belehrt: Obwohl sich die Physik als empirische Wissenschaft ausschließlich auf das gründet, was man messen kann, mußte sie doch einsehen, dass diese dingliche Wirklichkeit – nennen wir sie treffend Realität, weil dies von res, die Sache, das Ding kommt – nicht die ganze Wirklichkeit sein kann, sondern, dass eine weitere ontologische Kategorie, nämlich die Potentialität in Form der Wellenfunktion hinzugenommen werden muß, um überhaupt, wie be-schrieben, die Stabilität der Atome und ihr Linienspektrum verstehen zu können.
    Die Wirklichkeit ist also mehr als die Realität des Messbaren. Sie hat eine Doppel-struktur aus Realität und Potentialität. Potentialität aber, obwohl nicht messbar, ist dennoch wirklich, weil sie wirkt, indem aus ihr die Realität durch Messung, allgemei-ner gesagt, durch Dekohärenz hervorgeht. Das ist die ontologische Revolution, die die Quantentheorie mit sich gebracht hat. (Dekohärenz geschieht, wenn sich ein Quantenobjekt durch Ankopplung an seine Umgebung aus der umfassenden Kohä-renz der Potentialität als unterscheidbares „Ding“ herausschält. Ist diese Umgebung ein Messinstrument, dann handelt es sich um eine Messung im üblichen Sinne.)
    Der Quantenphysiker Hans Peter Dürr stellt die neue Sicht der Dinge wie folgt dar: Um die Welt zu verstehen, möchte der menschliche Geist sie „begreifen“. Wir neh-men also die Dinge unserer Umwelt in die Hand und betrachten sie als einen Gegen-stand, ein Stück Stoff, das wir untersuchen. Die Materie erscheint uns dabei als An-sammlung von Objekten, die unsere Umwelt ausmachen, und wir untersuchen sie mit der Gewißheit, dass wir selbst dabei das untersuchende Subjekt sind und als sol-ches mit dem untersuchten Gegenstand nichts zu tun haben, sondern ihm als Be-obachter gegenüber stehen. Heisenbergs Entdeckung hatte zur Folge, dass man sich darüber klar werden mußte, dass das, was wir sehen und messen, unweigerlich davon bestimmt ist, mit welcher Methode und welchen kategorialen Voraussetzun-gen wir an die Materie herantreten um sie zu beobachten oder zu messen. Mit ande-ren Worten: Das Messergebnis wird immer und unvermeidlich von der Messmethode bestimmt, mit der wir dem Gegenstand „gegenüberˮ treten.
    Die Physik hatte die Erforschung der Materie zunächst so vorangetrieben, dass sie die Körper der Umwelt in ihre Einzelteile zerlegte. Innerhalb der Strukturen fand man schließlich Moleküle, aus denen ein Körper zusammengesetzt ist, man zerlegte auch diese und fand die Atome. Und es zeigte sich bald, dass man auch das Atom noch weiter zerlegen kann und es entstand die Physik der Elementarteilchen. Je mehr man aber die Struktur der Atome untersuchte, um so mehr „verschwandˮ dabei die eigentliche Materie. „Denn wenn wir die Materie immer weiter auseinander nehmen, bleibt am Ende nichts mehr übrig, was uns an Materie erinnert. Am Schluss bleibt kein Stoff mehr, nur noch Form, Gestalt, Symmetrie, Beziehung. – Materie ist nicht aus Materie zusammengesetzt. … Am Grunde bleibt nur etwas, was mehr dem Geis-tigen ähnelt – ganzheitlich, offen, lebendig, Potenzialität. Es ist echte Kreation: Ver-wandlung von Potenzialität in Realität.ˮ
    Womit man es zu tun bekommt, sind vor allem die Kräfte von Wechselwirkungen in-nerhalb einer atomaren Struktur. Hans Peter Dürr: „Dieser Befund bedeutete eine große Überraschung. Man war davon ausgegangen, man könnte durch immer größe-re Aufspaltung die äußere Form abstreifen und es bliebe dann der eigentliche Kern, die „reine Materieˮ übrig. Aber das Gegenteil ist der Fall. Je mehr man in die innere Struktur der „Dingeˮ eindringt, verliert man die Materie und die Form bleibt. D.h. die Welt ist letztlich nicht aus Materie aufgebaut, sondern sie ist im Innersten eine Be-ziehungsstruktur. Das Primäre ist Beziehung, der Stoff das Sekundäre. Das „Dazwi-schenˮ ist das Ursprüngliche und Materie ist etwas, das sich erst bei einer Vergröbe-rung ergibt. Das heißt: Stoff ist geronnene Form. Unser gesamter Kosmos, die Bio-sphäre und wir Menschen sind nur ein Spezialfall der Gesamtwirklichkeit, etwa ver-gleichbar der beobachtbaren Spitze eines Eisbergs, oder mit einer Wolke aus kon-densiertem Wasserdampf. Es „gibtˮ eigentlich nur dieses Ganze und nicht mehr die einzelnen Teile.
    In der Potenzialität gibt es keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung. Die Zu-kunft ist im Wesentlichen offen. Es lassen sich für das, was da „verschlackt“, was also real passiert, nur noch Wahrscheinlichkeiten angeben. Die Welt stellt sich dar als ein Feld von Kräften, die alle miteinander in Wechselwirkung stehen. Man könnte meinen, das sei nur eine theoretisch-mathematische Vorstellung. Aber das ist falsch, denn diese Wahrscheinlichkeitsfelder erzeugen unmittelbare Realität. Die Wirklich-keit ist also dual, sie existiert in zwei grundsätzlich verschiedenen Zuständen und erzeugt damit gewissermaßen zwei Welten. Aber erst durch den Vorgang einer Auf-hebung der grundsätzlich bestehenden Kohäsion innerhalb ihrer Wellenstruktur ge-rinnt die Potenzialität zu einer Aktualität und es entsteht dingliche Materie.
    Creatio continua – Die Welt ist ein ständiger Schöpfungsakt
    Warum also und wie entsteht nun Materie, die feste Natur?
    Das Jenseits der Materie, die „versteckte Wirklichkeit“, also die Potentialität, ist ein grenzenloses Meer von sich gegenseitig überlagernden Schwingungen eines Wahr-scheinlichkeitsfeldes. Der in der klassischen Physik geltende Determinismus eindeu-tiger Ursache-Wirkungsbeziehungen gilt in der Quantenphysik nicht. Deshalb lassen sich in Bezug auf einzelne Elementarteilchen dazu keine sicheren Voraussagen ma-chen. Je höher jedoch die Anzahl der Teilchen wird, desto mehr stimmt deren ge-messene Verteilung mit der berechenbaren Wahrscheinlichkeit überein. Der Über-gang von der Potentialität in die Realität der Materie geschieht nach dem Prinzip von Zufall und Wahrscheinlichkeit. „Im verborgenen Hintergrund (der aktuellen Realität) herrscht ein ständiges Werden und Vergehen. In jedem Augenblick wird die Welt neu geschaffen, aber im (durch die jeweiligen Wahrscheinlichkeiten vorbestimmten) ´Erwartungsfeld´ der abtretenden Welt. Die alte Potenzialität in ihrer Ganzheit gebiert die neue und prägt neue Realisierungen, ohne sie jedoch eindeutig festzulegen. Es gibt dabei keine strenge Kausalität, keine Vorherbestimmtheit, sondern nur eine gro-be Verbindung. Denn die Potenzialität der Wirklichkeit ist ein Reich der Freiheit: Die Zukunft ist vollkommen offen. Aber mit einem Stück Erinnerung. … Diese Erinnerung steckt in der Information als Wirkursache und gibt den Rahmen vor für die in diesem Augenblick aktualisierbaren Werte. Das Zusammenspiel folgt dabei bestimmten Re-geln. Der Übergang von der Potenzialität zu aktuellen Realität geschieht durch Aus-mittlung und bringt so die klassische Physik hervor, also das, was wir kennen. Hans Peter Dürr

    Potenzialität und Information

    Die Potenzialität ist eine ganz andere, verborgene (nicht messbare) Welt mit eigenen Strukturen und das Faszinierende ist, dass diese „andere Welt“ verwoben ist mit un-serer, messbaren Realität. Unsere Welt, in der alle Dinge getrennt erscheinen, in der auch wir uns als einzelne Körper und als Individuen, getrennt von anderen erfahren, ist im Hintergrund dennoch verbunden durch die verborgene Potenzialität. Der ande-re, ganzheitliche Aspekt ist eine in der Potentialität „versteckte Wirklichkeit“ funda-mentaler Symmetrien, die auf vielerlei Weisen den Gang der Dinge bestimmen, ob-wohl sie nicht materieller Natur sind, weil daraus die Erhaltungssätze der Physik, wie z.B. die Erhaltung der Energie, des Impulses, des Drehimpulses, von Ladungen etc. resultieren.
    Der Quantenchemiker Lothar Schäfer beschreibt dies so: „Über die Aktualität (also z.B. über ein Experiment oder über ein im Aufbau befindliches Großmolekül, z.B. bei der Kopie einer DNS) gibt es in der Potenzialität eine Information, ein Wissen über die Aktualität, und diese Information bewirkt die Eigenschaften bzw. das Verhalten der Teilchen (i.a. der Elektronen) bei ihrem Übergang in die Aktualität. Diese Quan-teninformation wirkt energie- ort- und zeitlos, nichtlokal im gesamten kosmischen
    Raum, hat keinen Informationsträger und keine lokali-sierbare Quelle. Sie wirkt – anders als die materiellen physikalischen Kräfte – nicht in der Aktualität von Teil-chen zu Teilchen, sondern im Übergang der dualen Welt der Potenzialität in die Aktualität. Sie ist somit per definitionem eine immaterielle Wirkkraft.“ Schäfer ver-gleicht sie deshalb mit einem „Gedanken im Bewußt-sein.“
    Um die in der Potentialität enthaltene Information zu entschlüsseln, bedarf es jedoch einer Codierung, d.h. einer Gleichartigkeit der Sprache, die zwischen dem Urgrund und der materiellen Ausgestaltung dieser In-formation waltet.
    Wir folgen wiederum Hans Peter Dürr, wenn wir diesen Sachverhalt an einem sprachlichen Gleichnis verdeutl-ichen, dem nebenstehenden Goethe-Gedicht. Dabei stehen die einzelnen Buchstaben des Gedichtes jeweils für die unterschiedlichen Quanten innerhalb der Struktur eines entsprechenden Quantenfeldes. Diese Buchstaben sind nun in gewisse Ordnungsstrukturen eingebunden, hier in unterschiedliche Buchstabenfolgen, die als einzelne Worte jeweils einen Sinn haben, der den einzelnen Buchstaben selbst so nicht anhaftet. Das heißt, man entdeckt einen neuen Wert, eine neue Information. Setzt man die Worte hintereinander, so entsteht ein Satz, der einen neuen Sinn hervorbringt. Mehrere solcher Sätze ergeben zusammen eine Strophe mit einer weiteren Sinnbereicherung. In seiner Ganzheit entsteht so Strophe für Strophe das Gedicht als ein nichtzerleg-bares Ganzes, bei dem erst das Ende den Anfang ganz verständlich werden läßt.
    Nun ist es aber doch so, dass die Strophenstruktur dieses Gedichtes als solches noch nicht zum Verständ-nis dessen führt, was in dem Gedicht gesagt und ge-meint ist. Wenn nämlich jemand die deutsche Sprache nicht versteht, dann sieht er nur das, was an diesem Gedicht objektiv feststellbar ist: die Häufigkeit und Auf-
    einanderfolge von Buchstaben, die eine gewisse Regelmäßigkeit aufweisen. Ganz offensichtlich ist es erst die Kenntnis der Sprache, die ein Verstehen des Gesagten ermöglicht. Die Sprache selbst aber und die Fähigkeit, sie zu verstehen und zu ge-brauchen, ist ein geistiges Phänomen. Erst ihre Sprachfähigkeit ermöglicht es Lesern oder Hörern, dass sich das Gedicht in seiner ganzen Schönheit und formalen Voll-kommenheit erschließt und es zu einem Erlebnis werden lässt. Ohne die geistige Komponente Sprache kann man freilich die Ordnung der Buchstaben in ihrer Wahr-scheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit ausrechnen und das Gedicht mit Zahlen kennzeichnen, – z.B. wie unwahrscheinlich es ist, diese Buchstaben genau so anzu-ordnen, um damit einen „objektivierbaren“ Wert des Gedichtes zu ermitteln. Das alles aber erschließt nicht seinen gedanklich-ästhetischen Gehalt.
    Diese geistige Fähigkeit für das „Deutsch“ beeinflusst die Codierung einer Information. Deutsche und Chinesen dürften ja hinsichtlich der Anatomie ihrer Hirnstrukturen keine feststellbaren Unterschiede aufweisen. Dennoch sprechen beide unterschiedliche Sprachen, die ihrerseits durch unterschiedliche kulturelle Traditionen geprägt sind. Die jeweilige kulturelle Prägung ist also in diesem Fall die Differenz in der jeweiligen Codierung, mit der Informationen verarbeitet werden. Und das führt zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich ein und derselben Infor-mation.
    Wir können diese Betrachtungsweise in der neben-stehenden Fassung des GoetheGedichtes simulieren, indem wir ihr einen fremden Code verpassen. Wir kön-nen z.B. in dem Gedicht die Buchstaben des Alphabets spiegeln, also A mit Z, B mit Y, C mit X u.s.w. vertau-schen. (s. neben¬stehende Abb.). Jetzt kann man das Gedicht so lesen, als ob man kein Deutsch versteht. In diesem Fall geht der im Gedicht vorhandene geistige Inhalt verloren. Dabei haben sich jedoch seine objektiven materiellen Eigenschaften bezüglich der Häufung und Anordnung der Symbole, sowie ihrer Wahrscheinlichkeit und Unwahr¬scheinlichkeit im Ge-samtkontext durch die Umbenennung nicht verändert.
    Das heißt, auf der Ebene der „gequantelten“ Materie gibt es zwischen der ersten und der zweiten Version keinen Unterschied. Wir sehen vielleicht Regelmäßigkeiten und könnten versuchen, sogar Theorien zu ihrer Erklärung zu finden. In beiden Fällen scheint klar, dass eine Vielfalt eine wichtige Rolle spielt, aber wir verstehen den Zu-sammen¬hang nur ganz ungenügend oder gar nicht. – Für eine Entschlüsselung des hier angewandten Codes muss man also die oben genannte Spiegelung der Einzelbuchstaben wieder aufheben.
    Um noch einen Schritt weiter zu gehen, könnten wir den Text des Gedichtes rein ma-terialistisch interpretieren indem wir ausschließlich seine materielle Substanz in Form der im Text enthaltenen Buchstaben untersuchen. Dann reduzieren wir den Text auf seine materiellen Bestandteile in Form einer Liste der insgesamt verwendeten Buchstaben als Symbole für die in dem Gebilde vorhandenen Quanten. Auf diese Weise bekommen wir das nachstehende, statistische Ergebnis:

    Wir haben aus dem Gedicht keinen einzigen Buchstaben und kein einziges Satz-zeichen entfernt und lediglich die äußere Form ihrer Anordnung verändert. Das Er-gebnis ist eine Ansammlung von Textbau¬steinen. Dadurch ging allerdings die ursprünglich enthaltene Information verloren, – weil ihre ursprüngliche geistige Bedeutung verloren ging. Stattdessen erinnert die jetzige Anordnung an das (ebenfalls geistige) Ordnungs¬prinzip des Alphabets, so wie es sich die europä¬ischen Menschen ausgedacht haben. Mit anderen Worten: Ein und dieselbe Materie kann Träger völlig verschie¬dener geistiger Sinngehalte werden. („In der Welt der gewöhnli-chen Sinneserfahrung ist Kausation durch Infor¬mation ein so befremdliches Phäno¬-men, weil die einzigen physikalischen Wirkursachen, die wir kennen energe¬tischer Art sind und nur ein sich selbst bewußter Geist auf Informationen reagieren kann. Ein sich selbst bewußter Geist ist aber immer an einen lebenden Organismus gebunden, und man kann sich schwer vorstellen, was Bewußtsein ohne Bezug zu lebenden Organismen bedeuten könnte.“ Lothar Schäfer)
    Wesentlich in diesem Zusammenhang ist der geistige Charakter der Bedeutung einer Information im Unterschied zum materiellen Charakter ihrer Codierung: Weil ein und dieselbe Bedeutung völlig verschie¬den codiert werden kann, muss sie unab¬hängig sein vom Code und kategorial verschieden sein. Dies ist ein Ausschlag gebendes Argument gegen den Monismus des Materialismus und Naturalismus, der geistige Wirklichkeiten überhaupt leugnet und statt¬dessen von „mentalen Phänomenen“ spricht und diese als Epiphänomene der Hirntätigkeit auffaßt nach dem Grundsatz: „alles ist Natur“, und „Natur“ ist im Naturalismus nur das reproduzierbar Feststellbare, d.h. Messbare.
    Die Doppelstruktur der Information aus materiellem Code und immaterieller Bedeu-tung korrespondiert zur allgemeinen Doppelstruktur der Wirklichkeit aus Realität und Potenzialität. Definiert man ´Geist’ als Inbegriff aller Bedeutungen, so liegt der Schluss nahe, Potenzialität gewissermaßen als „Medium“ des Geistes anzusehen, so dass Bedeutungen als potenzielle Informationen anzusehen sind. (So könnte übri-gens die „Quantenrevolution“ den Geisteswissenschaften in der öffentlichen Wahr-nehmung einen ganz neuen Stand verschaffen, denn ihnen wird im Vergleich zu den Naturwissenschaften mehr oder weniger unverhohlen abgesprochen, überhaupt Wissenschaften zu sein.)
    Die umstürzende Entdeckung der Quantenphysik war die der „Doppelnaturˮ aller elementaren Grundbausteine der Materie und damit der Welt der „Dinge“, die wir be-obachten und der wir auch selbst mit Leib und Seele angehören. Diese Welt der „Dinge“ zeigt sich nunmehr als Emanation einer jenseitigen, die Welt der „Dinge“ transzendierenden Wirklichkeit, deren Natur sich den Gesetzen der klassischen Physik zwar entzieht, deren Existenz sich jedoch erschließen ließ in dem Bemühen, fundamentale Beobachtungstatsachen zu erklären. Dadurch, dass dies in einer konsistenten mathematischen Theorie, der Quantentheorie, gelang, deren messbare Vorhersagen mit einer bisher nicht gekannten Präzision experimentell bestätigt werden konnten, kann an dieser Wirklichkeit nicht mehr gezweifelt werden, obwohl sie nur indirekt erschlossen und nicht direkt beobachtet werden kann.
    Damit standen die Naturwissenschaften vor der Tatsache einer neuen Art von Meta-Physik, also vor etwas, für das in ihrem geschlossenen, mechanistisch-materialistischen Weltbild bisher keinen Platz war. Der Prozess, diesen weltbildlichen Wandel zu „verdauen“, dauert immer noch an.
    Andererseits haben Forscher des 20.Jahrhunderts schon seit langem entsprechende Schlussfolgerungen gezogen. Nach Lothar Schäfer „gibt es zahlreiche Hinweise auf das Wirken von bewußtseinsartigen Elementen im Bereich der Physik.“ Zusammen-gefasst sind zu nennen: „Elementarteilchen können in makroskopisch sichtbarer Weise auf den Fluss von Informationen reagieren, als ob sie von dem beeinflusst würden, was wir von ihnen denken.
    Die nichtmateriellen Wahrscheinlichkeitsfelder der Quantenwelt sind der Natur von Gedanken ähnlicher als der von Dingen, und dennoch bestimmen sie die sicht-bare Ordnung der materiellen Welt.
    Quantensprünge sind spontan. Ein aktives Bewusstsein ist das einzige Ding, das wir sonst noch kennen, das spontan agieren kann.
    Die nichtlokalen Effekte der Quantenwelt sind nichtmaterieller oder nichtenerge-tischer Art und vermitteln den Eindruck von der Wirkung eines Bewußtseinsprinzips im Universum, das nicht an Einstein´sche Lokalität gebunden ist.
    Die Wechselwirkungen zwischen Geist und Körper sind von einer Art – ohne sichtba-ren Energieaustausch –, für die in der materialistischen Ordnung der klassischen Physik kein Platz war. In der Quantenwelt sind solche Wechselwirkungen – Kausali-tät durch Information – naturgegeben, und was wir über ein System wissen, kann einen direkten Einfluss auf einen physikalischen Vorgang haben.“
    „Kosmisches Bewusstsein“ – Eine unstatthafte Spekulation?
    Phänomene dieser Art führen nach Lothar Schäfer zu dem Schluss, dass der Hinter-grund der Wirklichkeit geistähnliche Eigenschaften hat. Anders ausgedrückt: „Der Hintergrund der Wirklichkeit ist einem Bewusstsein ähnlich.“ Es erscheint ange-sichts solcher Befunde und Überlegungen nicht zu weit hergeholt, wenn wir davon ausgehen müssen, dass es so etwas wie ein kosmisches Bewusstsein gibt.
    „Wenn die Wirklichkeit ein Netzwerk von nichtlokalen Verbindungen ist, dann ist es wahrscheinlicher, dass sie uns einschließt, als dass sie das nicht tut.
    Wenn die Wirklichkeit die Natur eines Bewusstseins hat, dann ist es wahrscheinli-cher, dass es sich uns mitteilt, als dass es dies nicht tut.
    Wenn die Entfaltung des Universums die Entfaltung des Bewusstseins ist, dann ist es wahrscheinlicher, dass wir an diesem Prozess beteiligt sind, als dass wir es nicht sind.“
    Fasst man die Erkenntnisse eines Jahrhunderts physikalischer Forschung zusam-men, so bleibt als Ergebnis dies: Die Wirklichkeit ist nicht aus Dingen gemacht. Die Quantenphysik sagt, sie ist Potenzialität. Es gibt eine „versteckte Wirklichkeit“, ein immaterielles Sein hinter der, unserer Beobachtung zugänglichen Welt der physikali-schen Objekte. Es ist eine Kann-Möglichkeit, sich materiell realisieren zu können. Aber es ist nicht die Manifestation selber, sondern das, was vor der Manifestation kommt. Die Existenz dieser Wirklichkeit ist inzwischen dokumentiert, sie lässt sich aber in der objektivierenden Manier der Newton´schen Physik nicht „feststellen“. Es waren aber gerade die nun wirklich feststellbaren Ungereimtheiten und daraus er-wachsenden Probleme der klassischen Physik, die eine Revision des Weltbildes der Naturwissenschaften notwendig gemacht haben. Das hat u. a. dann auch zu einer neuen interdisziplinären Praxis von Wissenschaft geführt, die eine der Früchte dieses letzten Wissenschaftsjahrhunderts ist.
    II „In ihm leben und weben und sind wir … ˮ
    Christlicher Glaube im Diskurs mit dem quanten-ontologischen Weltbild
    Die neue Sicht der Quantenphysik auf die Materie und die hinter ihr liegende Wirk-lichkeit erschließt auch für die Theologie und Philosophie neue Möglichkeiten zum interdisziplinären Gespräch der Philosophie mit den Naturwissenschaften, vor allem aber auch der Selbstverständigung der Theologie im Umgang mit der ihr anvertrau-ten biblischen Überlieferung. Im Rahmen dieser Arbeit müssen kurze Hinweise dazu genügen:
    Transzendenz – Die Überwindung des materialistisch-monistischen Denkens
    Das bisherige Verhältnis der Naturwissenschaften zu Philosophie und Theologie war durch ein freundliches Desinteresse geprägt. Der Christenmensch lebte als Natur-wissenschaftler, wie einst Gotthold Ephraim Lessing, dichotomisch in zwei Welten: „Im Kopf ein Heide und im Herzen ein lutherischer Christ.ˮ – Es gibt inzwischen kei-nen Grund mehr, sich damit auch künftig abzufinden.
    Die Ergebnisse der Quantenphysik bedeuten, dass sich bestimmte physikalische Sachverhalte wie z.B. die Stabilität der Atome und ihr Linienspektrum nur erklären lassen, indem man zusätzlich zu der alltäglichen „Realität“ der beobachtbaren Dinge, eine weitere ontologische Kategorie einführt, nämlich die Potentialität. Die Quanten-physik hat messbare Beweise für eine auf dem Grunde der erfahrbaren Realität die-ser Welt waltende immaterielle Wirklichkeit, aus der unsere Alltagswelt der „Dinge“ in stets schöpferischen Akten neu entspringt. Diese immaterielle Wirklichkeit ist in dem genannten Sinn jenseits von Raum und Zeit und in ihrem Verhältnis zur dekohären-ten Materie transzendent. (Die quantenphysikalischen Begriffe der Potentialität und Realität erinnern an entsprechende Begriffsbildungen bei Aristoteles: In seiner Metaphysik existiert „Substanz“ durch alle ihre Aktualitäten, welche aus der Wesen-heit (Potentia) hervorgehen. Das erinnert weiter an die mittelalterliche, scholastische Theologie und ihrer Lehre von der analogia entis. Der Grundgedanke dieser Ana-logie bestand darin, in allen Aussagen über Gott und die Welt eine ausschließlich proportionale Gleichheit festzuhalten: Gott verhält sich zu seinem Sein wie die Kreatur zu ihrem Sein. Die protestantische Theologie hat den Gedanken einer analo-gia entis abgelehnt. Karl Barth spricht statt dessen von einer analogia fidei.)
    Eine weit reichende Konsequenz aus der quantenphysikalischen Forschung ist, den, die bisherigen Naturwissenschaften kennzeichnenden, ontologischen Monismus ih-res Naturverständnisses aufzugeben. So gewiss die Newton´sche Mechanik für die Physik und wohl auch die Chemie unseres Alltags ausreicht und weiter tadellos funk-tioniert, muss die Naturwissenschaft inzwischen von einer Wirklichkeit „jenseits“ die-ser materiellen Welt ausgehen. Die handwerklich-materialistische Sicht auf die Natur bedarf einer Ergänzung, nämlich das Verständnis für eine transzendente Wirklichkeit, die, als reine Potentialität, den Augenschein der aktuellen, dekohärenten Welt „über-schreitet“. Dieses „Jenseits“ der Dinge existiert außerhalb von Raum und Zeit und hat eine rein „geistige“ Wirklichkeit. Dies „Jenseits“ manifestiert sich aber in der aktu-ellen Dinglichkeit der, unseren Sinnen erfahrbaren Welt, aber so, dass das „Jen-seits“ und das „Diesseits“, wie die zwei Seiten einer einzigen Medaille, gemeinsam ein Ganzes sind.
    Eine zweite Konsequenz ist ein neues Verständnis der kontinuierlichen Zeitlichkeit der Welt. Während in der klassischen Physik die materiellen Prozesse weiterhin nach festen und unveränderlichen Gesetzen ablaufen und sich scheinbar zukunftslos aus der bisherigen Kausalität ableiten, gelten für die Ereignisse in der dahinter liegenden Potentialität nur noch gewisse Grade abgestufter Wahrscheinlichkeiten, die für einen fortschreitenden Natur-Prozess offen sind. Schon die Darwin´sche Evolutionslehre, in der neben dem Überleben der „am besten angepassten“ Individuen immer schon eine Weiterentwicklung der Arten durch Mutationen, d.h. genetische „Sprünge“ und nachfolgende Selektion vorgesehen war, konnte der Vermutung Nahrung geben, dass zumindest im Reich des Lebendigen eine Entwicklung in eine biologische Zu-kunft stattgefunden hat und weiter stattfindet. Inzwischen kann die Quantenphysik besser erklären, wie diese Prozesse in der Natur auftreten. Es gibt nun auch eine physikalische Zukunft im Rahmen einer creatio continua. Damit ist aber überhaupt einem neuen Verständnis von Freiheit und Kreativität in Natur und Geschichte eine Bahn gebrochen. Die Natur und die ganze Welt „geschieht“ ständig neu und ist grundsätzlich veränderlich. Dabei ist das, was wird, eingebunden in das, was war und ist, aber so, dass es diesem eine neue Richtung, einen neuen Impuls geben kann.
    Der Teil und das Ganze – Wissen und Glauben
    „Die Quantentheorie ist ein so wunderbares Beispiel dafür, dass man einen Sachver-halt in völliger Klarheit verstanden haben kann und gleichzeitig doch weiß, dass man nur in Bildern und Gleichnissen von ihm reden kannˮ (Werner Heisenberg). Unter Klarheit des Sachverhalts ist das transparente Bindegewebe der Mathematik gemeint, die zu einem abstrakten Verständnis führt, ohne auf sinnliche Erfahrungen und Vor-stellungen zurückgreifen zu müssen. Eine Wissenschaft soll gesichertes Wissen vom vermeintlich privaten Subjektiven trennen. Klaus Peter Dürr: „Aus moderner Sicht gibt es im Hintergrund (der materiellen Realität) eine solche Eindeutigkeit nicht … weil das nicht geht. Der Mangel an Wissen beruht ja nicht auf Ignoranz, einem „Noch-nicht-Wissen.ˮ Mit der Mathematik wurde eine Sprache gefunden, „mit der wir klar ausdrücken können, warum dieser Wunsch nicht erfüllt werden kann, und dies auf eine interessante Weise, ohne dabei in die absolute Beliebigkeit abzustürzen.ˮ Es gibt aber auch Fähigkeiten wie die der Künstler, die dem Lebendigen innewohnen. „Potenzialität ist wie: Melodien im Ohr, von denen wir nicht wissen woher sie kom-menˮ. Es fällt uns jedoch schwer, mit diesen, über den Alltag hinausgehenden Fähig-keiten der Empfänglichkeit umzugehen, „die weit über das Begreifbare hinausreichen, aber menschliche Erfahrung entzünden und beflügeln.ˮ
    Diese Zitate zeigen, dass sich auch für Naturwissenschaftler Möglichkeiten des Glaubens erschließen können. Ja, dass wir für „das Ganzeˮ einer Empfänglichkeit bedürfen, die Erfahrungen möglich macht. Denn auch für die Religionen ist Glaube ja nicht ein „Bescheidwissenˮ über metaphysische Personen oder Sachverhalte, son-dern zuerst und vor allem Empfänglichkeit für „das leise Wehenˮ des Geistes und Sinn für eine Wirklichkeit hinter der geschichtlichen Realität. Religion ist „die Trans-parenz des Begegnenden für die letzte Wirklichkeit.ˮ( Helmut Thielicke). Und sie kommt aus der Begegnung mit dem, „was mich unbedingt angehtˮ, wie Paul Tillich das ausgedrückt hat. Eben dies ist der Grund, warum die hebräische Bibel, aber auch Jesus und die Evangelien von Gott erzählen, ihn aber nicht definieren. Diese Transparenz kann in ganz unterschiedlichen Formen erfahren werden. Sie reichen von massiven Manifestationen der Ekstase über kultische Zeremonien, Natur- und Fruchtbarkeitsriten und Chiffren bis hin zur oben von Werner Heisenberg angemerk-ten, mathematisch beschreibbaren Grenze für naturwissenschaftlich gesichertes Be-scheid-Wissen. Immer ist es eine Begegnung mit einer letzten Wirklichkeit, die sich durchaus in einer Vielfalt der Erscheinungen manifestieren kann: als Grund oder Ab-grund, als Mächtigkeit oder Wert oder, um mit Rudolf Otto zu sprechen, dem Numi-nosum als einem Komplex dieser Letztgrößen.
    Wie ist diese Fähigkeit des Menschen, dieser Transparenz des Begegnenden ge-wahr zu werden, zu verstehen? Helmut Thielicke urteilt: Sie „beruht auf einer Anam-nesis des Menschen an einen ursprünglichen Kontakt, eine einmal gewesene com-munio mit der ihn nun zeichenhaft treffenden letzten Wirklichkeit. Nur weil er von die-sem ursprünglichen Kontakt herkommt, wird er der im Zeichen verborgenen Gegen-wart dieser letzten Wirklichkeit inne.ˮ Was bei Helmut Thielicke unter der theologi-schen Figur der Geschöpflichkeit des Menschen vorgestellt wird, kann auf Grund der quantenontologischen Einsichten auch als Phänomen der Geistesgegenwart ver-standen werden, in der der menschliche Geist mit der Geistigkeit der Wirklichkeit jenseits der Materie verbunden ist.
    Die Teilhabe des Lebens am universellen Geist
    Zur Erklärung dieser Auffassungen kann ein Blick auf die Erforschung des menschlichen Gehirns beitragen.
    Die vorherrschende Hirnforschung geht mehrheitlich nach wie vor von einem rein materialistisch-monistischen Weltbild aus. Dem zufolge wären geistige Vorgänge, also auch das Bewußtsein seiner Selbst, das personhafte ICH, jeweils Folge neuro-naler Schaltvorgänge im Gehirn und also von rein neurologischen Prozessen im menschlichen Gehirn ableitbar.
    Der Quantenchemiker Lothar Schäfer und andere gehen jedoch in der Deutung der messbaren Forschungsergebnisse davon aus, dass der menschliche Geist an der kohärenten Potentialität steten Anteil hat. Nach Schäfer ist es berechtigt, dem imma-teriellen, Hintergrund der Wirklichkeit „geistähnlichen“ Charakter zuzu¬schreiben. Und dies „bedeutet höchstwahrscheinlich, dass er mit individuellen Zentren dieses Prin-zips verbunden ist und sich ihnen mitteilt.“ „Es ist also der sich seiner selbst bewußte, aktive Geist, der als epistemische Prinzipien die Gewißheit der Kausalität sowie die Gewißheit der Identität – des ununterbrochenen Seins des Individuums – und die Gewißheit einer objektiven äußeren Realität“ außer Frage stellt.ˮ (Vorsichtig urteilt aber Lothar Schäfer: „Es kann jetzt nicht entschieden werden, ob der sich selbst be-wußte menschliche Geist außerhalb des Gehirns existiert, … Epistemische Prinzi-pien geben an, was für eine Person als gegeben und als ein bestimmtes System von Überzeugungen evident ist.).
    Forscher wie Lothar Schäfer kommen zu dem Schluss: Die epistemischen Prinzipien sind Prinzipien der Natur, aber nicht des raumzeitlich erfahrbaren Teils der Natur, sondern ihres transzendenten Teils. Die Epistemischen Prinzipien „sind Prinzipien unseres Geistes, weil dieser mit dem geistähnlichen Hintergrund des Universums verbunden ist und zu dessen Ordnung gehört. Der menschliche Geist ist kein in sich geschlossenes System und kann, auf sich allein gestellt, nicht einmal existieren. Wir sind mit einem Teil der Wirklichkeit verbunden, der den materialistischen Vorder-grund der Dinge transzendiert und selbst die Natur eines Bewußtseins hat.ˮ Auf die-se Weise ließe sich verstehen, dass ethische Normen ihren Ursprung nicht in den Individuen haben, sondern von „außerhalbˮ integriert werden. – Für ein theologisches Verständnis ist die „Thoraˮ nicht einfach „Weisheitˮ, sondern Weisung zum Leben, ja sie hat den Charakter von Gebot. Die epistemischen Prinzipien sind ja nicht einfach im menschlichen Bewußtsein „vorhandenˮ, sie stellen vielmehr ein „Sollenˮ und damit eine Herausforderung an das Individuum dar. Ihre Inhalte ließen sich als jeweilig be-sondere Codierung der Information des sie tragenden ontologischen Hintergrundes verstehen.ˮ
    Quanten-Ontologie als hermeneutischer Horizont einer Theologie des Geistes
    Dass auch Naturwissenschaftler einer so beschriebene Quantenontologie eine religi-öse Dimension zusprechen, kann eigentlich nicht verwundern. So tendiert etwa der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr zu religiösen Vorstellungen, wie sie sich im Bud-dhismus vorfinden und ist auch im Gespräch mit indischen Denkern. Er schreibt: „Die größere Nähe zu den asiatischen Religionen, wie Buddhismus oder Daoismus u.a. rührt meines Erachtens daher, dass diese im Vergleich zu unseren Religionen, ins-besondere den theistischen Konfessionen, keine Religion sind, weil sie auf dem offe-neren und tieferen mystischen „Religioˮ- Niveau angesiedelt sind, mit der Schwäche vielleicht, dass sie das aus dem originär Kreativen resultierende Lebendige nicht ausreichend eingebunden haben. … Aus der Sicht der Quantenphysik, in meiner In-terpretation, gibt es keinen isolierten Gott. In gewisser Weise sind Schöpfung und Schöpfer dasselbe, ein zeitlich offenes, lebendiges Beziehungsgefüge ohne Obrig-keit, das „All-Eineˮ oder besser in Sanskrit: „A-dvaitaˮ. Advaita bedeutet dabei mehr als die Negation „Nicht-Zweiheitˮ. Es ist die Abwesenheit der Trennung …ˮ. So weit Hans Peter Dürr.
    Christliche Theologie muß nicht sofort zurückschrecken, wenn sie derartige Schluss-folgerungen von Naturwissenschaftlern zur Kenntnis nimmt. Nachdem inzwischen zahlreiche Physiker und andere Naturwissenschaftler auf Grund ihrer Erkenntnisse den Dialog mit den Religionen, bzw. auch der Philosophie neu aufgenommen haben, kann Quantenontologie auch für die Theologie zum Verstehenshorizont werden, in dem versucht wird, die Gegenwart und das Wirken des Gottesgeistes christlich-theologisch zu denken und zu formulieren. Wie das Evangelium beim Übertritt in die hellenistische Welt neue Kleider bekommen mußte und später im Mittelalter mit Hilfe der aristotelischen Kategorien formuliert wurde, so kann auch die zeitgenössische Quantenontologie zu dem Verstehenshorizont werden, in dem das christliche Be-kenntnis reflektiert und verstanden werden kann. Noch einmal: „An welcher Stelle der Bibel wir auch nach Geistaussagen forschen, – trotz der Spannweite dieser Aussage ist ihnen allen jedenfalls eines gemeinsam: Sie sehen im Geist die Präsenz Gottes selbstˮ (Helmut Thielicke). Auch die ersten christlichen Jahrhunderte standen durch-aus im Zeichen einer Geist-Christologie, die erst in der Zeit der christlichen Apologe-ten von einer platonisch geprägten Christus-Lehre abgelöst wurde. Und wir stehen durchaus in der Tradition der Väter der altkirchlichen Bekenntnisse, wenn wir von Gott als der Wirklichkeit des Heiligen Geistes reden,ˮ… der der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater hervorgeht, der mit dem Vater angebetet und verherrlicht wird, der durch die Propheten geredet hat …ˮ.
    Anders als bei Klaus Peter Dürr wird eine christliche Theologie nach dem biblischen Zeugnis die In-Eins-Setzung von Schöpfung und Schöpfer vermeiden. Die rabbini-sche Lehre des Judentums kennt den Gedanken der „Schechinaˮ, d.i. die Einwoh-nung Gottes in seinem Volk Israel und sodann auch in seiner gesamten Schöpfung. Aber auch dann bleibt er selbst der jenseitige Gott, der seine Nähe gewährt. Ähnli-ches besagt auch die Pfingsttradition in der Bibel des Neuen Testamentes.
    Nach unserem Verständnis kann aber dieses Zugleich von Verbundenheit einerseits und jenseitiger Distanz Gottes auch in der Vorstellungswelt der Quantenontologie ausgedrückt werden. Denn gegenüber der dekohärenten Aktualität bleibt die kohä-rente Potentialität konsequent „jenseitigˮ der realisierten, kohärenten Gegenständ-lichkeit der materiell-dinglichen Realität. Aber sie wirkt und bewirkt diese. „Denn in IHM und durch IHN sind alle Dingeˮ!
    Gibt es einen persönlichen Gott?
    Die Vorstellungen der Quantenphysik sind für die christliche Theologie insofern hilf-reich, als sie den naturwissenschaftlichen Monismus überwinden, auch die einfache In-Eins-Setzung von „Naturˮ und Gottheit vermeiden helfen und sich die Kategorie einer transzendenten Wirklichkeit jenseits der Materie „denkbarˮ machen. Dass dies nicht unbedingt die Wiederbelebung eines mythischen Gottesbildes bedeuten muß, hat Matthias Kroeger mit seinem Versuch einer non-theistischen Theologie (in sei-nem Buch “Im religiösen Umbruch der Welt”) gezeigt.
    Allerdings bleibt nach wie vor die Frage danach, ob es einen „persönlichen Gottˮ gibt. Denn die immer wieder (nicht zu Unrecht) zitierte Bemerkung Bonhoeffers, „Einen Gott, den es gibt, gibt es nichtˮ, wendet sich gegen eine Verobjektivierung Gottes, – also gegen die Art von Götzenbildern, wie es das 2. Gebot des Dekalogs untersagt, – wenn auch die Götzenbilder der Moderne inzwischen nicht mehr aus Holz oder Ton, sondern aus „Gottesideenˮ hergestellt werden.
    Aber die Frage nach einem „persönlichen Gottˮ meint ja nicht die gedankliche „Be-schaffenheitˮ Gottes, als viel mehr die Frage nach der Möglichkeit einer Gottesbezie-hung, also nach einem Gott, an den ich mich wenden kann, den ich anrufen, auf den ich hoffen und dem ich glauben kann. Gemeint ist also „unser Vater im Himmelˮ, zu dem zu beten uns Jesus gelehrt hat. Matthias Kroeger nimmt diese Frage in seiner non-theistischen Theologie couragiert auf, wenn er schreibt: „Es gehört zu den Mög-lichkeiten des religiösen Mutes, dass er – im völligen Bewußtsein des ungegenständ-lichen und überpersönlichen (non-theistischen) Göttlichen und im klaren Wissen, dass es keine separate Gottheit gibt – ins Dunkel der diffusen und zwielichtigen Er-fahrung hinein, die wir ständig machen, die Ansprache des ´Du` wagen kann: ´Du` – ´wer immer Du seist, … .` ˮ Im Übrigen aber bleibt es bei der Feuerbach´schen These, dass „Gottˮ ein Bild ist, „das Menschen sich auf Grund von Erfahrung gemacht und an den Himmel geworfen haben.ˮ Personalität ist auch bei Kroeger „ein Bild, eine Projektion, die wir uns machen (denn das ´Geheimnis` ´ist` keine Person), – aller-dings eine begründete, denn das Geheimnis ist, bzw. wirkt personal.ˮ
    Das persönliche DU des Gebetes kommt aus der Erfahrung des Angesprochen-Seins. Der so angesprochene Mensch erfährt sich selbst als in einer personalen Be-ziehung zum Ursprung des ihn treffenden Wortes. Deshalb hat auch die Antwort auf das Wort personalen Charakter. Das Gebet, die Anrufung, die Bitte geschieht als an ein „DUˮ gerichtet, weil Wort und Antwort im Modus eines personalen Geschehens stattfindet.
    Das gilt schließlich auch für die christliche Mystik und die zweifellos besonderen Er-fahrungen der Geistesgegenwart Gottes inmitten menschlichen Lebens. Christliche Mystik hat den Charakter einer Begegnung, einer Erfahrung. Und das meditative „Leerwerdenˮ und zur Ruhe kommen, ist die konditionierende Methode, mit der uns-rer menschlicher Geist für die Begegnung mit dem „ganz anderenˮ sich öffnen kann.

    Inhalt:
    Naturwissenschaft als Verstehenshorizont der Theologie 1
    I Quanten-Ontologie: Von der Materie zur Potenzialität 1
    Creatio continua – Die Welt ist ein ständiger Schöpfungsakt 4
    Potenzialität und Information 4
    „Kosmisches Bewusstsein“ – Eine unstatthafte Spekulation? 8
    II „In ihm leben und weben und sind wir … ˮ Christlicher Glaube im Diskurs mit dem quanten-ontologischen Weltbild 9
    Transzendenz – Die Überwindung des materialistisch-monistischen Denkens 9
    Der Teil und das Ganze – Wissen und Glauben 10
    Die Teilhabe des Lebens am universellen Geist 11
    Quanten-Ontologie als hermeneutischer Horizont einer Theologie des Geistes 12
    Gibt es einen persönlichen Gott? 13

  3. Richard Maerker Artikelautor

    Ewiges Leben. Wer daran glaubt, rechnet mit einem Ausgleich im begrenzten irdischen Leben, ob Belohnung oder Bestrafung (oder mit beidem, nacheinnder). Auf jeden Fall damit, dass die Grenze des Lebens offener und anders ist, als ich (und andere) das im Alltag spüre/n. Ich komme darauf nochmal zurück.

Kommentare sind geschlossen.