Dorothee Sölle: Der Sündenfall

Die Bibel erzählt über das Zustandekommen der Trennung der Menschen von Gott eine Geschichte, die in der christlichen Tradition die vom »Sündenfall« genannt wird, ein Wort, das in der hebräischen Bibel nicht vorkommt. ( … ) Dieses Konzept missverstehen wir, wenn wir es allein als ein moralisches Konzept ansehen, wenn wir dabei nur an die Sünden denken, die wir alle tun: lügen, stehlen, morden, betrügen. Schlimm genug, aber was wir mit dem Singular meinen – die Sünde, die Grundsünde, die Ursünde – ist etwas anderes: ein Zustand, nicht schon ein Handeln. Mit einem schrecklichen Begriff, der nicht in der Bibel steht, aber in der Tradition eine Rolle gespielt hat, heißt diese Ursünde im Gegensatz zur Tatsünde als der bewussten Verletzung von Gottes Gesetz: „Erbsünde „. Dieser Begriff ist deswegen so schwierig, weil er missverstanden wird als ein biologisches Schicksal, durch das man Krankheiten oder genetische Anlagen erben kann.

( … ) Gemeint ist, dass wir in Zustände hineingeboren sind, in denen wir nicht die Verursacher der Sünde sind, sondern schon immer in der Sünde leben.

Sünde ist zwar auch meine Entscheidung, mein freier Wille, mein Nein zu Gott, sie ist aber auch Schicksal, in das ich hineingeboren wurde.

Ich bin verwickelt durch meine Eltern, meine Lehrerinnen und Lehrer, meine Tradition. Auch die Spätgeborenen können diese Realität nicht abstreifen – und so unzutreffend es ist, von Kollektivschuld zu sprechen, so notwendig ist doch der Sinn für eine kollektive Haftung. Ich bin auch verantwortlich für das Haus, das ich nicht gebaut habe, aber bewohne. Eben das versucht die merkwürdige Lehre von der „Erbsünde“ festzuhalten. Der Zustand des In-Sünde-Geborenseins entsteht nicht aus meiner persönlichen Entscheidung oder meinem Willen. Es gibt ein Zusammentreffen von Schuld und Schicksal, das wir „dialektisch“ verstehen müssen. Wir müssen die beiden widersprüchlichen Aussagen zusammendenken, die jede ihre Wahrheit haben, aber einander widersprechen, sodass in der normalen Logik nur eines der beiden Glieder Wahrheit beanspruchen könnte. Genau das leistet die christliche Tradition, wenn sie im Begriff der „Erbsünde“ Schuld und Schicksal, die einander ausschließen, zusammendenkt. Schuld-fähig ist ja nur die Person, die frei ist. Aber wenn ich schuldfähig, das heißt frei bin, dann ist das sozusagen die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist das Schicksal der Sünde, in die ich hineingeboren bin.

Wir suchen uns die Gesellschaft, in der wir leben, und den Ort, den wir in ihr haben, ja nicht aus, sondern werden in etwas hineingeboren, das von der Struktur der Sünde, der Trennung von Gott, schon immer bestimmt ist.

So lebe auch „ich“, aus der Gegenwart gesprochen, schon immer unter gewalttätigen Mächten – dem Militarismus, der Energieverschwendung, dem Fleischverzehr, der Ausplünderung. Ist dies verstanden als Terror, den die Sünde ausübt, so wird die Frage dann allerdings sein, wie ich mich dazu verhalte. Das sind die beiden Elemente, die man immer zusammendenken muss. Das eine Element ist Schicksal, Erbe, Verflochtenheit, gesellschaftlicher Zwang, Macht der Sünde (das objektive Element) – und das subjektive Element ist mein Wille darin, mein eigenes Handeln, meine Freiheit, meine Entscheidung mitzumachen. (Oder nicht?)

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