Sünde in asiatischen Religionen

Guenter Hegele    14. September 2014    Kommentare deaktiviert für Sünde in asiatischen Religionen

Der Buddhismus in seiner Grundform kennt keinen Gott, der sich dem Menschen gnädig zuwenden könnte. er kennt nur den Menschen, der vor sich selbst und vor allen Lebewesen verantwortlich ist. Insofern kennt er auch den Begriff der Sünde nur indirekt. Auch Ethik baut nicht darauf sich für sein Handeln vor einer Instanz rechtfertigen zu müssen und vielleicht von dieser auch bestraft zu werden. Das Leben wird as Leiden verstanden und empfunden.

Schon dass der Mensch geboren wird, ist ein Auslöser von Leiden für ihn: Er will von Anfang an haben, besitzen, festhalten. immer mehr haben, Dinge, Reichtümer, andere Menschen, Ruhm. Er muss jedoch feststellen, dass alle Dinge dieser Welt vergänglich sind und ihm zwischen den Händen zerrinnen wie der Sand eines nassen und langsam trocken werdenden Sandklumpens. Dies verursacht Leiden für ihn, welches sich in anderen Formen des Leidens wie Krankheit, Alter und schließlich Sterben fortsetzt. Es steht an, dass er wiedergeboren wird und diesen Kreislauf unendlich lange fortsetzt. Daran kann sich etwas ändern, wenn er selbst die Ursache für sein Leiden, nämlich die Begierde, durchschaut und auf diese Weise zu einer klaren Sicht der Wirklichkeit gelangt. Diese Einsicht kann ihm dazu verhelfen, endlich nicht mehr wiedergeboren zu werden und dem leidvollen Leben nicht mehr ausgesetzt zu werden. Zugleich und als Bestandteil dessen ist der „edle achtfache Pfad“ zu beherzigen, der neben Anteilen der Erkenntnis und Versenkung auch ethische Bestandteile für ein Leben in Einklang mit der gesamten Mit-Welt vorsieht. Die ethischen Regeln sind nicht weit von den anderen Religionen entfernt, mit einer etwas größeren Betonung der Unverletzlichkeit des Lebens.

Im „Karma“ (das wörtlich Handeln heißt) wird die gesamte Welt in einem Zusammenhang als Netzwerk gesehen, in dem jede Art von Handeln, auch das Unterlassen von gutem Handeln, Folgen hat, später oder in einem nächsten Leben. Als „Wiedergeborene“ haben Menschen aber die Chance, ihre Belastungen aus dem Vorleben „abzuarbeiten“. Hauptziel dabei ist die richtige Erkenntnis der Wirklichkeit durch die „Erleuchtung“, d.h. das Erwachen zur korrekten Sicht der Wirklichkeit.

Ähnlich ist es mit dem Hinduismus. Auch hier ist avidya = Ignoranz, Unwissenheit gegenüber der Wirklichkeit ein Pendant zum Sündengedanken. Zugleich aber kennt auch der Hinduismus einen ethischen Kodex und die Verletzung der ethischen Regeln, genannt papa. In der Rangfolge der Schwere der Sünde spielt das Kastensystem eine Rolle: So wiegt es besonders schwer, einen Brahmanen zu töten, dessen Kaste an der Spitze des Systems steht, und es ist verwerflicher, eine Kuh zu töten als einen Kastenlosen. Gesühnt werden können Vergehen mit Strafen oder Bußmaßnahmen wie Geschenken gegenüber Brahmanen oder mit Pilgerwallfahrten. Im Unterschied zum Buddhismus kann hier durchaus ein Gott als Lehrer und Gesetzgeber auftreten, so Krishna in der Bhagavadgita, und somit auch dem Menschen als Gegenüber dienen und Verantwortung einfordern. Dies spielt jedoch bei weitem nicht dieselbe Rolle wie in den monotheistischen Religionen.

In allen religiösen Systemen ist es, wenn man sie als Ergänzungsbegriff zu „Sünde“ nimmt, die eigene Verantwortung, aus der der Mensch nicht entlassen wird, sei es vor sich selbst und vor dem universalen Ganzen, sei es vor Gott und den konkreten anderen Menschen und sonstigen Mitgeschöpfen. von Ulrich Dehn (gekürzt)