Vergessen, aber nicht vergeben

Guenter Hegele    14. September 2014    Kommentare deaktiviert für Vergessen, aber nicht vergeben

Was ist Sünde?

Sünde ist ein genuin theologischer Begriff. Von Schuld kann man auch abgesehen von Gott reden. Dass Menschen an anderen Menschen schuldig werden oder umgekehrt Opfer von schuldhaftem Handeln werden, gehört zu den alltäglichen Lebenserfahrungen. Sünde hingegen bedeutet – trotz der vielfach beklagten sprachlichen Banalisierung und Verflachung a la „Verkehrssünder“- im Kern immer, dass hier Gott im Spiel ist: Sündigen kann man eigentlich nur im Bereich und aus der Perspektive von Religion. Sünde betrifft immer das Verhältnis zu Gott bzw. die Lebensweise vor Gott. Wer von Sünde redet, spricht damit die Beziehung zu Gott an.

Sünde ist ein Beziehungsbegriff.

Vielfach wird unter Sünde schlicht und gesetzlich die Übertretung eines Gesetzes bzw. einer Norm verstanden. Menschen sind Sünder(innen), wenn sie gegen einen Gesetzeskatalog verstoßen. Dies ist zwar nicht völlig falsch, trifft aber den Kern der Sache nicht. Wer sündigt, vergeht sich nicht einfach an einem Gesetz oder einer Norm. Auch ein moralinsaures Verständnis, wie es manche kirchliche und/oder kleinbürgerliche Kreise gerne gepflegt haben und bisweilen noch pflegen (Sünde wäre dann irgendwie alles, was Spaß macht … ), geht fehl.

Sünde bedeutet in der Summe biblischen und also theologischen Verständnisses in erster Linie, dass Beziehungen destruiert oder zerstört werden. In eindringlichen Symbolgeschichten schildern die Urgeschichten der Bibel, wie die Sünde sich breitmacht. Die „ersten Menschen“ verletzen und zerstören geradezu systematisch alle denkbaren Beziehungen: Die Beziehung zu Gott, familiäre Beziehungen, die Beziehung zu anderen Menschen und zur Natur (Schöpfung). Die gesamte darauf folgende erzählende und prophetische Literatur des AT kann man als Geschichte einer sich permanent wiederholenden Destruktion des Gemeinschaftsverhältnisses zu Gott lesen: Durch Rechtsbruch und asoziales Verhalten untereinander einerseits und durch Fremdgötterei, Abfall von Gott und verlogene Gottesdienste und Kulthandlungen andererseits wird unentwegt und immer wieder die Gemeinschaftstreue gegenüber Gott (oder wie einige damalige Theologen es auch bezeichneten: der „Bund mit Gott“) verletzt, während Gott an dieser Gemeinschaftstreue trotz allem und trotz seines berechtigten Zornes festhält.

Die Beschäftigung mit Sünde muss lebensdienlich sein – Verantwortungsübernahme. Es geht bei der Beschäftigung mit der Sünde weder darum, Sünder bei der Ausübung ihres unflätigen Tuns aufzuspüren, um sie der gerechten Strafe zuzuführen, noch geht es darum, mit Hilfe der Kategorie Sünde Macht über andere Menschen auszuüben, um sie nach den eigenen theologischen Ansichten und den eigenen moralischen Vorstellungen zu formen oder um sie zu genussunfähigen Asketen zu erziehen.

 

Es geht vielmehr darum, im Bereich von Religion und Alltagsleben einen erwachsenen Umgang mit dem Phänomen Sünde zu finden, die Realität ernst zu nehmen und Verantwortungsfahigkeit zu fördern.

Bei diesem Verständnis von Sünde und Schuld bedeutet das für die kirchliche Jugendarbeit:

 

  1. Gott und die Beziehung zu Gott ernst nehmen.

Es geht dabei nicht darum, sich durch eine Glaubensleistung das ewige Leben oder so zu erwerben, aber durchaus um den eigenen Verantwortungsanteil – auch von jungen Menschen – für ihre Gottesbeziehung. Und das bedeutet, mit jungen Menschen Wege eines lebensdienlichen Vertrauens auf Gott und der Liebe zu Gott zu entdecken – und zu verstehen, dass „die Sache mit dem heiligen Gott“ nicht primär den Charakter eines spirituellen Partyservices hat und Gott nicht der Geschäftsführer eines religiösen Wellness-Studios ist, sondern dass Gott durchaus seine Ansprüche hat und mit dem Lebenszentrum von Menschen zu tun haben will.

  1. Die Realität ernst nehmen.

Nämlich die Welt, die durchaus in Schuld und Sünde verstrickt ist (jeder Krieg und jedes ökologische Verbrechen demonstrieren dies) wahrzunehmen genauso wie die eigenen Anteile von Schuld und Schuldverstrickung. Befreiung geschieht nicht dadurch, dass man Sünde abschafft oder verleugnet, sondern sie benennt – auch die eigene.

3. Die Verantwortungsfähigkeit von Menschen ernst zu nehmen.

Sündigen und Schuldig-Werden setzt einen verantwortungsfähigen Menschen voraus. Menschen sind nicht nur Opfer der Verhältnisse, sondern haben Machtspielraum und Entscheidungsspielraum. In der Jugendarbeit bedeutet dies, Jugendliche in ihrer Subjektivität und der Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme zu stärken und im „permanenten bewussten Widerstand gegen die Sünde“ (H.G. Geyer) und ihre Verstrickungen an gelingenden Beziehungen zu Menschen und zur Schöpfung zu arbeiten.

  1. Vergebung entdecken.

Niemand kann unschuldig bleiben. Niemand ist ohne Sünde. Versuche, unschuldig bleiben zu wollen oder „sich zu ent-schuldigen“ enden in Realitätsverleugnung, Zynismus oder Verzweiflung. Das Konzept der Vergebung (inklusive Schuldbekenntnis!) in der Beziehung zu Gott und in den Beziehungen von Menschen untereinander gehört zu dem Lebensdienlichsten, was wir mit jungen Menschen entdecken und erleben können.(Aus: Michael Freitag in „Das Baugerüst“)