Religion

Guenter Hegele    15. September 2014    2 Kommentare zu Religion

Das Wesen der Religion und die Erfindung der Götter

Die alte Geschichte von „Paradies“ erzählt von dem ersten Menschenpaar, das mit seiner Freiheit beschenkt, nun anfängt, auch Gebrauch davon zu machen. Und sie verhalten sich dabei schließlich so, als stehe das Verbot Gottes ihrer Freiheit entgegen. Sie handeln nun in eigener Autonomie und glauben dem Versprechen „zu sein wie Gott“.

In der Suche nach dem verlorenen Paradies sind es zunehmend auch Fragen nach dem Sinn des Daseins und der menschlichen Existenz, die den frühen Menschen schon bewegen. Es sind die Mächte und Kräfte der Natur, die Auseinandersetzung mit dem Leben, dem Sterben, dem Tod, womit die Menschen zurecht kommen müssen.

Da der Mensch von Anfang an ein soziales Wesen ist, dessen Glück und Sicherheit von seinen Beziehungen in der Familie, der Sippe, dem Stamm abhängt, braucht er vor allem ein Wissen um Gut und Böse. Schon der frühe Mensch kann nur überleben, wenn in der Familie, der Sippe, dem Klan, anerkannte Regeln das Zusammenleben ordnen und schützen. So entstehen schon bald einfache ethische Normen und Tabus, die immer wieder durchgesetzt werden müssen. Für ihren Schutz und ihre Geltung sorgt die entstehende Sakralität der sozialen Ordnungen, das Entstehen eines sakralen Königtums, das als „Gottessohnschaftˮ des Herrschers begründet und abgesichert wird.

Im Lauf der Menschheitsgeschichte gab die „Erfindungˮ von Göttergestalten den anonymen Mächten der Natur und des Schicksals Namen und Gestalt, so daß der Mensch nun seinerseits auch mit ihnen umgehen kann. Die Gottheit garantiert die Stabilität der Welt und des Lebens, die stete Wiederkehr von Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (1.Mose 8,22). Und die Götter garantieren die sozialen Verhältnisse, in denen die Menschen geborgen sind.      AK

Die verwaltete Gottheit – Von Priestern und Propheten

Sehr früh bereits versuchen die Menschen auf die ihr Leben bestimmenden Mächte Einfluss zu gewinnen. So gehört die Darbringung von kultischen Opfern von Anfang an zum innersten Kern der Religion. Die Gabe an die Gottheit soll deren Hilfe und Segen als Gegengabe bewirken.

Weil vom Funktionieren dieses Tauschverhältnisses das jeweilige Wohl und Wehe der entstehenden Gesellschaften abhängt, geht es schon in den frühen Kulturen alsbald darum, diesen Einfluß auch zu verwalten. Als Mittler zwischen der Gottheit und den Menschen fungieren die Schamanen, die Priester und Priesterkönige. Auch die heutigen Pfarrer stehen in dieser Tradition.

Unter der von ihnen verwalteten Sprache und rituellen Praxis gibt es aber noch einen viel tiefer gehenden Erfahrungsbereich, nämlich den der elementaren Begegnung mit dem „Heiligenˮ.

Religion ist demnach eine erlebnishafte Begegnung mit heiliger Wirklichkeit und ein antwortendes Handeln des vom Heiligen existentiell bestimmten Menschen.     AK

2 Gedanken zu “Religion

  1. Martin Lindemann

    Archetypen-„Götter“ nach C.G.Jung und ihre Religionskulte auch schon im vor-abrahamitischen Mesopotamien wurden eben n i c h t einfach nur frei erfunden! Denn sie sind ja im Menschen völlig individuell wiederzuerkennen – sagt seriöse Astrologie, wenn man sich damit einmal tiefergehend beschäftigen möchte (vom Mißbrauch abergläubiger*) Zuckerwürfel-Astrologie einmal abgesehen). Archetypen-„Götter“ waren religiöser Mainstream in der Antike, im gnosischen Christentum und erneut ebenso in der Renaissance. Von Hildegard von Bingen über Leonardo da Vinci’s -astrologischer- Abendmahlsbedeutung, bis hin zum Mitreformator und Astrologieprofessor Melanchthon oder dem ev.-theol. Mathematiker & Astrologen Johannes Kepler reflektiert. Mehr dazu unter http://www.astrologischesabendmahl.de Als letzter Punkt auf dieser gnosisch-„evangelischen“ Homepage auch die großartige und brandneue kulturwissenschaftliche Arbeit von Emily Trinkaus (übersetzt aus dem Amerikanischen) über ‚Venus, Maria Magdalena und die Wiederauferstehung des Heilig-Weiblichen‘. Mit vielen Fakten zum Hexenwahn Mitteleuropas, der ja ebenso auch durch Luthers ‚Hexenpredigt‘ mit befeuert wurde. So wie auch schon zur Zeitenwende der Geburt Christi die 3 weisen „Könige“ aus dem Morgenland (nach syrisch-arianischer Legende ehemals 12!) ja Traumdeuter und Astrologen waren, die dem Stern von Bethlehem ( = Venus, nach Dieter Koch) -zumindest innerlich- gefolgt sind…

    Beste Grüße erst einmal, Martin Lindemann

    PS: *) zu abergläubiger Zuckerwürfel-Astrologie -im Gegensatz zur seriösen Variante:
    Natürlich können Planeten“götter“ physikalisch nicht zaubern! Das hatte bereits Bonifatius eindrücklich bewiesen, als er die Donareiche zu Geismar fällte – ganz ohne den heidnischerseits befürchtet/ersehnten Racheakt Thor’s. Wie gleichfalls das Theodizee -quasi- die Ohnmacht des (Dreieinigen) Gottes beweist, der ebenso nichts gegen Krieg oder Lästerei unternimmt.
    Doch menschl. Wesen „verzaubern“ – das könnten sie schon?! In Sychronizität zu ihrer Bahn am Firmament. Und dass seriöse Astrologie das rudimentär auch beschreiben kann, davon habe ich mich selbst überzeugt.

    Zwar weist eine Metastudie der Skeptiker (A. Hergovich, Die Psychologie der Astrologie) vorliegenden Befürworterstudien wohl zu Recht erhebliche Mängel und allzumeist fehlende Signifikanz nach. Doch basieren diese Studien nahezu alle auf den viel zu euphorischen Anfängen der Computerastrologie. Und solch ein komplexes Wesen, wie die Seele des Menschen, kann man nun mal nicht mit erheblich zu eindimensional aneinandergereihten Computeraspekten treffend erschlagen. Darauf aufbauend hatte ich allerdings bereits 2013 den Rhein-Ruhr-Skeptikern einen verbesserten (erneuten, kleinen) Pilottest vorgeschlagen. Der mit mehr handwerklich-deuterischer Klasse statt -per Computerfragebogen erhobener- DatenMasse höhere Trefferquoten erzielen soll. Muster und erste Blindtests wurden von mir erfolgreich korrigierend absolviert (Learning by doing!). Dazu ist, außer vagen Absichtserklärungen, von Skeptikerseite bis heute leider noch nichts zustande gekommen. Trotz mehrmaliger Aufforderung an ihren Sprecher.
    Ebenso einige Lehrstühle für Psychologie lehnten mir gegenüber bislang ab – wohl aufgrund fehlender Gelder für solch eine arbeitsintensive Studie und/oder möglichem Reputationsverlust den übrigen „exakten“ Wissenschaften gegenüber(?)

  2. AK Artikelautor

    Christentum und Islam
    gegen- neben- mit-
    einander

    Christlich-Islamischer Dialog heute

    Aus einer Tagung der EAiD im Oktober 2014

    Um es vorweg zu nehmen: Wir sind für Toleranz. Aber Toleranz darf nicht mit Gleichgültigkeit, stummer Duldung oder Selbstverleugnung gleichgesetzt werden. Wir müssen uns die Unterschiede gegenseitig zumuten, sie aber nicht als trennend erleben. Ein interreligiöser Dialog, der nicht bloß ein nettes Gespräch sein will, wird daher die eigene Überzeugung einbringen. Er gewinnt seine Kraft, wenn er von selbstbewußten und sprachfähigen Vertreter(innen) geführt wird.
    Sowohl das Christentum als auch der Islam zeichnen sich durch „wunderbare Ideale“ und einige „schreckliche Wirklichkeiten“ aus. Wir sollten den Gegensatz sehen. Dann müssen wir Ideale mit Idealen und Wirklichkeiten mit Wirklichkeiten vergleichen. Meine Ideale darf ich nicht mit deinen Wirklichkeiten vergleichen.
    Beim Gottesverständnis des Islams finden wir Unterschiedliches und Ähnliches:
    Für einen Moslem ist Gott der Schöpfer einer vollkommenen Welt in Gerechtigkeit und Frieden. Im Arabischen ist das in einem Worstamm auszudrücken: slm.
    Durch Hinzufügen von Vokalen ergibt dies: Islam oder Muslim oder Salam. Islam ist also der Naturzustand der ganzen Schöpfung, wie sie von Gott gedacht ist. Alles, was Gott hervorbringt, ist muslimisch. Der Mensch lebt in einem muslimischen Universum, bis Zeit und menschliche Eingriffe das natürliche Gleichgewicht stören.
    Zwei Würden hat Gott dem Menschen verliehen: Abd bedeutet, ein liebender Diener Gottes zu sein. Khalifa bedeutet, Regent zu sein, Mittler oder Vertreter Gottes auf Erden. Er besitzt umfassende Vollmacht, die Erde nach Gottes Führung zu gestalten, sich also in der Gesellschaft zu betätigen. Der Mensch ist frei und wird sich am Jüngsten Tag befragen lassen müssen, wie er sein Leben gestaltet hat.
    Der Islam kennt fünf Propheten vor Muhammad: Abraham, Ismael, Isaak, Mose und Jesus. Da Muhammad der letzte Prophet ist, der Koran das letzte Buch, ist damit eine Endgültigkeit postuliert.
    Ethnologische und relligiöse Entwicklungen werden (auch) durch Personen symbolisiert:
    Judentum, Christentum und Islam sind „Bruderreligionen“, weil Hagar, eine Ägypterin, dem Abrahm einen Sohn Ismael gebar. Von ihm stammen die Ismaeliten ab, wie wir sie heute nennen: das Arabische Volk. In dieses Volk wurde Muhammad hineingeboren, er ist also mit Abraham verwandt.
    Sara gebar danach dem Abraham einen Sohn: Isaak. Mit ihm entsteht das Volk der Hebräer, später Juden genannt. Jesus war von Geburt Jude, stammt also vom gleichen Volk ab.
    Juden, Christen und Muslime sind also Brüder und Schwestern im Glauben an Abraham, an den einen und einzigen Gott.

    Was erschwert nun den Dialog? Da die historischen Quellen Muhammads und seiner Bewegung fragwürdig sind, muß die islamische Chronologie als Heilsgeschichte eingeordnet werden, wobei die islamische Volksfrömmigkeit sich einer Öffnung gegenüber historischem und historisch-kritischem Denken weitgehend entzogen hat. Sie hat eine eigene Geschichte auf der Erde entwickelt. Die Gestalt des Muhammad ist z. B. zu einem Idealtyp geworden, der in jeder Hinsicht als Vorbild dienen kann.
    Bei entsprechender Offenheit könnte ein gemeinsames Erbe entdeckt werden zwischen ostsyrischem Christentum, Judentum, Parismus und Manichäismus, vor allem aber zum Hellenismus dieser Zeit. Ein vernünftiger interreligiöser Dialog könnte die unhistorischen Kurzschlüse auflösen, wie sie heute von gewalttätigen Muslimen gepredigt und in grausame Praxis umgesetzt werden. Der Versuch, Vernunft und Glauben zusammenzubringen, könnte fruchtbar sein. Hier würde die historisch-kritische Methode zu einer Dienerin. Der Glaube würde zu einem existenziellen Weg, zu einer neuen Haltung.

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