Sein Tod – ein Opfer?

Guenter Hegele    29. März 2016    Kommentare deaktiviert für Sein Tod – ein Opfer?

Thesen zum Sühnetod Jesu

Jesus hielt nichts von stellvertretender Sühne

  1. In religiöser Hinsicht wahr sein kann nur etwas, was mich von innen heraus überzeugt. Religiöse Wahrheit ist damit ihrer Natur nach subjektiv (Kierkegaard). Sie ist etwas anderes als historische Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit. Die (stets vorläufigen) Ergebnisse historischer Forschung sind für den Glauben nicht konstitutiv, aber unter Umständen korrektiv. Das heißt: Sie können den Glauben nicht begründen, aber ihn eventuell auf Irrwege aufmerksam machen.
  2. Die Frage nach der Heilsbedeutung des Todes Jesu ist falsch gestellt. Die Heilsbedeutung Jesu, mit der der christliche Glaube steht und fällt, liegt nicht in seinem Sterben, sondern in seiner Lebendigkeit davor und danach – einer Lebendigkeit, die entscheidend mit dem Wirken des göttlichen Geistes zu tun hat.
  3. Der historische Jesus sah seinen Auftrag darin, in Wort und Tat das anbrechende Reich Gottes zu verkündigen. „Reich Gottes“ ist dabei ein – damals geläufiges – Bildwort für den Inbegriff dessen, worauf religiöse Sehnsucht hofft: die Heil schaffende Nähe Gottes und im Zusammenhang damit eine heile Welt ohne Krankheit und Tod, ohne Hunger und Elend, ohne Leid und Schuld.
  4. Der historische Jesus sah seinen Auftrag nicht darin, zur Sühne für unsere Sünden zu sterben. Der Gott, zu dem er „Vater“ sagt, ist weit davon entfernt, als Preis für die Vergebung ein derartiges Sühneopfer zu verlangen. Das geht in breiter Linie aus dem Reden und Handeln Jesu hervor: aus seiner unblutig-unkultischen Praxis der Sündenvergebung, aus seinen (die Vergebung Gottes einschließenden) Mahlgemeinschaften mit den „Zöllnern und Sündern“, aus sämtlichen Gleichnissen, die von Vergebung handeln, aus der fünften Bitte des Vaterunsers usw.

Aus eben diesen Gründen sah sich der historische Jesus auch nicht als der „leidende Gottesknecht“ von Jesaja 53. Das Gottesbild, das uns dort begegnet (der Gott, der zum Heil der anderen Menschen seinen Knecht zusammenschlägt), ist mit dem Gottesbild Jesu unvereinbar.1 

1 Der Einfluss von Jesaja 53 auf die neutestamentliche Deutung des Todes Jesu wird oft überschätzt. Von den neutestamentlichen Zitaten aus Jesaja 53 weist nämlich nur eines auf stellvertretende Übernahme der Sünden (1.Petrus 2,20-25). Die Luther-Übersetzung von Matthäus 8,17 (= Jesaja 53,4) ist irreführend.

  1. Jesu Verhalten, seine Botschaft und sein Gottesbild brachten ihn je länger, je mehr in Konflikt mit gewissen Vertretern einer konservativ-gesetzestreuen Theologie und Frömmigkeit. Der Konflikt gipfelte in der sogenannten „Tempelreinigung“, die in Wahrheit einen demonstrativen Protest gegen den Opferkult darstellte. Eben dieser Konflikt war es, der zur Verhaftung und Hinrichtung Jesu führte.
  2. Zu beachten ist dabei, dass Jesus sich (gegen Paulus und andere Briefschreiber) keineswegs von sich aus „dahingibt“ (wozu hätte er das auch tun sollen?). Er stellt sich in Jerusalem nicht etwa den Behörden, um freiwillig in den Tod zu gehen. Sondern er verliert sein Leben gegen seinen Willen durch nächtlichen Verrat und fremde Gewalteinwirkung.
  3. Der Kreuzestod Jesu war für alle, die an ihn glaubten und ihm folgten, zunächst ein ungeheurer Schock, unerwartet und irritierend. Anstelle des angekündigten und erhofften Gottesreiches nun Schmerz und Verzweiflung! Durch die Katastrophe dieser Hinrichtung schien alles, was Jesus vertreten hatte, ad absurdum geführt (Vgl. Lukas 24,9ff).

Die Ostererscheinungen haben dann – völlig überraschend – den Anspruch Jesu bestätigt. Das Rätsel seines elenden Sterbens haben sie jedoch nicht entschlüsselt, sondern eher noch verschärft: Wenn Jesus wirklich der „Christus“ (Messias) war, d.h. der von Gott gesandte und von seiner Gegenwart erfüllte Heilbringer – warum dann dieser grauenhafte, schmachvolle Verbrechertod?

Der bekannte psychologische Selbstschutzmechanismus der Schmerzvermeidung durch Verdrängung oder Umdeutung lässt sich auch in den Evangelien beobachten. Die Tradenten versuchten, den Skandal von Verrat und Kreuzigung dadurch zu entschärfen, dass sie Jesus zunehmend unterstellten, er habe sein Schicksal exakt vorausgesehen (Leidensankündigungen usw.) und bewusst eingewilligt (Gebet in Gethsemane). So wurde die unbegreifliche Katastrophe zur freien Entscheidung Jesu umgedeutet und umstilisiert (besonders auffällig im Johannes-Evangelium)

Das alte, wohl bis in die Jerusalemer Urgemeinde zurückreichende Bekenntnis von 1.Korinther 15,3-5 zeigt jedem, der es sehen will: Die Deutung des Kreuzes als stellvertretender Sühnetod für unsere Sünden entstammt nicht der Verkündigung Jesu, sondern bestenfalls der Auslegung des Alten Testaments seitens der Urchristenheit (falls der recht vage Hinweis auf „die Schriften“ nicht nur ein Postulat war, also ein Schrotschuss „auf Verdacht“). Von dieser Auslegung wissen wir, dass sie – wie damals üblich – unhistorisch und unkritisch verfahren ist. Sie hat nicht nach dem ursprünglichen Sinn einer Bibelstelle gefragt, sondern Zitate aus dem Zusammenhang gerissen und das hineingelegt, was man herauszulesen wünschte.

Da die Methode dieser Schriftauslegung aus heutiger Sicht unzulässig, vorurteilsgeleitet und oft genug irreführend ist, können wir nicht davon ausgehen, dass ihre Ergebnisse – beispielsweise die Deutung des Todes Jesu als stellvertretendes Sühneopfer für unsere Sünden – richtig, angemessen oder gar zeitlos gültig sind.

Manche versuchen, die Zeitbedingtheit und methodische Schwäche dieser Schriftauslegung mit dem Hinweis auf den Heiligen Geist zu vertuschen. Aber dieser allzu durchsichtige Immunisierungsversuch entbehrt der biblischen Grundlage. Unfehlbarkeit der Auslegung (oder Überlieferung) gehört nicht zu dem, was uns als „Frucht des Geistes“ verheißen ist (vgl, Galater 5,22f). Auch Apostel können irren.

  1. Die Deutung des Kreuzestodes Jesu vom alttestamentlichen Sühneopfer her hat sich im 1. Jahrhundert n. Chr. offenbar nahegelegt und wohl auch wesentlich zum Erfolg der paulinischen Missionstätigkeit beigetragen. Bei näherem Zusehen entpuppt sich diese Deutung jedoch als interpretatorischer Gewaltakt, und zwar aus folgenden Gründen:
  2. Die alttestamentliche Sühne ist ein kultisches Geschehen. Die Kreuzigung Jesu war dagegen ein profaner Vorgang. Es fehlen sämtliche Elemente, die für den Sühnekult konstitutiv sind: Priester, Altar, Handaufstemmung, rituelle Behandlung des Blutes usw.
  3. Gegenüber dem im Alten Testament üblichen Tieropfer ist ein Menschenopfer ein Rückfall in die Barbarei. Das kurze (und fast schmerzlose) Sterben der Opfertiere erscheint weitaus humaner als der stundenlange Foltertod am Kreuz. – Der Einwand, am Kreuz habe sich ja Gott geopfert, ist nicht stichhaltig. Gott als Gott kann nicht sterben. Auch aus konservativer Sicht muss er dazu erst einmal Mensch
  4. Die verhängnisvollen Folgen böser Taten wirken sich – auch im antiken Weltbild – immer in Richtung Zukunft aus, nicht „nach rückwärts“. Gegenwärtige Sünde kann folglich nicht durch ein in der Vergangenheit liegendes Opfer gesühnt werden. (Entsprechend redet das alte Bekenntnis von Römer 3,25f noch von den früher begangenen Sünden.)
  5. Sühneopfer und Auferstehung passen nicht zusammen. Indem ein Sühneopfer stirbt, hat es seinen Daseinszweck erfüllt.
  6. Eine Grundeinsicht der Hermeneutik (Wissenschaft vom Verstehen und Auslegen) wie auch der Kommunikations­psychologie besagt: Wenn man eine Aussage in einen anderen Zusammenhang hineinstellt, sagt sie etwas anderes aus. Wir leben heute nicht mehr im Sinnzusammenhang (Weltbild, Paradigma) der Antike. Darum hat die Deutung des Todes Jesu als „Sühnetod“ für die große Mehrzahl unserer Zeitgenossen seine einstige Plausibilität verloren. Sie wirkt heute meist nicht mehr befreiend und heilend, sondern im Gegenteil befremdlich, bedrückend und abstoßend – kein Euangelion also, sondern ein „Dysangelion“ (Nietzsche).
  7. Auch in Predigt und Unterricht lässt sich diese Deutung kaum noch vermitteln (außer in evangelikalen Kreisen). Die entsprechenden Versuche fallen entweder blass und formelhaft aus („dogmatische Pflichtübungen“) – oder aber verstiegen bis grotesk.

Beispiel: „Gott hat ein ganz eigenes und einzigartiges Erlösungsprinzip … Sein Erlösungsprinzip ist die Liebe. Mit Streben, Verjagen, Vergessen ist nämlich der Sünde nicht beizukommen, sondern nur mit Blut. Blut ist das ,Fleckenwasser‘, das rein wäscht. Blut ist das ,Säurebad‘ , das weg ätzt. Nur Blut tilgt Sünde. Genau das aber hat Gott fließen lassen. Er riss sich seinen Sohn vom Herzen.“ (Konrad Eißler, in: Evangelisches Gemeindeblatt für Württemberg 22/1988)