Gerechtigkeit

Guenter Hegele    30. März 2016    Kommentare deaktiviert für Gerechtigkeit

Das Wort „Gerechtigkeit“ kommt weder n älteren Glaubensbekenntnissen noch in neueren Kurzfassungen von Glaubensdefinitionen vor. Dabei ist es ein wesentlicher Grundbegriff  insbesondere für den christlichen Glauben und für dessen theologische und  praktische Umsetzung durchaus ebenso  wichtig wie Liebe, Nächstenliebe, Feindesliebe, Sünde, Vergebung, Gnade, Auferstehung oder Ewiges Leben.

Die Klärung und Beantwortung folgender Fragen könnte ein zeitnahes Verständnis nicht nur des christlichen Glaubens bringen, sondern auch ein Beitrag  zur Entwicklung eines „Weltethos“ sein.

  1. Welches Verständnis von Gerechtigkeit ergibt sich heute aus neueren Interpretationen wesentlicher Glaubensinhalte und
  2. wie wirken sich zeitgemäße Auffassungen von Gerechtigkeit in den verschiedenen Lebensbereichen auf das Selbstverständnis von Christen und Kirchengemeinschaften aus?

Das Stichwort „Gerechtigkeit“ wird noch viel zu wenig in der theologischen Diskussion aufgenommen, man bleibt meist nur im engeren Themen-Kreis der Glaubensbekenntnisse.


Soziale Gerechtigkeit
von EAiD Arbeitskreis „Gerechtigkeit“

Was geht uns die weltweite Armut an und was haben wir mit ihren Ursachen zu tun? Die Evangelische Akademikerschaft hat sich einer weltweiten Bewegung zivilgesellschaftlicher Organisationen angeschlossen, die zu einer sozial gerechten und ökologisch nachhaltigen Entwicklung beitragen wollen. Die Aktivitäten auf diesem Themenfeld wurden bis Ende 2013 maßgeblich vom Arbeitskreis Gerechtigkeit getragen.

Entstanden ist der Arbeitskreis mit dem Jahr der Gerechtigkeit 1998/99, einem Projekt der ea aus Anlass des 50. Jubiläums der Bundesrepublik Deutschland und des Ökumenischen Rates der Kirchen. Damals rief die ea dazu auf, das Jubiläumsjahr der Bundesrepublik als ein Jahr der Gerechtigkeit zu begehen, in dem statt Jubelfeiern die Bemühungen um eine gerechtere Gestaltung unserer Gesellschaft Vorrang haben sollten. Durch das Projekt Jahr der Gerechtigkeit sollte „ein Ansatz für eine vorausschauende Ethik zur gerechten Gestaltung der sozialen Systeme dieses Landes und Europas in der einen Welt“ gewonnen werden. Beim Abschluss des Projektes entschied die Delegiertenversammlung 1999, dass die ea den begonnenen Einsatz für Gerechtigkeit beibehalten und zu einem „Programm für eine Politik der Nachhaltigkeit“ fortentwickeln solle.


Ging es im ersten Teil des Projekts  „Kernfragen des Glaubens“ um das heutige Verständnis zentraler Glaubensinhalte, so wird mit dem folgenden Thema „Die Reformation geht weiter – auch für den Glauben“ die Frage nach den Auswirkungen einer Glaubensreform auf die politische, soziale und kulturelle Gestaltung unserer Gesellschaft gestellt.

Das Verständnis von Begriffen wie Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Bewahrung der Schöpfung  und Frieden ist auf theologische Interpretation hin auszudehnen und z.T. neu zu entwickeln.  Der EAiD-Arbeitskreis „Gerechtigkeit“ hat auf der Grundlage eines bürgerschaftlichen Ethos mit entsprechendem Tugendkatalog ein Bürgergeld/Grundeinkommen gefordert.

Ein Bürgerethos, dem eine Politik der Nachhaltigkeit entspricht, wird in Europa erkennbar

sein als ein Ethos

  • von Freiheit und Gerechtigkeit,
  • der Sozialstaatlichen Marktwirtschaft,
  • der föderativ-republikanischen Verfassung Europas,
  • der Effizienz und Suffizienz,
  • der großen weltweiten Transformationen.

In dem vom EAiD-AK „Gerechtigkeit“formulierten  bürgerschaftlichen Tugendkatalog heißt es:

„Wir Burgerinnen und Bürger anerkennen,

  • dass der Staat für verlässliche Einnahmen auf unseren Steuerpatriotismus angewiesen ist; dass wir also alle unsere Steuern bezahlen und unser Geld nicht ungeschmälert behalten oder auch verschwinden lassen dürfen,
  • dass der Staat einen guten Teil seiner Einnahmen in Bildung und Kultur stecken muss, in Infrastrukturen, ohne die die Leitung der Gesellschaft erlahmt und diese verödet,
  • dass alle einigermaßen auskömmlich leben sollen von einem Lohn, der die eigene Leistung angemessen widerspiegelt, dass aber niemand mehr als genug verdienen darf, auch wenn einer droht, der Gesellschaft die Loyalität aufzukündigen,
  • dass es zwar besonders tüchtige und leistungsfähige Mitglieder unsere Gesellschaft gibt, dass aber niemand den Anspruch hat, einer Elite anzugehören, der seine eigenen Ansprüche nicht dem Gemeinwohl unterordnet und sich nicht dem demokratischen Diskurs unterwirft,
  • dass man nicht unbesorgt konsumieren und in reichlich bemessener Freizeit kostspieligen Spaß haben kann, wenn man mit seinem Einkommen, soweit man das vermag, nicht auch Vorsorge trifft für Krankheit, Alter und für den Verlust des Arbeitsplatzes,
  • dass wir in diesen schwierigen Lebenslagen nicht jede Hilfe vom Staat erwarten können, weil diesem sonst für das was unbedingt getan werden muss, die Mittel fehlen werden,
  • dass nicht alle Formen selbstbestimmter Lebensführung mit der Erwartung verknüpft werden dürfen, die damit verbundenen Risiken würden von der Gemeinschaft getragen,
  • dass nicht immer die „Anderen“ gemeint sind, wenn es um das Teilen und Umverteilen geht, sondern dass dies die meisten von uns betreffen wird,
  • dass wir auch weiterhin die armen Länder um der Gerechtigkeit und des Friedens willen unterstützen müssen, und zwar auf neuen Wegen, so dass das Geld nicht in den falschen Taschen und in unsinnigen Projekten verschwindet,
  • dass in diesem Jahrhundert noch ganz andere Probleme auf uns zukommen werden, vor denen wir die Augen nicht mehr werden verschließen können, dann, wenn die Ressourcen der Erde für eine noch weiter gewachsene Bevölkerung zu knapp sein werden,
  • dass wir bei allem, was wir in den Krisen unseres Wirtschaftssystems tun, diese Zukunft einbeziehen müssen,
  • dass also Nachhaltigkeit der Leitgedanke unseres persönlichen Handelns und unserer Politik zu sein hat,
  • dass wir über unsere nationalen und die europäischen Grenzen hinaus in einem wahrhaft ökumenischen Miteinander Wege finden müssen für das Leben in der Einen Welt.

 

Die Transformation in eine Nachhaltigkeitsgesellschaft wurde vom Arbeitskreis Gerechtigkeit als überlebensnotwendig und unumgänglich erkannt. Sie wird, wenn sie in diesem Jahrhundert gelingen sollte, für uns und unsere Nachkommen ein Glücksfall sein. Dass sie gelingen kann, wird wesentlich davon abhängen, mit welchen geistigen und moralischen Kräften wir jetzt den Übergang vorantreiben.

Ein Bürgerethos der Nachhaltigkeit, wie es der Arbeitskreis bedacht hat, kann die Sicherheit geben, gewohnte Einstellungen zu ändern und die nötigen Schritte in eine gute Zukunft zu gehen, auch wenn sie unbequem sein werden.

Die Probleme sind gewaltig. Und ein Ethos bringt nicht die konkrete Lösung. Aber es bietet entscheidende Indikatoren, die Probleme zu erkennen und zu benennen. Danach müssen sie politisch, wirtschaftlich, rechtlich geklärt und praktisch gelöst werden.
                                      Aus dem Diskussionspapier des EAiD-Arbeitskreises „Gerechtigkeit“2013