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Guenter Hegele    4. September 2016    Kommentare deaktiviert für Persönliche Beiträge von Besuchern dieser Seiten

Auch mein Glaube hat sich geändert. Klaus Schmidt am 1.9.16

Lieber Herr Hegele,
es ist schön zu sehen, wie Sie sich für die „Reformation“ einsetzen.
Ich möchte Ihnen einige Gedanken, die sich in mir entwickelt haben, mitteilen.- Man lebt eben im Dialog!?
Mit der Taufe wurde ich in eine festgefügte kirchliche Organisation mit klaren „Glaubensinhalten“ aufgenommen. Bei der Konfirmation fielen mir schon einige religiöse Aussagen als äußerst unverständlich oder kaum zumutbar auf. Eine Mischung von Vertrauen in Gottes Gegenwart, erlebt im Elternhaus(Vertrauen, mütterliche Liebe=Gnade), der eigenen Familie(Liebe, Verlässlichkeit), im Beruf (Respekt, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Solidarität, Dimension der Welt im Umgang mit internationalen Kollegen) , „erleuchtende“ Anregungen aus Religion und Philosophie haben mein Leben bis zur Pensionierung bestimmt. Daneben gab ist die „theologischen Zumutungen“ in Wort und Schrift, die mir nicht von dieser Welt erschienen, sich aber im kirchlichen Alltag nicht vertreiben ließen.
Als Pensionär, mit mehr Zeit, erkannte ich nach und nach:
Die „Heilige Schrift“ wurde von Menschen verfasst und zeigt die Weltsicht der Autoren zu ihrer Zeit. Sie ist nicht einheitlich, was sie auf Grund der Zeitdimension der Entstehung von fast 1000 Jahren auch nicht sein kann. Sie ist vor allem kein Geschichtsbuch. Die Bibel zeigt vielmehr die Entwicklung eines monotheistischen Gottesbildes in einer geographischen Region unter Berücksichtigung (Einbeziehung/Ausgrenzung) aller damals verfügbaren kulturellen Elemente.
Die Sprache der Bibel entspricht der damaligen Zeit und enthält Bilder, Formulierungen, Anspielungen, Hintergründe ( z.B. Rücksichtnahme auf  politische Herrschaftsumstände), die damals verständlich waren. In der uns vorliegenden deutschen Übersetzung kommen noch Übersetzungsfehler, gewollte und ungewollte, hinzu.( Jungfrauengeburt, tuet Buße statt ändert euer Denken)
Neben der Bibel entstanden die Lehrmeinungen und kirchlichen Riten  ( die Kirche als alleiniger Vermittler, Gottesbilder, Hölle, Glaubensbekenntnis) in dem Bemühen Kirche und Bibel in Einklang zu bringen im Sinne der Verkündigung und Beherrschung der Welt.
Diese Entwicklungen /Fehlentwicklung hat man durch aufgeklärte, rationale und historisch kritische Analyse versucht offen zu legen und den ursprünglichen Text in seinem damaligen Verständnis frei zu legen. Dieser Prozess ist nicht beendet. Hat aber für mich das Herangehen an die biblischen Texte bestimmt. Meine intellektuellen Bedürfnisse, offensichtliche Unmöglichkeiten, monströse Behauptungen nicht länger glauben oder verstehen zu müssen, wurden so weitgehend gestillt. Unser Arbeitskreis hat hierzu beigetragen.
Ich betone nochmals, dass ich mich intellektuell weiterentwickelt habe  in Bezug auf mein Verständnis der „Alten Geschichten in ihrer damaligen Kultursprache“. Was nicht gleichbedeutend damit ist, dass ich auch verstehe, warum sie dieses oder jenes so gesagt haben und was sie letztendlich erfahren und gemeint haben. Hier sehe ich eine große Lücke, die im Sinne einer „Reformation“ geschlossen werden müsste.
Ganz besonders fehlt mir bei der Verkündigung der „Frohen Botschaft“ die übertragende Deutung hinein in unsere Zeit. Die alten Geschichten in einer festgemeißelten Sprache dargeboten, sind doch langweilig in ihrer Wiederholung und töten den Geist. Es fehlt das lebendige Erfahren von biblischen Aussagen in unser jetzigen Welt. Aussagen, die unmittelbar verständlich sind in meiner Lebenssituation, die durch einen überzeugten Vermittler überzeugen und Zukunft gestalten können. Das Intellektuelle muss stimmen im Sinne der Freiheit von Widersprüchen mit der Realität, aber das Emotionale der Botschaft muss froh und frei machen und vom „Gerede/konsumierenden Zuhören zum Handeln“ führen. Der Gottesdienstbesucher möchte etwas mit nachhause nehmen, das ihn beschäftigt . Auferstehung heute! Gnade heute! Der Sinn und die Wahrheit der biblischen Botschaft hängen nicht und erschöpfen sich nicht in der Nacherzählung und dem Gedenken an die Anfänge sondern in der gelebten Fortsetzung heute.
Vieles von dem angesprochenen „heute“ der christlichen Botschaft meine ich im persönlichen Umgang mit Menschen und Umwelt erlebt zu haben. Wenn ich aber an den „zuständigen Vorbildbereich“ der Kirche denke, dann sollten die dargebotene Theologie und noch viel mehr die Verkündigung der „Frohen Botschaft“  gründlich reformiert werden.
Wir haben mit unserem Arbeitskreis , und besonders Sie Herr Hegele, einen wichtigen theologischen Beitrag zum heutigen Verständnis der sogenannten Glaubensinhalte gemacht. Die Frage der aktuellen Vermittlung auf der „Glaubensebene“ zur Gestaltung der Zukunft in Freude und Zuversicht war nicht Aufgabe des Arbeitskreises. Bleibt aber ein wichtiger Punkt im Bereich der „Reformation“.
Ich grüße Sie herzlich von der sonnigen Bergstraße.  K.Schmidt