Anders von Gott reden?

Guenter Hegele    5. Februar 2017    Kommentare deaktiviert für Anders von Gott reden?

Assoziationen und Kommentare zu ausgewählten Predigten von Jörg-Dieter Reuß*

von Günter Hegele

Die Zitierung erfolgt bis auf wenige Ausnahmen ohne Angabe der Fundstelle.  

Das Wort „GOTT“ bezeichnet wohl den wichtigsten Inhalt des (nicht nur christlichen) Glaubens. Es gibt viele andere Worte/Namen dafür, die auf Eigenschaften, Handeln und Formen seiner Existenz hinweisen. Der Theologe G. Theißen hat (in „Glaubenssätzen“ S. 58) eine Vielzahl neuerer Bezeichnungen für Gott aufgeführt, die auch eine andere Art der Beziehung zu dieser größeren Wirklichkeit ermöglichen und erfordern. Sie sind im Zusammenhang mit den wesentlichen anderen Inhalten des Glaubens zu sehen. So hat z.B. eine Änderung im Verständnis von Jesus, Schöpfung oder Bibel auch Veränderungen beim Gottesbild zur Folge – und umgekehrt.

Informationen zu und Erfahrungen mit Gott erhalten Gläubige nach kirchlicher Lehre und in eigenem Zeugnis (u.a.) durch Offenbarung, Bibel, Gottesdienst und  Ereignisse.

Deren Interpretation  hat sich, hauptsächlich wegen der Entwicklung der Natur- und Geisteswissenschaften, stark verändert. Das bedeutete jedoch nicht, dass früheres Verständnis von Glaubensinhalten wertlos oder unbrauchbar wurde. Es konnte vielmehr aus dem Rückblick heutiger Verhältnisse und mit moderner Auslegung in seiner damaligen Funktion verstanden werden und im übertragenen Sinn wertvolle Einsichten vermitteln. (vgl. z.B. „Gott 9.0“ von M. Küstenmacher und anderen).

Dabei ergaben sich u.a. zwei Probleme:

  1. wollten oder können sich zahlreiche Gläubige und Kirchenleitungen nicht (schnell) auf ein verändertes Glaubensverständnis einlassen. Sie beharrten z.B. auf einem wörtlichen Verständnis der Bibel und auf bei Konzilen beschlossenen Glaubensbekenntnissen (zumindest in ihrer eigenen Auslegung).
  2. Es kam zum Streit über neue Verständnismöglichkeiten mancher christlichen Glaubensinhalte (z.B.  Bibel, Abendmahl, Auferstehung, Kirche), weswegen sich zahlreiche verschiedene Kirchengemeinschaften bildeten.   Deren Mitglieder entwickelten  darüber hinaus eigene und vom offiziellen Verständnis abweichende Glaubensvorstellungen, auch bei zentralen Bekenntnissätzen wie dem, dass Gott allmächtig sei.

Erst seit kurzem und allmählich  wird (z.B. in der evangelischen Kirche) erkannt und praktiziert, dass ein „Weitergehen der Reformation – auch für den Glauben“ kein Rückschritt oder Verlust ist, sondern zu einem konstruktiven Miteinander pluralistischer Theologien führen kann. „Biblisch vorgegeben ist uns nicht die Gleichmacherei, sondern die (auf Jesus hin zentrierte) Pluralität.“  Dazu will der Arbeitskreis „Gottesbild heute“ zum Reformationsgedenken 2017 einen Beitrag leisten, indem in einigen der von Pfarrer Jörg-Dieter Reuß veröffentlichten Predigten mit dessen Einverständnis Stellen mit unterschiedlichem Gottesverständnis mit kursiver Formatierung markiert und z.T. kommentiert wurden.

1) Glauben mit Herz und Verstand. Mutmach-Predigten & mehr von Jörg-Dieter Reuß 2015 BoD-Verlag

Anders von Gott reden – aber wie? 

Unterschiedliches Gottesverständnis, ausgewählt aus Predigten und Texten von Jörg-Dieter Reuß und z.T. mit kursiver oder Times-Roman Formatierung kommentiert von Günter Hegele

……“Aber unsere Kinder sollen wir nicht opfern! Die sollen leben und sich entfalten, damit das aus ihnen wird, was Gott in sie hineingelegt hat.“

Das setzt ein personales Gottesverständnis voraus.
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„In den beiden unterschiedlichen  Schöpfungsberichten der Bibel ist Eines wesentlich: Dass  nämlich Gott als Schöpfer dahintersteht. Wenn das wahr ist, dann ist die Entstehung der Welt und des Lebens kein dummer Zufall, sondern das Werk einer überlegenen Macht. „

Einzelzüge der Erzählungen  können aber trotzdem in ihrem übertragenen Sinn verwendet werden. 

„Das Handeln Gottes fängt nicht erst da an, wo die natürlichen Erklärungen aufhören. Unser Gott handelt auch in den Vorgängen, die aus naturwissenschaftlicher Sicht eine ganz natürliche Sache sind. Im Blick auf die Evolutionstheorie heißt das: Es ist unnötig und sinnlos, sie im, Namen des biblischen Schöpfungsglaubens bekämpfen zu wollen. Die Evolutionstheorie ist zwar keine bewiesene Tatsache und kann es (aus wissenschaftstheoretischen Gründen) auch nie werden. Sie hat ihre Lücken und Schwachstellen und ist wohl kaum schon der Weisheit letzter Schluss. Aber sie hat auch eine ganze Reihe guter Argumente. Aufs Ganze gesehen ist sie viel zu gut, um sie denen zu überlassen, die von Gott nichts wissen wollen. Nein, der richtige (oder vorsichtiger gesagt: der bessere) Weg sieht so aus, dass wir lernen, die Evolutionstheorie als eine moderne Schöpfungsgeschichte (zu verstehen).

…….

Wer will uns hindern, aus der Sicht des Glaubens in diesen sogenannten Zufällen die schöpferischen Einfälle Gottes zu Menschen, die Ehrfurcht empfinden vor jener geheimnisvollen Macht und Weisheit, die wir „Gott“ nennen – zu erkennen, zu lesen und zu deuten.“

Die „Meditative Weihnachtspredigt“ setzt voraus, dass die Zuhörer das im übertragenen Sinn als Bild verstehen.

Staunend werden wir inne:

So ist das also, wenn Gott, wenn das Eine und Ganze in unser Leben tritt. Keine barocke Prachtentfaltung, kein Glanz, der die Augen blendet, keine erdrückende Vollkommenheit. Kein Glaspalast, keine Stilmöbel, keine goldenen Tapeten. Krippe und Windeln, Heu und Stroh, Ochs und Esel, Staub und Mist sind die Begleiterscheinungen der Offenbarung. So teilt Gott sich mit. So kommt sein Wort zu uns, damals wie heute.

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Ostern: Die Rehabilitation deines Verworfenen

Der, der allem Anschein nach am Kreuz gescheitert und in Gottverlassenheit zugrunde gegangen ist – gerade den hat Gott an Ostern rehabilitiert und „vor aller Augen beglaubigt“ (Apostelgeschichte 17,31). Durch die Auferweckung bekennt sich Gott nachträglich nun doch zu Jesus. Zu diesem Jesus, den die konservativen Religionshüter seiner Zeit als Gotteslästerer verurteilt haben.

Hier wird „Auferweckung“ ohne Erklärung und wahrscheinlich nicht in seiner traditionellen Bedeutung als Wiederbelebung  verwendet.   „Gott bekennt sich nachträglich nun doch zu Jesus“ zeigt  im Unterschied zu den Thesen (Kreuzestod nicht als Versöhnungsopfer und Abendmahl als Bluttrinken) noch (sprachlich) ein mythologisches Verständnis.

Das scheint auch in der Formulierung „In den Augen Gottes hat Jesus Recht behalten und ist Sieger geblieben.“ (beim Verständnis von Ostern als „Rehabilitierung eines Verworfenen“ ) noch durch. Das ist kein Widerspruch, weil beides vertreten und verwendet werden kann. An einer Stelle sagt der Prediger, er wolle seine ZuhörerInnen nicht zu seiner Auffassung nötigen oder überreden. (Sie müssten sich aber, wenn sie sich auf Neues einlassen wollen, erst daran gewöhnen.) Das gibt Grund zu der Annahme, dass ein Miteinander von verschiedenen  Auffassungen (vielleicht sogar abwechselnd, z. B. bei Gottesdiensten) für möglich gehalten wird. 

Wenn auch nicht völlig gleichwertig. 

So hat zwar (z.B.) sowohl der liebende wie der strafende Gott seinen Platz im Gottesbild. Im Mittelalter stand der Richter-Gott im Vordergrund, heute wird der gnädige und vergebende Gott herausgestellt. 

„Gott hat seinen Sohn nicht gesandt, um die Welt zu richten, sondern um die Welt zu retten. Wer an ihn glaubt, wird nicht verurteilt. Wer aber nicht glaubt, der ist schon verurteilt.“ Das heißt: Wer meint, auf ein gesundes Gottvertrauen verzichten zu können, der verurteilt sich selbst zu einem Dasein ohne tragenden Grund, ohne letzte Geborgenheit und ohne tieferen Sinn. Und damit ist er schon bestraft genug (Johannes 3,19).

Im Unterschied zum Judentum oder Islam glauben wir Christen an einen Gott, der nicht nur die Frommen liebt und annimmt, sondern auch die Unfrommen und Gottlosen, wie Paulus im Römerbrief schreibt (Kapitel 4,Vers 5). Das heißt nun beileibe nicht, dass Gott alles gut findet, was wir Menschen so treiben oder anstellen. Aber er macht einen Unterschied zwischen unserer Person und unseren Taten. Und zwar zu unseren Gunsten. Der Schmu, den wir uns eventuell geleistet haben, der wird früher oder später auffliegen. Der Mist, den wir vielleicht gemacht haben, der wird früher oder später zugrunde gehen. Das kann ziemlich peinlich sein. Es kann sogar richtig wehtun. Aber es wird uns nicht das Leben kosten. Auch nicht das Ewige Leben. Das zu wissen, tut gut. Und es macht froh.

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Was will Jesus mit diesem Gleichnis (Lk.15) sagen? Gott, der sich im Vater dieser Geschichte spiegelt, will und braucht kein stellvertretendes Opfer, um uns nach einem Fehltritt (oder einer ganzen Serie von Fehltritten) wieder in die Arme zu schließen. Wenn jemand meint, ihn mit Opferblut besänftigen zu müssen, dann ist das im Grund eine Beleidigung.“

 

Aus: Der Unsichtbare Gott und unsere Goldenen Kälber. (2. Mose 32)

Die Erzählung vom „Goldenen Kalb“ (2. Mos. 32) wird als Lehrstück zum rechten Umgang mit dem mit seinem Volk durch die Wüste ziehenden Gott(esbild). 

„Was stellen wir uns eigentlich vor, wenn wir „Gott“ sagen? Die Bilder, die uns da in den Sinn kommen, sind alle fragwürdig, um nicht zu sagen: mehr oder weniger falsch. Auch die biblischen Bilder, denn auch sie sind in der Seele von Menschen entstanden. 

Und doch brauchen wir unsere Bilder. Ungefähr 50, wie ein kleines Kind bei Nacht seinen Teddybären braucht. Wenn man schon die tröstliche Nähe der Mutter entbehren muss, dann muss man wenigstens ein Kuscheltier im Arm halten können, damit man bei Nacht nicht 50 allein ist. – Kinder haben hier ein gesundes Unterscheidungsvermögen. Im Kuscheltier steckt etwas drin von der mütterlichen oder väterlichen Geborgenheit, die das Kind sich holt, weil es sie braucht. Und doch hat, soweit ich weiß, noch kein Kind seinen Teddybären mit der Mutter oder dem Vater verwechselt.

In diesem Punkt sind wir als Erwachsene anscheinend nicht klüger geworden. Eher dümmer. Wenn man uns ein Goldenes Kalb oder ein anderes Gottesbild gibt, sind wir ständig in Gefahr, es mit dem wirklichen Gott zu verwechseln. Deshalb sind die Gottesbilder so gefährlich. Und doch wären wir hoffnungslos überfordert, wenn wir auf sie verzichten müssten. Alle Menschen, die noch ein religiöses Empfinden haben, wissen ‚tief in ihrem Innern, dass das Leben nur dann gelingen kann, wenn Gott in der Nähe ist. Darum gibt es in fast allen Religionen den Versuch, diese Nähe Gottes sicherzustellen. Die Nachbarvölker Israels haben das zum Beispiel so  gemacht, dass sie Tempel gebaut und Götterbilder darin aufgestellt haben. Die Götter sollten in diesen Standbildern wohnen, wie die Seele im Körper wohnt. So hatten die Gottheiten ihren, festen Platz und konnten einem nicht mehr weglaufen. 

Und genau diese Sicherstellung hat der Gott Israels in den Zehn Geboten abgelehnt. Der Gott, der sein Volk in die Freiheit geführt hat, lässt sich auch selbst nicht einsperren. Nicht in einen Tempel. Nicht in eine Kirche. Nicht in ein Standbild, und wäre es aus purem Gold. Darum heißt das zweite Gebot: Mach dir kein Gottesbild! Ich denke, es war ein Fehler, dass Luther im Katechismus dieses Gebot einfach übergangen hat. Es hätte uns an etwas ganz Entscheidendes erinnern können. Nämlich an dies, dass keine Kirche die Gegenwart Gottes sicherstellen kann, auch wenn sie ihre Altäre vergoldet. Gott lässt sich nicht herbeizaubern und schon gar nicht irgendwo festnageln. Übrigens auch nicht am Kreuz. Wenn irgendwo ein Kruzifix hängt, ist das noch lange keine Garantie dafür, dass an diesem Ort auch nur ein Hauch der Nähe Gottes erfahrbar wird.“

Das gilt für Wörter und Bilder, Musik und Schauspiel.  

Vom Neuen Testament gilt als Vorgabe für alle Aussagen über Gott und den Glauben:

 Maßstab ist Jesus und seine Botschaft. Was dem Anliegen und der Wesensart Jesu Christi widerspricht, kann für uns Christen nicht maßgeblich sein, und wenn es hundertmal in der Bibel stehen sollte.

So können Erzählungen aus urvordenklicher Zeit und archaische Gottesbilder  dazu dienen, vor einem falschen Umgang damit zu warnen, nämlich davor, es mit einem guten Teil davon zu übertreiben.   

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Gottes Geist und der gesunde Menschenverstand

Die herzhafte Erzählung einer Story von dem Bandenführer David und seiner (späteren) Frau Abigail (1. Samuel 25) lässt zwar auf den ersten Blick nichts erkennen, was für heutiges Leben und Glauben von Interesse sein könnte (außer vielleicht, dass  man damals schon gerne Feigen gegessen hat, nein: Feigenmark!)) – aber der Prediger findet (wie auch tatsächlich die kluge Frau Abigail) an zahlreichen Stellen unübersehbar Gott als den Handelnden. Aber es ist nicht das Problem, dass und wie (nach einem damals geglaubten und verehrten Bild von) Gott damals gehandelt hat. Herauslesen kann man (mit genug Bereitwilligkeit): 

„Gott ist in dieser Geschichte so anwesend, wie er es auch in unserem Leben ist…..

Gott handelt hier so, wie er meistens handelt, damals wie heute. Unaufdringlich, aber zuverlässig. Er sorgt schon dafür, dass die Leute, die ihm vertrauen, nicht zu kurz kommen. Er versorgt David und seine Mannschaft nicht nur mit dem täglichen Brot, sondern gelegentlich auch mit Braten und Wein, Feigenmark und Rosinen. Er hindert David daran, einen schlimmen Fehler zu machen und schwere Schuld auf sich zu laden. Und schließlich lässt er ihm sogar eine ebenso hübsche wie kluge Frau zukommen.

Und David lässt den Kopf nicht hängen, verliert nicht die Nerven, versucht auch nicht zu fliehen. Er kennt eine Kraftquelle, die über die menschlichen Möglichkeiten hinausgeht. Er holt sich Kraft und Mut bei seinem Gott. Und das ist ja wohl auch der Grund, warum der biblische Gottesglaube bis heute eine attraktive Sache ist und bleibt: Er eröffnet den Zugang zu einer Kraftquelle, die spätestens dann, wenn’s kritisch wird, von unschätzbarem Wert ist.

Das alles wird uns erzählt ohne Weihrauchschwaden, ohne salbungsvolle Frömmelei, ohne religiöse Betulichkeit. Gott handelt hier ganz weltlich, ganz praktisch und so lebensnah, wie es nur geht.

Und beim Predigthörer und Leser wächst die Bereitschaft, dieses praxisbezogene Gottesbild in vielen Stellen des eigenen Lebens zu entdecken. Auch gut. Aber doch für in der jüdischen und hebräischen Welt weniger Beschlagene etwas mühsam zu assoziieren.  

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Wer offen ist für neue Seiten an Gottesbildern, kann bei Reuß Überraschungen erleben. Schon wegen des ungewohnt respektlosen Stils und des Vergleichs von Gott (als ebenso „eitler Tyrann wie ein Assad oder Putin“):

„Ich finde, mit dem Gott, an den wir Christen glauben und zu dem Jesus ‚Vater’ gesagt hat, mit dem hat der Gott Hiobs herzlich wenig zu tun. Denn Hiobs Gott hat nichts Väterliches an sich. Ihm fällt am Ende nichts Gescheiteres ein, als seine Größe zu beweisen mit der plumpen Kraft des Nilpferds, das er geschaffen hat. Nichts gegen ein

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schönes Nilpferd! Aber der Gott, der uns in Jesus begegnet, hat wohl doch eine andere Visitenkarte.

Ich denke, ich muss das noch ein wenig deutlicher sagen. Der Gott Hiobs gebraucht, nein: missbraucht seine Allmacht wie ein rücksichtsloser Diktator, wie ein eitler Tyrann, wie ein Assad oder Putin, Eigentlich ist er nur auf seine eigene Ehre bedacht. Er liebt die Menschen nicht, und er braucht sie auch gar nicht. Wenn er sie ein bisschen mitspielen lässt auf seinem großen Welttheater, so geschieht das nur Gnaden halber. Er könnte, wenn er wollte, auch alles ganz alleine machen.

 

Der Gott, der in Jesus auf uns zukommt, hat ein anderes Gesicht. Wie die Erfahrung zeigt, ist er ein starker und zuverlässiger Begleiter auf dem Lebensweg. Die Macht, die er hat und immer wieder erweist, sollten wir nicht unterschätzen. Es ist vielleicht nicht nur, aber doch in erster Linie die Macht der Liebe. Die kann manchmal wahre Wunder wirken, verkrümmte Menschen wieder aufrichten und den Niedergedrückten neuen Lebensmut einflößen. Wo es nötig ist, kann sie auch einmal hart und streng sein und sich in den Weg stellen, wenn es ein verkehrter Weg ist.

Aber die Macht der Liebe ist immer begrenzt. Sie ist verwundbar. Sie kann scheitern. Darum finde ich es – ehrlich gesagt – unglücklich bis verfehlt, wenn das Glaubensbekenntnis von Gott als dem „allmächtigen Vater“ redet. Denn wie es aussieht, ist der allmächtige Gott oft gar nicht väterlich. Und der väterliche Gott ist leider nicht allmächtig. Sonst müsste es in unserer Welt ziemlich anders zugehen.“

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Der Gott des Glaubens hat viele Gesichter: Wenn es guten Menschen schlecht geht Hiob. 

Der Prediger bedauert zwar an einer Stelle, dass Luther das 2. Gebot nicht in seinen Katechismus übernommen hat.  Aber Gottesbilder helfen auch, mehr Werke des Schöpfers Gott zu entdecken. 

„Es ist ja wahr, und eine steigende Zahl von Wissenschaftlern gibt es offen zu: Mit einigem guten Willen kann man in der Natur das Walten einer ganz erstaunlichen Weisheit entdecken. Aber die Konstruktionsfehler der Schöpfung, die lassen sich halt auch nicht übersehen: die Architektur der Erdkruste, die unweigerlich zu Erdbeben führen muss; die Zecken und Schnaken im Sommer; die Schnupfen- und Grippeviren im Winter; die bösartigen Krebszellen und so weiter. Und wenn ich nachts Zahn- oder Bauchweh bekomme, hilft es mir leider nichts, dass oben am Sternenhimmel eine wunderbare Ordnung herrscht. Wem es auch nur annähernd so schlecht geht wie dem Hiob, für den ist es ein schwacher Trost, dass die Schöpfung ansonsten eine großartige Sache ist.“

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Anderen Angst einjagen?

„Worauf es in erster Linie ankommt, das ist die Liebe zu Gott oder, was fast dasselbe ist, die Liebe zum Leben. Der 1.Johannesbrief hat das ausgesprochen hellsichtig beschrieben. Da heißt es nämlich in Kapitel 4 (Vers 16ff): „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm … Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“

Gerade so sehe ich es bei Jesus. Er lebte ganz in der Liebe zu Gott. Darum hatte er vor Gott keine Angst. Darum konnte er auch darauf verzichten, anderen mit Gott Angst einzujagen und ihnen die Hölle heiß zu machen.

Doch genau das geschieht ja nun in unserem Predigttext. Da wird ganz massiv gedroht mit der Verdammung beim „jüngsten“, d.h. letzten und endgültigen Gericht. Damit stehen wir vor einer Frage,  die nicht wenige Christen auch heute bedrängt und umtreibt: Gibt es so etwas wie ein Endgericht? Und das heißt ja konkret: Muss ich jetzt doch Angst haben? Vielleicht nicht um mich, aber um meinen Mann oder meine Kinder, die dem Glauben ablehnend oder gleichgültig gegenüberstehen?

Ich habe keine fertige Antwort auf die Fragen, die hier aufbrechen. Ich kann Ihnen nur ein paar Beobachtungen weitergeben.

Das gehört unbedingt in eine Sammlung von Gottesbildern. 

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Unpassende Passionschoräle

In manchen Chorälen sehen oder lernen die Gläubigen Gott mit einem Doppelgesicht;

„Gott hat ein Doppelgesicht. Mit dem einen lächelt er uns freundlich an. Das andere ist vor Zorn hochrot angelaufen. Er will gut zu uns sein – einerseits. Andererseits aber ist er ein strafwütiger Gerechtigkeitsfanatiker. Blut muss fließen, sonst gibt es keine Verzeihung. Um seine anderen Kinder – also uns – zu verschonen, macht er erst mal seinen Lieblingssohn zum Prügelknaben und lässt ihn einen qualvollen Tod sterben.““ Wenn Kinder ihre Eltern so doppelgesichtig erleben, dann werden sie krank. Sie entwickeln Depressionen, manchmal sogar eine Bewusstseinsspaltung. Darum kann das Gottesbild der Passionschoräle unmöglich gesund sein. Es ist krank, und es macht krank. Jedenfalls dann, wenn man es ernst nimmt und ein einigermaßen sensibler Mensch ist. Man kann das auch so sagen: Das Gottesbild der Passionschoräle ist eine traurige Karikatur des heilenden und befreienden Gottes, für den Jesus in Wort und Tat eingetreten ist. Wenn Jesus Recht hat, dann ist Gott nämlich kein Buchhaltergott, kein Prinzipienreiter und erst recht kein Richter und Henker. Sondern er mag die Menschen, und zwar ganz einfach deshalb, weil sie seine Geschöpfe sind. Im Vertrauen auf diesen Gott hat Jesus belastete Menschen freigesprochen von ihrer Schuld. Einfach so, kraft der ihm

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verliehenen Vollmacht. Und er hat uns beten gelehrt: „Vergib uns unsre Schuld, so wie auch wir denen vergeben, die an uns schuldig geworden sind“ (Matthäus 6,12; Lukas 11,4).“

War Jesus … ein braves Schaf und hat sich für unsere Erlösung freiwiIIig abschlachten lassen?

Den Eindruck können manche Passionslieder machen:
„Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder.
Es geht und büßet in Geduld
die Sünden aller Sünder. ,.
Es geht dahin, wird matt und krank,
ergibt sich auf die Würgebank,
entsaget allen Freuden;
es nimmet an Schmach, Hohn und Spott, Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod und spricht: Ich will’s gern leiden.“

Ich sehe nicht, wie ich hier denen widersprechen könnte, die daraus den Schluss ziehen: Der zornige, strafwütige Gottvater findet sein passendes Gegenüber im unterwürfigen, leidenswilligen Sohn. Aus der Sicht der Passionschoräle, wohlgemerkt. In Wirklichkeit war Jesus nämlich alles andere als leidenswillig. Er hielt nichts davon, den irdischen Freuden zu entsagen. Er hat das Leben geliebt und das Leiden bekämpft, wie seine vielen Krankenheilungen zeigen. Er hat sich am Essen gefreut und auch den Wein nicht verachtet. Im Genießen war er so ungeniert, dass seine Gegner ihn darob beschimpft haben als „Fresser und Säufer“ (Matthäus 11,19; Lukas 7,34). Gelegentlich ließ er sich sogar von Frauenhänden pflegen, einölen und parfümieren.

Aber Jesus war ganz gewiss kein Softie oder Weichei. Sondern er war eine Kämpfernatur. Keiner Auseinandersetzung ist er aus dem Weg gegangen. Kein harmloses Lamm war er, sondern ein unbequemer Querdenker, ein theologischer Brandstifter (Lukas 12,49), ein provozierender Stein des Anstoßes. Sonst hätte er sich nicht so viele Feinde gemacht, Todfeinde eingeschlossen.

Tatsächlich wird Jesus in den ersten drei Evangelien nie und nirgends mit einem Lamm verglichen. Nur im Johannesevangelium, Kapitel 1, hören wir Johannes „den Täufer sagen: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das die Sünde der Welt wegträgt“ (Vers 29; vgl. Vers 36). Aber dieser Spruch passt mehr schlecht als recht in den Zusammenhang, und im weiteren Verlauf des Evangeliums wird nie mehr Bezug darauf genommen. Das ist seltsam und verlangt nach einer Erklärung. Ich sehe hier zwei Möglichkeiten.

Möglichkeit eins: Der dubiose Spruch vom Gotteslamm gehört gar nicht zum ursprünglichen Bestand des Johannesevangeliums, sondern wurde von späterer Hand eingefügt. Und zwar im Bestreben, dieses eigenwillige Evangelium an die kirchlich-dogmatische Kette zu legen.

Möglichkeit zwei: Der Spruch ist echt. Dann sollten wir ihn beim Wort nehmen und stehen lassen als das, was er ist: nämlich keine Selbstaussage Jesu, sondern eben bloß – eine Meinung des Täufers. Aus meiner Sicht eine irrige Meinung. Denn Jesus hat die Sünde der Welt ja gar nicht weggeschafft. Sonst müsste die Welt seitdem ohne Sünde sein. Und das ist sie nun wirklich nicht.

Im eigenen Jesusbild begründet Reuß seine Kritik an manchen Passionsliedern exegetisch und theologisch. Er lässt zwar auch erkennen, dass einige Lieder nicht nach seinem Geschmack sind und bezeichnet sie als Schnulzen.  

Aber das ausschlaggebende Kriterium ist sein Jesusverständnis. 

Gilt das auch für die unterschiedlichen Gottesbilder, die er anspricht oder skizziert?

Ja, aber nicht durchgängig. Den non-theistischen Gott M. Kroegers erwähnt er nicht. Aber er nimmt entschieden (wohl mit  K.P.Jörns, in dessen Gesellschaft für eine Reform des Glaubens er als Autor genannt wird) Abschied auch von langjährigen Traditionen und zentralen Glaubensinhalten (was hier nur sehr unzureichend und zu wenig detailliert behandelt werden konnte). Da ist er schon weiter und mutiger als das, was von der kirchlichen Praxis her an Reformbereitschaft für den Glauben zu bemerken ist.  Lässt sich diese durch Einzelpersonen oder auch durch Gruppen beeinflussen? Oder sind wir Teil einer religiösen Evolution?

Egal wie die Antwort ausfällt, es ist jedenfalls spannend.