Die „Reformation“ geht weiter – auch für den Glauben?

Guenter Hegele    5. Februar 2017    Kommentare deaktiviert für Die „Reformation“ geht weiter – auch für den Glauben?

… und mit einer etwas anderen Art das Jubiläum zu feiern

Von Günter Hegele

„Die Reformation geht weiter.“ Das war als Ergebnisfeststellung am Ende der EKD-Synode 2012 von ihrer damaligen Präsidentin Katrin Göhring-Eckardt zu hören. Wie schon früher hatte man hauptsächlich an organisatorischen Veränderungen in der Kirche gearbeitet. 

„Die Reformation geht weiter“, schreibt im neuen Buch auch die Lutherbotschafterin der EKD Margot Käßmann, in dem sie zusammen mit dem Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm nach ausführlicher Würdigung der hauptsächlich von Martin Luther angestoßenen kirchlichen Erneuerungsbewegung das tut, was in religiöser Kommunikation selten ist: Auf Kritik und anderes Glaubensverständnis einzugehen und es ernst zu nehmen.

Und es ist schon richtig: Versteht man Reformation als Reform, so ist sie in den 500 Jahren, die 2017 gefeiert werden, in vielfacher Weise weiter gegangen. Zwar nicht immer im Sinne Luthers, aber doch in der Anpassung an die Entwicklung von Demokratie, Meinungsfreiheit und Wissenschaft seit der Aufklärung. Veränderungen und Weiterentwicklung von Inhalten des Glaubens waren bisher keine erklärten Ziele von Religion und Kirche, eher schon Bewahrung der Tradition. Das Thema „Reform des Glaubens“ kommt im Programm der Reformationsfeierlichkeiten nicht vor. Manche Gläubige und Kirchengemeinschaften halten Teile ihres Glaubens per Definition für irreformabel.

Warum „Reformen des Glaubens“? 

Es gibt Gründe für eine Reform des Glaubens, die ernst genommen werden müssen:

  • Abnehmende Zahl der Mitglieder von Glaubensgemeinschaften.
  • Abnehmende Beteiligung an religiösen Aktivitäten (z.B. Gottesdienstbesuch).
  • Abnehmende Kenntnis und Wertschätzung von zahlreichen Glaubensinhalten.
  • Veraltete Bekenntnisformeln, Texte und Lieder.
  • Positive Erfahrungen mit neuem Glaubensverständnis und moderner Spiritualität.
  • Der Wunsch nach Einbeziehung neuer Glaubensformen in die Praxis der Kirchengemeinschaft.

Aus diesen und sicher noch anderen Gründen setzen sich, bis jetzt ziemlich unbemerkt, zunehmend Einzelne und Gruppen bzw. Gemeinschaften dafür ein, neues Glaubensverständnis in kirchliches Leben einzubeziehen, zu erproben und weiterzuentwickeln.

Neues für den Glauben in der Literatur und in den Medien

Neben heftiger Kritik an traditionellen und gewohnten religiösen Bekenntnisformeln sind in Büchern und Zeitschriften sowie in Funk und Fernsehen vielfach auch Diagnosen und Reformvorschläge für ein neues Verständnis des Glaubens zu finden.
In der theologischen Literatur gibt es neue Interpretationen nicht nur einzelner Glaubensinhalte, sondern es werden auch für das Glaubensverständnis grundlegende Begriffe wie Gott, Jesus, Heiliger Geist und Kirche hinterfragt und neu definiert.

Der Arbeitskreis „Gottesbild heute“ setzt sich für eine Reform des Glaubens ein

Er hat schon 2010 damit begonnen, das Reformationsgedenken 2017 in einen thematischen Zusammenhang mit seinem ersten Internetprojekt „Kernfragen des Glaubens“ zu stellen.
Auch mit dem Thema seiner zweiten blogsite „Die Reformation geht weiter – auch für den Glauben“ setzt er sich ausdrücklich für eine Offenheit gegenüber neuem Glaubensverständnis ein.
Mit der Wahl des Mediums Internet soll auch kirchenfremden und religionskritischen Menschen mit ihren unterschiedlichen Wahrnehmungen und Eindrücken, Problemen und ambivalenten Haltungen die Teilnahme erleichtert werden. Dabei kommen auch Überzeugungen außerhalb der Kirchen und des Christentums in den Blick.

Der von Günter Hegele geleitete Arbeitskreis „Gottesbild heute“ der Evangelischen Akademikerschaft i.D. (EAiD) hat die Erfahrung gemacht, dass unterschiedliche Glaubensweisen durchaus neben- und miteinander und bei einem Individuum sogar gleichzeitig oder nacheinander möglich sind (was sich z.B. in verschiedenen Arten zu beten zeigen kann; manche tun das auch ohne Gott beim Namen zu nennen).

Von Kernfragen zu Kernsätzen des Glaubens

Aus den 15 Kernfragen und den Einsendungen dazu hat der Arbeitskreis als Zwischenergebnis zu 10 Themenbereichen „Kernsätze des Glaubens“ zusammengestellt, die er für bedenkenswert, zeitgemäß und weiterführend hält.

Beide Texte wurden im Internet und  als Buch unter dem Titel  „Kernfragen des Glaubens. Die Reformation geht weiter“veröffentlicht (siehe evangelische aspekte, Heft 2, Seite 49). 

„Die Reformation geht weiter“ – im Internet

Das Buch und das kostenlose Angebot des Textes als Datei im Internet rief Interesse an einer Fortsetzung des Projekts hervor.

Sie begann ab 2016 mit einer laufenden Aktualisierung der Internetplattform www.reformation-geht-weiter.de, an die Besucher bis zum Ende der Reformationsdekade 2017 zu drei Bereichen Informationen und Texte schicken können:

1. Reformation heute: Wo und von wem gibt es bereits Engagement für weitergehende Reformation?

2. Neues für den Glauben: Artikel, Auszüge, Vorträge, Zitate, Predigten zu aktuellen religiösen Themen.

3. Literatur für Reformen des Glaubens mit kurzen Inhaltsangaben, Leseproben und Rezensionen.

Abgrenzungen zu manchem, was nicht zum christlichen Glauben passt, werden nicht vorgegeben. Es können Beiträge zu neuem und eigenem Glaubensverständnis eingesandt werden, auch ohne Theologie und Wissenschaft fachgerecht zu zitieren („Theologie von unten“). Die Einladung zur aktiven Beteiligung richtet sich aber bewusst auch an Personen, die der Kirche und traditioneller Frömmigkeit distanziert oder ablehnend gegenüber stehen.

Insgesamt kann man angesichts der Entwicklung der christlichen Religion von einer Evolution sprechen.

Der EAiD-Arbeitskreis „Gottesbild heute“ schlägt der im April 2017 tagenden EAiD-Delegiertenversammlung vor, sie möge ihren Landesverbänden und Arbeitskreisen empfehlen, das Thema „Reformation geht weiter – auch für den Glauben“ in ihren Veranstaltungen bis zum Ende der Jubiläumsfeiern zu behandeln und sich aktiv daran zu beteiligen.

Auch Ergebnisse aus in anderen EAiD-Arbeitskreisen bearbeiteten Themen wie Weltethos, Frieden, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit können dabei einbezogen werden. Im Verlauf der Arbeit werden Glaubensaussagen aus anderen Bereichen wie Natur-/Wissenschaft, Kunst, Medien und Religionen dazu kommen.

Wie geht es weiter mit dem Glauben? 

Wer das Bedürfnis hat, sich in der veränderten Situation im Blick auf Glauben und Religion neu zu orientieren, fängt am besten dort an, wo die „Reformation“ damit bereits begonnen hat: Bei geeigneter Literatur, in Zeitschriften und in den Medien, bei reformoffenen Gruppen und Veranstaltungen (wie dem Kirchentag) – und bei Angeboten im Internet, wie sie die EAiD eingerichtet hat: Da findet man pluralistische Theologie, individuelle Versuche zur weiteren Entwicklung des Glaubens, neue Interpretationen von traditionellen Glaubenssätzen, Erweiterung des religiösen Horizonts, Aufgeben-Können von Veraltetem.

Der Inhalt der beiden blogsites „Kernfragen des Glaubens“ und „Reformation geht weiter“ soll zum Abschluss der Reformationsfeierlichkeiten Ende 2017 veröffentlicht und der EKD übergeben werden.

Damit die Reformation weitergeht!