Stolpersteine auf dem Weg der drei Buchreligionen

Guenter Hegele    5. Februar 2017    Kommentare deaktiviert für Stolpersteine auf dem Weg der drei Buchreligionen

Klaus Schmidt

Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig erinnert seit 1992 an Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten Wohnort kleine Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir verlegt. Fußgänger werden durch diese bundesweit verlegten „Stolpersteine“ informiert, nicht irritiert oder gar gefährdet –  im Gegensatz zu schadhaften Bürgersteigen, die schon Stürze verursacht haben.

Es gibt in den drei „abrahamitischen“ Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam „steile“ Dogmen, bei denen strittig ist, ob sie zu Frieden fördernden Glaubenswahrheiten führen – oder irritieren und Gewalt stimulieren. Es gibt in ihnen aufgrund historisch-kritischer Arbeit aber auch vorurteilsfreie Untersuchungen und Ergebnisse, die zu größerer Bescheidenheit und gegenseitiger Annäherung führen.

„Unsere festgefügten Bilder von anderen Menschen, von anderen Konfessionen und Religionen sind Fragmente – und auch die eigenen Gottesbilder sind Fragmente“, so Professor Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland auf der Landessynode im Januar 2016. „All unsere Bilder haben eine begrenzte Reichweite, alle werden schief oder auch falsch. Wir dürfen uns nicht auf festgefügte Bilder und schon gar nicht auf Feindbilder festlegen lassen.“ Professor Ernst Troeltsch bemerkte schon 1896 Ähnliches. „Meine Herren, es wackelt alles“ so begann er seine Rede auf einem Theologenkongress in Eisenach. Er selbst wackelte nicht, aber die meisten Zuhörer waren entsetzt.

Historisch-kritische Forschung hat zu klarer Unterscheidung zwischen jüdischen und christlichen Glaubensauffassungen geführt – zugleich aber auch zu größer Annäherung. Der in Jerusalem lehrende Religionswissenschaftler  Joseph Klausner war einer der ersten, der 1922 in seinem Werk „Jesus von Nazareth“ Jesus als einen Lehrer hoher Sittlichkeit und Gleichnis-Redner ersten Ranges würdigte, ihm aber prophetische und messianische Titel absprach. Bahnbrechend für den jüdisch-christlichen Dialog wurde der in München geborene Religionswissenschaftler Schalom Ben-Chorin (1913-99). Er war 1961 Mitgründer der „Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen“ beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Sein Buch „Bruder Jesus, der Nazarener in jüdischer Sicht“ (1967) gipfelt in dem Satz: „Der Glaube Jesu eint uns, der Glaube an Jesus trennt uns.“ Der Religionsphilosoph Martin Buber hatte zuvor schon seine eigenen Schlussfolgerungen  Schalom Ben-Chorin gegenüber kurz und bündig so zusammen gefasst: „ Jesus ist mein älterer Bruder, aber der Christus der Kirche ist ein Koloß auf tönernen Füßen“ (in: Schalom Ben-Chorin, Zwiesprache mit Martin Buber, Berlin 1966).

Auch die islamische Forschung ist längst auf Augenhöhe mit der jüdischen und christlichen. Mouhanad Khorchide (geb. 1971), Sohn palästinensischer Flüchtlinge, promovierte nach seinem Theologiestudium in Beirut in Wien, wurde österreichischer Staatsbürger, Religionslehrer, Imam, Universitätsassistent und 2007 Lehrbeauftragter für das Lehramt für Islamische Religion an Schulen. Seit 2010 ist er Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien der Universität Münster. In seinem 2012 erschienenen Buch Islam ist Barmherzigkeit fordert er eine historisch–kritische Exegese des Koran und interpretiert ihn als ein Buch, dessen Gebote nicht wörtlich ins heutige Leben übertragen werden können. Eine Interpretation des Koran sei richtig, wenn der Interpret zunächst die ursprünglichen Bedeutungen koranischer Aussagen wie auch ihre historischen Kontexte erforscht, von ihnen dann bestimmte ethische Prinzipien ableitet und diese schließlich auf die moderne Situation anwendet. Mit seinen Auffassungen ist Khorchide in den Medien präsent – häufig im Fernsehsender „phönix“.

Im Folgenden sollen drei Aspekte „christlicher Stolpersteine“ beschrieben und zur Diskussion gestellt werden:

S.    2- 8   Die Trinitätslehre – Abschied vom Monotheismus?
S.   9-14   Sichtweisen – Jesus im Trialog
S. 14-18   Jesus, Sohn der Maria – und „Gottes Sohn“?

Die Trinitätslehre – Abschied vom Monotheismus?

Im schwierigen Verhältnis der drei  Buchreligionen zueinander stellt der von den Großkirchen hartnäckig verteidigte Trinitätsglaube ein Problem dar: Judentum und Islam betrachten ihn als Verletzung des biblisch verankerten Monotheismus. So schreibt etwa Rabbiner Stanley Greenberg vom Sinai-Tempel in Philadelphia: „Christen haben selbstverständlich das Recht, an die Lehre der Trinität Gottes zu glauben. […]  Monotheismus, der kompromisslose Glaube an einen Gott, ist das Kennzeichen der hebräischen Bibel, der zweifelsfreie Grund des Judaismus und der unerschütterliche Glaube der Juden. Ob nun Christen als Polytheisten oder als Tritheisten bezeichnet werden, oder ob man das christliche Konzept der Trinität als eine Spielart des Monotheismus auffasst, eine Aussage bleibt immer bestehen: Dreieinigkeit und Judesein schließen sich aus.  (www.bible-only.org – 26.02.2003).

Auch im Koran wird der Trinitätsglaube vielfach als nicht „schriftgemäß“ abgelehnt, so etwa in Sure 4,171: „O Volk der Schrift, überschreitet nicht euren Glauben und sprecht von Allah nur die Wahrheit. Der Messias Jesus, der Sohn der Maria, ist der Gesandte Allahs und Sein Wort, das Er in Maria legte, und Geist von Ihm. So glaubet an Allah und Seinen Gesandten und sprecht nicht: ›Drei‹. Steht ab davon, gut ist’s euch. Allah ist nur ein einiger Gott.“

Zur Zeit der deutschen Aufklärung wurde die Trinität ins Reich frommer Fantasie verwiesen. Goethe bemerkte 1824 im Gespräch mit Eckermann: „Ich glaube an Gott und die Natur und an den Sieg des Edlen über das Schlechte. Aber das war den frommen Seelen nicht genug. Ich sollte auch glauben, dass drei eins und eins drei sei; das aber widerstrebte dem Wahrheitsgefühl meiner Seele; auch sah ich nicht ein, dass mir damit im Mindesten geholfen gewesen wäre.“ 

Fehlanzeige im Neuen Testament

Im Matthäus-Evangelium ( 28,19) befiehlt Jesus seinen Jüngern,  allen Völkern zu predigen. Zwar erwähnt der „Missionsbefehl“ die drei Wesen, die später Bestandteile der Trinität werden, doch wurde der Satz: „…salbe sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ nach textkritischer Untersuchung als späterer Zusatz zum biblischen Text zu erkannt – wie auch an Folgendem:

– Die von Paulus in seinen Briefen erwähnte Salbung in der frühen Kirche wurde nur im Namen Jesu durchgeführt. Auch der „Missionsbefehl“ im Anhang zum  Markus-Evangelium (16,15) kennt weder Vater, Sohn noch Heiligen Geist.

– Der einzige weitere Verweis auf eine Trinität im 1. Johannesbrief (5,7) ist unecht. Der Satz: „…es gibt drei, die im Himmel aufzeichnen, der Vater, das Wort und der Heilige Geist: und diese drei sind Eins“ ist ein späterer Zusatz zum biblischen Text und im Sinne intellektueller Redlichkeit  in fast keiner der heutigen Bibelversionen zu finden ist (vgl. Besagt der Missionsauftrag in Matthäus 28:19, dass „Gott …).

Ironie der Geschichte: Die besonders in der Reformationsdekade immer wieder beschworene Formel „allein die (Heilige) Schrift“ (sola scriptura) ist im Blick auf die Dreifaltigkeitslehre reine Makulatur.

 Die Christologie – eine trinitarische Vorstufe

Die Vergöttlichung Jesu im Christentum setzt voraus, dass Jesus anders als andere jüdische Profeten oder Charismatiker als Messias bzw. einzigartiger „Sohn Gottes“ verstanden wird. Doch schon längst hat neutestamentliche Forschung ergeben, dass Jesus keinen Hoheitstitel wie Messias/Christus oder „Gottessohn“ für sich in Anspruch genommen hat.

Ferner: In den Evangelien wird von einem Mann erzählt, der Jesus fragte ( Markus 10,17f.): „Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ Jesus antwortete: „Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen.“

Es ist sehr erstaunlich, dass dieses offensichtlich alte, späterer Christologie zuwider laufende Jesuswort von den Evangelisten – denen zufolge Jesus sich selbst als „Christus“ (Messias) und „Gottessohn“ bezeichnete/ bezeichnen ließ –  nicht weggelassen wurde. Denn jetzt ist ja Jesus zwar „Gottes Sohn“, aber laut eigener Aussage „nicht gut“, weil ja nur einer gut ist: Gott selber.

Bemerkenswerter noch: Jesus ließ sich von Johannes dem Täufer taufen. Dessen Taufpraxis zielte auf  Buße und rief zur Umkehr wegen der Nähe des Reiches Gottes auf. Jesus konnte sich hier einreihen. Für ihn war offensichtlich nur Gott gut, er ergo Sünder. Für die Erschaffer der Christologie aber war das anstößig. Sie ließen stattdessen Gottes Geist wie eine Taube auf den Täufling herabkommen: „Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ (Markus 1,10-11, vgl. Matthäus 3,17).

Doch auch das Jesus zugeschriebene „Vater unser“ weist in die gleiche Richtung wie die noch nicht mythologisch verklärte Johannes-Taufe: Der Gottessohn kommt hier überhaupt nicht vor, auch keine Spur von Trinität. Hier schließt sich Jesus selbst mit der Bitte „Vergib uns unsere Schuld“ in den Kreis der Sünder ein. Dieses Gebet kann von jedem frommen Juden so gesprochen werden. Es enthält nichts Neues.

Die „Sohn Gottes“-Bezeichnung hat im Neuen Testament Varianten erfahren:   Sie war ein Auferstehungstitel (bei Paulus im Römerbrief; 1,4), dann ein Adoptionstitel (bei der Taufe; Markus-Evangelium 1,11), dann ein Geburtstitel (Geburtsgeschichten im Matthäus- und Lukas-Evangelium, z. B. Lukas 1,32) ferner eine präexistente Dimension (vor allem im Johannes-Evangelium).

Den schließlich am Kreuz Gestorbenen haben die Christologen von damals und meist auch noch Heutige aus der irdischen Sphäre leibhaftig in den Himmel gehoben.

Jesus hat laut Evangelien und Konsens aller ernst zunehmenden Exegeten mit dem Ende der Geschichte noch zu seinen Lebzeiten gerechnet („Parusie-Erwartung“): „Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht trinken von dem Gewächs des Weinstocks, bis das Reich Gottes kommt“ (Lukas 22,18; vgl. Matthäus 26,29).

Für Martin Buber war Jesus aufgrund aller dieser Erkenntisse – wie erwähnt – „älterer Bruder“, der Christus der Kirche aber „ein Koloß auf tönernen Füßen“

Die Entfaltung Lehre 

Die Lehre von der „Dreifaltigkeit“ Gottes verfestigte sich erst im 4. Jahrhundert. Auslöser dafür waren heftige, nicht enden wollende Kontroversen. Sie begannen 318 im ägyptischen Alexandria während einer Diskussion, die der trinitarisch gesinnte Bischof Alexander mit seinen Ältesten führte. Einer von ihnen – Arius – widersprach ihm heftig. Später bekräftigte ein junger Diakon namens Athanasius die bischöfliche Position: Jesus, der Erlöser, könne nicht selbst ein erlösungsbedürftiges Geschöpf sein.

Der „arianische Streit“

319 wurde auf einer lokalen Synode der Bischöfe von Libyen und Ägtypten die von Arius vertretene Lehre, Jesus Christus sei als Sohn Gottes Gott untergeordnet ( „subordiniert“), einmütig als Irrlehre verurteilt. Der nun aus Alexandria verbannte Arius verbreitete jedoch seine Lehre mit Unterstützung einflussreicher Bischöfe weiter, und die Kontroverse dehnte sich auf den gesamten christlichen Osten aus.

Kaiser Konstantin, der sich wenige Jahre zuvor vom Sonnengott-Kult („sol invictus“) abgewandt hatte, mahnte die Streitenden:  sie sollten sich einigen – vergeblich. Daraufhin berief er

Im Jahr 325 über 1.800 Bischöfe zu einem allgemeinen Konzil nach Nicäa (bei Konstantinopel) ein. Doch nur 318 kamen, und Alexanders Position setzte sich durch. Allen Arianern wurde mit Exkommunikation gedroht. Arius wurde verbannt, doch zwei Jahre später begnadigt.

Im Volk waren die Meinungen geteilt, und innerhalb weniger Jahre war die Christenheit des Ostens tief gespalten. Die Folgen waren Verleumdungen und Absetzungen. Konstantins kaiserliche Söhne teilten sich die Herrschaft im Osten und Westen. Der Westen war eher gegen den Arianismus, der Osten dafür – beide Seiten verurteilten einander. Doch die arianische Partei hatte insgesamt bei der höheren Geistlichkeit und hellenistisch Gebildeten viele Anhänger, so dass im Jahr 360 die Mehrheit der Bischöfe freiwillig oder gezwungen arianisch stimmten. Es kam zu tumultartigen Synoden. Ein heidnischer Beobachter notierte: „Die Straßen sind voll von galoppierenden Bischöfen.“

Der Sieg des Trinitarismus 

Nach langjährigen kaiserlichen und kirchenpolitischen Machtspielen kam 379 der trinitarisch gesinnte Kaiser Theodosius an die Macht und setzte zwei Jahre später auf dem Ersten Konzil von Konstantinopel die trinitarische Lehre durch.

Während der Arianismus unter  germanischen Völkern (Goten, Vandalen) , die zur Zeit der arianischen Vorherrschaft christianisiert wurden, noch einige Jahrhunderte fortbestand, wurde der Entscheid von Konstantinopel in der orthodoxen und in der katholischen Kirche nie wieder in Frage gestellt. Mit dem Übertritt des fränkischen Königs Chlodwig I. zum römisch-katholischen Glauben begann der Siegeszug des Trinitarismus auch in der germanischen Welt. 

„Im Ergebnis“ – so der Religionswissenschaftler Karl-Heinz Ohlig –  „erscheint die Trinitätslehre als ein Versuch, Monotheismus, Monismus und Polytheismus zu verbinden, also alle wichtigen weltreligiösen und hochkulturellen Gottesvorstellungen. […] Vielleicht erklärt sich die Faszination der Trinitätslehre daraus, dass sie die Vorstellung all der genannten Gottesvorstellungen – auf eine spannungsreiche Weise  – zu verbinden sucht: die Wärme und das Hoffnungspotential, das der Monotheimus erweckt, die rationale Plausibilität eines letzten immanenten Prinzips sowie die kommunikative und soziale Lebendigkeit des Polytheismus. Schon Gregor von Nyssa war der Meinung, dass die Trinitätslehre ‚die Mitte zwischen beiden Meinungen‘, zwischen Polytheismus und jüdischem Monotheismus darstelle“ (Karl-Heinz Ohlig, Ein Gott in drei Personen? 2. Aufl., 2000, S. 124).

Erasmus, Luther und das „Comma Johanneum“

Der einzige Verweis auf eine Trinität im 1. Johannesbrief (5,7) ist unecht. Den Satz „…es gibt drei, die im Himmel aufzeichnen, der Vater, das Wort und der Heilige Geist: und diese drei sind Eins“ hat

kein Kirchenvater vor dem Konzil von Nicäa zitiert. In keiner frühchristlichen syrischen, koptischen, armenischen, äthiopischen, arabischen oder slawischen Bibelausgabe findet sich dieser Zusatz.

Der Handschriftenbefund ist eindeutig. Nur die späten bezeugen das „Comma“ (den „Abschnitt“), in früheren ist es als Zusatz ersichtlich. Die wenigsten Kirchenväter kennen es; Augustinus beurteilt es als nicht original biblisch. Es gelangte aber in die lateinische Bibelübersetzung („Vulgata“).

Erasmus von Rotterdam, der als erster das gesamte Neue Testament in griechischer Sprache vorlegte, fügte den Text ab seiner dritten Auflage hinzu, obwohl ihn nur ganz wenige und sehr junge griechische Handschriften enthalten. Man vermutet, dass eine dieser Handschriften – aus dem 16. Jahrhundert (!) – produziert worden war, um Erasmus zu widerlegen – oder als Arianer zu verketzern. Er druckte zwar ab 1522 den Text mit der trinitarischen Wendung, erklärte aber in einer Anmerkung, warum er ihn nicht für ursprünglich hielt.

Martin Luther, der sich bei seiner Bibelübersetzung an Erasmus‘ erster Auflage orientierte, übernahm das Comma nicht. (Allerdings schlich es  sich seit Ende des 16. Jh. in die Lutherbibel ein – aus der es erst im 20. Jahrhundert wieder entfernt wurde. Heute steht es meist in einer Anmerkung.)

Im Text seiner Vorlesung über den 1. Johannesbrief schrieb Luther, das Comma sei durch den Eifer der Theologen gegen die Arianer ungeschickt eingefügt worden: „ Ich könnte mich leicht darüber lustig machen, dass es keine ungeeignetere Beweisstelle für die Trinität gibt“ (vgl. Bart D. Ehrman, Abgeschrieben, falsch zitiert und missverstanden: Wie die Bibel wurde, was sie ist. Gütersloh 2008; Die Geschichte des „Comma Johanneum“ und des Textus …; ferner:  Jan Rohls: Gott, Trinität und Geist. Ideengeschichte des Christentums Bd. 3, Tübingen 2014).

Die Verfolgung der Antitrinitarier

Durch einen franziskanischen Mönch entdeckt der Spanier Miguel Serveto (1511-53) als Student den Humanismus, der von Norditalien aus ganz Europa erreicht hat. Er beginnt, Rechtswissenschaft zu studieren. Doch seine Leidenschaft gehört der Theologie. Wenn die Humanisten Recht haben mit ihrer Lehre, man solle zu den Quellen zurückkehren – dann müssten sich die Christen von der Trinititätslehre verabschieden. Die Vorstellung, dass Gott „dreifaltig“ sei, aus drei Wesenheiten bestehe: Gott-Vater, Sohn und Heiligem Geist, sei schlicht unbiblisch. Im Alter von zwanzig Jahren präsentiert er seine Argumente in Buchform: „De trinitatis erroribus“, die Irrtümer der Dreifaltigkeit.

Er will damit zugleich Muslimen und Juden ein wichtiges Argument gegen den christlichen Glauben nehmen. Denn von beiden ist zu hören, die Christen würden eigentlich an drei Gottheiten glauben. Zu Recht, meint Servet. Ein Dialog zwischen den drei verschwisterten Religionen könne nur gelingen, wenn alle an nur einen Gott glauben würden. Die Feindseligkeit zwischen Christen und Muslimen betrachtet er voller Trauer, beklagt Blutschuld auf beiden Seiten und verurteilt das Edikt von 1492, mit dem König und Kirche die Glaubenseinheit in Spanien erzwungen hatten.

In seltener Einmütigkeit bezichtigen später der katholische Klerus und die Reformatoren Servet der Gotteslästerung . Er flieht nach Paris, wird Doktor der Medizin,  studiert  Kunst und Geometrie, Theologie und Hebräisch. Eine Korrespondenz mit Calvin endet im Streit.  „Wenn es mir zusage, will er nach Genf kommen“, schreibt Calvin 1546 einem Freund. „Doch ich garantiere für nichts. Denn kommt er wirklich hierher, so lasse ich ihn, wenn mein Einfluss etwas bewirkt, nicht wieder lebendig fortziehen.“ 1553 vertieft Servet seine Kritik:

„Alle scheinen zu einem Teil die Wahrheit zu besitzen und zum anderen den Irrtum“ schreibt er. „Aber ein jeder bemerkt den Irrtum des anderen und sieht seinen eigenen nicht. Möge Gott in seiner Gnade uns die Augen öffnen für unsere Fehler, so dass wir nicht an ihnen festhalten.“

In Frankreich wird Servet als „Ketzer“ überführt und zum Tode verurteilt, kann jedoch aus dem Gefängnis fliehen. Sein Ziel: Italien. Auf der Durchreise besucht er einen Gottesdienst in Genf – Calvin ist der Prediger. Der lässt Servet sofort festnehmen, wird zum Zeugen, Gutachter und Ankläger zugleich.  Er verweigert einen Verteidiger, ebenso Hafterleichterung und Hilfen für den in seiner feuchten Zelle Erkrankten. Die Mehrheit der Richter verhängt die Todesstrafe – für eine Tat, die nicht in ihrem Land begangen wurde, und eine Person, die nicht ihrer Gewalt untersteht.

Am 27. Oktober 1553 wird der Scheiterhaufen mit zum Teil grünem Holz entzündet. Nach mehr als einer halben qualvollen Stunde findet Michael Servet den Tod. Später verteidigt sich Calvin: er habe sich statt Verbrennung für  Enthauptung ausgesprochen. Der als sanft geltende Wittenberger Reformator Philipp Melanchthon dankt Calvin. Die Verbrennung Servets sei „ein frommes und denkwürdiges Beispiel“. Er sei damit „vollständig einverstanden“: „Und ich bestätige zugleich, dass Deine Obrigkeit recht gehandelt hat.“

Unstrittig ist, dass das Urteil nicht im Rahmen eines Kirchenzuchtverfahrens gefällt wurde, sondern in einem Kriminalprozess auf der Grundlage des Reichsrechts, das die Leugnung der Trinität mit Atheismus gleichsetzte.

Weitere protestantische Obrigkeiten folgen dem Genfer Beispiel und verurteilen „Antitrinitarier“ zum Tode: 1566 den Theologen Valentino Gentile in Bern und 1572 den Pfarrer Johannes Sylvanus in Heidelberg. Dessen Amtsbruder flieht nach Konstantinopel – und erhält im islamischen Herrschaftsbereich Asyl. (Zum Ganzen vgl. meinen Beitrag „Die Hinrichtung des Humanisten“ in www.transparentonline.de/index…/562-die-hinrichtung-des-humanisten; 2014).

Besungenes „Geheimnis“ und beschworene Gemeinsamkeit 

Wo angesichts biblischer Widersprüchlichkeiten und (theo)logischer Zweifel eine gewisse Ratlosigkeit herrscht, wird die göttliche Dreifaltigkeit ein „Geheimnis“ genannt, das man nur mit Ehrfurcht bekennen – oder besingen – könne. So formuliert die regionale „Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen“ 2007 in Hamburg: „Die Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit Gottes lässt sich so wenig wie das Wunder der Liebe rational erklären. Deshalb haben die Christen zu allen Zeiten die Trinität als Geheimnis mehr in Liedern und im Lobpreis besungen als in Lehrformeln gefasst. Jedes Glaubensbekenntnis ist nicht zuerst Lehre, sondern ein alle Christen verbindendes Bekenntnis, das zur Anbetung führt. Die Trinität bleibt ein Geheimnis, das man nur mit Ehrfurcht bekennen kann („Der Glaube an den dreieinigen Gott“ – ACK Hamburg www.hamburg.de.. ./Trinität_Erklärung_2007.pdf).

In der Ökumene ist die Zustimmung zum altkirchlichen Credo Bedingung für eine Mitgliedschaft. So formulierte die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) schon 1981 in ihrer  Erklärung zur 1600-Jahr-Feier des Glaubensbekenntnisses von Nizäa-Konstantinopel: „Dieses Bekenntnis zum dreieinigen Gott ist das einzige ökumenische Glaubensbekenntnis, das die östliche und westliche, die römisch-katholische und die reformatorische Christenheit durch alle Trennungen hindurch verbindet […]. Die Gemeinsamkeit im Bekenntnis zum dreieinigen Gott ist unaufgebbare Bedingung für die Einheit der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche (ACK-Faltblatt 1995).

Sachlich-nüchtern stellte Karlheinz Ohlig 1999 dazu fest:

„Was der Religionswissenschaftler einfachhin konstatieren kann, bedeutet aber zugleich eine Anfrage an die Theologie nach der Legitimität eines solchen Konstrukts. Wenn es feststeht – und daran scheint kein Weg vorbeizuführen – , dass Jesus selbst nur vom Gott Israels, den er Vater nannte, und nichts von seiner eigenen späteren ‚Vergottung‘ wusste, mit welchem Recht kann dann eine Trinitätslehre normativ sein? Wie also ist eine Lehrentwicklung zu legitimieren, die eigentlich erst im zweiten Jahrhundert begann. […] Wie auch die einzelnen Etappen zu interpretieren sein mögen, so steht doch fest, dass die Trinitätslehre, wie sie sowohl im Osten wie – erst recht  –  im Westen am Ende ‚Dogma‘ wurde, keinerlei biblische Grundlage besitzt und auch keine ‚ununterbrochene Aufeinanderfolge‘ (continua successio) kennt“ (Karlheinz Ohlig. Ein Gott, drei Personen? Mainz, 1999, S. 124f).

Die EKD erklärt heutzutage unumwunden, dass das altkirchliche Credo keine biblische Grundlage hat. Kaum ein Thema des christlichen Glaubens sei „so rätselhaft (geworden), wie das Bekenntnis der Christen zum dreieinigen Gott“. „Zu Gott kann man beten, aber zu Jesus oder zum Heiligen Geist? Wie kann Jesus Gott und zugleich Sohn Gottes sein? Und was hat es mit dem Heiligen Geist auf sich? Drei gleich eins, eins gleich drei – eine Rechnung, die paradoxer nicht sein könnte. In der Bibel findet sich keine Trinitätslehre.“ […]. Doch dann rettet sich die EKD angesichts der in den sonntäglichen Gottesdiensten verankerten Glaubensbekenntnisse in das dem Geheimnis zugeordnete Gebet: „Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass derartige Gedankengänge nicht gerade einfach nachvollziehbar sind. So konnte Philipp Melanchthon schlussfolgern: ‚Die Geheimnisse der Gottheit sind besser anzubeten als zu erforschen‘“ (EKD: Glaubens-ABC www.ekd.de ›). Ausgerechnet Melanchthon, der Servets Verbrennung guthieß!

Entzauberte Glaubensbekennisse

Vor einem halben Jahrhundert wurden alternative Glaubensbekenntnisse formuliert –  so etwa 1961 von Martin Ohly, Pfarrer der Kirchengemeinde Ottweiler. (Er wurde1975 Superintendent des Kirchenkreises und 1990 Beauftragter der EKiR und ev. Kirche in der Pfalz bei Landesregierung und Landtag). Dieses  Credo war weder trinitarisch – noch christologisch:

[…] Ich glaube an Jesus. / Denn er war, was wir sein sollten: / Freund und Bruder aller, die ihn brauchten./ Weil er liebte, mußte er leiden. / Weil er so weit ging, mußte er sterben./ Aber er starb nicht umsonst./ Gott hat ihm Recht gegeben. / Er wird das letzte Wort behalten, / und alle, die Toten, die Lebenden und die Kommenden, /müssen sich messen lassen an ihm.

Ich glaube an den Geist. / Denn mit Jesus kam ein neuer Geist in die Welt, / der die verfeindeten Menschen / eine gemeinsame Sprache lehrt / und einander als Geschwister erkennen lässt […]. 

Wohl am bekanntesten wurde Dorothee Sölles Credo, das erstmals 1968 im Rahmen des Kölner Politischen Nachgtgebets vorgetragen wurde:

[…] Ich glaube an Gott
der den Widerspruch des Lebendigen will
und die Veränderung aller Zustände
durch unsere Arbeit
durch unsere Politik
Ich glaube an Jesus Christus
der Recht hatte, als er
„ein einzelner der nichts machen kann“
genau wie wir
an der Veränderung aller Zustände
arbeitete und darüber zugrunde ging. […]

Ich glaube an Jesus Christus
der aufersteht in unser Leben
daß wir frei werden
von Vorurteilen und Anmaßung
von Angst und Haß […]

Ich glaube an den Geist
der mit Jesus in die Welt gekommen ist
An die Gemeinschaft aller Völker
Und unsere Verantwortung für das
Was aus unserer Erde wird […]

 Das folgende, 1996 von Erika Görke aufgeschriebene Bekenntnis überwand auch die bisherige maskuline sprachliche Engführung und fand einen Platz im Evangelischen Gesangbuch:

Wir glauben an Gott,/ den Ursprung von allem, was geschaffen ist,/ die Quelle des Lebens, aus der alles fließt;/ das Ziel der Schöpfung, die auf Erlösung hofft.  

Wir glauben an Jesus Christus,/ den Gesandten der Liebe Gottes, / von Maria geboren. /  Ein Mensch, der Kinder segnete, / Frauen und Männer bewegte, / Leben heilte und Grenzen überwand./ Er wurde gekreuzigt. / In seinem Tod hat Gott die Macht des Bösen gebrochen / und uns zur Liebe befreit. / Mitten unter uns ist er gegenwärtig / und ruft uns auf seinen Weg.

Wir glauben an Gottes Geis , / Weisheit von Gott, / die wirkt wo sie will./ Sie gibt Kraft zur Versöhnung / und schenkt Hoffnung, / die auch der Tod nicht zerstört. / In der Gemeinschaft der Glaubenden / werden wir zu Schwestern und Brüdern, / die nach Gerechtigkeit suchen./ Wir erwarten Gottes Reich.

Aus: Evangelisches Gesangbuch, Gebete zum Gottesdienst. Vgl. auch Klaus-Peter Rex (Hg.) Neue Glaubensbekenntnisse: mit Hinweisen für die Verwendung in Gottesdienst und Unterricht, Gütersloh 1995.

Zwischen Klartext und Nebelkerzen

Ein Hamburger Kirchenstreit  

Im August 2005 wurde in der evangelischen Wochenzeitung „Die Nordelbische“ eine Art trinitarischer Streit dokumentiert. Es sei ein Missverständnis, schrieb Horst Gorski, Propst in Altona, dass das traditionelle Glaubensbekenntnis das einzig gültige, unverzichtbare Bekenntnis sei: „Es ist nicht vom Himmel gefallen.“ Selbst der innere Kreis der Kirchenmitglieder habe mit Jesus Christus als Gottessohn seine Probleme. Die alten Formeln trügen „viele Elemente untergegangener Weltbilder“. Man müsse einen Text schaffen oder aus dem Bestand auswählen, „der für die Menschen unserer Zeit geeignet ist“. Gorski: Das „abstrakt-richtige Bekenntnis unseres Glaubens gibt es nicht. Pastor Ulrich Rüß, Vorsitzender der „Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis“ widersprach: „moderne“ Bekenntnisse seien „vom Zeitgeist getragen“ . Gundula Döring, Referentin im Nordelbischen Frauenwerk, nannte dagegen die Rede von Gott als „allmächtigem Vater“ schlicht „ein Ärgernis“. In der Wirkungsgeschichte sei der Symbolcharakter der bildlichen Sprache verlorengegangen. Gorski: „Wir sind ausgerechnet im Kern unseres Glaubens sprachlos geworden – vielleicht manchmal sogar glaubenslos.“ Glaubens-Auskunft müsse am Ende aber einfach, verständlich und gesprächsfähig sein. Sogar das Hamburger Abendblatt berichtete ausführlich über diese Kontroverse ( Kirchenstreit um das Glaubensbekenntnis – Hamburg …www.abendblatt.de › Hamburg, 27.8.05).

 Aufhellung mit Teelichtern – ein hessisches Arbeitsblatt

Im kirchlichen Konfirmandenunterricht werden Kinder/Jugendliche oft angeregt, eigene Bekenntnisse zu formulieren und schließlich im Gottesdienst neben dem Apostolikum vorzutragen.  In der hessischen Kirche gibt es dazu folgende Arbeitsblatt-Anregung:

„Nach einem Lied erklären Konfirmanden oder Pfarrer/-in, dass das Apostolische Glaubensbekenntnis, wenn es im Gottesdienst gemeinsam gesprochen wird, uns verbindet (mit der gesamten Christenheit durch Raum und Zeit). Es ist Ausdruck der Gemeinschaft der Gläubigen. Jemand, der an den dreieinigen Gott glaubt, ist nicht allein. Er ist verbunden mit anderen Menschen und mit Gott. Eine Konfirmandin/Ein Konfirmand erzählt vom Erhellen einzelner Stellen des Glaubensbekenntnisses durch Teelichter und fordert die Gemeinde auf, noch einmal aus den Reihen zu kommen und dies ebenso zu tun. Die Gottesdienstbesucher erhalten je ein Teelicht, das sie zu der Aussage des Credos stellen können, die ihnen besonders wichtig ist. Danach wird, wenn möglich, die Beleuchtung gedimmt. Das Bild wirkt bei meditativer Musik. Als Abschluss wird das Apostolische Glaubensbekenntnis gemeinsam gesprochen.“

Eine Grundaufklärung über Entstehung und Fragwürdigkeit oder auch nur ein Hinweis auf die unbiblische Entstehung des altkirchlichen Credos ist in dem hessischen Arbeitsblatt nicht vorgesehen (PDF Download als PDF – Für eine gute Konfirmandenarbeit in …).

Trinitatis – das Dreifaltigkeitsfest

Dieses Fest, das um die erste Jahrtausendwende in französischen Benediktinerklöstern aufkam und 1334 durch Papst Johannes XXII. in den römischen Kalender eingeführt wurde, ist auch im Protestantismus fest verankert. So lautet denn der lapidare Satz im „Glaubens-ABC“ der EKD: „Trinitatis ist das Fest der Dreieinigkeit, das am ersten Sonntag nach Pfingsten gefeiert wird.“

Laut badischer Landeskirche ist „Trinitatis das Fest des dreieinigen Gottes, der sich nach den biblischen Erzählungen den Menschen als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist offenbart hat“ (Trinitatis – Evangelische Landeskirche in Baden…). Ist das exegetische Nachlässigkeit oder unbewusste Irreführung?

Die bayrische Landeskirche formuliert vorsichtiger und beschwört – wie viele kirchliche Interpreten –  das „Geheimnis“ der Trinität: „Im Zentrum des christlichen Glaubens steht ein geheimnisvoller Gott. Die Dreieinigkeit aus Vater, Sohn und heiligem Geist ist ein Geheimnis, das sich nicht mit dem Verstand auflösen lässt. Aber sie ist auch Ausdruck eines Gottes, der sich auf ganz unterschiedliche Weise erfahrbar macht.“ […] der zugleich Schöpfer der Welt ist, als historische Person auf der Erde gelebt hat und sich außerdem als spirituelle Quelle jedem offenbart, der zu ihm betet“ (Jenseits des Wissens – Kirchenjahr – Evangelisch …).

„Ungläubiges Staunen“

Im August 2015 wurde Friedenspreisträger Navid Kermani, Autor des im selben Jahr erschienenen Bestsellers „Ungläubiges Staunen“,  im Deutschlandfunk gefragt, was für ihn am Christentum problematisch, schwierig, unverständlich sei. Er nannte spontan die Trinität: Da habe ich die gleichen Schwierigkeiten, die Goethe damit hatte. Das ist etwas, was nicht in den Kopf hineingeht. Mit dem Herzen begreife ich das nicht, wie aus eins drei wird. Den Juden geht es ja sehr ähnlich. […] Das Christentum ist in diesem Sinne zutiefst synkretistisch, weil es sich ja zusammensetzt aus all den Religionen, Kulturen, die vorher da waren. Bei dem Islam ist es genauso – im Islam steckt so viel Christentum, soviel auch zoroastrische Religion, alt-arabische Religion, jüdische Religion… Es gibt keine Religion pur. Die Religionsgründer haben immer an die Vorgänger angeknüpft und fühlten sich als Fortsetzer“ (Navid Kermani – Ein Muslim und sein Buch über das …www.deutschlandfunk.de…).       

Sichtweisen – Jesus im Trialog

Aus gegebenem Anlass formulierte die beim Evangelischen Kirchentag beheimatete „Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen“ 1999 ein öffentliches „Nein zur Judenmission“: Das Neue Testament habe „Gottes Treue zum erwählten Volk Israel“ bekräftigt. Dies schließe aus, Juden Jesus als den für ihr Heil nötigen Messias zu verkündigen. Der Neutestamentler Professor Klaus Wengst erläuterte dies allgemein verständlich so: „Was wir durch Jesus Christus an Vertrauen zu Gott gewinnen und an Vergebung der Sünden, an Erbarmen und an Rechtfertigung erfahren, kennt und erfährt das Judentum in Vergangenheit und Gegenwart auch ohne Jesus“. Solche Auffassung wird in der EKD mehrheitlich geteilt (Christen und Juden – eine Verhältnisbestimmung …).

Auch im Bereich der katholischen Kirche werden ähnliche Positionen vertreten. So kam man in den USA im Jahr 2002 bei einer „Konsultation des Nationalen Rates der Synagogen und des Bischöflichen Komitees für ökumenische und interreligiöse Angelegenheiten“  zu folgenden Schlussfolgerungen: „Sollten wir dann nicht ein gemeinsames Arbeitsprogramm erstellen? Sollten wir nicht unsere geistigen Kräfte vereinigen, um die gemeinsamen Werte, die zur Wiederherstellung der unerlösten Welt führen können, darzulegen und ihnen gemäß zu handeln?“ (Reflexion über Bund und Mission.12. August 2002).

Das Judentum beansprucht keine Heilsexklusivität. Auch Angehörige anderer Glaubensrichtungen können „Anteil an der kommenden Welt“ erlangen, wenn sie bestimmte, in mythischen oder geschichtlichen Zusammenhängen dargestellte moralische Grundregeln einhalten. So  gelten in der Hebräischen Bibel an Adam und Noah ergangene Gebote für alle Menschen, lässt sich Moses von seinem Schwiegervater, einem midianitischen Priester beraten und wird der persische König Kyros sogar als Messias beschrieben, der in göttlichem Auftrag die Juden aus dem Exil wieder in die Heimat führt. Juden und Jüdinnen beteiligen sich häufig am Dialog der Religionen – sofern sie sich nicht vereinnahmt fühlen oder als Ziel von evangelikaler „Judenmission“ erfahren.

Jesus aus jüdischer Sicht und Erkenntnis

Jesus war Jude. Das wird von keinem ernst zu nehmenden Wissenschaftler heute mehr bestritten. Die Konsequenz von Jesu Judesein ist ein strenger Monotheismus –  so sehen es auch die jüdischen Jesusforscher . Matthäus 4,10 (Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen), Markus 10,18 (Keiner ist gut als Gott allein) und vor allem Markus 12,30, wo Jesus das „Sch’ma Jisrael“ (Höre, Israel) zitiert, weisen darauf hin. Jüdische Neutestamentler lehnen den dogmatischen Christus ab, sprechen wie der amerikanische Rabbiner und Religionsphilosoph Michael Wyschogrod (1925-2015) von „hoher“ Christologie.

Schon Maimonides, der bedeutendste jüdische Denker des Mittelalters (1135-1204) erklärte, die Muslime mit ihrem klaren Monotheismus stünden den Juden näher als die Christen, die Jesus vergöttlicht hätten. In der Neuzeit war der bereits erwähnte Joseph Klausner einer der ersten, der 1922 in seinem Werk „Jesus von Nazareth“ Jesus als einen Lehrer hoher Sittlichkeit und Gleichnis-Redner ersten Ranges würdigte, ihm aber prophetische und messianische Titel absprach. Schalom Ben-Chorins Buch „Bruder Jesus, der Nazarener in jüdischer Sicht“ (1967) gipfelt in dem Satz: „Der Glaube Jesu eint uns, der Glaube an Jesus trennt uns.“ Der sei kein Prophet, weil die Formel „so spricht Gott“ fehlt. Seine Predigt sei vor allem Schriftauslegung und  Gleichnisrede. Wahrscheinlich habe er zu einer inneren Opposition innerhalb der Gruppe der Pharisäer gehört. Im Laufe weiterer Entwicklung sei er zu einem „Christusgespenst“  gemacht worden. Ben-Chorin spricht ähnlich wie Martin Buber vom Bruder Jesus: „Es ist nicht die Hand des Messias, diese mit Wundmalen gezeichnete Hand. Es ist bestimmt keine göttliche, sondern eine menschliche Hand, in deren Linien das tiefste Leid eingegraben ist“ (S. 11). Die Bergpredigt Jesu sei keineswegs eine Kampfansage an die Tradition. Vielmehr stelle sie der  Verflachung der Tora deren Urabsicht gegenüber. Und die Feindesliebe sei schon in der Tora verankert (3. Mose 19,17 f). Zu Gethsemane sagt Ben-Chorin: „Man kann diesen Bericht nicht lesen, ohne zu Tränen erschüttert zu sein: Hier steht kein Held, kein Halbgott, kein Mythos! Hier zittert ein Mensch um sein Leben. Und in dieser Stunde der Angst ist uns Jesus besonders nahe. Es ist mir unfasslich, wie man diese menschliche Tragödie auf dem Hintergrund eines Dogmas von der Zweinaturenlehre Christi verstehen kann: wahrer Mensch und wahrer Gott“ (S. 148).

Der in Ungarn geborene britische Religionswissenschaftler Geza Vermes (1924-2013), Sohn jüdischer Eltern, die im Holocaust umkamen, interpretiert in seinem Buch „Jesus, der Jude – ein Historiker liest die Evangelien“ (1973/1993) Jesus ähnlich wie Ben Chorin – und protestantische Neutestamentler. Der Messiastitel sei kein Gegenstand der Lehre Jesu. Er spiele nur in den legendarischen Kindheitsgeschichten, im Johannesevangelium und in der Passionstradition eine Rolle. Dass er sich durchsetzte, sei wahrscheinlich der früh einsetzenden Polemik gegen die Juden zuzuschreiben, die Jesus als Messias, als Christus, strikt ablehnten. Und diese Ablehnung resultiere daraus, dass nichts, gar nichts eingetreten ist von dem, was vom Messias und der messianischen Zeit erhofft wurde – weder Tier- noch Völkerfrieden noch der im Magnifikat besungene Triumph: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebet die Niedrigen, die Hungrigen füllet er mit Gütern und lässt die Reichen leer“ (Lukas 1,46 ff).

Wie fast alle Neutestamentler hält Vermes fest, Jesus habe sich auch nicht als einzigartigen Gottessohn verstand. Der Vers Matthäus 11,27 („Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn denn nur der Vater …“) sei ein späterer hymnischer Text und Markus 13, 31 f („Auch der Sohn kennt nicht den Zeitpunkt, wo Himmel und Erde vergehen, nur der Vater kennt ihn“) soll die beunruhigende Wirkung über das Nichteintreffen der Ankunft des Menschensohnes abschwächen. Wie sich jüdische Charismatiker (Heiler) als Söhne Gottes bezeichnen, so könnte Jesus sich auch in diesem Sinne als Sohn Gottes gewusst haben. Oder auch, weil er ein intimes Verhältnis zu seinem himmlischen Vater habe.

Zusammenfassend sagt Vermes: Der Titel ‚Sohn Gottes‘  sei ursprünglich ein Auferstehungstitel (bei Paulus Römerbrief 1,4), dann ein Adoptionstitel (Taufe, besonders deutlich bei Markus 1,11), dann ein Geburtstitel (Matthäus und Lukas berichten ja Geburtsgeschichten, z. B. Lukas 1,32) und zum Schluss dieser Entwicklung ein präexistenter Titel (bei Johannes vor allem im Prolog). Die theozentrische Frömmigkeit bei Jesus wird spätestens ab Paulus von einer christozentrischen Frömmigkeit überlagert (mit der Vorstellung vom Sühnetod Christi, Gebete nicht nur zu Gott, sondern auch zu Christus, u.a.m.): „Viele Zeitalter sind vergangen, seit der einfache, jüdische Mensch der Evangelien in den Hintergrund trat, um für die prächtige und majestätische Figur des kirchlichen Christus Platz zu machen“ (Geza Vermes, Jesus, der Jude – ein Historiker liest die Evangelien, 1993, S. 274; vgl. auch Walter Homolka, Jesus von Nazareth im Spiegel jüdischer Forschung, Berlin/Teetz 2009; Der monotheistische Jesus ?- jüdische Jesusbilder und ihre …).

Das Gebet Jesu, das Vaterunser (Matthäus 6,9-13; Lukas 11,2ff), konnte und kann von jedem frommen Juden gesprochen werden. Es enthält im Vergleich zu den Gebeten seiner Zeit nichts Neues. Jesus erscheint hier implizit als Sohn unter Söhnen, die ihren himmlischen Vater um Vergebung ihrer Schuld bitten. Auch für den Islam, für den Jesus kein „Sohn Gottes“ ist, könnte das Gebet akzeptabel sein. Doch Christen haben hier ein Problem, wie das folgende Ereignis zeigt.

Das „Vater unser“ in Hessen

Im Oktober 2010 feierten Protestanten, Juden und Muslime in der Kirchengemeinde Seeheim an der Bergstraße am Erntedankfest  einen Gottesdienst – samt „Vaterunser“. „Es ist ein jüdisches Gebet, das von Jesus gesprochen wurde und das auch Muslime beten können“, so die Begründung. Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung sah das anders: „Das Vaterunser ist das Urgebet der Christenheit. Die Bibel nennt Jesus Christus als seinen Urheber“, hieß es in einer von der kirchlichen Pressestelle verbreiteten Erklärung. Wenn Muslime den Wortlaut mitsprächen, so verbänden sie damit andere Vorstellungen: „Das ist nicht schlimm. Aber dieses besondere Gebet gemeinsam zu beten, verschleiert die Unterschiede, die es eben auch gibt.“ Juden, Muslime und Christen sprächen unterschiedlich von und mit Gott, so Jung. Alle drei Religionen verträten drei Wahrheitsansprüche nebeneinander. „Das ist von allen anzuerkennen, und das verlangt Respekt voreinander.“ Ob es eine eindeutige Wahrheit gebe und eine der drei Religionen sie vertrete, könne – von außen betrachtet – niemand sagen. (Dürfen Juden und Muslime das Vaterunser beten …).

Der Gekreuzigte – erschienen und auferweckt

Für den jüdischen Glauben waren – und sind – individuelle Totenerweckungen vor der Endzeit befremdlich. „Warum wird es bei euch für etwas Unglaubwürdiges erachtet, wenn Gott Tote auferweckt?“ soll Paulus einst (laut Apostelgeschichte 26,8) in einer Verteidigungsrede gefragt haben.

Spuren von dem, was sich nach dem Tode Jesu ereignet hat, finden sich in dem von Paulus überlieferten wohl ältesten und historisch wichtigsten Text (1. Korinther 15,3-8). Demnach „erschien“ Jesus erst dem Kephas (Petrus), dann den Zwölfen, später „mehr als 500 Brüdern auf einmal“, ferner dem Jesus-Bruder Jakobus, „allen Aposteln“ und zuletzt auch Paulus selbst.

Der visionären Erfahrung folgt die Reflexion: warum musste er sterben?  Steht nicht geschrieben:

„Verflucht ist jeder, der am Holz hängt“ (5. Mose 21,23)? Antwort sucht man in profetischen Texten (Jesaja 53,3ff; Hosea 6,2), die man kühn auf Jesus hin deutet; „Für unsere Sünden gestorben, nach den Schriften“, „auferweckt am dritten Tag, nach den Schriften“. Über Ort, Zeit und Art der Erscheinungen äußert sich Paulus nicht. Auch ein „leeres Grab“ erwähnt er  mit keinem Wort.

Die ersten Dogmenbildungen sind gewiss auch Ergebnis der Trauerarbeit der frühen Jesusbewegung, die durch den plötzlichen und unerwarteten Tod ihres Meisters zutiefst erschüttert und verunsichert wurde. Die damalige Rede von Jesu Auferweckung verdient Achtung und Respekt. Mit ihr versuchten seine frühen AnhängerInnen, den Glauben an ihren Meister über dessen grausames Scheitern hinaus zu bewahren. Die Mythologisierung seiner Person ist zugleich auch Poesie und Dichtung der Jesusnachfolgenden. Sie  ist in der konkreten Situation und Zeit jeweils eine wichtige poetische Metapher. „Gegenstand des Glaubens kann nur sein, was durch die Mythologeme zur Sprache gebracht werden soll. Die christologischen Texte des Neuen Testaments  sind Liebesdichtung, und wer sie zum Dogma macht, handelt so, als wolle er ein Liebesbekenntnis in einen juristischen Vertragstext umwandeln“ (Gerd Theißen, Argumente für einen kritischen Glauben, München 1988, S. 110).

Liebe ohne Gewalt – „Gott braucht kein Sühnopfer“

Die christliche Vorstellung vom Sühnopfer Christi ist für den jüdischen Glauben befremdlich. Der schon früh als Opfer und Martyrium gedeutete Tod Jesu (vgl. Philipperbrief des Paulus, 2,8) ersetzte vor allem nach der Zerstörung des Tempels (70 n.Chr.)  mehr und mehr den jüdischen Kult und die durch ihn bewirkte Sühne. Hinzu kamen wichtige Motive und Symbole aus der Hebräischen Bibel, die auf Jesus hin gedeutet wurden: das stellvertretende Leiden des Gottesknechtes (Jesaja 53), das Bundesopfer (Exodus 24,8), Gedanken vom Loskauf oder das Osterlamm. Dadurch wurden Verbindungen zwischen dem jüdischen und hellenistischen kulturellen Gedächtnis einerseits und der Tragödie des Leidens und Sterbens Jesu andererseits hergestellt. Die Passion Jesu wurde zum in Gottesdiensten zelebrierten Kultdrama geworden.

Im 21. Jahrhundert wird die Sühnopfer-Theologie bis in kirchliche Leitungsebenen hinauf  mehr und mehr in Frage gestellt. „Ich halte nichts von Interpretationen des Kreuzestodes, die sich im Leiden suhlen“, sagte EKiR-Präses Nikolaus Schneider, 2009 in einem Interview für die April-Ausgabe von „chrismon plus rheinland“.  „Gott braucht kein Sühneopfer.“ Wohl aber bräuchten die Menschen die Botschaft vom Kreuz – „als Zeichen für Gottes Liebe und Solidarität, als Symbol für das Mitgehen Gottes mit uns durch den Tod.“ Ähnlich äußerte sich im selben Jahr der pensionierte Bonner Superintendent Burkhard Müller in Morgenandachten des WDR.

Der emeritierte Theologie-Professor Klaus Peter Jörns hatte schon in mehreren Büchern dazu aufgefordert, von der Sühnopfer-Theologie Abschied zu nehmen. Im Februar 2010 erklärte er dann im „Deutschen Pfarrerblatt“, ein „Muss“ für den Tod Jesu zu behaupten, sei „ein theologisches Konstrukt, das die Hinrichtung Jesu unbedingt als Heilsgeschehen deuten möchte“. Doch in solchemTrost stecke doch „die trostlose Botschaft, dass Gott nicht nur aus seiner Liebe heraus mit uns Menschen mitleidet, sondern nur auf dem Umweg über Jesu Tod“ – und dass „Gott Jesu Leiden instrumentalisiert hat, weil er so oder so Sühne will“. Überall auf der Welt werde nach Sühne gerufen, die aber dadurch nicht besser werde. „Immer wieder geschieht neues Unrecht, geschehen immer neue Übergriffe auf das Leben anderer. Dass das Christentum dafür eine Mitverantwortung trägt, ist evident und bedarf theologischer Konsequenzen.“

Bärbel Wartenberg-Potter, von 2001 bis 2008 Bischöfin von Holstein-Lübeck, erklärte 2011 –  ähnlich wie zuvor Nikolaus Schneider –  in der Oster-Ausgabe der nordelbischen „Evangelischen Zeitung“: „Gott braucht kein Sühneopfer.“ Sonst „brauchten wir Menschen sie erst recht, brauchten Sündenböcke und Opferungen“. Jesus habe hingegen habe gezeigt, dass der einzige Weg, Böses aus der Welt zu schaffen, nicht die Sühne durch gewaltsame Opfer sei, sondern das Verzeihen und die Umkehr. Der Gott Jesu wolle Versöhnungstaten statt Menschenopfer. Nach diesem Beispiel sollten auch die Menschen als Friedensstifter handeln.

„Rechtgläubige“ Theologen liefen Sturm gegen Wartenberg-Potter. Schon als Bischöfin sei sie eine Fehlbesetzung gewesen, sei „mehr feministische Humanistin als bibelgebundene Christin“ und habe wohl nicht verstanden, „mit welchem Gewicht die Sünde auf der Menschheit lastet“. Sie kämpfe „gegen ein verzerrtes Gottesbild“ und biete selbst kaum mehr als „das armselig flache Gottes-Konstrukt der Aufklärung“.

Ganz anders Matthias Kroeger, bis 1998 Professor für Kirchen- und Theologiegeschichte in Hamburg. Er  meinte schon 2004 in seinem Buch  Im religiösen Umbruch der Welt: Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche: „Noch die schönsten Weihnachtslieder und die tiefsten, unersetzlichsten Passionslieder sind von diesen inzwischen unwahr und kontraproduktiv gewordenen Absolutheits-, Genugtuungs-, Versöhnungs-, Präexistenz- und anderen Komplexen durchzogen und geraten daher – von Jahrfünft zu Jahrfünft – immer weiter ins Abseits. Es wird Zeit, dass den hier fälligen Revisionen Bewusstsein und Raum, kirchen-öffentlicher Raum für erklärte und legitime Freiheit gegenüber diesen Vorstellungen geschaffen wird.“

Eine solche Revision würde die Verbundenheit mit dem Judentum stärken. Den Dialog mit dem Islam könnte sie freilich kaum fördern. Der Koran (Sure 4,157f) bestreitet Jesu Kreuzestod. Er unterstellt den Juden Mordabsichten, „ doch ermordeten sie ihn nicht und kreuzigten ihn nicht, sondern einen ihm ähnlichen“, und letztendlich „erhöhte ihn Allah zu sich“ – will sagen:  statt eines gewöhnlichen Todes gestorben zu sein, ist er lebendig in den Himmel entrückt worden. Das wäre mit der Überlieferung des Prophetenbiographen Ibn Ishaq vereinbar, nach welcher Mohammed bei seiner Himmelsreise Jesus mit den übrigen im Koran genannten Propheten im Himmel angetroffen hat.“ (Ch. Schirrmacher: Der Islam, Bd. 2, Holzgerlingen 2003,S. 224).

Die Vergottung Jesu und der „Gottprotz“

In den ersten Jahrhunderten n. Chr. rückte zunehmende „christologische“ Mythisierung Jesus immer weiter vom Judentum weg – später auch vom Islam. Sie gewann zentrale Bedeutung ausschließlich für den christlichen Glauben und die christliche Identität. Jesus wird neben Gott gesetzt, ja unter  dem Einfluss der „hellenistischen“ Mittelmeerwelt vergöttlicht – in Ansätzen schon vor Paulus, wie seinem Philipperbrief (2,5-11) zu entnehmen ist.

 

Christliche Hardliner und Fundamentalisten halten mit der Endlosschleife des sonntäglichen Credos eisern an wortwörtlich verstandenen Glaubensformeln fest. Der jüdische Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti bemerkte in seinem Buch „Der Ohrenzeuge“ (1983) sarkastisch: „Der Gottprotz muss sich nie fragen, was richtig ist, er schlägt es nach im Buch der Bücher. Da findet er alles, was er braucht. Da hat er eine Rückenstütze. Da lehnt er sich beflissen und kräftig an. Was immer er unternehmen will, Gott unterschreibt es. Es soll ihm einer eine Frage sagen, auf die er keine passende Antwort fände“ (S. 87).

Angesichts des zunehmenden Biblizismus hielt es der Münchener Alttestamentler Prof. Christoph Levin 2006 für wichtig, „den jüdischen und den christlichen Glauben vor dem religiösen Fundamentalismus zu bewahren, der sich auf die Bibel wie auf einen papierenen Fetisch beruft.“ Reinhard Hempelmann, Leiter der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, formulierte 2013 empathischer:   „Unübersichtlichkeit provoziert die Sehnsucht nach Verlässlichkeit, nach Klarheit, nach Verbindlichkeit, auch nach Abgrenzung. Das für alle protestantischen Kirchen charakteristische Schriftprinzip wird in zahlreichen neuen freikirchlichen Gemeinschaftsbildungen zum Verbalinspirationsdogma gesteigert und gewissermaßen in den Rang des Bekenntnisses erhoben, um anfechtungsfreie Gewissheit herzustellen.“ (Fundamentalismusdebatte.de…).

Die Wertschätzung Jesu im Islam

Laut Koran gelten, Judentum, Christentum und eventuell auch andere Religionen als Vorläufer der islamischen Gemeinschaft, deren Glauben  sie – laut Mehrheitsmeinung – ebenfalls zu Gott führen könne. Neben zahlreichen Hadithen berufen sich Befürworter des Dialoges gern auf Sure 29,46: „Und streitet mit den Leuten der Schrift nie anders als auf eine möglichst gute Art“, auch auf Mohammeds respektvolle Glaubensgespräche mit Christen in Nadschaf.

Nach Auffassung einiger Theologen drückt das Wort Islam neben der Bezeichnung des konkreten Glaubenssystems auch eine Haltung der Gotteshingabe aus, die auch von Christen, Juden und anderen praktiziert werden könne. Insofern könne ein guter  Gottgläubiger auch dann Islam praktizieren, wenn er sich selbst nicht als Muslim im engeren Wortsinn verstehe.( Islam – Fragen und Antworten – Islamisches Zentrum München…)

Jesus – Gesandter Allahs und Zeichen der Barmherzigkeit

Im Koran heißt es: „Er sagte: Ich bin der Diener Gottes. Er hat mir die Schrift gegeben und mich zu einem Propheten gemacht“ (Sure 19:30). Der Koran äußert sich an vielen Stellen über Jesus, sein Leben und Wirken, und stellt ihn mit den großen Propheten der Religionsgeschichte in eine Reihe. Mehr noch als ein einfacher Prophet ist Jesus ein von Gott gesandter Religionsstifter, jedoch nicht Gottes Sohn. Mit der Jungfräulichkeit Marias wird auch seine göttliche Herkunft anerkannt (Sure 3, 45-48). Nur er wird sogar „Mahdi“ (Messias) genannt (Sure 5, 76.79). Am Ende der Zeit wird er als Messias zum Endgericht wiederkommen. Doch jede Vergöttlichung wird abgewehrt: „Oh Volk der Schrift, übertreibt nicht in eurem Glauben, und sagt von Allah nichts als die Wahrheit. Der Messias, Jesus, Sohn der Maria, war nur ein Gesandter Allahs und eine frohe Botschaft von Ihm.“ Es sei „fern von seiner Heiligkeit, dass er einen Sohn haben sollte“ (Sure 4,172).

Am 22. Dezember 2015 teilte die Islamische Religionsgemeinschaft Hessen (IRH) in einer Presseerklärung mit: „Die Geburt Jesu ist für uns Muslime ein besonderer Anlass für Freude, denn er gehört nach dem Koran zu den größten Gesandten, beziehungsweise Propheten Allahs.“  Der IRH-Vorsitzende Ramazan Kuruyüz betonte, Jesus und seine Geburt würden im Koran als Zeichen von Allahs Barmherzigkeit und Allmacht bezeichnet. Angesichts der Flüchtlingssituation – so die IRH – seien Muslime und Christen auf von Jesus und Mohammed vermittelte Werte wie Barmherzigkeit, Liebe und Mitgefühl angewiesen: „Wir stehen gleichermaßen in der Pflicht, den Menschen in Not beizustehen, mit ihnen barmherzig umzugehen und ihnen ein neues Zuhause zu geben. Das ist zugleich ein gesamtgesellschaftliches und religionsübergreifendes Gebot der Menschlichkeit.“ (Der Islam und die Geburt Jesu: EKHN Evangelische Kirche ..).

Interreligiöse Weihnachtslieder – Zustimmung und Widerspruch 

Am 22. Dezember 2014 war in „spiegel online“ zu lesen: „Politiker regen an, zum Zeichen der Solidarität mit Muslimen in Weihnachtsgottesdiensten ein Lied aus dem Islam zu singen. Erwähnt wurde der baden-württembergische SPD-Abgeordnete Thomas Funk, der zuvor in der „Bildzeitung“ erklärt hatte, Verständnis, Achtung und Toleranz ließe sich auch „mit einem Lied befördern“. Der Grünen-Politiker Omid Nouripour sagte auf eine Anfrage hin laut „Bild“: „Es wäre ein tolles Zeichen des friedlichen Zusammenlebens der Religionen, wenn in der Kirche ein islamisches Lied gesungen würde und in der Moschee ein Weihnachtslied.“

Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach war da bei „FOCUS online“ entschieden anderer Meinung: Weihnachten sei „kein Hochamt für Multikulti, sondern ein christliches Fest, bei dem traditionell nur christliche Weihnachtslieder gesungen werden. Dabei soll es bleiben.“ Ihm sei auch nicht bekannt, „dass in irgendeiner Moschee ,Stille Nacht, heilige Nacht‘ gesungen wird oder es entsprechende Pläne gibt. Bevor Herr Nouripour vorschlägt, dass der Muezzin zur Christmette ruft, hoffe ich sehr, dass es beim christlichen Glockenläuten bleibt.“

Auch die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner hatte Vorbehalte. „Ich kann mir nicht recht ausmalen, wie Muslime in der Moschee etwa das Lied ,Auf, Christen, singt festliche Lieder‘ singen“, sagte sie zu FOCUS Online. „Vielleicht muss man also nicht unbedingt etwas vermixen, das nicht wirklich zusammenpasst. Trotz guter Absicht, verrenken sollten wir uns nicht.“

Elias Canetti bemerkte in ähnlichen Zusammenhängen in seinem Buch „Der Ohrenzeuge“ (1983) sarkastisch: „Der Gottprotz traut der Vorvergangenheit und holt sie zu Hilfe. Die Finessen der Neuzeit sind überflüssig. Man kommt viel besser ohne sie aus. Sie machen nur alles komplizierter. Der Mensch will eine klare Antwort wissen, und eine, die sich gleichbleibt. Eine schwankende Antwort ist nicht zu gebrauchen. Für verschiedene Fragen gibt es verschiedene Sätze. Es soll ihm einer eine passende Frage sagen, auf die er keine passende Antwort hätte“ (S.87).

Die EKD reagierte flexibler, braucht sich vielleicht von dem Etikett Gottprotz nicht ganz so getroffen fühlen:  Die „uns allen vertrauten Weihnachtslieder“  mit der Botschaft vom Kind in der Krippe setzten „ein deutliches Zeichen gegen Ausgrenzung und Ausländerfeindlichkeit“. Im Übrigen unterstütze die Kirche „jede Möglichkeit, das friedliche Miteinander weiter zu befördern“, sagte der EKD-Sprecher.

 

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Amman Mazyek, schlug dagegen im Gespräch mit der „Katholischen Nachrichten-Agentur“ (KNA) als Lied für Weihnachtsgottesdienste „Tala‘a al-badru alayna” („Heller Mondschein leuchtet“) vor. Das wäre „ein wunderbares Zeichen des Friedens und der Anteilnahme“ – ebenso wie Gesang christlicher Lieder bei muslimischen Veranstaltungen.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) ging einen Schritt weiter als alle anderen. Er plädierte dafür, im Sinne des interreligiösen Dialogs auch den jüdischen Glauben einzubeziehen: Die Vertreter aller abrahamitischen Religionen könnten damit „ein gutes Zeichen“ setzen. (Islamische Lieder in der Kirche?: Bosbach: „Weihnachten ist …).

Der „Sohn der Maria“ – und „Gottes Sohn“?  

In der katholischen Kirche wird die Mutter Jesu als sündlose „Jungfrau Maria“ und – seit dem 5. Jahrhundert – als „Gottesmutter“ verehrt: ein unumstößliches Dogma. Die Präsidententochter und Theologie-Professorin Dr. Uta Ranke-Heinemann widersprach. Am 15. April 1987 bemerkte sie im Marienwallfahrtsort Kevelaer gegenüber dem WDR: „Viele Juden sind umgebracht worden, weil sie nicht an die Jungfrauengeburt glauben konnten. Und ich kann das auch nicht.“ Drei Monate später entzog ihr der Essener Bischof Franz Hengsbach  die Lehrerlaubnis für Katholische Theologie.1991 ereilte den Paderborner Privatdozenten Eugen Drewermann das gleiche Schicksal. Ein Jahrspäter erhielt er Predigtverbot, 2005 trat er aus der Kirche aus.

In der evangelischen Kirche hat Aufklärung eine größere Chance. Die Bischöfin Maria Jepsen sagte im Mai 2010 der „Tageszeitung“ (taz), mit  „Jungfrau“ solle ausgedrückt werden, „dass Jesus ein ganz besonderes Kind, ein Gotteskind, ist“. Diese Sicht trenne sie „klar von der katholischen und orthodoxen Auffassung, für die Maria sogar die immerwährende Jungfrau ist“. Das Glaubensbekenntnis könne sie gut nachsprechen: „weil ich die Glaubensaussage teile, dass Jesus von Anfang an von Gott gewollt, in die Welt geschickt und ein besonderer Mensch ist, der Himmel und Erde miteinander verbindet. Da interessiert mich die biologische Wertung überhaupt nicht.“  Nimmt man der Geburt Jesu nicht etwas von ihrer Schönheit? Die Wundervorstellung gehe dabei nicht verloren: „Nein, das Wunder ist, dass Gott seinen Sohn nicht in einem Palast hat zur Welt kommen lassen, sondern von einer einfachen Frau in einem kleinen Ort in Galiläa.“ (Zum Ganzen vgl. Christian Danz (Hg.), Zwischen historischem Jesus und dogmatischen Christus. Zum Stand der Christologie im 21. Jahrhundert, Tübingen 2010).

Ähnlich äußerte sich die ehemalige Bischöfin Prof. Dr. Margot Käßmann in einem Interview mit dem SPIEGEL (22.7.2013): „Da bin ich ganz Theologin des 21. Jahrhunderts. Ich glaube, dass Maria eine junge Frau war, die Gott vollkommen vertraut hat. Aber dass sie im medizinischen Sinne Jungfrau war, das glaube ich nicht. […) Ich denke, dass Josef  im biologischen Sinne der Vater Jesu war.“ In den „Westfälischen Nachrichten“ (14.12.2013) ergänzte sie: Maria sei zum Zeitpunkt ihrer Niederkunft de facto nicht verheiratet gewesen. „Jesus als uneheliches Kind, verehrt und gefeiert von einer Kirche, in der längst nicht jedes Kind willkommen ist.“ Unehelich? Oder doch nur vorehelich?

Irritierende Quellen – die ungeklärte Vaterschaft

Das Motiv einer Jungfrauengeburt Jesu fehlt in den ältesten Schriften des Neuen Testaments. Zur Zeit von Paulus existiert dieser Mythos gewiss noch  nicht – anderenfalls hätte er ihn nicht verschweigen dürfen. Nach seinem ca. im Jahr 55 geschriebenen Galaterbrief, (4,4) wurde Jesus „von einer Frau“ (griechisch gynaika) – nicht etwa Jungfrau – geboren: Er erwähnt sie ein einziges Mal – namenlos.

Das Evangelium nach Markus (das älteste, ca. 70 n .Chr.) erzählt, wie Jesus in seiner Heimatstadt abgelehnt wurde (6,1-6). Dabei wird er als „Sohn der Maria“ bezeichnet. Das ist höchst ungewöhnlich, da ein jüdischer Mann – ebenso wie ein nichtjüdischer im damaligen Kulturraum – normalerweise mit dem Namen seines Vaters verbunden wurde, selbst dann, wenn der Vater schon gestorben war. Einen Hinweis für die Annahme, „Sohn der Maria“ sei distanzierend oder abwertend gemeint, liefern die drei Evangelisten Matthäus, Lukas und Johannes, denen das Markusevangelium vorlag und die unabhängig voneinander „Sohn der Maria“ in „Sohn des Handwerkers“ bzw. (Matth. 13,55)„Sohn des Joseph“ (Luks 4,22; Joh. 1,45) änderten.

Die Bezeichnung Jesu als „Sohn der Maria“, die bereits in seinem Heimatort gegen ihn geäußert wurde, mag ursprünglich als Verhöhnung gemeint sein, als Schimpfwort:  Einen Mann nicht nach dem Vater, sondern nach der Mutter zu benennen, war in der damaligen Kultur Ausdruck für eine uneheliche Herkunft. Nur illegitime Söhne wurden damals nach der Mutter benannt. (Vgl. Die Jesusgestalt – zwischen Mythos und Geschichte ,   30.12. 2009.)

Ein Soldat namens Panthera…

Zu einer Annäherung an eine Antwort wird gelegentlich auf eine vom Philosophen Celsus zitierte Erzählung aus dem 2. Jahrhundert verwiesen: Ein römischer Soldat namens Panthera sei der leibliche Vater Jesu aus einer unehelichen Beziehung mit Maria. Die Legende in ihrer überlieferten Form ist Ausdruck jüdischer Polemik. Doch lässt sich nicht rekonstruieren, ob die Überlieferung der Geistzeugung Jesu und der Jungfrauengeburt eine Reaktion auf oder die Voraussetzung für den jüdischen Vorwurf der Nichtehelichkeit Jesu ist.  Jedenfalls steckt dieser Vorwurf bereits in der bei Markus überlieferten Bezeichnung Jesu als „Sohn der Maria“. Durch sie wird erst recht deutlich, warum spätere Christen die Lehre der Jungfrauengeburt überhaupt ausgebildet haben. Teilweise war sie offensichtlich die Reaktion auf die verleumderisch gemeinte, aber historisch zutreffende Nachricht, dass Jesus außerhalb einer Ehe gezeugt bzw. geboren wurde.

Maria im Schatten der Besatzungsmacht: Hatte sie eine kurze Liebesbeziehung zu einem römischen Soldaten – oder einem ganz anderen Mann. Wurde sie verführt? vergewaltigt? Die offensichtlich uneheliche  Zeugung Jesu zog in späteren Evangelien-Texten den Vorwurf des Adoptivvaters Joseph nach sich, Maria habe Jesus in Unzucht empfangen. Ein Engel erklärt seinen „Irrtum“. Hat Maria ursprünglich geschwiegen – aus Scham, Not oder Bedrängnis? „Sie erzählt nichts, ja, darf gar nichts von ihrer Schwangerschaft berichten. Vielmehr wird ihre Gebärmutter fortan – in Reaktion auf die feindliche pornographische Unterstellung – zum Ort einer Zeugung ohne Sexualität gemacht. Die Gynäkologie dient hier der Theologie zur Legitimation der göttlichen Herkunft und Herrschaft Jesu“ (Gerd Lüdemann, in: Die Weihnachtsgeschichten der Bibel – Kreudenstein online).

Von der „reinen Magd“ zur „Gottesmutter“

In der Theologiegeschichte wurde der Mythos der „Jungfrauengeburt“ in den Rang eines in der katholischen Kirche heute noch wortwörtlich verbindlichen Glaubensbekenntnisses erhoben. Um 200 n. Chr. fand er sich erstmals in Vorformen des späteren Apostolikums: „geboren von der Jungfrau Maria“. Die „heidnische“ Götterwelt mit ihren vielfältigen Göttinnen forderte die Christen heraus, Maria noch weiter zu erhöhen – bis hin zur seit dem 5. Jahrhundert für sakrosankt erklärten „Gottesmutter“:

„Heil dir, Maria, Gottes Mutter, erhabener, kostbarer Gemeinbesitz der ganzen Welt. Du nie verlöschende Lampe, du Krone der Jungfräulichkeit, du Zepter des wahren Glaubens, du unzerstörbarer Tempel, du Wohnung des Grenzenlosen, du Mutter und Jungfrau, durch die die Engel und Erzengel sich freuen, die Teufel in die Flucht gejagt werden, und die gefallene Schöpfung in den Himmel aufgenommen wird.“

Mit diesem heute noch gebräuchlichen Lobpreis verstand es Kyrill, Bischof von Alexandria, im Jahr 431 auf dem Konzil von Ephesus, Maria als „Gottesgebärerin“ zu verherrlichen.  Der blühende Marienkult mit seinen vielen Fest- und Gedenktagen nahm von hier seinen Ausgang. Aus Maria, der in Evangelien gepriesenen „reinen Magd“, wurde die erhabenste Himmelsherrscherin aller Zeiten. Noch also hat sich die Hoffnung von Thomas Jefferson (1743-1826) nicht erfüllt, der da sagte: „Es wird der Tag kommen, an dem die mystische Entstehung Jesu im Leib einer Jungfrau und mit dem höchsten Wesen als Vater in die gleiche Kategorie eingeordnet wird wie die Fabel von der Geburt der Minerva aus dem Kopf Jupiters.“

Maria als tröstendes Exempel

Die Schweizer Pastorin Luzia Sutter Rehberg hat aufgrund existentiellen Zugangs zum alten Mythos einen ganz neuen Zugang zu Maria gefunden: „Das wäre eine feministische Deutung, die auch heute sehr viele Frauen anspricht, die solche Dinge erlebt haben, also Vergewaltigungen z.B. Und denen dann plötzlich die ganze Jungfrau Maria-Geschichte unheimlich einfährt, weil sie merken, mein Gott, die hat das erlebt, was ich auch erlebt habe. Das sind Erfahrungen auch von Gemeindegliedern mit eigenen Kindern und eigenen Leben, die plötzlich theologisch zur Sprache kommen können. Und das allein hat schon einen großen Wert. Es geht ja nicht nur um den exegetischen Buchstaben, und  wer hat jetzt recht. Sondern immer auch um die Frage: Wie wirkt das, wie leben wir das menschlich aus“.

Luzia Sutter Rehberg hat auch als Predigerin beim Schweizer Radio ihre Erkenntnisse und Auffassungen darstellen können – mit beträchtlicher Zustimmung (Vgl. Die Jesusgestalt – zwischen Mythos und Geschichte , 30.12. 2009).

Distanz und Nähe – jüdische Stimmen

Die bedeutendste Annäherung an Marias Sohn Jesus verdanken wir in jüngerer Zeit neben Martin Buber Schalom Ben-Chorin.  Sein Ziel: Eine Annäherung an die reale Existenz von Marias Erdentagen diesseits von mythologischen Überhöhungen: „An keiner Gestalt des Neuen Testaments wird die griechisch-römische Verfremdung des hebräischen Erbes deutlicher als an der Mariens.“ Um sie wob man eine Wolke gewoben „aus Glaube, Liebe und Hoffnung, aus Mythos, Sehnsucht und archetypischen Vorstellungen, aus Weisheit und kindlicher Einfalt, aus Traum und Gebet.“ Schalom Ben-Chorin holt Maria auf den Boden palästinensischer Wirklichkeit zurück. Dabei geht es ihm darum, die vielfältigen Nebel und Schleier zu lüften, „um das jüdische Antlitz einer jungen Mutter aus Galiläa wieder deutlich zu machen“ (Schalom Ben-Chorin; vgl. MARIA – IM JUDENTUM UND ISLAM).

In den überlieferten Schriften jüdischen Denkens und Glaubens kommt Maria/Mirjam kaum vor. Als Gestalt  christlichen Heilsgeschichte bleibt sie dem Judentum fremd. Wenn  jüdische Autoren über sie schreiben, dann zwar weniger für eine jüdische als für eine christliche Leserschaft, doch entdecken manche in Marienbildern zutiefst menschliche Züge – so auch  Alisa Bach, Vorstands-Mitglied der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover. Sie meint: „Aus jüdischer Sicht ist Maria zwar keine Heilige, aber sie könnte durchaus dem Paradigma der „jüdischen Mutter“ entsprochen haben, die sich voller Selbstaufopferung um ihre überbehüteten und vergötterten Söhne kümmert. Als Jüdin, die in christlich geprägter Umgebung lebt, begegnet mir jedoch die christlich „verzauberte“ Maria in zahlreichen Gestalten: als florentinische Dame mit einem gut genährten Baby auf dem Schoß inmitten italienischer Landschaft, als schmerzensreiche Schutzgöttin von Faust’s Gretchen, als wundertätige Heilige im weihnachtlichen Dornwald und als Pieta über den leblosen Körper ihres erwachsenen Sohnes gebeugt – Sinnbild des unstillbaren Schmerzes aller Mütter, denen Mächtige und Gewalttätige die Kinder raubten. Was mich an Maria berührt ist weniger die christliche Geschichte einer Heiligen als vielmehr die in der europäischen Kultur vielfach erzählte menschliche Geschichte einer jungen, schönen Frau, die das Glück erlebt Mutter zu werden und schließlich das tragische Schicksal einer verwaisten Mutter durchleben muss“ (in:Was mir Maria bedeutet www.landeskirche-hannovers.de/evlka-de/presse-und-medien/frontnews, 19.12.2013).

P.S. Auch für den Islam ist das Wichtigste im Leben Marias, dass sie durch ein göttliches Wunder schwanger wurde und Jesus Christus zur Welt brachte. Die Ankündigung der Geburt Jesu und die Geburt selber werden geschildert in Sure 3,45-49; 19,16-35 und 66,12. Während Sure 3,47 mehr das Allmachtswort Gottes betont, erzählt Sure 66,12 davon, dass Gott von seinem Geist in Maria hineinblies. Jedoch ist Jesus im Koran und Islam Prophet, nicht Messias und noch weniger „Gottes Sohn“.

Intellektuelle Redlichkeit und kirchliche Wirklichkeit

Das Apostolikum – sonntäglicher Bekenntnis- und Basistext der Kirche – enthält Aussagen, die heute nicht nur unverständlich, sondern theologisch und historisch höchst fragwürdig sind. Jungfrauengeburt und Himmelfahrt gehören gewiss dazu.  Dennoch wird an ihm als dem „einigenden Band“ aller Kirchen eisern festgehalten. Eine Kirche, „die ihren Glauben derart unzureichend mit einem Formular aussagt, das über 1500 Jahre alt ist, stellt sich ein erschreckendes Armutszeugnis aus“, meinte der schwäbische Pfarrer Dr. Jochen Vollmer (1939-2014). Einer lebendigen Kirche bleibe nichts anderes übrig, als „den Exodus aus der vergangenen Bekenntnisform zu wagen“. Es sei mündigen Christen nicht zuzumuten, ihren Glauben mit den Worten des Apostolikums heute zu bekennen.

Ehrliche Aufklärung und intellektuelle Redlichkeit seien dringend notwendig, nicht die monopole Verwaltung der christlichen Wahrheit, sondern der offene Dialoge. Kirchliche Erwachsenenbildung müsse dazu beitragen, dass Christen und Christinnen „gemäß dem allgemeinen Priestertum aller Gläubigen zur eigenen Urteilsbildung fähig werden“ (in: Deutsches Pfarrerblatt 2 / 2002: Theologie ohne Tabus).

Wahrheit wird uns frei machen – so schwierig die Annäherung oft an sie ist und wie schwer sie oft auch zu erreichen ist. Manchmal ist auch hier Sokrates‘ Weisheit angebracht: „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ Würde die Kirche aber aus realer oder irrationaler Angst vor Bestandsverlusten bereits auf dem Weg der Wahrheitsfindung auf der Strecke bleiben, müßte man dem sarkastisch düsteren Urteil des großen Theologen Hans Conzelmann (1915-1989) weiterhin Recht geben: „Die Kirche lebt praktisch davon, das die Ergebnisse der wissenschaftlichen Leben-Jesu-Forschung in ihr nicht publik sind.“

Nikotin und schlechte Medizin können tödlich sein. Falsches Leben auch. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, meinte Theodor W. Adorno. Dagegen kann Aufklärung helfen – „der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel Kant). Dabei ist Angst ein schlechter Ratgeber. Auch hier ist Kants Vorschlag nützlich: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Hier hat die Kirche noch Nachholbedarf.