Das Tagebuch der Menschheit

Guenter Hegele    7. Februar 2017    Kommentare deaktiviert für Das Tagebuch der Menschheit

Arel van Schaik & Kai Michel

Das Tagebuch der Menschheit

Was die Bibel über unsere Evolution verrät

Inhalt

Einleitung 7
TEIL 1
GENESIS: ALS DAS LEBEN SCHWIERIG WURDE 35
1Adam und Eva: Der wahre Sündenfall
2 Kain und Abel: Die Geburt der Gewalt 78
3 Menschensöhne, Gottessöhne: Delikate Verwandtschaft 88 4 Die Sintflut: Der Zorn Gottes 96
S Der Turmbau zu Babel: Todesfällen 126
6 Die Patriarchen: Familienzwist bei Abraham & Co. 133

TEIL 2
MOSE UND DER EXODS: VOM WERDEN DES EINZIGEN 157
7 Mose: Gottes Wille wird Gesetz 160
8 Jahwe: Der Gott mit den zwei Leben 212
9 Das murrende V… olk: Der Protest der ersten Natur 230 10 Die Lehre des Exodus: Das Erbe der Tora 251

TEIL 3
KÖNIGE UND PROPHETEN: DIE MORAL WIRD GÖTTLICH 259
11 Richter und Könige im Gelobten Land: Gott macht stark 262
12 Die Propheten: Gottes Wort in Menschenmund? 283 13Wie kann ein guter Gott Böses tun? Über himmlische Moral 298

TEIL 4
VON PSALMEN UND SCHRIFTEN: DER ZWEITE GOTT DER BIBEL 3 17
14 Die Psalmen: Mein Gott! 320
15 Hiob: Wie Gott in Teufels Küche kam 336 16 Daniel: Die Entdeckung des Jenseits 350

TEIL 5
DAS NEUE TESTAMENT: HOFFNUNG AUF ERLÖSUNG 373
17Jesus von Nazareth: Wird Gott Mensch? 377
18 Als Jesus im Himmel blieb: Die Geburt des Christentums 426
19 Das Buch der Natur: Gottes zweite Bibel 451

Epilog 477
Danksagung 489
ANHANG 49 1
Anmerkungen 491
Literatur 518
Register 551
Inhaltsverzeichnis dieser Zitateauswahl am Ende dieses Textes.

 

2  Kain und Abel:Die Geburt der Gewalt

Im Paradies hat das Unheil seinen Anfang genommen; jetzt nimmt es Fahrt auf. Kain bringt Abel um, die Sintflut kostet Millionen Menschen das Leben, und der Turmbau zu Babel gerät zum monumentalen Fehlschlag. Die Genesis stolpert von einer Katastrophe zur nächsten, Gott als Master of Desaster mittendrin.

Ist das nicht merkwürdig? Eine göttliche Schöpfung sollte doch keine Welt hervorringen, in der Brüder sich nach dem Leben trachten und Gott die Menschen das Fürchten lehrt. Dort sollten die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Löwen Stroh fressen; so verheißt das der Prophet Jesaja. Aber nein, jenseits von Eden geht es drunter und drüber.

Wir sehen uns veranlasst, die Schreckensszenarien, mit denen die Bibel gleich zu Beginn aufwartet, als Indiz für ihren Realitätsgehalt zu werten. Solch eine schwere Hypothek bürdet niemand freiwillig seinem Gott auf. Hinter den Episoden stecken  Geschehnisse,  die von den Bibelautoren nicht ignoriert werden konnten. Wie sich zeigen wird, korrespondiert die biblische Urgeschichte erstaunlich eng mit der tatsächlichen Urgeschichte, mit der Zeit, als die Menschen nicht mehr als Jäger und Sammler umherstreiften, sondern fest an einem Ort lebten. Präzise werden Kernprobleme des neuen Daseins fokussiert. Dass Mord – und dann noch unter Brüdern – das erste berichtenswerte Ereignis jenseits des Paradieses wird, ist die geradezu schicksalhafte Konsequenz  der neuen Verhältnisse.

 

78 Teil  I  Genesis:  Als das Leben  schwierig  wurde

Mord unter Brüdern

Die Geschichte ist schnell erzählt: Kain, der Ackermann, brachte Gott ein Opfer von den Früchten des Feldes dar. Sein jüngerer Bruder Abel, der Hirte, tat das Gleiche mit den Erstlingen seiner Herde und deren Fett. «Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an.» Darüber geriet Kain in Wut, und obwohl Gott ihn zu beschwichtigen versuchte, lockte er seinen Bruder aufs Feld und schlug ihn tot. Dafür wurde Kain von Gott verflucht und zu einem rastlosen Leben verdammt. Um ihn dennoch zu schützen, versah er ihn mit  einem  Zeichen: dem Kainsmal. Sollte sich jemand an ihm vergreifen, dann sollte das «siebenfach gerächt» werden. «So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Land Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.» Er wurde Stammvater eines erfolgreichen Geschlechts.

Fragen drängen sich auf: Trägt Gott nicht eine Teilschuld an der Bluttat? Beide Brüder ehrten ihn. Hätte er beide Opfer angenommen, wäre nichts passiert. Wieso musste er Kain brüskieren? Der ist schließlich der Erstgeborene. Fängt man erst einmal an, sich über Gott zu wundern, tauchen weitere  Fragen  auf: Warum  bevorzugte er Abel, ließ es dann aber geschehen, dass dieser erschlagen wurde, und bestrafte den Mord so nachsichtig?   .

Verständlich, dass die Bibelexegeten sich schwertaten.1 Weil Gott nun mal über jeden Verdacht erhaben sein sollte, vermuteten Rabbiner und Theologen, mit Kains Opfer sei etwas nicht in Ordnung gewesen. Viele Interpreten unterstellten ihm, er sei geizig gewesen. Andere brachten den Satan ins Spiel. Der, und nicht Adam, sei Kains tatsächlicher Vater gewesen, was dessen Opfer für Gott inakzeptabel gemacht habe.2

Heute wird aus religiöser Perspektive gemutmaßt, die Geschichte solle illustrieren, dass Gott auch mit den  Sündern  Erbarmen habe.3 Vollends überzeugend ist das nicht. Kaum zwei Bibelseiten später wird derselbe Gott die Menschheit in einer Flut ertränken – für  lässlichere  Sünden  als  Brudermord.  Barmherzigkeit  zählt im Pentaech nicht zu den Stärken Gottes.

2  Kain und Abel: Die Geburt der Gewalt 79

In der Genesis werde die    «Verheißungslinie <Israel> oft übeer den jüngeren Bruder und nicht über den sonst bedeutenden Erstgeborenen fortgesetzt». Damit hätten die Bibelautoren zeigen wollen, dass «Erstlingstum», die Erwählung durch Gott, eine bewusste Entscheidung gewesen sei und nicht einfach die automatische Bevorzugung des Älteren. Dahinter stecke der Geltungsanspruch des Volkes Israel, so Hensels These, sich «inmitten der Vielzahl teils größerer, älterer und kulturell dominierender Nationen» zu behaupten, «sich mit dem großen Bruder, nämlich den es umgebenden Völkern» zu arrangieren.7 Im Falle Abels verheißt eine solche Identifikation nichts Gutes: Abel war zwar Gottes Liebling, umgebracht wurde er trotzdem. So mussten die Israeliten iltre Herkunft auf den Drittgeborenen Set zurückführen.8 Auch wenn wir dieser Erklärung nicht folgen mögen, ist die ihr zugrundeliegende Beobachtung wichtig: Mit den jüngeren Söhnen hat es etwas Besonderes auf sich.

80 Teil   I  Genesis: Als das Leben  schwierig   wurde

Lösung gibt. Wenn das Land unter mehreren Erben immer wieder geteilt wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Felder und Weiden zu klein sind für eine rentable Existenz. Also lautet die Lösung, die sich vielerorts etablierte: Einer bekommt alles. Die Patriarchen haben daran das größte Interesse: Bleibt der Besitz in der Hand eines Erben, kann der besser in der Konkurrenz mit den Nachbarn bestehen und reproduktiv erfolgreich sein. Doch da gibt es ein Problem: Die Geschwister gehen leer aus. In einer einzigen Generation wird eine ganze Klasse besitzloser Menschen geschaffen.9 Trotzdem  setzte sich diese Maxime durch – und der Gott der hebräischen Bibel wirp auf der Seite des neuen Rechts stehen.

Und wie immer, wenn Mismatch im Spiel ist, rebelliert unsere erste Natur: Das Privilegieren Einzelner widerspricht den angeborenen Jäger-und-Sammler-Präferenzen, die auf Teilen, Egalität und Kooperation zielen. Wir empfinden es als höchst ungerecht, wenn Einzelne übermäßig bevorzugt werden. Es sei denn, wir sind es selbst, die dvon  profitieren.

Warum wählte Gott den falschen?

Gott handelte also nach der neuen Praxis. Nur begünstigte er den Falschen. Kain war der Ältere. Er war der Erbe. Das zeigt schon die Arbeitsteilung: Kain war Bauer, der künftige Landbesitzer. Abel dagegen  verrichtete  die niedere Arbeit  eines  Hirten  und  hütete die Schafe-

2  Kain und Abel: Die Geburt der Gewalt 81

Pentateuch nicht zu den Stärken Gottes. Und wenn Interpreten die Geschichte als eine anthropologische «Wesensaussage» der Bibel über den Menschen werten, der eben «auch Kain und Abel» sei,  also sowohl Täter als auch Opfer sein könne,4 wirft das vor allem eine neue Frage auf: Warum hat Gott die Menschen so voller Widersprüche erschaffen?

Es wurde auch angenommen, es handle sich um eine ätiologische Erzählung über die Herkunft der nomadischen Keniter.5 Oder um eine Erklärung, warum das Opfern erstgeborener Tiere so wichtig sei.6 Aber braucht es dafür gleich eine Geschichte von Mord und Totschlag am Anfang aller Tage? Die Vermutung des Theologen Benedikt Hensel ist da interessanter. Er glaubt, ein erzählerisches Motiv entdeckt zu haben: In der Genesis werde die «Verheißungslinie <Israel> oft übjt den jüngeren Bruder und nicht über den sonst bedeutenden Erstgeborenen fortgesetzt». Damit hätten die Bibelautoren zeigen wollen, dass «Erstlingstum», die Erwählung durch Gott, eine bewusste Entscheidung gewesen sei und nicht einfach die automatische Bevorzugung des Älteren. Dahinter stecke der Geltungsanspruch des Volkes Israel, so Hensels These, sich «inmitten der Vielzahl teils größerer, älterer und kulturell dominierender Nationen» zu behaupten, «sich mit dem großen Bruder, nämlich den es umgebenden Völkern» zu arrangieren.7 Im Falle Abels verheißt eine solche Identifikation nichts Gutes: Abel war zwar Gottes Liebling, umgebracht wurde er trotzdem. So mussten die Israeliten ikre Herkunft auf den Drittgeborenen Set zurückführen.8 Auch wenn wir dieser Erklärung nicht folgen mögen, ist die ihr zugrundeliegende Beobachtung wichtig: Mit den jüngeren Söhnen hat es etwas Besonderes auf sich.

Jede Interpretation des Brudermords muss sich vier Fragen stellen: Warum bevorzugte Gott nur einen Bruder? Wieso wählte er mit Abel den Spätgeborenen? Warum tötete Kain seinen Bruder? Und wieso ließ Gott den Mörder davonkommen?

80 Teil   I  Genesis: Als  das  Leben  schwierig wurde

Warum bevorzugte Gott nur einen?

Warum schenkte Gott bloß Abel seine Gunst? Weil er eine Wahl treffen musste. Das Gesetz der neuen Welt jenseits des Paradieses verlangte es so: Es konnte nur einen geben. Angesichts des Reproduktionserfolgs, den die Landwirtschaft den Menschen bescherte, wurden die fruchtbaren Böden knapp. Damit tauchte ein in diesen Dimensionen vorher unbekanntes Problem auf: Wie gebe ich Besitz weiter? Auch das ist ein Mismatch-Phänomen, für das es keine gute Lösung gibt. Wenn das Land unter mehreren Erben immer wieder geteilt wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Felder und Weiden zu klein sind für eine rentable Existenz. Also lautet die Lösung, die sich vielerorts etablierte: Einer bekommt alles. Die Patriarchen haben daran das größte Interesse: Bleibt der Besitz in der Hand eines Erben, kann der besser in der Konkurrenz mit den Nachbarn bestehen und reproduktiv erfolgreich sein. Doch da gibt es ein Problem: Die Geschwister gehen leer aus. In einer einzigen Generation wird eine ganze Klasse besitzloser Menschen geschaffen.9 Trotzdem  setzte sich diese Maxime durch – und der Gott der hebräischen Bibel wirp auf der Seite des neuen Rechts stehen.

Und wie immer, wenn Mismatch im Spiel ist, rebelliert unsere erste Natur: Das Privilegieren Einzelner wtclerspricp.t den angeborenen Jäger-und-Sammler-Präferenzen, die auf Teilen, Egalität und Kooperation zielen. Wir empfinden es als höchst ungerecht, wenn Einzelne übermäßig bevorzugt werden. Es sei denn, wir sind es selbst, die davon profitieren.

Warum wählte Gott den falschen?

Gott handelte also nach der neuen Praxis. Nur begünstigte er den Falschen. Kain war der Ältere. Er war der Erbe. Das zeigt schon die Arbeitsteilung: Kain war Bauer, der künftige Landbesitzer. Abel dagegen  verrichtete  die niedere Arbeit  eines  Hirten  und  hütete die

2  Kain und Abel: Die Geburt der Gewalt 81

Weit weg  vom Paradies

Es ist der Schlüssellochblick auf das soziale Chaos, der die Kain und-Abel-Episode so wertvoll macht. Die eigentumsbasierte Gesellschaft setzte Konkurrenz, Ungleichheit und Gewalt in die Welt. Darauf waren die Menschen nicht vorbereitet. Evolutionsgeschichtlich betrachtet geschah das in kürzester Zeit; emotionale Anpassungen waren nicht möglich. Die neuen Regeln standen gegen die alten, angeborenen Gefühle; das Recht des Stärkeren erlebte seine Wiederauferstehung. Wie in einer klassischen Tragödie kollidierten die Prinzipien. Wir nennen das Mismatch. Konfusion in höchstem Maße ist die Folge.

Die Geschichte von Kain und Abel findet sich in der Bibel an  der richtigen Stelle: Der Bruderkonflikt tritt als Folge des Sesshaftwerdens mit fast naturgesetzlicher Logik auf. Das trifft die Familien mitten ins Herz. Die alten Verwandtschaftsbindungen zerreißen; die Nächsten drohen von zentrifugalen Kräften in alle Windrichtungen verstreut zu werden. Kain verschlägt es ins Land Nod. Weit weg vom Paradies.

Kain und Abel: Die Geburt der Gewalt 87

4   Die  Sintflut: Der Zorn Gottes

«Als aber der HERR sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte.»  Die Bibel sieht keinen Anlass, den göttlichen Entschluss, eine Sintflut über die Erde kommen zu lassen, im Detail zu begründen. Dabei hätten uns die guten Hintergründe schon interessiert. Was hatten die Menschen verbrochen, dass Gott in seiner Verzweiflung nur noch eine Lösung sah: das Wasser vierzig Tage und vierzig Nächte fließen zu lassen, bis alles Leben auf der Erde ertränkt war? Keine Frage, die Geschichte von der Sintflut ist eine der verstörendsten  der Bibel.

Natürlich, einer kam davon. Noah. Gott hatte ihn gewarnt. Ihm aufgetragen, eine Arche zu bauen, seine Familie sowie von jeder Tierart ein Pärchen an Bord zu nehmen. Aber das ändert nichts am Grundtatbestand. Wenn die Sintflut sich so abgespielt haben sollte, wie‘ von der Bibel kolportiert, dürften sich ihre Opfer, schätzt der Evolutionspsychologe Steven Pinker, auf zwanzig Millionen Tote summiert haben. 1 Von all den Tieren, die für die Sünden der Menschen sterben mussten, gar nicht zu reden.

Wie schon die ganze biblische Urgeschichte hindurch: jenseits von Eden scheint es drunter und drüber gegangen zu  sein. An keiner Stelle aber führt die Genesis drastischer vor als in der Sintflut-Episode, wohin das Fehlverhalten der Menschen führen kann: Gottes Zorn kommt über sie. Wie Zeus Blitze schleudert, schickt Gott Katastrophen. Und von vereinzelten Ausnahmen abgesehen:  Er kennt kein Pardon.

96 Teil I Genesis: Als das Leben schwierig wurde

Hier drängen sich Fragen auf: Wieso eigentlich glauben die Menschen, dass Gott sie bestraft? Heute wird viel von göttlicher Liebe und Barmherzigkeit gesprochen. Am Anfang der Bibel ist davon wenig zu spüren. Dass er Noahs Familie überleben lässt, macht die Sache kaum besser. Und vor allem: Wieso glaubten die Menschen, dass ihr Tun so schlimm gewesen sein könnte, dass Gott Anlass gehabt hätte, sie zu züchtigen, zu quälen oder sogar ganz von der Erde zu tilgen?

Diese Fragen zu beantworten heißt, der menschlichen Psychologie auf den Grund zu gehen und zu erkunden, was uns überhaupt zu religiösen Wesen macht. Die Geschichte von der Sintflut wird uns zu einem neuen Verständnis der kulturellen Evolution der Religion verhelfen.

«Big Brother in the  Sky»

Uns mag der Hinweis mancher  Exegeten  nicht  überzeugen,  dass im Zusammenhang mit der Sintflut vom Zorn Gottes keine Rede sei.2 Welche Emotionen sollten ihn denn sonst bewegt haben, die Menschheit auszulöschen? Zorn gehört nun mal zu seinen hervorstechendsten Eigenschaften – den Theologen ist er eher unangenehm. Noch im Jahr 2009 beklagte der Bibelwissenschaftler Jörg Jeremias, dass es «bis heute keine befriedigende exegetische Monographie zum Zorn Gottes»  gebe. Der sei «bei der Mehrzahl der Theologen ein ungeliebtes Thema, das man gern weit in den Hintergrund drängt, um sich nicht mit ihm auseinandersetzen zu müssen».3 Das Verdrängen muss harte Arbeit sein: Im Alten Testament finden sich sage und schreibe an die 390 Belege für den substantivischen und 130 für den verbalen Gebrauch göttlichen Zorns.4

Auch den Gläubigen ist er nicht geheuer. Der gewalttätige Gott passt so gar nicht zu dem, was sie sich heute von der Religion wünschen: Gott soll trösten, die Angst vor dem Tod nehmen, über die Kontingenzen  des  Lebens  hinweghelfen  und  ein  Gefühl  der Geborgenheit geben.

4  Die Sintflut: Der Zorn Gottes 97

Das war der damalige Gott!

das der britische Philosoph Jeremy Bentham (1748-1832) als perfektes Gefängnis entworfen hat: Um einen Wachturm herum zieht sich ein ringförmiges Gebäude, dessen Zellen nach innen geöffnet sind, damit ein einziger Aufseher jeden Gefangenen ständig im Blick haben kann. Michel Foucault hat dem Bentham’schen Panopticon mit Überwachen und Strafen zur Berühmtheit verholfen .14 Ist die Erde also nichts anderes als ein Kerker mit Gott als ultimativem Gefängniswärter?

Was  ist Religion?

Wir dringen hier zum Kern einer Frage vor, die keineswegs abschließend beantwortet ist. Im Gegenteil. An Definitionen, was Religion sei, herrscht kein Mangel. Jared Diamond listet in seinem Buch Vermächtnis sechzehn verschiedene auf, um dann eine siebzehnte, seine eigene, zu präsentieren. Wir zitieren sie hier, weil uns ihre, von Diamond selbst konstatierte Komplexität, anschaulich macht, mit was für einer vertrackten Materie wir es zu tun haben:

Religion ist eine Gruppe von Merkmalen, die eine soziale Gruppe von Menschen, welche diese Merkmale gemeinsam haben, von anderen Gruppen abgrenzt, die diese Merkmale nicht in genau in der gleichen Form besitzen. Zu diesen gemeinsamen Eigenschaften gehört immer mindestens eines von drei Merkmalen, oft aber auch alle drei: Erklärung von  Übernatürlichem,  Entschärfung von Ängsten vor unkontrollierbaren Gefahren durch  Rituale,  und Trost für die schmerzhaften Seiten des Lebens und die Aussicht auf den Tod. Außer in der Frühzeit dienten Religionen auch dazu, eine standardisierte Organisation, politischen Gehorsam, Toleranz gegenüber Fremden, die zur gleichen Religion gehören wie man selbst, und die Rechtfertigung von Kriegen gegen Gruppen mit anderen Religionen zu fördern.15

100 Teil  I  Genesis:  Als das Leben  schwierig wurde

Diamonds Definition führt vor Augen, was Religion, wie wir sie heute verstehen, in jedem Fall ist: das Ergebnis eines langen, nicht immer zielgerichteten historischen Prozesses. Religion ist eben keine über den Zeiten stehende, ewig gleiche Entität. Sie ist ein Produkt der kumulativen kulturellen Evolution, ein komplexes Amalgam verschiedener Elemente, ein «kulturelles Paket» von Glaubensformeln und Praktiken. 16

Die Funktionen von Religion haben sich im Laufe der Jahrtausende genauso verändert  wie  ihre Zuständigkeitsbereiche.  Viel zu oft wird das Verständnis dessen, was Religion sein könnte, im Heute gewonnen und ins Gestern und Vorgestern zurückprojiziert. Doch Gott hat in modernen Tagen  andere Aufgaben zu erledigen  als damals, als er seine himmlische Karriere antrat, und -erst recht – als in jenen Tagen, in denen er versuchte, die Menschheit in einer gigantischen Flut zu ertränken.

Vergegenwärtigen wir uns die Evolution der Religion: Als Ausgangspunkt ist die Religiosität anzusehen; sie stellt das biologische Substrat dar und ist Teil unserer ersten Natur. Dass sie den Homo sapiens schon seit Äonen begleitet und damit als menschliche Universalie verstanden werden kann, steht außer Zweifel.  Der  Glaube an übernatürliche Wesen wird von vielen Wissenschaftlern als Nebenprodukt kognitiver Funktionen des Gehirns verstanden, die dazu dienen, «auf Ursachen, Abläufe und Absichten zu schließen, Gefahren vorherzusehen und kausale Erklärungen mit einem Vorhersagewert zu formulieren».17

Kinder neigen pesonders dazu, «Überlegung und Zweck in übertriebener Weise auf Aspekte der Natur zu übertragen». 18 Sie sind überzeugt, alles -von den Tieren bis zu Sonne, Mond und Sternen – sei von jemandem zu einem bestimmten Zweck erschaffen worden; hinter jedem Geschehen steckejemand, der etwas im Schilde führe. Nicht an übernatürliche Wesen zu glauben muss erst erlernt werden.19 Wir kommen darauf zurück.

Religiosität ist zwar angeboren, ihre individuelle Ausprägung von Mensch zu Mensch jedoch unterschiedlich, denn sie ist nicht zuletzt

4  Die Sintflut: Der Zorn Gottes 101

Kosten der Gesellschaft, schöpften die produzierten Überschüsse ab und sicherten damit ihre despotische Herrschaft. Da liegt die Vermutung nahe, dass sich die Machtkonzentration unter den Geistern parallel zur Machtkonzentration unter den Menschen vollzog. Die einen sicherten die Herrschaft der anderen. Mit den «Big Men» kamen die «Big Gods» – wie auf Erden so im Himmel.32

Aber es muss noch einen anderen Grund geben, warum plötzlich Götter auftauchten, die sich für das Wohlverhalten der Menschen interessierten. Moralisches Monitoring und  Herrschaftslegitimation haben sicher den Erfolg der Götter gefördert, aber sie verhalfen ihnen nicht zum großen Auftritt. Die Bibel bringt uns da auf  eine andere Idee. Auf eine Annahme, die grundlegend ist für das Verständnis menschlicher Kultur. An keiner Stelle lässt sich so gut erkennen, wie das mit den Göttern wirklich war, wie an jener, wo einer von ihnen unvorstellbare Wassermassen über die Menschheit schwappen ließ. Tauchen wir ein in die Sintflut.

Die Entdeckung der Schuld

Es überrascht schon, wie schnell Gott es bereute, «dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden». Zwar hatte  er bereits  mit Adam und Eva wie mit dem Brudermörder Kain Enttäuschungen erlebt, aber dafür, dass er seine Schöpfung kurz zuvor noch als «shr gut» taxiert hatte, bekümmerten ihn seine Geschöpfe erstaunlich schnell. Es brach geradezu aus ihm heraus: «Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe.» Ist das Drücken der Reset-Taste nicht Gottes Eingeständnis seines völligen Scheiterns?

Jedes Kind weiß, was folgt. Gott ließ es vierzig Tage lang regnen; die Brunnen in der Tiefe öffnete er sicherheitshalber gleich auch. Allein mit Noah hatte Gott Erbarmen. Der durfte eine Arche  bauen,

106 Teil I Genesis: Als das Leben schwierig wurde

seine Familie an Bord nehmen und von allen Tieren ein Pärchen, auch wenn da die biblischen Angaben schwanken. Alles andere Leben auf Erden fand in den Fluten den Tod. Von Michelangelo (1475-1564) bis Gustave Dore (1832-1883) nahmen sich Künstler des Geschehens an: Voller Hingabe malten sie, wie sich die Menschen in ihrer Verzweiflung an Felsspitzen klammerten oder auf die höchsten Bäume flohen.

>>>>>Zarten Gemütern setzt die Sintflut-Geschichte noch immer zu. Für Anna, die damals siebenjährige Tochter eines der Autoren dieses Buches, war die Episode Anlass, die Kinderbibel nicht mehr weiterzulesen. Weil sie diesen Gott nicht verstand. Wie konnte er nur alle Menschen ertränken? Babys! Meerschweinchen! Die waren doch unschuldig. Wieso hatte Gott denn überhaupt die Welt gemacht, wenn er sie gleich wieder kaputt machte?

Auch hier wieder: All jene, die in der Bibel mehr als ein Konvolut antiker Texte sehen, nämlich das Wort Gottes,  sind  seit jeher  auf der Suche nach Motiven, die Gott vom Verdacht des Jähzorns und der Willkür reinwaschen könnten. Wer will schon einen Choleriker anbeten? Schuld wurde deshalb oft den Gottessöhnen gegeben, die sich unmittelbar vor der Sintflut mit den Menschenfrauen verlustierten. Oder hatten die Frauen die Engel verführt und damit das Unglück auf die Menschheit  herabbeschworen? 33  Schließlich  gab es auch Exegeten, die behaupteten, das sei ja alles nicht so gemeint gewesen: Wie schon Petrus im Neuen Testament anklingen ließ, sei die Sintflut metaphorisch zu verstehen und als Urbild der Taufe zu deuten.34 Hier wie dort wird Wasser dazu benutzt, um die Menschheit vom Bösen reinzuwaschen. Ist das überzeugend?

Der historische Kern

Auch hier wieder: So eine Geschichte hängt niemand freiwillig seinem Gott an. Da muss es reale Vorbilder gegeben haben. «Hochwasser   gehören  zu  den  häufigsten   und   folgenreichsten   Natur-

4  Die Sintflut: Der Zorn Gottes 107

katastrophen auf der Erde», sagt der Geograph Jürgen Herget. «Sie entstehen in allen Naturräumen zu allen Zeiten.»35 Weltweit sind mehr als 250 Geschichten aus alten Kulturen überliefert,  in denen es um mächtige Fluten geht.36 Besonders die Hochkulturen, die sich vom Nil über Euphrat und Tigris bis hin zu Ganges, Gelbem Fluss und Jangtsekiang an den großen Strömen entwickelten, waren   in das kulturelle Gedächtnis des Vorderen Orients eingeschrieben. Solch eine Megakatastrophe konnte die Bibel nicht unberücksichtigt lassen.

Seit Jahrzehnten sind Archäologen und Geologen auf der Suche nach Megahochwassern, die ein Vorbild für die biblische Sintflut gewesen sein könnten. Dabei gerieten archäologisch nachgewiesene Überflutungen in und um Ur (4.Jahrtausend  v. Chr.), Schuruppak (ca. 2800 v. Chr.) und Kisch (ca. 2600 v. Chr.) in den Fokus. Vor allem  die  sogenannte Schwarzmeerflutung  wird  diskutiert  (ca. 5600 v. Chr. oder früher).37 Manche vermuten sogar, dass das biblische Eden überflutet worden sein könnte  und  seither auf dem Grund  des Persischen Golfs liege.38 Als Ursachen solcher Katastrophen werden Meteoriteneinschläge, Vulkanausbrüche oder Tsunamis in Erwägung  gezogen.

Die biblische Sintflut-Episode basiert, wir erwähnten das schon, auf mesopotamischen Vorlagen.39 Wo aber im Gilgamesch- und im Atramhasis-Epos eine ganze Schar Götter am unheilvollen Werk war, ist in der hebräischen Bibel nur noch ein Gott verantwortlich. In der ältesten Version, dem Atramhasis-Mythos, sollten die Menschen nicht wegen ihrer Sündhaftigkeit vernichtet werden. Überbevölkerung war der Grund: Sie machten den Göttern zu viel Krach. Zunächst versuchten diese, dem Ärgernis durch Plagen  wie  Dürren und Hungersnöte beizukommen. Erst als sie damit nicht die gewünschte Wirkung erzielten, griffen die Götter zum ultimativen Mittel der Flut.

Die Fülle der Flut-Erzählungen erlaubt den Schluss: die Sintflut war real. Vielleicht waren es auch mehrere. Sicher nicht in den biblischen Dimensionen. Doch eine große, zerstörerische  Flut  ist ein  historisches  Faktum.  Die  Erinnerung  an  sie hat  sich  tief ins (Gedächtnis der Menschen eingegraben).

108 Teil  I  Genesis:  Als das  Leben schwierig wurde

Am Anfang war also die Flut. Ein gewaltiges Ereignis von  großem Erklärungsbedarf. Alle Versuche, zu begründen, warum die Götter sie wohl geschickt haben mochten, waren nachträgliche Rationalisierungen. Verzweifelte Versuche, einer sinnlosen Naturkatastrophe Sinn zu verleihen. Wieso aber kamen die Menschen überhaupt auf die Idee, dass hinter einer Naturkatastrophe ein Gott als Ursache steckte? Und wieso glaubten sie, selbst schuld zu sein am göttlichen Unmut?

Eigentlich traf schon der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) den Nagel auf den Kopf, als er in seiner Götzen-Dämmerung das «Philosophieren mit dem Hammer» praktizierte. Er diagnostizierte bei den Menschen den «Irrtum einer falschen Ursächlichkeit» und führte diesen auf die «älteste und längste Psychologie» zurück: «alles Geschehen war ihr ein Tun, alles Tun Folge eines Willens, die Welt wurde ihr eine Vielheit von Tätern, ein Täter (ein <Subjekt>) schob sich allem Geschehen unter».40

Diese «älteste und längste Psychologie» war bereits mehr als ein Jahrhundert zuvor dem schottischen Philosophen David Hume (1711-1776) aufgefallen. In der Naturgeschichte der Religion schreibt er: «Wir sehen menschliche Gesichter im Mond, Armeen in den Wolken und schreiben auf Grund eines natürlichen Hanges, sofern nicht durch Erfahrung und Nachdenken korrigiert wird,  einem jeden Ding, das uns verletzt oder gefällt, Böswilligkeit oder einen guten Willen zu.»41

In den letzten Jahren erklärten Forscher wie Stewart Guthrie, Justin Barrett und Pascal Boyer diese animistische Neigung, allerorts übersinnliche Agenten  am Werk zu wittern. Sie entwickelten  dazu

4  Die Sintflut: Der Zorn Gottes 109

die häufiger von Naturkatastrophen heimgesucht werden». 78 Nicht etwa, wie es die traditionelle Interpretation unterstellt, weil hier das Bedürfnis nach Trost größer wäre. Nein, dort, wo Unglücke gehäuft und vor allem unvorhersehbar auftreten,79 stellt sich umso dringlicher die Frage nach dem Woher und Warum des Unheils; hier drängt sich umso mehr die Vermutung auf, dass menschliches Fehlverhalten das Unheil verschuldet hat.

Wiederkehrende Katastrophen setzten den Kessel der kulturellen Evolution unter Dampf. Jedes neue Unglück zeigte, dass das System verbesserungswürdig war. Detailliertere Regeln, präzisere Handlungsanweisungen mussten her. Die Priester standen unter Zugzwang. Erwies sich ihr Tun als wirkungslos, hatten sie keinen Einfluss auf die Götter, mussten sie nicht selten als Erste büßen.80 Die Virulenz  der Krankheiten sorgte für die Virulenz der Religion.

Während also die Hypothese, die Religion der großen Götter sei entstanden, um einer größer werdenden Gesellschaft den sozialen Klebstoff zu liefern, nicht überzeugend erklären kann, warum diese Götter auftauchten, zeigt unsere Katastrophen-Hypothese, wie sich die Geister evolutionär zu Göttern entwickelten, die dann in einem zweiten Schritt für gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgten – als Kollateralnutzen sozusagen.

Gott wird  berechenbar VI

·“

Kehren wir zur Sintflut zurück. Dort lässt sich beobachten, was es mit der Rationalisierungsfunktion der Religion auf sich hat. Als Gott sicher sein konnte, sein Vernichtungswerk getan zu haben, verstopfte er die Brunnen der Tiefe und schloss die Fenster des Himmels. Nachdem eine ausgesandte Taube mit einem Ölblatt im Schnabel zurückgekehrt war, wusste Noah, dass das Wasser sich zurückzog. Die überlebenden stiegen an Land, «dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht». Noah baute einen Altar und brachte Gott ein Opfer dar. Der kam    herbei

122 Teil  I   Genesis: Als  das Leben  schwierig wurde

und erklärte besänftigt: «Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.» Mehr noch, Gott schloss einen Bund, einen Vertrag mit Noah und dessen Söhnen und allem Getier: «Und ith richte meinen Bund so mit euch auf, dass hinfort nicht mehr alles Fleisch verderbt werden soll durch die Wasser der Sintflut und hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe.»

Die Passage bringt es auf den Punkt, was Religion als Rationalisierungskraft leistet: Sie macht Gott – und damit die Katastrophen – berechenbar. Der Höchste ist an einen Vertrag gebunden. Anstatt selbstherrlich seinem Zorn freien Lauf lassen zu können, muss er von nun an seine Affekte unter Kontrolle halten und sich als verlässlicher Handlungspartner erweisen. Das Schlimmste sei damit, lautet das Postulat der Priester, für die Zukunft ausgeschlossen. Und da eine Sintflut, um mit Nassim Taleb zu sprechen, ein «Schwarzer Schwan» ist, ein extrem seltenes Ereignis,81 werden die Priester nur in den seltensten Fällen durch die Realität Lügen gestraft.

Aber das ist noch nicht alles. Gott gibt den Menschen ein Zeichen als Beweis und Erinnerung an ihren Bund: den Regenbogen. «Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man  meinen  Bogen  sehen in den Wolken»,· spricht  Gott zu Noah.

«Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe.»

Wir sagten es schon, dass Religion, indem sie alles Unglück auf bekannte Mächte zurückführt, «eine beruhigende, befreiende, erleichternde» Wirkung hat.82 Damit wird ein evolutionärer Nutzen deutlich, den wir schon bei der Analyse von Evas Fluch und den weiblichen Geburtsschmerzen feststellten: Der Regenbogen wird zum himmlischen «Don’t panic!»-Zeichen. «Ihr werdet überleben», lautet die Botschaft. Religion lässt die Menschen Ruhe bewahren und stellt sicher, dass klaren Verstandes nach rettenden Lösungen gesucht wird.

4  Die Sintflut: Der Zorn Gottes 123

Um Gottes willen

Die Suche nach dem historischen Mose hat dem Propheten nicht gutgetan: «Aus dem Riesen, dessen Namen der Pentateuch trägt J und  der alles Geschehen  von  der Unterdrückung  in Ägypten  bis 1

zum Beginn der Landnahme zusammenhält, wurde ein kaum mehr erkennbarer Zwerg.» 16 Ähnlich erging es der glorreichen Geschichte vom Exodus. Das Hunderttausende zählende Volk Israel ist von der ;,, Forschung auf eine kleine Flüchtlingsschar reduziert worden.

Ein auf Zwergenmaß geschrumpfter Mose hat aber auch seine Vorteile. Ohne viel Aufwand lässt sich ,über seinen Scheitel hinweg auf das blicken, was die Mose-Bücher nämlich auch und vor allem auszeichnet: einen Überfluss an Gesetzen, Regeln und Anweisungen, die sich über alle vier Bücher verteilen. Der Dekalog, die Zehn Gebote, die Gott Mose übergibt, sind nur die Spitze des Eisbergs. Rabbiner haben ganze 613 Mitzwot gezählt, 365 Verbote und 248 Gebote, um präzise zu sein. Dazu gehören Klassiker   wie: «Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.» Oder das Ius talionis, das Recht der gleichwertigen Vergeltung, besser bekannt als: «Auge um Auge, Zahn um Zahn». Aber es zählen auch Vorschriften dazu wie: «Du sollst das Böcklein nicht kochen in seiner Mutter Milch.» Schließlich wimmelt es von himmlischen Direktiven in Sachen Homosexualität, Sodomie und außer- ehelichem Geschlechtsverkehr. Von den finessenreichen Anweisungen in Sachen Heiligtum, Priestergewändern und Opferpraktiken ganz zu schweigen.

Bibelleser tun sich schwer mit der bürokratischen Regulierungswut Gottes. Da platzt manchem der Kragen. Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe, sicher ein Genie in der Kunst des guten Erzählens, schimpfte: «Den Gang der Geschichte sehen wir überall gehemmt durch eingeschaltete zahllose Gesetze, von deren größtem Teil man die eigentliche Ursache und Absicht nicht einsehen kann, wenigstens  nicht, warum  sie  in  dem Augenblick   gegeben

166 Teil 2 Mose und der Exodus: Vom Werden des   Einzigen

worden, oder, wenn sie spätem Ursprungs sind, warum sie hier angeführt und eingeschaltet werden.» Da verliere der Leser, fürchtete Goethe, «mit dem verirrten Volke den Hauptzweck völlig aus den Augen». 17

Goethes Klage mag nachvollziehbar sein, beizupflichten ist ihr nicht. Der «Hauptzweck» sind nicht Moses Abenteuer. Der Hauptzweck sind die Gesetze. Sie sind das eigentliche Meisterwerk und von einer Bedeutung, die bisher kaum verstanden wurde. Die kulturelle Evolution erreicht hier eine neue Stufe. Ohne diesen Schritt hätte die Weltgeschichte einen anderen Verlauf genommen.

Die Hausordnung der Schöpfung

Angesichts der Komplexität und Vielzahl der Gesetze erscheint es sinnvoll, zunächst mit unserer These zu beginnen, um was es sich  in Sachen Tora tatsächlich handelt. Dann lässt sich die Virtuosität der Bibelautoren besser nachvollziehen. Was das Besondere am mosaischen Gesetz ist, macht der Vergleich mit dem altorientalischen Recht deutlich. Im Unterschied zu Texten wie dem babylonischen Codex Hammurapi (18.Jh. v. Chr.) fallen vor allem zwei Dinge auf. Erstens dringen die Bestimmungen der Tora in Lebensbereiche vor, die ansonsten von rechtlichen Regulierungen unberührt bleiben. Die altorientalischen Rechtstexte sind «strikt säkular», in ihnen wird eine «durchgängige Trennung von rechtlichen, religiösen und moralischethischen Normen vorausgesetzt», das heißt, es finden sich in ihnen keine «Bestimmungen zu Themen wie Altarbau, Opferdarbringungen, kultischen Abgaben, Priesterregeln». 18 Die Tora dagegen macht nicht einmal vor Sexualität, Hygiene oder Ernährung halt.

Zweitens haben wir es hier mit Gottes eigenen Gesetzen zu tun; er brachte seine Vorschriften höchstpersönlich auf die Felstafeln oder diktierte sie Mose. Sie kommen als Gottes ureigenster Wille daher – sogar solche, die das Vergraben der menschlichen Notdurft betreffe.n. Im Orient waren die Götter zwar die «Hüter des Rechts»,

7 Mose: Gottes Wille wird Gesetz 167

nie aber dessen Quelle.19 Das ist Sache der Könige. «Einen gesetzgebenden Gott hatte die Welt bisher noch nicht gekannt», sagt Jan Assmann.20 Ein Gott, der seinen Willen in Paragraphen fasste: das war eine Erfindung der Bibel. Ein Gott, der zu seiner Schöpfung die Hausordnung gleich mitlieferte: das war einmalig.

Die Gesetze sind die Grundlage jenes Bundes, den Jahwe mit dem Volk am Berg Sinai schließt. Gott verbindet seinen Vertrag mit einer klaren Ansage: Werden die Gesetze eingehalten, wird Frieden herrschen. Wenn nicht, bricht Unheil los. Und zwar im Hier und Jetzt. Denn Moses Jahwe verfügt noch über kein Jenseits als Ort der Strafe. Gleich an zwei Stellen der Tora finden sich die entsprechenden Vertragsbestimmungen von Segen und Fluch.21 Sie sind viel zu opulent, um sie hier zu zitieren; wir begnügen uns mit einer exemplarischen Passage. Während Gott Gehorsam mit  Regen  und  reicher  Ernte,  mit Frieden und Freiheit belohnen will, erklärt er für den Fall des Ungehorsams: «Ich will euch heimsuchen mit Schrecken, mit Auszehrung und Fieber, dass euch die Augen erlöschen und das Leben hinschwindet. Ihr sollt umsonst euren Samen säen und eure Feinde sollen ihn essen. Und ich will mein Antlitz gegen euch richten und ihr sollt geschlagen werden vor euren Feinden, und die euch hassen, sollen über euch herrschen, und ihr sollt fliehen, ohne dass euch einer jagt.» (Lev 26, 14-17)

Theologen benutzen in diesem Kontext gerne den sperrigen Ausdruck des «Tun-Ergehen-Zusammenhangs». 22 Max Webei‘ sprach prägnanter von einem «Gott der gerechten Vergeltung».23 Gemeint ist damit die Logik des Bundes: Wenn die Regeln eingehalten werden, belohnt Gott seine Bundespartner; wenn nicht, bestraft er sie  für den Vertragsbruch. Bibelwissenschaftler haben gezeigt, dass hier jene Vertragswerke als Vorbild dienten, die von den Assyrern mit ihren Vasallen geschlossen wurden.24 Auch dort hing das Schicksal Judäas davon ab, ob es seinen Verpflichtungen nachkam. Andernfalls setzte der Assyrerkönig seine Militärmaschinerie in Gang.

Wir nehmen Gott beim Wort und formulieren unsere These: Die Gesetze sind das Kleingedruckte jenes Vertrages, der den Israeliten

168 Teil 2 Mose und der Exodus: Vom Werden des  Einzigen

versprach, in einer Welt ohne Katastrophen, Krankheiten und Gewalt zu leben. Jahwe sagte das deutlich. Und damit wurde die Tora zu einem elaborierten kulturellen Schutzsystem, das auf der einfachen Logik basierte: Haltet euch an die Gesetze, und euch wird kein Unglück mehr widerfahren!

Die dafür notwendigen Mechanismen kamen schon im Sintflut-Kapitel zur Sprache: In Zeiten, als den Menschen das Wissen um die Ursachen von Epidemien, Dürren oder Erdbeben fehlte, lautete die Diagnose der ersten Natur: Katastrophen, welcher Art auch immer, sind die Strafen übernatürlicher Akteure. Unglück entspringt dem Unmut übernatürlicher Wesen.25 Es galt somit, jeden göttlichen Zornesausbruch zu verhindern, um dem Untergang zu entgehen. Unter Hochdruck arbeitete die dritte Natur,  der kognitive  Genius des Homo sapiens, an Präventionssystemen, um sich dauerhaft die Gunst der Götter zu sichern.

Das System der Tora beruht auf einer simplen Annahme: Wenn eine Katastrophe, eine Krankheit göttliche Strafen sind, dann müssen ihnen menschliche Vergehen – Sünden – vorausgegangen sein. Niemand straft ohne Grund„ Diesen gilt es jeweils zu identifizieren, um zu verhindern, dass Gott sich ein zweites Mal provoziert fühlt. Dazu bieten sich zwei Wege an: die Empirie – man beobachtet, in welchen Bereichen Gottes Zorn besonders leicht erregbar ist, und sanktioniert sie entsprechend – und die Empathie: Man  versucht sich in Gott einzufühlen, um zu verstehen, was ihn wütend macht. Pascal Boyer war es, der zeigte, dass Menschen gar nicht anders können, als sich das Verhalten übernatürlicher Wesen in menschlicher Manier vorzustellen. Was ihre emotionalen Reaktionen angeht, sind Götter auch nur Menschen. Da liegt es auf der Hand anzunehmen, dass Gott gerade jenes Verhalten straft, das auch den Menschen verkehrt zu sein scheint. Ist erst einmal bekannt, was Gott in Rage versetzt, braucht es nur noch Gesetze, die solches Handeln unterbinden. Halten sich alle daran, wird die Gemeinschaft künftig von Übel verschont. Wo kein  menschliches  Delikt, da auch. keine göttliche Strafe.

7 Mose: Gottes Wille wird Gesetz 169

1 In einem Rekonstruktionsprozess wird durch die Katalogisierung der kleinen und großen Katastrophen Gottes Wille ermittelt. Die Gebote und Verbote der Tora sind – so unsere These – durch das

historisch real vorhandene Unglück geformt worden. Deshalb erscheint Gott so schrecklich zornig. Die Tora ist damit ein Produkt und ein Spiegel jener Krise, in welche die Menschheit geriet, als sie gezwungen war, ihr Verhalten auf radikale Weise zu verändern. Und die Tora ist ein mächtiges kulturelles Mittel, diese Krise endlich in den Griff zu bekommen.

Tatsächlich finden wir das Krisenbewältigungssystem exakt an der richtigen Stelle der Bibel. Die Genesis führte uns  als Prolog  des mosaischen Gesetzes in die bedrohliche Vielfalt der Probleme ein: Mord und Totschlag, Krankheiten und Naturkatastrophen. So konnte es nicht 7-tergehen! Es brauchte eine Lösung – und die präsentieren uns die restlichen vier Bücher des Pentateuch, 613 Gesetze stark.

Warum ist das nicht überall  so?

Nun lassen sich mindestens zwei Einwände gegen unsere These erheben: Wenn hier so grundsätzliche psychologische Mechanismen am Werk sind, die zur Grundausstattung aller Menschen gehören, warum stoßen wir nicht überall auf solche schriftbasierten Katastrophenabwehrsysteme? Und haben nicht Theologen gezeigt, dass die Tora gar nicht das Ergebnis eines einmaligen gesetzgeberischen Aktes ist und dass es sich gerade bei ihren frühesten Gesetzen dem Wesen nach nicht um Gottesrecht  handelte? 26

Tatsächlich liegt der Entstehungszeitraum der Tora im Wesentlichen zwischen dem Untergang des Nordreichs Israel in der zweiten Hälfte des 8.Jahrhunderts und der Rückkehr aus dem Babylonischen Exil im 6. und 5.Jahrhundert v. Chr. Deshalb besteht sie  aus mehreren Rechtsbüchern unterschiedlichen Umfangs, wie etwa dem Bundesbuch, dem deuteronomischen  Gesetz oder dem  Heilig-

170 Teil 2 Mose und der  Exodus: Vom Werden  des Einzigen

keitsgesetz; daneben gibt es kleinere Texte wie den gleich zweimal überlieferten Dekalog, der im antiken Judentum übrigens nicht die herausragende Rolle spielte, die aufgrund seiner besonderen Hervorhebung zu erwarten wäre.27 Alle Gesetze wurden vielfach überarbeitet und redigiert – die Autoren stammten aus verschiedenen Fraktionen der Priesterschaft und der Schriftgelehrten.

Die älteste Gesetzessammlung der Tora, das Bundesbuch, beschränkt sich tatsächlich sehr auf profane, rechtstypische Bereiche und steht damit dem altorientalischen Recht nahe. Der Religionswissenschaftler David Wright vermutet sogar, der altbabylonische Codex Hammurapi habe als direkte Vorlage gedient.28 Erst mit der Zeit drangen die biblischen Gesetze in immer neue Lebensbereiche vor und wurden als göttlicher Wille deklariert. In der Bibelwissenschaft hat sich für diesen Prozess Max Webers Begriff der «Theologisierung des Rechts» etabliert.29 Doch es geht um mehr; es geht um die «Theologisierung der Lebenswelt», um die Suche nach Gottes Zorn erregenden Praktiken noch im letzten Winkel des Alltags. Wieso jedoch  kam es nur hier dazu?

Zum einen wurden Israel und Juda besonders häufig von  Katastrophen heimgesucht, vor allem in Gestalt feindlicher Heere, denen letzten Endes beide Staaten zum Opfer fielen: Das erhöhte massiv den Druck, intellektuelle Höchstleistungen zu vollbringen, um herauszufinden, was dieses Unglück verschuldet hatte, und so vielleicht doch noch den Untergang abwenden zu  können.

Zum anderen verehrte man mit Jahwe einen einzigen, gleichwohl

gewaltigen Gott, gemessen an der Menge der Katastrophen. Wenn nur ein Akteur hinter allem Übel steckte, ließ sich dessen Motivation besser rekonstruieren und zu einem konsistenten System zusammentragen, als wenn eine ganze Armada von Göttern ihre Finger im Spiel gehabt haben könnte. Unmöglich hätten die Griechen die Vorlieben und Abneigungen all ihrer olympischen Götter kartieren können. Sie mussten sich andere Mittel der Katastrophenprävention einfallen lassen. Wir kommen darauf zurück.

Ganz  anders  bei  nur  einem  Gott.  Wir  erwarten,  dass  er sich

7 Mose: Gottes Wille wird Gesetz

menschlichen Erwartungen gemäß konsistent verhält: «Wenn Jahwe dieses Verhalten bestraft, dann wird er jenes erst recht nicht mögen: Verbieten wir es besser auch gleich.» In der Tora stoßen wir auf viele Gesetze, die auf dieser simplen Logik beruhen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Tora ist nur  ein Teil der hebräischen Bibel. Der so erstaunlich berechenbare Gott wird sich im weiteren Verlauf des Buchs der Bücher noch gewaltig verändern. In der kulturellen Evolution der biblischen Religionen  ist die Tora eine Zwischenstufe. Aber eben eine von fundamentaler Bedeutung. Sie hat sich als ambitionierter Versuch etabliert, die Probleme zu bewältigen, die aus dem größten Fehler der Menschheitsgeschichte, dem Sesshaftwerden, resultierten.

Wenn wir nun die Bestimmungen der Tora begutachten, knüpfen wir uns nicht jede,reinzelne Gesetz vor. Wir konzentrieren uns auf die wesentlichen Kategorien, um die Funktionsweise der Tora zu erläutern. Keine Bange: Die Gesetze sind ein reizvolles Beschäftigungsfeld, weil sie uns in den Sumpf menschlichen Handelns führen. Gesetze braucht es schließlich nur dort, wo die entsprechenden Verstöße auch auftreten. So betrachtet, wird selbst der Dekalog zur Verbrechenskartei: Menschen morden, stehlen, brechen  die  Ehe und beten andere Götter an. Doch wen wird das  überraschen? Nichts anderes hat uns die Genesis  erzählt.

8 Jahwe: Der Gott mit den zwei Leben

Wir  haben  es  mit  einem  neuen  Gott  zu  tun.  Oder  zumindest mi

t1

einer gewaltigen  Metamorphose  des alten. Daraus  macht  die·Bibel’·

kein Geheimnis. Als Mose ihm das erste Mal am Fuße des Berges Horeb begegnet,  behauptet  der zwar aus seinem brennenden  Dornbusch heraus, er sei der Altbekannte: «Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abraha, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.» Trotzdem muss Mose ihn nach seinem Namen fragen, woraufhin er die kryptische Antwort erhält: «Ich werde sein, der ich sein werde.»

Auch Theologen weisen auf die göttliche Verwandlung hin. Während man es in der Genesis mit «einer familien- und  sippenbezogenen Schutzgottheit» zu tun hatte, tritt einem nun der   «kriegerische )

und gewalttätige Gott  <des  Volkes>  [entgegen],  der  die Ablehnung/ ja   sogar  Vernichtung  der  anderen  Völker  und  ihrer  Götter  fordertJ

j

sowie strafend und  gewalttätig gegen sein Volk vorgeht». 1 Welch  ein

Wandel! Das Mindeste, was sich mit dem Harvard-Gelehrten James ‚l Kugel sagen lässt, ist, dass «ein neuer Gott in Israels Leben trat, einer  der das Denken der Welt über das Göttliche verändern sollte».2

Damit beobachten wir einen weltgeschichtlich bedeutsamen Akt.. Die Mose-Geschichte gilt als Geburtsstunde des biblischen Mono) theismus. Wichtig ist dabei, sich bewusst zu bleiben, dass «Mono-‚; theismus» als Wortschöpfung der englischen Frühaufklärung gut : zweitausend  Jahre  jünger   ist  als  die  Phänomene,  die  der Terminus zu beschreiben behauptet.3  Mit ihm werden Attribute wie Allmacht,,

1

Allwissenheit  oder  ewige  Unveränderlichkeit  verbunden.  Diese  las-\,

sen sich aber nicht einfach auf die Bibel übertragen; solch ein Wesen  1j

begegnet  uns  dort  nicht.  Der  nicht  ganz  einfache  Monotheismus-“.

212 Teil 2 Mose und der Exodus: Vom Werden des   Einzigen

Begriff dürfte einer der Gründe sein, warum bisher eine überzeu gende  Erklärung  fehlt, wie  dieser  Gott so einzigartig wurde.4

Deshalb werden wir nun unseren evolutionär inspirierten Erklärungsversuch präsentieren. Auch er basiert auf der Annahme, dass Katastrophen eine zentrale Rolle bei der Evolution der Religion spielten. Erst machten sie aus Geistern Götter; dann war es eine Überdosis Unheil, die einen Gott schuf, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Für einen Moment legen wir die Bibel aus der Hand und betrachten das Habitat, in dem sich Jahwe als kultureller Organismus behaupten musste: die historische Wirklichkeit. Und die ist wahrlich katastrophal.

Warum  ausgerechnet Jahwe?

Das Erstaunlichste am Gott des Alten Testaments ist vielleicht der Umstand, für wie wenig Erstaunen seine Karriere sorgte. Da schuf sich ausgerechnet das «kleinste unter allen Völkern» einen Supergott und trotzte mit dessen Hilfe über 2500 Jahre lang den größten Schicksalsschlägen. Gewaltige Götter wie Marduk, Amun oder Zeus verschwanden, während die Anhängerschaft des ehemaligen Zwergstaatengottes Jahwe heute in die Milliarden geht.

Dem jüdisch-christlich geprägten Westen mag das selbstverständlich erscheinen. Aus religiöser Perspektive sowieso: Gott hat sich seinem Propheten Mose in seiner Herrlichkeit offenbart. Und wer daran nicht glaubt, hält den Monotheismus  zumindest  für  einen logischen Entwicklungsschritt der Religion, für ihre reinste Form, und allein deshalb zum Welterfolg prädestiniert.

Nun enthüllen Archäologie lickwinkel  des

8 Jahwe: Der Gott mit den zwei Leben 213

perserzeitlichen und hellenistischen Judentums.5 Die Bibel präsentiert also keine Geschichte, sie erzählt Geschichten. Und so einzigartig, wie sie vorgibt, waren die Verhältnisse nicht, als das mit Gottl seinen Anfang nahm. ·. ,

Die Archäologie förderte in den letzten Jahren zahlreiche Hinweise zutage, dass sich die Religion in den Königreichen Israel und Juda ) kaum  von  der ihrer Nachbarn  unterschied.  Auch  im Land Jahwes“.c,

gab es mehr als nur einen Gott, auch hier verehrte man die Götter in ;‘ Bildern und Skulpturen und nicht nur imJerusalemer Tempel. Selbst:i1 manche Theologen charakterisieren die Religion des alten Israel als eine «Lokalausprägung nordwestsemitischer Religionen». 6 Eine J Banalisierung? Nein, damit gewinnt die Frage nach Gottes steilerJ Karriere erst recht an Brisanz. Wenn Jahwe als orientalischer Durch“l‘ j schnittsgott anfing, wieso gelang ausgerechnet ihm dieser Aufstieg? } Warum nicht Kemosch oder Hadad, den Göttern der Reiche Moab ); und Aram gleich nebenan? Oder Assur, Amun und Marduk, die über } Imperien wie Assyrien, Ägypten und Babylon herrschten?

Gott gesucht

Wer Jahwes Karriere nachvollziehen will, sollte sich in Kanaan am Anfang  des  ersten  vorchristlichen  Jahrtausends  umsehen;  in  der }1

Weit, aus der die Bibel erwuchs. Die liegt größtenteils im Dunkeln. ) Ab dem’10. und 9.Jahrhundert v. Chr. ist hier von «einer bunten ·; Mischung  aus  städtischen  und  regionalen  Gottheiten,  ergänzt durch vielfältige Formen der familiären Frömmigkeit» auszugehen. Als sich im Bergland westlich des Jordans die kleinen Königtümer · Israel und Juda formierten – das Reich Davids und Salomos kennt nur die Bibel -, ließ das die Götterwelt nicht unberührt: Es brauchte eine Staatsgottheit offiziellen Charakters, die eine religiöse Basis für König und Bevölkerung schuf.7

Eine Reihe potenter Herrschergötter stand zur Auswahl: «Es ist eine oft beobachtete Tatsache, dass der Name des Volkes Israel nicht

214 Teil 2 Hose und der Exodus: Vom Werden des Einzigen

den Namen Jahwes, sondern den Els als theophores Element enthält:

< EI (Gott) möge herrschen /sich als Herrscher erweisen>», konstatiert der Alttestamentler Otto Kaiser. 8 El galt im Vorderen Orient lange als der «Gott der Götter», als Vorsitzender des Pantheons und weiser Schöpfer.9 Von Baal, dem Wettergott, der aus Nordwestsyrien stammte und für die Fruchtbarkeit der Natur zuständig war, ist in der Bibel oft genug abschätzig die Rede, um ihn als Konkurrenten Jahwes auszumachen. 10 In Jerusalem wurde vermutlich ein ägyptisch inspirierter Sonnengott verehrt. 11 Auch gab es Kandidatinnen: der Göttinnenkult Kanaans lebte fort, zudem sind Aschera, Astarte sowie die Himmelskönigin nachweisbar. 12 In der patriarchalen Welt jedoch blieb ihnen eine Karriere im Staatsdienst verwehrt. Und schließlich war da noch Jahwe, der aus dem Süden kam.

Sehen wir uns das Jobprofil an. Palästina lag zwischen Hammer und Amboss großer  Imperien.  Über  Jahrhunderte  hinweg  lebten die Menschen in der ständigen Gefahr, erbarmungslosen Eroberern zum Opfer zu fallen. Ein konstanter «Druck der Angst» lastete auf ihnen, eine «Kriegspsychose» war die Folge.13 Rufen wir uns nur  die wichtigsten historischen Ereignisse ins Gedächtnis: Erst überfielen die Aramäer das Königreich Israel. Dann brachten die Assyrer dem Norden Zerstörung. 722 v. Chr. wurde Israel vernichtet. Der Süden, Juda, lavierte zwischen Assyrien und Ägypten und geriet an den Rand des Untergangs. Der assyrische König Sanherib zog 701 auf Jerusalem, verwüstete ganz Juda, brach aber die Belagerung im letzten Augenblick ab.Juda existierte fortan als Vasallenstaat der Assyrer. Als deren Macht schwand, versuchte König Josia das zu nutzen. Mit wenig Erfolg. Das zweite Buch der Könige berichtet lapidar, was im Jahr 609 geschah: «Zu seiner Zeit zog der Pharao Necho, der König von Ägypten, herauf gegen den König von Assyrien an den Strom Euphrat. Und der König Josia zog ihm entgegen, aber Necho tötete ihn in Megiddo, als er ihn sah.» Im Jahr 587 v. Chr. schließlich löschte das neubabylonische Reich unter Nebukadnezar Juda aus und zerstörte Jerusalem. Ober- und Mittelschicht wurden in die Babylonische Gefangenschaft geführt. Als die ersten Exilanten nach

8 Jahwe: Der Gott mit den  zwei Leben 215

V I V

..       — –  :.,,_..,. c:._     -Ep._   ,Episode von Lots Frau beschert, die zur Salzsäule erstarrt, weil sie sich allen Warnungen zum Trotz umgedreht hatte, um  Gottes Gericht über Sodom und Gomorra anzuschauen. Die Tora   betont es immer wieder: Gott ist ein Hochrisikogebiet. Selbst Aaron: . Söhne sterben, als sie ein Räucheropfer verkehrt ausführen. Ohne die Priester wäre das Volk aufgeschmissen. Sollte man ihnen als ,: nicht allein schon des Risikos halber, das sie auf sich nehmen, volles Vertrauen schenken?

Auch die flamboyante Raffinesse der kultischen Regeln immu: siert gegen Kritik. Verfehlt eine priesterliche Intervention ihre Wirkung, bietet sich die Erklärung: Ein Detail des Rituals muss falsch[, ausgeführt worden sein! Beim nächsten Mal muss noch mehr Disziplin auf die haargenaue Ausführung der Regeln verwendet werden. Das hält die Menschen in der Defensive. Sie haben immer ein schlechtes Gewissen. Bei 613 Gesetzen gibt es zwangsläufig welche,; die zu befolgen man vergessen hat.

Solche !AR-Strategien müssen nicht gezielte Manipulationen sein. Vieles entspringt einfach dem Kohärenzzwang: Wenn etwas  nicht funktioniert, wird eine einleuchtende Erklärung für das Scheitern gesucht und nicht gleich das ganze System über den Haufen geworfen. Das entspringt unserer mentalen Eigenart, die Psycho. logen als Confirmation Bias oder Bestätigungsneigung bezeichnertJ Zudem hat der Evolutionsbiologe  Robert Trivers gezeigt, dass sich

andere am besten von etwas überzeugen lassen, wenn man selbst:1 restlos an  diese Sache glaubt.47

248Teil 2 Mose und  der Exodus: Vom Werden  des  Einzigen

Bibel lautet also, den Menschen das neue Gotteskonzept zur zweiten Natur zu machen. Auf den Anthropologen Harvey Whitehouse geht das Konzept eines doktrinären Modus der Religionen zurück: Ständige Wiederholung diene dazu,  nicht  intuitive  Doktrinen  in die Köpfe der Menschen zu bringen.48 Auch das finden wir in der Tora: etwa bei der Verknüpfung des Exodus mit der Tradition des Pessachfestes, eines uralten Familienfestes, das mit Viehzucht und Hirtenleben verbunden war.49 Von dem hieß es nun, Gott habe es dem Volk Israel gestiftet als Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Jedes Jahr an Pessach erlebte die Gemeinschaft fortan den  Exodus

«als ein sich in dieser Feier aktuell vollziehendes Ereignis» nach.50

Eine neue Tradition lässt sich aber nicht allein mit jährlichen Festen verankern. Um sie zu internalisieren, braucht es stärkere Repetition. Neben der Integration in die früheste Erziehung stellt tägliche Autosuggestion das beste Mittel dar. Ganz so wie es das Sch’ma Israel vorgibt: «Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERR N, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.»  (Dtn 6,4-9)

9  Das murrende Volk: Der Protest der ersten Natur 249

immer und immer wieder murren ließ, zum Verschwinden gebracht)

Und  niemand  müsste mehr 613  Geetze lernen. -i

250 Teil 2 Mose und der Exodus: Vom Werden des Einzigen

Kooperation stärken

Es heißt oft, das sich auf der Grundlage der Tora formierende Judentum sei eine «Religion der Selbstausgrenzung» gewesen; das i Gesetz habe wie ein «hoher Zaun» gewirkt.1 Keine Frage, gerade in j

der Fremde des Babylonischen Exils, in der Diaspora, aber auch in ·j‘ Zeiten unter persischem, hellenistischem oder römischem Einfluss ‚; erschwerten die Gesetze die Assimilation an andere Kulturen. Sie 1 forderten, Gott und  seinen Gesetzen treu zu bleiben  und das   möglichst sichtbar zu  demonstrieren.  Die Tora wurde zum kulturellen   Überlebensrezept. Sie sicherte Identität und Solidarität. : Die  Gesetze  wirkten  aber  nicht  nur  als  Umfriedung  nach außen. Ihre Befolgung hatte auch soziale Konsequenzen innerhalb der Gemeinschaft. Nehmen wir das Gebot: «Du sollst das Böcklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter». Die Tora führt es gleich dreimal an.2 Ob das Gebot seine Existenz nun dem Umstand verdankt, dass die Ziegenmutter in der Levante von alters her mit der Göttin Astarte verbunden war, dass eine Vermischung von Leben und Tod verhindert sollte oder dass sich in ihm ein tiefes Mitleid mit allen Kreaturen äußert -so die gängigen Erklärungen 3 -, das soll uns nicht weiter interessieren. Bedeutsamer ist, dass in seiner Konsequenz strenggläubige Juden strikt zwischen Fleischigem und Milchigem trennen und für beides unterschiedliche Töpfe und Pfannen, Gechirr und Besteck verwenden – und zwar bis heute. -i

Dem Gebot ist damit die Funktion eines Costly Signal zugewachsen, eines teuren und damit schwer zu fälschenden Zeichens: Wer es ·befolgt, stellt unter Beweis, dass ihm eine Sache wirklich am Herzen liegt.

Das gilt vor allem dann, wenn es nicht nur darum geht, die Gemeinschaft durch ein formelhaftes Regelwerk zusammenzubinden, sondern wenn sie durch dieses auf einen gemeinsamen Kern moralischer Werte verpflichtet wird. Die Tora ist auch und vor allem eine Anweisung zum richtigen Verhalten . Sie will Armut und Gewalt, Leid und Krankheit verhindern. Sie will die Schwachen schützen – und bezieht sogar die Tiere ein. Sie strebt nach dem Wohl des Kollektivs, deshalb kommt es auf das Verhalten eines jeden Einzelnen an. Schon in der Antike wurden ihre hohen ethischen Forderungen bewundert.4 Sie korrespondieren oft mit den Maximen der Jägerund-Sammler-Welt, also mit unserer ersten Natur, der Ungleichheit und Ungerechtigkeit suspekt sind und die auf Solidarität setzt: «Lie­

be deinen Nächsten.»

(Und die vielen strafbewerten Vorscriften?GH )

Die Welt berechenbar machen

Heute gilt Religion oft als Heimstatt des Irrationalen. Die kulturelle Institution Religion, das, was wir intellektuelle Religion nennen, ist jedoch als eine überaus vernünftige Angelegenheit gestartet. In protowissenschaftlicher Manier baute sie durch Beobachtung der Umwelt ein System unglückreduzierender Handlungen auf. Sie schuf damit «kulturelle Resistenzen» .5 Bei der Tora haben wir es gewissermaßen mit einem Programm zu tun, dessen exakte Ausführung  in eine Welt des Friedens führen sollte. Dieser Gott ließ sich nicht mehr durch Magie oder individuelle Interventionen dazu verleiten, sich mal auf diese, mal auf jene Weise zu verhalten. Dieser Gott war liegt, wer tatsächlich den Aufwand betreibt, mit verschiedenen Kü- •  ij

unbestechlich;  er war  ein  Gott  der  «gerechten Vergeltung», der

252 Teil 2 Mose und der Exodus: Vom Werden des Einzigen

keine Ausnahmen  zuließ.  Nicht  einmal  seinen  eigenen Getreuen

gegenüber: Mose hatte gegen das Gesetz verstoßen, also musste auch Mose seine Strafe bekommen. Inmitten despotischer Staaten, wo Willkür  und Nepotismus  blühten, war das ein zivilisatorischer

Fortschritt.

An die Stelle der Selbstherrlichkeit  trat  die Regelhaftigkeit   der

,i

Welt. Der Gott der Tora war berechenbar. Erst als sich später herJ ausstellte, dass die Wirklichkeit sich einer von Menschen erkennJ: baren Gerechtigkeit verweigerte, wurden er und seine Wege für unbegreiflich erklärt. Aber die Tora war noch durchdrungen von dem; Optimismus, dass alles gut enden würde, hielten sich alle an Gottes:,; Gesetze. Und zwar hier im Diesseits. Noch brauchte es keine Vorstellung von einem Jüngsten Gericht, das die Gerechtigkeit Gottes 1 im Jenseits sicherte, das ist eine späte Erfindung. ·,;

Die  Annahme  eines  einheitlichen,  rational  rekonstruierbaren  1

Prinzips, das die Welt durchdringt, ist von höchster Bedeutung. Weil !

der eine Gott für alles zuständig ist und damit die gesamte Welt ,/  von allen potenziell willkürlich agierenden Göttern, Geistern und Dämonen befreit, wird diese verständlich und beherrschbar. Die Annahme einer rational einsichtigen Realität und der Verständlichkeit  der Kräfte, die ihr Funktionieren  gewährleisten,  bereitet  weitergehenden Rationalisierungen den Boden. Das ist das kulturelle :j Substrat, auf dem die Saat von Wissenschaft, Medizin und Recht i! prächtig gedeihen wird.

Der  Gedanke  ist  nicht  neu, wenn  auch  kaum  ins  allgemeine Bewusstsein vorgedrungen. Er findet sich bei Emile Durkheim, der feststellte, dass «die Urkategorien des Denkens und folglich der Wissenschaft religiösen Ursprungs» sind,7 wie hundert Jahre später etwa bei Ara Norenzayan: «Der auf Wissenschaft und Vernunft basierte Säularismus wird oft als ein Anathema der Religion dai-gestellt», i tatsächlich aber «sind säkulare Gesellschaften ein Auswuchs pro- sozialer Religionen». 8 Auch Theologen sehen das so: Die «Wurzeln der Rationalität moderner Gesellschaften» sind «in der rationalisierenden Pragmatik des israelitischen Gottes- und Weltverständnisses zu suchen».9 Wir haben es mit jener  Rationalisierung  zu tun, die Max Weber die «Entzauberung der Welt» nannte. 10 Die sich in der , Tora manifestierende intellektuelle Religion gehört zur Avantgarde des kulturellen Fortschritts. Die Bibelautoren  haben  einen  Ehrenplatz in der Ruhmeshalle der Wissenschaft verdient.

254 Teil 2 Mose und der Exodus: Vom Werden des  Einzigen

Der Hang zur Gewalt

Das dritte Erbe der Tora ist heikler Natur: die Gewalt. In den letzten Jahren wurde viel darüber debattiert, ob dem Monotheismus ein besonderer Hang zur Gewalt innewohne. 11 Auslöser war Jan Assmanns These von der «mosaischen Unterscheidung», von der Unterscheidung «zwischen wahrem Gott und falschen Göttern, wahrer Religion und falschen Religionen», die grundlegend für den Monotheismus sei.12 Daraus resultiere eine «Kraft zur Negation», mit der «das Prinzip des <tertium non datur»>, des ausgeschlossenen Dritten, in einen Bereich hineintragen worden sei, in dem «es vorher nicht zu Hause, ja gar nicht denkbar gewesen war, die Sphäre des Heiligen, der Gottesvorstellung und der Religion». 13

Der Monotheismus akzeptiert nur noch eine Wahrheit. Alles andere ist Lüge. Solch ein Anspruch auf Wahrheit findet sich im Polytheismus nicht. Auch dort ist Gewalt ein Mittel der Wahl, aber dann geht es um Macht. 14  Nur die monotheistischen  Religionen kennen

«zugleich mit der Wahrheit, die sie verkünden, auch ein Gegenüber, das sie bekämpfen», sagt Assmann. «Nur sie kennen Ketzer und Heiden, Irrlehren, Sekten, Aberglauben, Götzendienst, Idolatrie, Magie, Unwissenheit, Unglauben, Häresie und wie die Begriffe alle heißen mögen für das, was sie als Erscheinungsformen des Unwahren denunzieren, verfolgen und ausgrenzen.» 15 In Hinblick auf die Exodus-Überlieferung stellt der Ägyptologe fest, es habe wohl etwas zu bedeuten, «dass der Monotheismus in den biblischen Texten die Geschichte seiner Durchsetzung in allen Registern der Gewaltsamkeit erzählt». Die Geschichte vom Exodus und von der Landnahme des Gelobten Landes sei schließlich kaum etwas anderes als «eine Serie von Massakern». 16

Ohne auf die vor allem von Theologen geführte MonotheismusDebatte eingehen zu wollen, sollte hier deutlich werden, dass unsere evolutionäre Herangehensweise einen bisher unbeachteten Faktor ins Spiel bringt. Denn bei der «Serie von Massakern», die, wie Assmann ausdrücklich betont, rein fiktiver Natur sind, handelt es  sich

1 0  Die Lehre des Exodus: Das Erbe der Tora 255

um CREDs, um Glaubwürdigkeit stiftende Handlungen, wie wir sie\! im Kontext des Exodus beobachten konnten. Sie sollten den Lesern } vor Augen führen, wozu das Volk in der Lage war, wenn es seinem J Gott Jahwe endlich einmal treu war. Anstatt wie in der historischen ) Realität immer nur Opfer zu sein, konnte es in der biblischen Fiktion über seine Feinde triumphieren – und zwar gewaltig. Außerdem war . der Bedarf an solchen CRE Ds, wie wir zeigten, riesig. Schließlich ,

galt es, den neuen Gott gegen die alte Glaubenswelt durchzusetzen. ·t

Damit sind wir auf einen wunden Punkt des Monotheismus ge-‚1 stoßen: Er wird nie die Evidenz, die Selbstverständlichkeit der intui-‚: tiven Religion besitzen, selbst wenn er etabliert ist, über gewaltige   ‚

Institutionen wie die Kirche verfügt und damit zum festen Bestand-· teil der zweiten Natur geworden ist. Als intellektuelle Religion bleibt . t

ihm immer ein letzter Rest Zweifel zu eigen. Die intuitive Religion kann den Gläubigen nicht ausgetrieben werden; sie gehört zu ihrer   Dass Abraham das Messer schon in der Hand hielt, als ihm der Engel Gottes Einhalt gebot, ist der Beweis, wie todernst es ihm mit seinem Glauben war. Wer wollte Abraham darin nicht folgen, wenn Gott diesem großen Mann kostbarer war als sein eigen Fleisch und

Blut?

Zum anderen ist da das Kreuz.Abermillionen Menschen  tragen

es um den Hals. Die meisten empfinden es als das Symbol von Jesu Wiederauferstehung. Noch mehr steht es aber für dessen Tod. Weil Jesus für seinen Glauben gekreuzigt wurde, dürfen die Christen sicher sein, keinem Betrüger aufgesessen zu sein. Tatsächlich ist das biologische Faktum des Todes der einzige Beweis, der für die menschliche Natur wirklich zählt. Der Kreuzestod ist das «unauslöschliche Siegel»,18 das die Wahrhaftigkeit und den «absoluten Ernst» des Christentums beglaubigt.  Deshalb lag es dem frühen Christentum   so sehr am Herzen, zu beweisen, dass Jesus, obwohl Gottes   Sohn,

gemurrt, weil es Durst litt. Jahwe trug Mose auf:«Nimm den Stab

.l

und versammle die Gemeinde, du und dein Bruder Aaron, und rede

zu dem Felsen vor ihren Augen; der wird sein Wasser geben.» Doch was machte der Prophet? Er «erhob seine Hand und schlug den Felsen mit dem Wasser zweimal». Das Wasser sprudelte, die  Israe·,

liten stillten  ihren  Durst;  Gott  aber schäumte vor  Zorn: «Weil ihr‘.i

.·!

nicht an mich geglaubt habt und mich nicht geheiligt habt vor den  j

Israeliten», sprach er zu Mose und Aaron, «darum sollt ihr diesej Gemeinde  nicht  ins Land  bringen,  das  ich ihnen geben werde. (Num 20,1-12)

Beide  müssen  sterben, weil  Mose  eigenmächtig  den  Felsen  ge“:.1

schlagen und nicht, wie aufgetragen, lediglich die Worte Gottes gesprochen hatte. Was übertrieben erscheint, ist konsequent. Im Sinne Jahwes, das heißtF Sinn der intellektuell-institutionellen  ReligionlJJ

beging der Propliet ein Sakrileg. Er vertraute nicht auf Gottes Wort,:.,:‘ sondern legte selbst Hand an, übte eine magische Handlung aus.-‚ Damit  ließ Mose seiner ersten  Natur  freien Lauf. Die ist   sicher: \\

Dinge verändern sich durch eine konkrete Handlung, nicht durch   Gerede allein. Doch das ist das neue Prinzip des Schrift gewordenen Gesetzes: Auf das Wort Gottes kommt es an. Darauf  darf nicht der ;‘

Schatten eines Zweifels liegen. .

Deshalb durfte Gott nicht einmal seinem  größten  Propheten /J eine kleine Zuckung der ersten Natur durchgehen lassen. Wichtiger noch: Dass er Mose sterben ließ, zeigte selbst dem letzten Skeptiker,/ wie absolut ernst es Gott mit seinem Gesetz war. Mit dieser ultimativen CRED hat Gott ein unauslöschliches Siegel unter sein Gesetz gesetzt.

1 3 Wie kann ein guter Gott Böses tun?

Über himmlische Moral

Mit Jahwe hat erstmals ein durch  und  durch moralischer  Gott Weltbühne betreten. Wo anders gäbe es einen Gott, der für die     – Armen und Schwachen eintritt und die Könige seiner Gerechtigkeit unterwirft?  Der fordert: «Liebe deinen Nächsten»  und  dessen Gebote bis heute geehrt werden? Und doch bereitet dieser Gott vielenn Menschen Schwierigkeiten. Ihnen setzt  der  Widerspruch  zu,  dass dieses Wunder an Moral einen Hang zu exzessiver Gewalt hat. Gottes Zorn wird «zu den größten Rätseln der biblischen Theologie,“ gezählt.1 Wir haben  uns  mit  seinem  Zorn  bereits  im  Sintflut­Kapitel auseinandergesetzt, hier wollen wir explizit der Frage nachgehen, welche Konsequenzen es hat, wenn ein guter Gott Böses Schließlich ist das eine Frage, die nicht wenigen Menschen unteer den Nägeln brennt.

Was in der Tora begann, setzt sich in den Neviim fort: Die Isrliten unter Führung des gottgetreuen Josua eroberten Hazor, und «alfe Menschen erschlugen sie mit der Schärfe des Schwerts, bis sie vertilgt waren, und ließen nichts übrig, was Odem hatte». So hatte  es Jahwe befohlen. Auch die Strafgerichte, die von Propheten, diesen «Champions des ethischen Monotheismus», 2 verkündet wurden:)\ waren  Orgien der Grausamkeit. Weil Samaria, die Hauptstadt   desJ:

Nordreichs Israel, Jahwe untreu war, muss sie in die Hände der Assyrer geraten, und die Menschen dort sollen nach den Worten Hoseas «durchs Schwert fallen und ihre kleinen Kinder zerschmettert:. und ihre Schwangeren aufgeschlitzt werden». Die Bibel – the Good : Book , wie sie im Englischen genannt wird? .-

298Teil3KönigeundPropheten:DieMoralwirdgöttlich

seiner These, dass die Menschen früher viel mehr Gewalt erdul den mussten als heute. Dazu zitiert er den Bibelforscher Raymond Schwager: «Neben den ungefähr 1000Versen, in denen Jahwe selbst als unmittelbarer Vollstrecker gewalttätiger Bestrafungen auftritt, und den vielen Texten, in denen der Herr Verbrecher ans Messer liefert, erteilt Jahwe an mehr als 100 Stellen ausdrücklich den Befehl, Menschen zu töten.» Die Bibel zeichne, so Pinker, «eine Welt von atemberaubender Grausamkeit».3

Für Religionskritiker wie den Biologen Richard Dawkins sind solche Passagen ein gefundenes Fressen. In Der Gotteswahn zeichnet er ein Porträt Gottes, das viele Gläubige zutiefst empört, obwohl es an der Bibel-Realität nicht völlig vorbeigeht: Der «Gott des Alten Testaments» sei «die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur». Er sei nicht nur stolz auf seine Eifersucht, sondern auch «ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann».4 Nicht wenige Christen würden aus diesem Grund am liebsten ganz aufs Alte Testament verzichten . In den Bibeln, die in Hotels als Gute-Nacht-Lektüre in der Nachttischschublade parat liegen, findet sich neben dem Neuen Testament oft allein das Buch der Psalmen.5  Das Alte Testament scheint Albträume zu bereiten.

Das hat eine gut zweitausend Jahre alte Tradition. Einer der ersten christlichen Theologen, Markion von Sinope (ca. 85-160 n. Chr.), wollte die hebräische Bibel ganz verwerfen. Der Gott des Gesetzes und der Propheten sei «der Urheber des Bösen, der Anstifter der Kriege, unbeständig in seinen Entschlüssen und sich selbst widersprechend».6 Die frühe Kirche indes entschied anders. Sie erklärte die hebräische Bibel zum Alten Testament und Markion zum Ketzer.

Wenn auch in den letzten Jahrzehnten viel Aufwand betrieben wurde, um zu zeigen, dass es ja «ein und  derselbe  Gott» sei, wie  es Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) formulierte, der im ersten und im zwei\en Testament waltet, bleiben die Irritationen bestehen. Der

1 3  Wie kann ein guter Gott Böses tun! Über  himmlische Moral 299

Theologe Bernd Janowski beendet sein Buch Ein Gott, der straft ,, tötet? mit dem Plädoyer, sich den schwierigen Gottesbildern di Alten Testaments zu stellen, «deren Anstößigkeit uns nach wie V•· herausfordert». Man sei gut beraten, «sie weder zu verdrängen no zu  dämonisieren,  sondern  uns  ihnen  verstehend  anzunähern  – gut es eben geht».7

Hinter all dem  steckt  die  nicht  unbegründete  Furcht,  dass dunklen Seiten Jahwes seine guten korrumpieren, wenn nicht sog,.

völlig disqualifizieren. Wir loben ja auch keine Diktatoren, weil sii

im Schatten ihres Terrorregimes eine funktionierende Sozialfi ‚ sorge etablieren oder fortschrittliche Tierschutzgesetze einfüh Haben wir es in Jahwes Fall vielleicht nur mit einer «tribalistisch Gruppenmoral zu tun: Gut muss man zu den eigenen Leuten sei1. feindselig gegenüj,er den Außenstehenden? 8 Dieser Gedanke lä sich bei der Lektüre des Alten Testaments nicht völlig von der Han, weisen.

Die heikle Frage der Moral

Nun ist das Unverständnis über die göttliche Grausamkeit vor lern ein modernes Phänomen. Wir haben es bei der Tora-Analy: gesehen: Jahwe, so die Annahme, war ein «Gott der gerechten   Vergeltung», wie das Max Weber formulierte. Die Theologen   sprechen

, i

lieber vön «Tun-Ergehen-Zusammenhang»:  Jedes Unrechttun  dei7

1

Menschen zieht eine Strafe nach sich. Insofern war Jahwe als ei durch und durch gerechtes Wesen konzipiert. Seine Gewalttaten.P waren Strafen für Vergehen der Menschen.

Dominic Johnson, der Vertreter der Supernatural Punishmen i Hypothesis, hat darauf hingewiesen, dass  «der  Begriff  und  die  üb·!; liehe Konzeptionalisierung von <Moral> ein rezentes westliches‘ Phänomen sind». Charakteristisch sei dafür ein «enges Konzept von Moral, das sich um Fürsorge, niemandem  Schaden zufügen,  Fairness und Gerechtigkeit dreht». Deshalb sei nicht die Frage zu stelen;J

,,

300 Teil 3 Könige und Propheten: Die Moral wird göttlich‘.{i

ob die damaligen moralischen Normen zu unseren heutigen Standards passen. Es gehe vielmehr um die Frage, «inwieweit das Supernatural Punishment eine Gesellschaft beeinflusst, ihre Normen zu befolgen -welcher Art auch immer die jeweiligen Normen sind». Und oft war es dem Erfolg einer Gemeinschaft nun mal förderlich, Götter zu verehren, die einen ausgeprägten Hang zur Gewalt besaßen. 9

Die wenigsten Gläubigen werden aufgrund solcher Argumente ihren Frieden mit diesem «alttestamentarischen» Gott  schließen. Das hieße ja, Gott als historisches Wesen zu begreifen, das Veränderungen unterworfen ist. Nein, Gott muss für sie ewig sein – und seine Moral auch heutigen Standards genügen, und für diese ist das Hinmetzeln der Feinde nun  einmal  inakzeptabel.  Damit  könnten wir das Thema auf sich beruhen lassen, bewegen wir uns hier doch auf Glaubensterrain. Aber auch in der aktuellen Forschung über die kulturelle Evolution der Religion wird die Frage nach der Moralität der Götter kontrovers diskutiert. Deshalb können wir sie nicht unberührt lassen. Was also hat es mit der Moral Jahwes auf sich? Warum bereitet sie uns solche Schwierigkeiten?

8

Gott ist auch nur ein  Mensch

Der Unwillen, einen guten, aber gewalttätigen Gott zu akzeptieren, verrät viel über die Besonderheiten des menschlichen Denkens. Er resultiert aus dem simplen, doch bemerkenswerten Umstand, dass wir gar nicht anders können, als uns Gott als Person vorzustellen. Pascal Boyer hat gezeigt, dass wir mittels ontologischer Kategorien wie «Tier», «Mensch» oder «Werkzeug» die Welt begreifen, unsere Erkenntnisse über sie und ihre Inhalte organisieren und Erwartungen formulieren. Stoßen wir auf ein unbekanntes Wesen, das in die Kategorie «Tier» zu passen scheint, wissen wir, es muss fressen, sich fortpflanzen und eines Tages  sterben.10

Dass für die Vorstellungen, die wir uns von einem Gott  machen,

die  mentale  Schablone  «Person»  zuständig  ist,  kann  nicht über-

1  3  Wie kann ein guter Gott Böses tun? Über  himmlische Moral 301

raschen. Das entspricht  der Genealogie von Ahnen  und  Geistern hin zu Göttern. Deshalb wissen Menschen überall auf der Welt eine Menge darüber, wie sich übernatürliche Wesen verhalten, obwohl  sie nie einem begegnet sind. Im Großen und Ganzen agieren Götter wie Menschen. Gewisse Abweichungen  werden  akzeptiert  – e dass sie unsichtbar sind – und steigern ihre Attraktivität. 11

Nun gehen mit der Kategorie «Person» Erwartungen einher, di· wir üblicherweise unseren Mitmenschen gegenüber an den Tag l gen: Eine Person darf in ihrem Verhalten nicht zu widersprüchlicl( erscheinen; sie muss berechenbar bleiben. Ansonsten schrillt uns · Alarmsystem: «Vorsicht, Betrüger!» Oder: «Achtung,  Psychopath‘ So hat uns die Evolution programmiert. Deshalb verstört uns die, . scheinbare Bewusstseinsspaltung Jahwes. Wenn er sich «einerseits als eifersüchtigzornig und strafend, andererseits aber als barmherzig, langmütig und verzeihend» erweist,12 dann deutet das doch aui eine Persönlichkeitsstörung hin. «Pass auf!», flüstert unsere erste) Natur dann. «Lass dich mit so einem gar nicht erst ein.»

Theologen betreiben entsprechend großen Aufwand, um di Widersprüche zu entkräften: «Wenn man in dem Gottesbild dii‘ dunkle, abgründige und verborgene Seite nicht ernst nehmen wiUj dann fehlen die Voraussetzungen, auch seine helle, liebende un’j enthüllte Seite richtig zu verstehen». 13 Theologische Aussagen wie diese mögen unserer dritten Natur verständlich sein, unserer erste: Natur sträuben sich dabei die Nackenhaare. Solche Antagonismen passen einfach nicht in die Schablone «Person», schon gar nicht in deren Unterkategorie «moralische, vertrauenswürdige Person»‘; Daraus resultiert der Hang vieler Gläubiger, zu verdrängen, dass Gott in seiner Vergangenheit als Massenmörder – Sintflut, Ertränken  der Agypter im Roten Meer – und Foltermeister – Abtrünnige sind zu pfählen oder mit Krankheit zu schlagen – auffiel. In den letzten Jahrtausenden  wurde  die  Bibel  deshalb,  so Steven Pinket «schöngeredet, zur Allegorie erklärt, durch weniger gewalttätige /.; Texte (bei den Juden der Talmud, bei Christen das Neue  Testament) verdrängt oder diskret ignoriert».14 Wollen die Menschen Gott ver-

302 Teil 3 Könige und Propheten: Die Moral wird göttltf

trauen, müssen sie seine unmenschliche Seite zum Verschwinden bringen .

Nun ließe sich darüber räsonieren, ob man einem Gott nicht  zu-

gestehen sollte, ganz anders als ein Mensch zu sein. Ein Gott muss doch die Kategorie «Person» sprengen; er darf nicht an irdische Moralvorstellungen gebunden sein. Das sagt auch der offizielle Katechismus der katholischen Kirche: Wir dürfen nicht den «unaussagbaren, unbegreiflichen, unsichtbaren, unfassbaren» Gott «mit unseren menschlichen Vorstellungen von ihm verwechseln». Gott ist ein «Mysterium». 15 Und damit wären wir bei einem weiteren Punkt, der die modernen Schwierigkeiten, das göttliche Verhalten zu tolerieren, so aufschlussreich macht: Unser Unvermögen, Gottes mysteriöse Natur zu akzeptieren, ist der beste Beweis dafür, dass die Menschen über moralische Vorstellungen verfügen, die ganz und gar unabhängig von der Religion existieren.

Viele Menschen glauben, es sei die Religion, die Gesellschaften

mit moralischen Werten versorge. Das ist falsch. Nicht die Götter brachten uns die Moral, sondern wir brachten den Göttern die Moral. Wir sehen es ja hier: Gott muss den menschlichen Moralanforderungen genügen. Menschen können nicht anders, als intuitiv nach seinen Motiven zu suchen und über sein Verhalten zu richten. So funktioniert unsere Psychologie. In den evolutionären Wissenschaften besteht längst Konsens darüber, dass unsere erste Natur  ein System für moralische Einsichten besitzt. Moralisches Verhalten war schon in Jäger-und-Sammler-Gruppen überlebenswichtig. Es brauchte dort gar keine übernatürliche Autorität, um die sozialen Spielregeln durchzusetzen; das regulierte die Gruppe im alltäglichen Miteinander. Der Primatologe Frans de Waal hat gezeigt, dass sogar Menschenaffen gerecht, kooperativ und empathisch handeln. Unsere Moral ist also viel älter als die Religion. 16 Richard Dawkins bringt es auf den Punkt: «Wir brauchen Gott nicht, um gut zu sein – oder böse.» 17

Menschen  sind  von  Natur  aus  moralische  Wesen,  das sehen

längst  nicht  mehr  nur  Evolutionswissenschaftler  so:  Der  Ägyp-

1 3 Wie kann ein guter Gott Böses tunl Über himmlische Moral 303

tologe Jan Assmann ist überzeugt, dass «die Gerechtigkeit nicht Schoße der Religion geboren wurde, sondern von außen in die ligion eingedrungen  ist». Sie war «längst  in der Welt; ohne sie hä,

menschliches  Zusammenleben  nicht  funktioniert». 18   Und deshal1

können Menschen nicht anders, als von Gott zu erwarten, dass er der Menschenmoral gehorcht.

«Von Herz zu Herz,von Seele zu  Seele»

Der Bibelwissenschaftler Rainer Albertz hat darauf hingewiesen, dass wir in der Welt der Psalmen auf einen anderen Typus von Religion stoßen. Er spricht von «persönlicher Frömmigkeit» und stellt diese der «offiziellen Religion» gegenüber. In Ersterer dreht sich alles um die unmittelbare, intime Beziehung zwischen Individuum und Gott. Ihr Rahmen ist die Familie, der Alltag. Letzterer ging es um den Bund zwischen Gott und Israel; ihr Raum ist der des Volkes, des Tempels und der religiösen Experten. Mit ihr hatten wir es in  der Bibel bisher vor allem zu tun. Albertz sieht darin einen «sozialbedingten Pluralismus innerhalb der israelitischen Religion». Es handle sich um das «Nebeneinander zweier nicht identischer Religionsschichten».6 Solch ein «interner religiöser Pluralismus», glaubt Albertz, sei «in fast jeder Religion zu beobachten, sei sie nun antik oder modern». 7

Wir haben für den religiösen Pluralismus im alten Israel die Unterscheidung zwischen intuitiv-individueller und intellektuellinstitutioneller Religion eingeführt. Wir verstehen sie aber nicht als Produkt einer sozialen Differenzierung. Was Albertz persönliche Frömmigkeit nennt, betrachten wir als intuitive Religion, die nah ist an dem, was man das biologische Substrat des religiösen Erlebens nennen kann. Sie ist aufs Engste mit den angeborenen psychischen Dispositionen verflochten und basiert auf der intuitiven Annahme einer numinosen, von zahllosen Akteuren beseelten Welt. Sie ist mal mehr, mal minder ausgeprägt bei allen Menschen anzutreffen. Die intellektuelle Religion stellt dagegen jenes Gott-basierte kulturelle Katastrophenschutzsystem dar, mit dem wir es bisher in der Bibel zu tun hatten.

Wir haben erklärt, wie der Monotheismus nach  der Rückkehr aus dem Babylonischen Exil bestrebt war, die in der privaten Sphäre verwurzelte intuitive Religion zum Schweigen zu bringen. Wieso begegnen wir der intuitiven Religion jetzt hier – mit Jahwe als Protagonisten?  Bevor wir die Frage beantworten, verweilen wir  einen

1 4  Die Psalmen: Mein Gott! 323

Moment bei dieser Alltagsreligion, wie sie durch die Psalmen hu: durchschimmert.  In der Tora ist sie uns nur in Form von  Verboteni

,l

begegnet. Lauschen wir also einem Gespräch mit Gott, wie    es di?

Psalmen überliefern: «Du hast mich aus meiner Mutter Leibe g1 zogen; du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Muttenl heißt es in Psalm 22. «Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib aUj du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an. Sei nicht ferne vonj mir; denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.» Aus solche Zeilen spricht nicht nur ein großes Urvertrauen, sondern auch ein; neues Rollenverständnis Gottes: Jahwe als Hebamme. Oder habeni wir  es hier mit  der Vorstellung  von Jahwe  als Vater zu tun?   Eh

nicht, die ist für das Alte Testament selten. Als Vater wird er dort nu,!i

·

siebzehnmal bezeichnet, während im Neuen Testament gut 260 ;mal I auch eine eher ungewöhnliche Rolle für einen Staats- und Kriegs?: gott von katastrophischem Naturell.

Albertz  beschreibt  das  neue  Gottesverhältnis  folgendermaßen:?!

«So wie ein kleines Kind aufgrund der liebevollen Zuwendung seij ner Eltern <vorbewusst> in eine Vertrauensbeziehung zu ihnen  hin1

,-:‘.j

einwächst, die sich auch über Krisen durchhält und  normalerweiset

unaufkündbar  ist, so wie  es  bei  ihnen  bedingungslos  Schutz undl

11

Trost findet, wenn es sich ängstigt, so erfährt auch der Einzelne sei

“I

ne Gott>.9 Entsprecend erne werden die_ Psalen herangezogen:

um zu zeigen, dass die Beziehung zu Gott im Smne der Bindungs“‚l theorie ·ctes Psychologen John Bowlby gedeutet werden kann: Ded] Gläubige fühlt sich geborgen wie ein Kind in den Händen     «einesil

\

beschützenden  und sorgenden Elternteils, das für seine Kinder ver  :

fügbar  ist, wann  immer  diese es brauchen». 10  In der Sprache der’i;

}.

Psalmen klingt das so: «Der HERR ist mein Licht und mein Heil; vot:·)

;

wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens  Kraft;}

vor wem sollte mir grauen?» Auch die Sehnsucht nach einer «festen,:f Basis», einem «sicheren Hafen», 11 entspringt unserer ersten Natur.. }

All das erinnert uns an William James‘ Klassiker Die Vielfalt religiöserser Erfahrung, der auch nach über hundert Jahren zum Besten gehört,\

324 Teil 4  Von  Psalmen  und  Schriften: Der zweite Gott der Bibel

was je über Religion geschrieben wurde. James griff für sein Buch auf Interviews zurück, die der Stanford-Professor Edwin Starbuck Ende des 19.Jahrhunderts geführt hatte, als er die Glaubenswelt der US-Amerikaner erkundete. Auf die Frage, wie die Menschen Gott erfahren, erhielt er Antworten wie diese: «Ich habe das Gefühl einer Gegenwart, die stark, aber gleichzeitig beruhigend ist und über mir steht. Manchmal ist mir, als würde sie mich mit liebenden Armen umfassen. Gott ist ein persönliches Wesen, das seine Geschöpfe kennt und sich um sie kümmert.» Eine andere Frau drückte es so aus: «Oftmals habe ich das Bewusstsein der Gegenwart Gottes und empfange süße Worte des Trostes.» Starbuck zog den Schluss, dass diesem religiösen Erleben ein elementares Bedürfnis «nach Gemeinschaft, Freundschaft und Verwandtschaft» zugrunde lag.12

William James entwickelte daraus sein Konzept der «persönlichen Religion», sie ähnelt sehr dem, was wir intuitiv-individuelle Religion nennen. In ihr entfalteten sich «die Gefühle, Handlungen und Erfahrungen von einzelnen Menschen …, die vo? sich selbst glauben, dass sie in Beziehung zum Göttlichen stehen». James unterschied die persönliche, in der «Abgeschiedenheit» propagierte Religion von der «institutionellen Religion», die durchaus  dem  entspricht, was wir als die intellektuell-institutionelle bezeichnen. Als deren wesentliche Merkmale nennt er: «Gottesdienst und Opfer, Verfahren, sich die Gottheit geneigt zu machen, Theologie, Zeremonie und kirchliche Organisation». Für James ist die persönliche Religion «das Ursprüngliche». Weil sie in der tatsächlichen religiösen Erfahrung gründe, sei sie «grundlegender» als Theologie und Kirche, die für ihn als Kernbestand der institutionellen Religion nur Religion «aus zweiter Hand» darstellten. Für die persönliche Religion aber  gelte:

« Die Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer verläuft direkt von Herz zu Herz, von Seele zu Seele.»13

In den Psalmen spiegelt sich dieses Erleben wider: «Herzlich lieb habe ich dich, HERR, meine Stärke! HERR, mein Fels, meine Burg, mein Erretter, mein Gott, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Berg meines Heiles und mein Schutz!», klingt es aus der Bibel.

14  Die Psalmen: Mein  Gott! 325

Gewiss lässt sich einwenden, dass die meisten von Starbuck zusammengetragenen Antworten von der religiösen Erziehung geprägt : waren – die meisten Befragten waren weiß und protestantisch. 14 • Trotzdem ist es bemerkenswert, dass die Psalmen über zweitausend •;

)

Jahre hinweg eine Saite in der Seele der Menschen zum Klingen ;1 bringen. Sie interagieren mit Gott, als wäre dieser eine reale Person, · die ihnen im Hier und Jetzt zur Seite steht, sie sind auf Du und Du i mit dem Göttlichen.

Die Ahnen  sind nicht tot

Nehmen wir das Phänomen aus evolutionär-ethnologischem j Blickwinkel unter dlie Lupe: Der Homo sapiens ist eine hypersoziale :,J Spezies. Das Zusammenleben in kleinen Gruppen basierte schon .: immer auf der Verpflichtung, sich gegenseitig zu helfen. Die halb , sesshaften Semai etwa, die auf der Malaiischen Halbinsel leben, ; beginnen und beenden jede wichtige Zusammenkunft mit einer ; Folge von gemeinsam ausgesprochenen Beteuerungen: «Wir sind J alle Geschwister hier. Wir sorgen uns umeinander. Wenn ich nicht  ,’l

jagen  kann, hilfst du mir. Wenn du krank bist, füttere ich dich …»15  1

Das Beschwören der wechselseitigen Solidarität ist die Überlebens..:\

versicherung schlechthin. In Zeiten, als es außerhalb der Gruppen } keine Institutionen gab, ging es darum, nicht im Stich gefassen zu }

werden:-Das Hollywood-Kino weiß diese uralte Emotion geschickt :;

. !

anzusprechen:  Ist der Held  in höchster  Bedrängnis,  naht  in letzter/(

Sekunde die Rettung durch die Seinen. Das Glücksgefühl, das den 1 Zuschauer in solchen Momenten überkommt, zeigt: Für  unsend‘ erste Natur ist dies das perfekte Happy End. 1

•) •,

Füreinander einzustehen  bestimmte  das  Zusammenleben  Tagj für Tag. Und viel sprach dafür, dass es auch mit dem Tod nicht en dete. Denn der Tod, so unheimlich er sein mochte, wurde nicht als das Ende von allem empfunden. Er war der Beginn einer anderen 1;j‘ Existenzform. Das scheint eine universale Annahme zu sein: «E’in · \

326 Teil 4 Von Psalmen und Schriften: Der zweite Gott der  Bibel/

Glauben an Unsterblichkeit (in der einen Form oder einer anderen) der Toten taucht in allen Kulturen genauso auf wie die Verehrung (wieder: in der einen Form oder einer anderen) der Ahnen.» 16 Die Ahnen mochten unsichtbar und nicht immer genau zu lokalisieren sein – sie waren jedoch nicht völlig anders, als sie es als lebende Personen gewesen waren.  Sie gehorchten  derselben  Psychologie; sie beeinflussten die Welt der Menschen und ließen sich beeinflussen. Die Welt der Ahnen war eine weitere Dimension der sozialen Sphäre -nicht wirklich fassbar vielleicht, aber in den Konsequenzen nicht weniger real. Und da wir nun einmal zu sozialen  Erklärungen tendieren, kamen die Ahnen immer dann ins Spiel, wenn nach Urhebern für ungewöhnliche Ereignisse gesucht wurde und keine reale Person in Frage kam, die dahinterstecken konnte.17

Die Ahnen gehörten zur erweiterten Familie. Sie schauten nach ihren lebenden Verwandten, waren interessiert an deren Fortkommen und der Dauerhaftigkeit der Familien, sie blieben weiterhin die Bezugs- und Bindungspersonen, die sie im Leben gewesen waren. Versorgte man sie mit Opfern, konnte man auf ihre Unterstützung zählen. Sie waren da, wenn es darauf ankam. Hier berühren sich unsere verwandtschaftsorientierte Psychologie und die intuitive Religion. 18 Aus dieser Perspektive erklärt sich, warum die intuitive Religion um Alltagsthemen wie Geburt, Krankheit und Tod, Heirat oder Streit mit Nachbarn kreist. Ebenso verständlich wird, dass die Frauen eine zentrale Rolle spielten.19 Denn so wie es schon ihre Domäne war, die sozialen Bindungen zwischen lebenden Verwandten aufrechtzuerhalten, 20 kam ihnen der Austausch mit den Ahnen zu, den Verwandten in einem anderen Aggregatszustand.

Von Gruppe zu Gruppe mochten sich die Vorstellungen, die Rituale, die magischen Praktiken unterscheiden, aber im Kern ähnelten sie sich sehr, weil es allerorten um dieselben menschlichen Bedürfnisse  ging. Die Ahnen  als Hüter  der Regeln  stifteten  eine

« unbestreitbare Wahrhaftigkeit» 21 – und stabilisierten die Gemeinschaften. «Wenn du glaubst, Geister oder die Seelen deiner Ahnen könnten anwesend sein und dich beobachten»,  kommentiert Justin

1 4  Die Psalmen: Mein Gott! 327

Barrett, einer der Protagonisten der kognitiven Religionswisse schaft, «dann bist du geneigt dich auf eine Weise zu verhalten, di gut für deine soziale Reputation ist und dich als attraktiven Koop, rationspartner ausweist.»22 .)

Das ergab ein Gemisch  aus  erster  und  zweiter  Natur  und  w. ganz  selbstverständlicher,  fester  Bestandteil  des Alltags:  Es  ist  d ·

was sich als Familien- oder Alltagsreligion  beschreiben  lässt, in d.

1

allerorten die Ahnen  eine wichtige Rolle spielten. Nicht zuletzt   al,

wichtige Verbündete, insbesondere wenn fremde Ahnen oder h · renlose Geister herumspukten. Dann wurde es gefährlich.

Die unmenschliche Seite Gottes

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Die aus dem Exil .zurückkehrende israelitische Elite stieß bei ihremiJ Bestreben,   im  Namen   des  Monotheismus   die  uralte  Glauben/

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praxis zu eliminieren, auf große Widerstände:·Das Volk murrte und§

murrte. Es gibt ein Verlangen der ersten Natur, sich in Situationen) existenzieller Not des Beistandes übernatürlichen Personals zu velW;J

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sichern – nicht einmal die Priester und Schriftgelehrten waren ganzf‘ frei von diesem Bedürfnis. Das wirkte wie ein Sog, der dazu führte, die intuitive Religion in die hebräische Bibel zu integrieren, urn\ diese Sehnsucht nach Beistand zu befriedigen. :{ Der Sog, die intuitive Religion zu integrieren, wirkte umso stärker ker, als der Monotheisus erebliche Prolme aufwarf. Jawe, der‘

Staatsgott, kummerte  sich nicht  um  Individuen,  außer diese verstießen gegen seine Regeln; als kulturelles Schutzsystem diente  der\

Monotheismus der Gesellschaft. Der Schutz aller war aber oft nur auf Kosten  der Einzelnen zu realisieren. Am Beispiel des   Umgangs··· ‚

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mit  Krankheiten  lässt  sich  das eindrücklich demonstrieren. ··

Kranke  zu  versorgen   und   Spitäler  zu   betreiben   gehört   heute   zum   ethischen   Imperativ   der  großen   Religionen.   Das   erscheint t\

ganz  selbstverständlich,  schließlich  wurden  Krankheiten  seit  alters ‚.’1

als das Werk von Geistern, Dämonen oder Göttern angesehen und    /‘

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328 Teil 4 Von Psalmen und Schriften: Der zweite Gott der   Bibel )i‘

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dem gemäß mittels Opfern, Gebeten oder Dämonenaustreibungen kuriert. «Durch die ganze Welt des Altertums waren die <Gesundheitssysteme> integral mit Religion verbunden», stellt Carol Meyers fest. «Medizinische Versorgung war eine religiöse Aktivität».23 In der Tora aber hält Jahwe keinen Trost für die Kranken parat, sondern Quarantäne, wenn nicht gar dauerhaften Ausschluss aus der Gemeinschaft. Das liegt in der Logik des Monotheismus: Krankheiten sind die Strafen Jahwes, und damit ist ein Kranker kein Patient, er ist ein Delinquent, der sich eines Vergehens schuldig gemacht hat. Da die Krankheit seine Sünde für alle offenbart, sind die Mitmenschen davor gewarnt, sich ihm zu nähern, um nicht selbst in die Ungnade des Höchsten zu fallen.

Sollen die Gesetze der Tora die Gesellschaft schützen, müssen Kranke abgesondert werden. Wissenschaftlich betrachtet ist das sinnvoll, Epidemien werden an der  Ausbreitung  gehindert.  Für  den Kranken aber wird sein Leiden vergrößert. «Isolierung und feindliche Reaktionen der Umwelt» muss er als Konsequenzen der Tora ertragen, sagt der Theologe Eckart Otto.24 Und der Religionswissenschaftler Hector Avalos befindet: «Dieses Gesundheitssystem war nicht auf die Bedürfnisse individueller Patienten ausgerichtet. Vielmehr war es das Ziel, die Gemeinschaft zu beschützen, zumindest aus der Perspektive der priesterlichen Elite.»25

In seiner Arbeit über Illness and Health Care in the Ancient Near East

kam Avalos zum Schluss, dass von einem «strikt wissenschaftlichen Standpunkt» aus das Gesundheitssystem der Tora wirkungsvoller gewesen sein könnte als die Heiligtümer des griechischen Heilgottes Asklepios. An diese war ein Sanatorium für die Kranken angeschlossen. Das erscheint  uns zwar  heute  humaner,  doch  führte es in Zeiten allenfalls rudimentärer Medizin eher zur Ausbreitung von Krankheiten als die restriktive Isolierung der Kranken und ihre Fernhaltung vom Tempel, wie es die Tora verordnete. 26 Das moralische Dilemma, das aus der Kollision gesellschaftlicher und individueller Interessen entspringt, begleitet uns bis heute. Man denke an  die  emotionalen  Diskussionen  um  die  Zwangsquarantäne für

14  Die Psalmen: Mein  Gott! 329

Menschen, die im Verdacht stehen, mit gefährlichen krankheiten wie Ebola in Kontakt geraten zu sein.

Ein klassisches Mismatch-Problem: Um Epidemien zu verhim dem, ist die Isolierung von Infektionsherden sinnvoll. Der ersten{ Natur der Menschen aber erscheint es unmenschlich, Krankeni ausgerechnet im Moment größter Hilflosigkeit die Solidarität au““ zukündigen. Genauso inakzeptabel ist das für die Angehörigen der Kranken. Deren erste Natur gebietet es, Gruppenmitglieder nicht im;;< Stich zu lassen. Wie hieß es bei den Semai? «Wenn du krank bist, füttere ich dich …» In den Zeiten vor der Landwirtschaft, als sich:1 die Maximen der ersten Natur entwickelten, waren die Verbreitung\,.’/1 und vor allem die tödliche Virulenz von Infektionskrankheiten um:/ vieles geringer. ,

Als Staatsgott,-nd ehemaliger Kriegs- und Wettergott verfügtej Jahwe weder über heilende noch über seelsorgerische Qualitätenl Musste er auch nicht, denn das erledigte die traditionelle, vor allem:} von Frauen getragene Alltagsreligion, die auch für die medizinische:· Versorgung zuständig war. Doch der Monotheismus eliminierte} diese intuitive Religion – und schuf damit ein Vakuum. Karitative J Verordnungen der Tora betreffen die Armen und die Fremden, dief Witwen und Waisen, aber nicht die Kranken. Jahwes Gesundheit…i’i fürsorge kennt bloß eine Devise: Gesetzestreue.

Ausgerechnet in den Stunden größten Leids werden die Men., scl1en allein gelassen. Sie ereilt mit der Krankheit, wie es in ‚cien Psaf4 men wiederholt heißt, der Tod mitten im Leben. Einsam und au1 gestoßen fühlen sie sich.27 Im Psalm 31 klagt der Kranke, «eine La,it meinen  Nachbarn  und  ein Schrecken meinen Bekannten»  zu sein «Die mich sehen auf der Gasse fliehen vor mir. Ich bin vergessen  in1

ihrem Herzen wie ein Toter». Das war inakzeptabel. Hier musste ‚.‘.· die Religion nachgebessert werden, wollte man verhindern, dass die J

Menschen weiterhin den alten Göttern und Praktiken huldigten, die;, vom Monotheismus als Aberglauben verteufelt wurden. Das war eiri\ geradezu biologischer Imperativ. Noch heute lassen die Menschen ;J bei schweren Krankheiten nichts unversucht: von Geisterheilern öis ,J

.‘}j

Teil 4  Von Psalmen  und  Schriften: Der zweite Gott der Bibel

zur Marienwallfahrt nach Lourdes. Der Mikrobiologe David Clark bringt es mit einem Augenzwinkern auf den Punkt: «Solange die wissenschaftliche Medizin funktioniert, haben viele Menschen wenig Bedarf nach Hilfe von oben.»28 Wehe aber, sie versagt.

Wir werden sehen, dass sich das Neue Testament auf einen anderen Umgang mit Kranken besinnen wird, und auch das rabbinische Judentum wird den Krankenbesuch zur Pflicht erheben. Schon in den Psalmen kündigt sich der Wandel an. Jahwe versucht sich zuweilen in der Rolle des Heilers. «HERR, mein Gott, als ich schrie zu dir, da  machtest  du mich gesund», heißt  es in Psalm 30, und    im

«Danklied eines Genesenen» steht geschrieben: «Der HERR wird ihn erquicken auf seinem Lager; du hilfst ihm auf von aller seiner Krankheit.»

«Du schlägst all meine Feinde auf die   Backe»

Die Krankheiten sind nur ein Beispiel dafür, wie der Monotheismus in existenziellen Bereichen ein Vakuum schafft. Später werden wir Ähnliches in Sachen Tod beobachten. Die Leere musste gefüllt werden, sollten die Menschen endlich ganz auf Jahwe vertrauen. Er musste ein Gott für alle Sphären des Lebens werden, nichts Menschliches durfte ihm mehr fremd sein. Das ist die Leistung des Psalters: Hier wird die institutionelle Religion angereichert, die intuitive Religion ins Buch der Bücher integriert, hier wird dem Richter Jahwe der Menschenfreund Jahwe an die Seite gestellt.

Wir haben es tatsächlich mit einem Akkumulationsprozess zu tun: Niemand hat neue Psalmen gedichtet, um Gottes Kompetenzlücken zu schließen. Wäre es so gewesen, dann würden wir im Psalter einen deutlicheren Niederschlag der offiziellen Religion finden. Doch in den Klagen der Psalmen lässt sich kein Hinweis auf die israelitische Heilsgeschichte ausmachen, kein Flehen an Gott, «das Individuum aus seiner Bedrängnis [zu] retten, wie er das schon getan hatte, als er das Volk aus der ägyptischen Sklaverei befreite». Auch der «Korn-

1 4  Die Psalmen: Mein Gott! 331

TEIL 5

DAS NEUE TESTAMENT: HOFFNUNG  AUF  ERLÖSUNG

Im Zentrum des Neuen Testaments steht eine Person von gewaltigerStrahlkraft: Jesus von Nazareth. Für die Christen ist er der Schlüssel Verständnis der ganzen Bibel, für uns ist er ein Paradebeispiel kumulativer kultureller Evolution. Jesus war Jude, die Tora hielt er in Ehren. Nichts lag ihm ferner, als eine eigene Religion zu gründen – doch verehren ihn heute mehr als zwei Milliarden Christen als Gottes Sohn. Wie es dazu kommen konnte, erklärt sich nur vor dem Panorama der hebräischen  Bibel.

,uch  das  Neue Testament  ist eine Reaktion  auf  das  Unheil  der

:, das aus den Mismatch-Problemen resultierte. Die Versuche, die 1 zu seiner Bewältigung unternahm, waren von überraschender Antiquiertheit -oder sollte man eher sagen: von zeitloser Aktualität?

.n die  Wege,  die  nun  beschritten  wurden,  waren  keine  neuen. h in der kulturellen Evolution gibt es  etwas,  das  die  Wissentftler Pfadabhängigkeit  nennen: ein eingeschlagener Pfad wird in

· Regel nicht aufgegeben, Änderungen und Korrekturen finden innerhalb eines einmal etablierten Systems statt. Dieses gibt die Richtung der Entwicklung vor. Nicht selten wird dabei auf Altbewährtes zurückgegriffen.  Mitunter  aber trennen  sich auch Wege.  Eines der Ziele  unseres  Buches  ist es, immer auch zum   gemeinsam.en Ausgangspunkt  kultureller  Wege zurückzukehren.  Und  der

: in unseren Augen dort, wo sich vor gut zehn, zwölf Jahrtausender Homo sapiens gezwungen sah, alles auf sein größtes Talent zu en: die Kultur. Deren heutige Vielfalt, die unvorstellbar ausdifferenzierte Fülle an Religionen, Wissenschaften und Kulturtechniken Art, lässt sich auf diesen Moment zurückführen.

Wir  haben  es  auch  im  Neuen  Testament  mit  sich  trennenden‘..:

·\1\

Wegen zu tun. Falls wir durch unser Bibel-fixiertes Vorgehen    den}?

Eindruck erwecken, wir sähen im Judentum bloß eine Vorstufe des/ Christentums: dem ist nicht so. Die «Jesusbewegung» war wie die9 Sadduzäer, Zeloten, Essener oder Pharisäer eine unter vielen Bewe4 gungen des Frühjudentums. Das Christentum schlug im Verlauf des: ersten Jahrhunderts nach der Zeitenwende seinen eigenen Weg ein/ genauso wie zur selben Zeit das aus den Pharisäern hervorgegan)\ gene rabbinische Judentum. Wir haben es mit Schwesterreligionen { zu tun; beide fanden zu innovativen Lösungen.1 Der hebräischen): Bibel aber gebührt die Ehre der Elternschaft. Wieder waren es die ; Katastrophen  in den Jahrzehnten um das Jahr null herum, die dazukI

führten,dassJuden-undChristentumaufverschiedenenWegenihr Glück versuchten, jedenfalls dem Unglückzuentgehen.

Wichtig ist zu realisieren, dass schon der Ausgangspunkt  beider,:! das Frühjudentum, extrem erfolgreich war -und zwar «von Rom bis J.

;’i1,

Asien».2  In Palästina lebten damals etwa eine Million Juden, in der  ‚!

Diaspora geschätzte fünf bis sechs Millionen. 3 Das lässt sich nur mit 😉

.,i

einer großen Anzahl von Übertritten  zum Judentum  erklären, ein ::r

Beweis seiner Anziehungskraft. 4 Überraschen kann das nicht. Wir haben gezeigt, welch ein kulturelles Meisterwerk die biblische R&1 ligion darstellte. Bereits im Frühjudentum finden sich also viele der  «psychologischen und intellektuellen Faktoren, die das Christentum <

··1

später  so unwiderstehlich  machen  sollten».5  Auch  deshalbl gaben sich die Christen solche Mühe, das Neue Testament als Erfüllung ; der hebräischen Bibel erscheinen zu lassen.

Was aber führte dann zum gewaltigen Erfolg des Christentums?  –

Eine Frage, die angesichts vieler historischer Zufälligkeiten  kaum  /j

,l

zu beantworten ist. Mindestens zweimal war großes Glück im Spiel: j

Das erste Mal, als der paulinisch geprägte Flügel der Christusbewegung  in  der  Diaspora  die  Katastrophe  des jüdisch-römischen f

1

Krieges  (66-70/74  n. Chr.)  überlebte,  anders  als etwa die Sadduzäer, die Zeloten und wohl auch die urchristliche Gemeinde in Je :\ rusalem .6  Das zweite Mal, als sich der römische Kaiser Konstantin  374 Teil 5  Das  Neue Testament: Hoffnung auf Erlösung

(270/88-337) für das Christentum entschied und in den innerrömischen Machtkämpfen die Oberhand behielt. Der Historiker Paul Veyne ist überzeugt: «Ohne Konstantin wäre das Christentum eine avantgardistische Sekte geblieben.» 7

Was wir eher erklären können, ist, warum das Christentum das Potenzial besaß, über Jahrtausende hinweg Abermillionen von Menschen durch die verschiedensten Kulturen hinweg zu betören. Dieses Potenzial hat einen Namen: Jesus von Nazareth. Er beeindruckt sogar Menschen, die gar nicht an Gott glauben.  Selbst der Papst  des Atheismus,  Richard  Dawkins,  kann  sich ihm  nicht entziehen.

«Atheists for Jesus» heißt Dawkins‘ Essay, ein Hymnus auf die «super niceness» des Nazareners.8 Ihm gehört hier unser erstes Kapitel. Aber Jesus ist nicht alles. Das Christentum verfügt über einen ganzen  Kosmos  himmlischer  wie höllischer  Gestalten: Maria, die Legionen der Heiligen , der Teufel und die Dämonen. Viele von ihnen starten ihre Karriere erst so richtig nach der Bibel. Dennoch folgen auch sie Wegen, die im Buch der Bücher angelegt waren, deshalb werden wir ihnen ein eigenes Kapitel widmen. Erst sie machen das Christentum komplett. Wieder ist es die erste Natur der Menschen, die ihr Recht verlangt.

Schließlich werden wir uns auch die zweite Bibel ansehen: das Buch der Natur. Die Idee von Gottes zweiter Schrift verbreitete sich im frühen Christentum. Auch sie markiert  eine Wegscheide größter Bedeutung: Hier begannen sich Religion und Wissenschaft zu trennen. Lange, sehr lange liefen ihre Wege dicht beieinander, überschnitten sich immer wieder. Bis sie vor gar nicht allzu langer Zeit in entgegengesetzte Richtungen abbogen. Eingedenk des langen gemeinsamen Weges könnte sich der heute so oft beschworene Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft in Luft auflösen. Theoretisch zumindest. Aus dieser Perspektive wird auch die Situation des Glaubens heute verständlich – und warum die Religion allem Fortschritt zum Trotz nicht verschwindet.

Beginnen wir nun mit der Frage: Wer war Jesus? Dem evolutionären   Ansatz   unseres   Buches   entsprechend   sollte   sein ge-

Teil 5 Das Neue Testament: Hoffnung auf Erlösung 375

waltiger Erlolg über  die  Zeiten  und  Kulturen  hinweg  Einblicke.  in die Natur des Menschen gewähren. Das gelingt ihm. Eindruc  voll.

1 7 Jesus von Nazareth: Wird Gott Mensch?« Dass es das Christentum überhaupt gibt, ist sein größtes Wunder», sagt der Theologieprofessor Jörg Lauster. Schließlich machten die Römer mit dessen Protagonisten  kurzen  Prozess  und  schlugen  ihn ans Kreuz.1 Ein mehr  als erklärungsbedürftiger  Umstand.  In The Evolution of God bemerkt Robert Wright völlig zu Recht, «sein Leben  zu verlieren  war  kein  Bestandteil  der Jobbeschreibung des Messias».2  Ein Messias hat die Feinde zu besiegen und das Volk zu befreien – und sich nicht zur Strecke bringen zu lassen, bevor überhaupt die Posaunen zur Entscheidungsschlacht gerufen haben. Es soll nicht pietätlos klingen, aber wir können feststellen: Wieder einmal machten die Bibelautoren das Beste aus einem Desaster. Untersuchen wir also das Wunderwerk der kulturellen Evolution, mit dem wir es hier zu tun haben. Zunächst stellen wir uns der Frage, warum der historische Jesus so viele Schwierigkeiten bereitet. Dann begeben  wir uns an die bibelanthropologische  Analyse  und identifizieren  alles, was  den Blick  auf  das eigentliche Phänomen«Jesus Christus» verstellt. Schließlich begutachten wir die Kapriolen der kumulativen kulturellen Evolution, mit denen diese die Wirklichkeit endlich in den Griff bekommen will. Auf Drängen unserer ersten Natur macht  sie einen  Purzelbaum  rückwärts:  Im Zeichen der Apokalypse erleben die dämonischen Kräfte ihr Comeback  – und bügeln die Schwächen des Monotheismus  aus. Wir  werden Jesus befragen, warum die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein werden und wieso den Armen und Sanftmütigen das Himmelreich gehören soll, bevor wir seine charismatische Essenz analysieren. Über Zeiten  und Kulturen  hinweg verzaubert  sie  die

376 Teil 5 Das Neue Testament: Hoffnung auf Erlö : J,:

1 7 Jesus von  Nazareth:  Wird Gott Mensch? 377

draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.»  (Mk 3,31-35)95

Dass Jesus sich abschätzig über die Familie äußert, wird zu den verstörenden Seiten des Nazareners gezählt.96 Jesus handelt hier wie ein moderner Sektenführer. Es gilt, die Gruppenmitglieder aus den „ alten Familienbindungen zu lösen. Die Familien verkörpern jene traditionelle  Welt,  deren  Ketten  man  gerade  abstreifen  will.  Wer auf Jesu Seite st;ien will, wenn das  Reich  Gottes  kommt,  muss Familie und Besitz abschwören, muss seine alte, zweite Natur aufgeben. Auch lebt Jesus im Kleinen vor, was er für das Große der Gesellschaft anstrebt: Der Glaube an den einen Gott schweißt selbst 1 Fremde zu einer Familie zusammen – einmal mehr entsteht fiktive Verwandtschaft. Jesus und seine Anhänger gehen keiner geregelten Arbeit nach, er verlangt von ihnen, dass sie Hab und Gut  aufgeben.

Sie profilieren sich als Heiler und Exorzisten. «Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet», sagt Jesus. «Seht die Vögel unter dem Hifnmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nic1i.t in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.» (Mt 6,26) Die gemeinsamen Mahlzeiten  werden  zelebriert,  auch  mit jenen vom Rande der Gesellschaft . Jesus muss sich deshalb den Vorwurf

gefallen lassen, «ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder» (Mt 11,19) zu sein. Es ist aber alles andere als ein Zufall, dass gerade das Abendmahl zu einer zentralen Institution des ·‘ Christentums werden wird. Hier zelebriert sich Gemeinschaft. Wie bei den Jägern und Sammlern: Niemand isst allein. Das Essen ist ein. :0 soziales Ereignis, das die Bindungen untereinander stärkt. !,.

Warum fühlen sich die Menschen von solchem Aussteigertui’n }

418 Teil  5 Das  Neue Testament:Hoffnung auf Erlösung · F

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angezogen? Von der «Lebensreform» am Anfang des 20.Jahrhunderts bis zu den Hippies: Immer wieder suchen die Menschen nach alternativen Formen des Zusammenlebens. Auch heute noch sind viele Christen vom Urchristentum fasziniert, von dem sie glauben, dort habe sich die Ursprünglichkeit  der Jesusbewegung  bewahrt. Mit Jesus «kommt eine alternative Existenzweise in den Blick, die für die Gesellschaft eine ständige Herausforderung darstellt», schreibt Bernhard Lang. «Es ist schwer, sich ihrer Faszination zu entziehen.» Jesus lebte ein soziales Experiment.97 Neues aber wurde gar nicht erprobt; er kehrte zu den Wurzeln des Homo sapiens zurück. Menschheitsgeschichtlich betrachtet ist Jesus hyperkonservativ.

Seit Sigmund Freud ist die Rede vom «Unbehagen in der Kultur» sprichwörtlich geworden. In evolutionärer Perspektive erklärt sich das nicht zuletzt daraus, dass patriarchale Gesellschaften auf materiellen Besitz setzen und die sozialen Beziehungen vernachlässigen. Seither wird das Leben materiell immer reicher, während es sozial verarmt.98 Die Evolution hat die Angehörigen der Gattung Homo jedoch als höchst gemeinschaftsselige Wesen geformt, für die es jahrhunderttausendelang überlebensnotwendig war, dass sie ein eng gesponnenes Netz an sozialen Beziehungen besaßen. Das war unsere Lebensversicherung. Kein Wunder, dass wir uns unter den neuen Verhältnissen unbehaglich fühlen. Die Faszination für die Aussteigerschar um Jesus resultiert also aus der Sehnsucht unserer ersten Natur nach den Zeiten, in denen unsere psychologischen Präferenzen geprägt wurden – und die unter den Bedingungen anonymer, eigentumsfixierter Gesellschaften viel zu kurz kommen.

Mehr als Maria  Magdalena

Auch der hohe Stellenwert der Frauen in der Jesusbewegung passt zu dem, was wir als Zurück zur alten Jäger-und-Sammler-Kultur beschreiben . Es ist nicht nur «eine überraschend vielseitige Einbezieh,,mg von  Frauen  und weiblichen Lebenszusammenhängen»

J 7 Jesus von Nazareth: Wird  Gott Mensch? 419

zu konstatieren; Frauen gehörten auch zum erweiterten Anhängerkreis Jesu, sorgten für die materielle Versorgung und spielten  bei den Geschehnissen um Kreuzestod und Wiederauferstehung eine entscheidende Rolle. Manche blieben sogar nach Jesu Tod als Wanderpredigerinnen aktiv.99

Maria von Magdala ist die bedeutendste. Lukas berichtet, Jesus habe «Maria, genannt Magdalena» gleich sieben böse Geister aus- J getrieben. Wie andere Frauen auch folgte sie Jesus aus Galiläa nach ‚I Jerusalem  und  floh  nicht  wie  die Jünger  nach  dessen Verhaftung,

sondern wurde Zeugin der Kreuzigung. Maria war es, da sind sichJ alle Evangelien einig, die entdeckte, dass das Grab leer war. Bei drei j

Evangelisten traf der auferstandene Jesus als Erstes auf sie und trug· ihr auf, den Jüngern seine Auferstehung zu verkünden.  «Sie  hat )/ also sicher in der Jesusbewegung eine – der des Simon Petrus ver- ‚1 gleichbare – wichtige Rolle gespielt», sagt Jürgen Roloff und zieht :I den Schluss: Die Bedeutung der Frauen im Umfeld Jesu «war in der . )

damaligen  Kultur  mit ihrer patriarchalisch  geprägten  Gesellschaft j

ungewöhnlich, wenn nicht gar revolutionär». 100 · Wir erwähnten bereits, dass man die hebräische Bibel als einen \ männlichen  Minderheitenreport  verstehen  muss.101  Normale Frau-:!“

en sind im Alten Testament so gut wie unsichtbar. Jene Frauen, die  i

einen größeren Auftritt haben, sind nicht repräsentativ für die  Frau-·,

en im alten Israel.102 Sie tauchen auf, weil sie mutig für das Volk Israel 1

ihn!n Mann stehen: Die Richterin Debora zieht in den Krieg gegen J

  • i

die Kanaaniter, Jael tötet einen feindlichen Feldherrn, Ester bewahrt

als Gemahlin des persischen Königs ihr Volk vor einem Pogrom,s· und Judith, deren Buch zu den Apokryphen gehört, schneidet dem assyrischen General Holofernes  den Kopf  ab. Solche Geschichten )1

demonstrieren die Botschaft: Wenn ihr Glauben nur stark genug ist,( verhilft Jahwe selbst schwachen Frauen dazu, Großes zu tun – und  ‚1 sind damit kaum etwas anderes als Variationen des David-gegen/ Goliat-Motivs.

Die Moabiterin Ruth wird dafür gerühmt, dass sie auch nach dem Tod ihres israelitischen  Mannes dem Volk Jahwes treu  bleibt•-

420 Teil 5 Das Neue Testament: Hoffnung auf Erlösung

als Ausnahme der Regel. Fremde Frauen gelten der  hebräischen Bibel ansonsten als Gefahr, weil sie die Männer dazu bringen, sich mit fremden Göttern einzulassen, die vielen Frauen König Salomos sind das prominenteste Beispiel. Deshalb gebietet das Buch Esra, Mischehen aufzulösen, und das Buch Nehemia verbietet sie. Das bestätigt die Beobachtung von Religionswissenschaftlern: Frauen sind die eigentlichen tragenden Kräfte der Religion und bestimmen damit die religiöse Praxis im jeweiligen Haushalt. Auch im alten Israel waren sie die Ritualexpertinnen der intuitiven  Religion. 103 Das gilt bis heute: «Die größere Religiosität von Frauen wird durch übereinstimmende Forschungsergebnisse der letzten hundert Jahre bestätigt und ist eine der wichtigsten Tatsachen über Religion», konstatiert der Religionspsychologe Benjamin Beit-Hallahmi. 104

Ansonsten spielten Frauen  im Alten Testament  nur  eine Rolle als Kombattanten in den patriarchalen Familienkämpfen. Oder als Gewaltopfer, die den Männern Vorwände für ihre Kriege lieferten: Die vergewaltigte Dina gab ihren Brüdern Anlass, die bekehrungswilligen Bewohner der Stadt Sichern hinzumetzeln. Und in der im Richterbuch überlieferten Schandtat von Gibea  wurde  eine  Frau von ihrem Mann den Feinden eine ganze Nacht lang zur Vergewaltigung ausgeliefert. Am nächsten Tage nahm er ein Messer, «zerstückelte sie [die Frau] Glied für Glied in zwölf Stücke und schickte sie in das ganze Gebiet Israels», um die Truppen zum Rachefeldzug zu sammeln (Ri 19).

Im Kontrast  dazu besitzen  die Evangelien  durchaus antipatriarchale Ansätze. Jesus weist selbst sozial geächtete Frauen wie Prostituierte nicht zurück. Den Fall der Ehebrecherin, die er für ihr Tun nicht verurteilt, haben wir vorgestellt sowie darauf hingewiesen, dass im Reich Gottes eine Frau nicht mehr ehelich an einen Mann gebunden sein wird. Und als er in Jerusalem gesalbt wird, wie sich das für einen Messias nun einmal gehört, tut das – eine Frau. Wir haben hier also ein weiteres Puzzleteil für unsere Argumentation in den Händen, dass wir es mit einem Comeback der ersten Natur zu tun haben. In Jäger-und-Sammler-Gruppen  besaßen Frauen, wir haben

1 7  Jesus von Nazareth: Wird  Gott Menschl 421

das ausgeführt, eine viel größere Freiheit als unter dem Patriarchat der sesshaften Welt. Hat die Jesusbewegung  damit nicht einen pro-  \

Benachteiligte und seine Heilungen; sie sind mehr als nur von den Evangelisten dramaturgisch geschickt platzierte CREDs. Mit der de­

Platz in der Geschichte der Emanzipation verdient?

Niemand Ist verloren

Für Jesus zählt jeder Einzelne. Das war seine Botschaft, immer und immer wieder.

‚·,

Er verpackt sie in Gleichnisse wie jenes vom verlorenen Schaf:

Welcher ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt i und geht dem,verlorenen nach, bis er’s findet? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. ) Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn · und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein , Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr    als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. (Lk 15,4-7)

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Geschichten  wie diese verleihen  dem Christentum  den Ruf, eine  ; ,

«Religion der Liebe» zu sein.105 Auch der verlorene Sohn, „der sein ,f Erbteil noch zu Lebzeiten des Vaters in der Fremde verprasste, aber .‘.\ in der Not nach Hause zurückkehrt und Reue zeigt, wird freudig :{ wieder  aufgenommen.  Die  Bereitschaft  zur Versöhnung  – das istJ

beste Jäger-und-Sammler-Moral.  In kleinen Gruppen konnte man ;)/

l

es sich nicht  leisten, Einzelne  zu  schnell  aufzugeben.  «Das  ist  natürlich so, weil sie einander als menschliche Gefährten ansehen/;; erklärt der Anthropologe Christopher Boehm, «aber auch, weil sie sehr praktische Wesen  sind und  um die Notwendigkeit  wissen, so

viele Jäger wie möglich in einer Gruppe zu haben.» 106

In  diesen  Rahmen  gehören  auch Jesu  Engagement  für  soziale

monstrativ gelebten Solidarität konnte die Jesusbewegung in einer Zeit größten Elends punkten. Die Botschaft war klar: Wir geben keinen auf! Die Gemeinschaft steht für jeden ein. Jesus tritt uns hier als persönlicher Beistand und Beschützer entgegen, so wie sich das die erste Natur ersehnt. Er lässt einen nicht im Stich und vertreibt die Dämonen. Dieser Jesus ist ein Vertreter des Gottes der Psalmen,

422 Teil 5 Das Neue Testament: Hoffnung auf Erlösun,nicht des Gottes der Tora.

«Ecce homo»

Kommen wir zum Ende unserer Argumentation: Der doppelte Jesus, wie ihn uns das Neue Testament präsentiert, ist ein hybrides Akkumulationsprodukt der kulturellen Evolution. Die intellektuelle Religion hat ihre Welterklärungsmatrix auf faszinierende, apokalyptische Weise revölutioniert – und damit eine Welt von Gut und Böse geschaffen. In dieser Welt kommt Jesus Christus die Rolle des Heros im Kampf gegen die Mächte der Finsternis zu. Auf der anderen Seite tritt er uns in den Evangelien auf eine Weise entgegen, die mit unseren alten psychologischen Bedürfnissen übereinstimmt, für die selbst ein Papst das Wort «Freundschaft» wählt.107 Wir treffen also neben dem eschatologischen Jesus auf Jesus, den Freund.

Während der eine zum unbestechlichen Richter des Jüngsten Gerichts wird, bleibt der andere den Sündern zugewandt, bereit, bei jedem Vergehen Nachsicht zu zeigen. 108 Beide aber sind in einer Gestalt verschmolzen, das ist das Erfolgsgeheimnis, und zwar in der Gestalt eines leidenden Menschen. Johannes, der letzte Evangelist, überliefert folgende Szene: Der römische Statthalter Pontius Pilatus soll sein Urteil über Jesus sprechen. Er zögert, sucht nach Ausflüchten. Das wird kaum den historischen Tatsachen entsprechen: Der echte Pontius Pilatus war dafür bekannt, kurzen Prozess zu machen. Der biblische Pilatus dagegen präsentiert Jesus schließlich dem Volk.

1 7 Jesus von Nazareth: Wird   Gott MenscM 423

Gegeißelt, die Dornenkrone auf dem Haupt, in ein Purpurgewand j

gekleidet. Und dann spricht Pilatus berühmte Worte: «Ecce homo» ..,J

«Seht, welch ein Mensch!»

Das ist es: Jesus tritt uns in den Evangelien als leidender Mensch i.

entgegen. Verletzlich, erbarmungswürdig, hilfsbedürftig. Paul Veyne $j sagt, das größte Kapital des frühen Christentums sei gewesen, dass J Jesus  «kein  mythologisches  Wesen  aus einer fernen Märchenzeit»)

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war,  sondern  ein konkretes  historisches  Individuum. 109  Die Evangelisten porträtierten  ihn als ein Individuum  in seiner Not und Ver.v:. zweiflung. Auch  das zieht  die Menschen  zu  ihm hin, auch Mitleid gehört zu unserem psychologischen Grundrepertoire. Hinzu  kommt, dass es der Jesusbewegung  gelang, die Asabiya zu potenzieren. Das apokalyptische Weltverständnis aktivierte die ,. uralte Freund-FeiJld-Psychologie:  Zum  einen  schweißten  Ideale  wie  Gleichheit  und  Versöhnung  zusammen.  Die  Radikalität  der ethischen Forderungen funktionierte als kostspieliges Signal; wer bereit war, sie zu befolgen, der  musste  es  wirklich  ernst  meinen. ß‘ Das erhöhte die Attraktivität  der Gruppe  und  gewährleistete,  wie .  !

die Apostelgeschichte nahelegt, den Zusammenhalt der Jesus-An- ]{ hänger selbst über Jesu Tod hinaus – allen Repressalien zum Trotz;

Zum anderen erwies sich die Frontstellung gegen einen als teuf,.. ] lisch erfahrenen Feind als extrem kräftiger sozialer Klebstoff. «Solan- .:;J

ge die christliche  Bewegung  eine verfolgte,  mit Argwohn  beobach;.Minderheit  innerhalb  der jüdischen  Gemeinschaften  und  des ·1römischen Reiches blieb», schreibt Elaine Pagels, «vermittelte det Glaube, dass ihre Gegner <Kinder der Hölle> seien, ihren Mitgliedent it ohne Zweifel ein Gefühl der Sicherheit und der Zusammengehq:..‘.f‘ rigkeit.» 110 Fatal wurde dieser Glaube allerdings in späteren Zeiten, J; als das Christentum auf die Seite der Mehrheit und der Mächtigen ·i,11· wechselte und denjenigen, die als Teufel ausgemacht wurden, die : ‚· Hölle auf Erden bereitete.

Der gewaltige Erfolg des Christentums lag die längste Zeit seiner Geschichte in diesem doppelten Potenzial: einerseits eine Religion der Liebe zu sein, die bereit war, jeden, der Gott folgte, in ihren KreiS

424 Teil 5 Das Neue Testament Hoffnung auf  Erlösung

aufzunehmen, und damit eine Religion zu sein, die es nicht vergaß, sich für die Armen, Schwachen und Kranken einzusetzen; andererseits aber auch eine Religion des Hasses zu sein, immer bereit, die Gegner zu dämonisieren. Die Kräfte des Bösen ließen sich überall identifizieren, waren es nun Heiden, Juden, Ketzer, Hexen. Wir sehen hier das gefahrvolle Potenzial, das entsteht, wenn die tief in uns verankerte Freund-Feind-Psychologie Gottes Segen erhält und der Kampf gegen das angeblich Böse zu einem legitimen Weg erhoben wird, das Himmelreich zu gewinnen.

Jesus war mit seinen Jüngern angetreten, die Werke des Teufels zu  zerstören.  Entscheidend  daran  ist:  Menschen  sind  für   diese

«apokalyptische Matrix» 111 aufgrund ihrer psychischen Adaptionen sehr anfällig. Nicht wegen der Religion; die verschärft das nur. Selbst in der profanen Welt von heute besitzen wir eine Leidenschaft für den Kampf gegen das abgrundtief Böse. Erzählen denn nicht all die großen Epen unserer Zeit -Der Herr der Ringe, Star Wars oder Harry Potter – vom Kampf verschworener Gemeinschaften gegen teuflische Bösewichter? 112 Ob da nun Frodo und seine Gefährten gegen Sauron und die Orks, Luke Skywalker und die Jedi gegen Darth Vader und das Imperium oder Harry, Hermine und Ron gegen Lord Voldemort und die Todesser streiten: unsere erste Natur lässt das wohlig erschaudern.    GH: Im Neuen Tesament in den Evngelien?

1 7  Jesus von  Nazareth:  Wird Gott Menschl 425.

1 8 Als Jesus im Himmel blieb: Die  Geburt  des Christentums

Jesus wurde gekreuzigt. Das war ein Schock für seine Anhänger. Ein ·.:1.

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Messias sollte keinen so schändlichen Tod sterben. Trotzdem fiel es }

ihnen erstaunlich  leicht, dieses Ereignis zu verarbeiten,  und zwar }:

in Jesu Sinne. Nämlich apokalyptisch. Jesus war doch von den To-) ten zurückgekehrt,  und waren nicht sein Leben und Sterben  selbst .j

.J,

eine vollzogene Apokalypse? Jesus bekämpfte Teufel und Dämonen, j.

ohne sich von Priestern und Römern beirren zu lassen. Er erlitt i;\ größte Qualen am Kreuz und wurde mit  dem Triumph  über den  . Tod belohnt. Wenn das kein «apokalyptisches Zeichen» war! Das ff Reich Gottes musste zum Greifen nah sein.1

Doch das ließ auf sich warten. Jahre, Jahrzehnte vergingen, ohne dass Jesus zurückkehrte, ohne dass Gott die Menschen vom Bösen erlöste. Stattdessen brachten die Römer den Untergang Jerusalems; :·,

Das Urchristentum formierte sich in katastrophalen Zeiten. Wel-) ches Ausmaß dabei die Christenverfolgungen hatten, wird in den j

letzten Jahren diskutiert. Vieles deutet darauf, dass die Christen viel ;:; weniger -Verfolgt wurden, als es die Legenden erzählen.2 Eine Frage ·\1 aber nagte an allen: Hatte Jesus unrecht?  War  man  einem  Scharl-\;‘ tan aufgesessen? ..

Es mag ein Stück weit einer statistischen Verzerrung, dem Sur-     f

··1

vivorship  Bias, geschuldet sein (in der Hauptsache  haben wir nur   Kenntnisse von jenen  Religionen,  die nicht ausgestorben sind): In der Bibel sehen wir, dass einmal etablierte Konzepte, nur weil sie nicht zur Realität passen, in der Regel nicht aufgegeben, sondern modifiziert werden. Das Ausbleiben des Gottesreichs – ein zutiefst verstörendes  Faktum  – initiierte  deshalb  zwei  sich wechselseitig

426 Teil  5 Das  Neue Testament: Hoffnung  auf Erlösun.,

verstärkende Prozesse: die Individualisierung der Hoffnung auf Erlösung und den Prozess der Vergöttlichung, der nicht nur Jesus erfasste, sondern einen ganzen Götterkosmos schuf. Auch wenn wir dabei den Rahmen des Neuen Testaments verlassen, lohnt es sich anzusehen, wie sehr die Natur des Menschen auch die kulturelle Evolution des Christentums bestimmt.

Erlösung wird individuell

Jesus kam nicht wieder, die Apokalypse blieb aus. Musste man alle Hoffnung auf Erlösung fahren lassen? Nein, das Konzept selbst bot einen Ausweg: In der Idee der Apokalypse waren zwei Aspekte verwoben, da lag eine Akzentverschiebung nahe. Die Vorstellung, dass die apokalyptische Weltenwende die Lebenden im Hier und Jetzt ereilen wird, war kombiniert mit der Idee, dass zu diesem Zeitpunkt auch die Verstorbenen wieder zum Leben erweckt werden, somit eine kollektive Erlösung der Lebenden und der Toten im Ereignis des Jüngsten Gerichts am Ende aller Tage stattfindet.

Was lag also näher als anzunehmen, dass das Gericht, wenn  es im Hier und Jetzt ausblieb, allein an den Toten vollzogen wird? Damit wurde das Jenseits zum Ort der Erlösung, die im Moment des Todes stattfindet, und zwar individuell. Das hatte man im Fall der Märtyrer schon in Betracht gezogen. Und war nicht auch Jesus nur drei Tage tot gewesen? Die Idee schien höchst attraktiv, bügelte sie doch einen Makel des ursprünglichen Konzepts der Apokalypse aus. Es war nämlich immer unklar gewesen, was mit den Seelen geschah, wenn die Toten erst am Ende aller Tage gerichtet werden. Wie und wo verbrachten sie die Jahre oder gar Jahrhunderte bis dahin? Als geborene Dualisten konnten sich die Menschen auch eine nur temporäre Nichtexistenz der Seelen schwerlich vorstellen.

Die Ausformulierung des neuen Erlösungskonzepts war ein allmählicher Prozess, der bis weit ins Mittelalter reichte – aber doch mit unwiderstehlicher Macht vonstattenging. Das biblisch verbürg-

18 Als Jesus im Himmel  blieb: Die Geburt des Christentums 427

te Jüngste Gericht wurde mehr und mehr durch ein individuelles Partikulargericht ersetzt: «Jeder Mensch empfängt im Moment des Todes in seiner unsterblichen Seele die ewige Vergeltung. Dies geschieht in einem besonderen Gericht», erklärt heute der Katechismus der katholischen Kirche.3 Das hat nicht nur den großen Vorteil, unwiderlegbar zu sein; das findet auch den Applaus unserer ersten Natur.

Das Christentum vertagte also seine apokalyptische Erlösungserwartung ganz aufs Jenseits und baute postbiblisch Himmel und Hölle zu jenem Kosmos aus, in dem sich Gottes Gerechtigkeit realisiert. Dazu brauchte es entsprechendes Personal.

Die vielen Götter des Christentums

«Streng <monotheistisch> sind im Grunde nur das Judentum und der Islam», schrieb schon Max Weber.4 Und Paul Veyne spricht vom

«zweifelhaften Monotheismus» des Christentums. Ausgestattet mit «drei übernatürlichen Liebesobjekten» – Gott, Christus  und  Maria -, sei die christliche Religion «eigentlich polytheistisch». 5 Dem Christentum wird in diesem Kontext oft «Remythologisierung» 6 vorgeworfen, wenn nicht gar von einem «primitiven Rückfall in eine mythische Religiosität» die Rede ist.7 Aber das trifft es nicht. Passender ist da der Terminus von der «Verzauberung der Welt» durch das Christentum 8 – besonders dann, wenn man ihn als Reaktion auf die

«Entzauberung der Welt» durch die intellektuelle Religion begreift. Und das ist der zweite eingangs erwähnte Prozess, der dem Umstand geschuldet ist, dass das Gottesreich auf sich warten lässt.

Wir sehen es immer wieder: Lösungen der kulturellen Evolution,

t;jich ungehemmt ausleben, selbst wenn offiziell die Fiktion aufrechtJerhalten werden muss, einem einzigen Gott zu huldigen.

V,  i,Auch hier haben wir es mit Hybridisierung zu tun: Dem   durch

f;tmd durch moralischen Gott gesellt sich eine Schar übernatürlicher „}Jcteure zur Seite: Jesus und Maria, Tausende von Heiligen und En-

;,pln, Teufel und Dämonen. Da ist fürjede Gelegenheit das Passende Jj bei. Machen wir  uns mit  den einzelnen  Charakteren  des christ­

··,  en  Götterkosmos  vertraut.  Was  hat  ihnen  zum  himmlischen

$chicksal verholfen? Und welche Konsequenzen hat die sich daraus eergebende Arbeitsteilung für den Allerhöchsten?

(

::f1 . Jesus: Gott  und Mensch

Was gesf hah mit Jesus, nachdem er wiederauferstanden war? In der

1J.postelgeschichte erleben die Bibelleser, wie er nach vierzig Tagen in einer Wolke gen Himmel fährt – es ist der umgekehrte Weg, den der Menschensohn bei Daniel nahm. Jahre später hat Stephanus eine rlSion und sieht Jesus im Himmel zur Rechten Gottes stehen. In der noch jüdischen Welt gilt das als Blasphemie, Stephanus wird gestei- tigt und zum ersten Märtyrer des Christentums. Auch als Jesus dem Christenverfolger Sau].us in der Nähe von Damaskus erscheint und damit zu Paulus, dem Apostel, werden lässt, geht das mit einem gleißemden enden Licht von oben einher. Jesus ist ein himmlisches Wesen.

.’I0azu  trug  der Titel  «Sohn  Gottes»  seinen Teil  bei.  In  der jüdischhen Tradition  war  der nun Attribut  des Messias, ohne göttliche Vaterschaftsansprüche zu implizieren. Dzzer Rest der Welt aber, r mit der Vorstellung von Göttersöhnen vertraut war, empfand anders. Da mutierte Jesus zum tatsächlichen  Sohn Gottes. Ents.ptvrechend  war  es  der  heidenchristliche,  also  nichtjüdische  Evangelist Lukas, der die Jungfrauengeburt und Gottessohnschaft Jesu die nur intellektuell überzeugen, haben es auf Dauer schwer. Unsere erste Natur leistet dann Widerstand. Wir haben gezeigt, welche Probleme ein strenger Monotheismus den Menschen bereitet und weshalb stets die «theologisch inkorrekte» Tendenz unserer ersten Natur  die göttliche Macht  diversifiziert.

Ein Mensch wird Gott -«höher und höher» sei Jesus mit der Zeit …  gestiegen,  sagt  Bart  Ehrman  und  fasst  die  Stationen  der  erstaunlicn Entwicklung  zusammen:  erst  menschlicher  Messias, dann Sonn Gottes, dann präexistentes, engelhaftes Wesen, dann Inkarnation des göttlichen Wortes, bis «schließlich Jesus zum Gott-selbstSein gelangt, gleichrangig mit Gott dem Vater und immer schon gemeinsam mit diesem existierend».10

Drei, vier Jahrhunderte hat die christliche Kirche heftig um die näheren Umstände dieser Entwicklung gestritten. Philip Jenkins, der darüber ein Buch geschrieben hat, nannte es treffend Jesus Wars. Wir wollen gar nicht in die hochkomplexe Debatte eintauchen. Im Kern ging es um die Frage: Was war Jesus? Mensch oder Gott? Wenn er nur ein Mensch gewesen war, wozu dann all die Aufregung? Wenn er aber ein Gott war, verlor dann seine Passion nicht ihre Überzeugungskraft? «Wer weiß, dass er nach drei Tagen auferstehen wird,

für den will das Sterben nicht viel besagen!», bringt es der Theologe v Rudolf Bultmann auf den Punkt.11 Deshalb galt es zu beweisen, dass Jesus Gott und Mensch zugleich war – das bedeutet, nichts weniger  als die Quadratur des Kreises zu betreiben.

Die Gewinnerlösung war die Trinitätslehre. Mit Hilfe griechischer Philosophie propagierte sie die Idee, dass das göttliche Wesen  (ousia)   1   in drei Personen, in den Hypostasen  von Vater, Sohn und  Heiligem  Geist, zu denken sei, wobei – um noch ein Paradox draufzusetzen – zugleich ihre Wesensgleichheit (homoousios) wie ihre jeweilige Eigenständigkeit sichergestellt wurde. Das Bekenntnis zur Heiligen  Drei-    ,1

faltigkeit sei eine beeindruckende  Leistung gewesen, kommentiert Jörg Lauster, aber es habe die christliche Theologie an die Grenzen desen getrieben, «was mit philosophischer Begrifflichkeit“ zu leisten» sei.11Doch Jesus musste nun mal für das Christentum gerettet werden. Da war kein Aufwand zu groß.

Offiziell durfte er kein zweiter Gott  sein, deshalb das Argument :,  mit der Wesensgleichheit.  Den  brauchte  es  auch  gar  nicht.  Was  es aber  brauchte,  war  der  Mensch  – der  aber  eben  mehr  sein  müss te als nur irgendein Mensch. Ohne den Menschen Jesus wäre das Christentum nichts. Er gab dem Göttlichen ein humanes Antlitz, :.:..  bürgte  mit  seinem Tod  für die Wahrhaftigkeit  seiner  Botschaft  und ·  Ai

bügelte die Defizite aus, die der monotheistische Gott verursacht hatte.

vorstellbar. Abbildbar. Jesus wurde zur wohl meistgemalten Person  der Welt. Menschen wollen sich nun mal Bilder machen von ihren Göttern.

Die Bilder zeigen Jesus als Menschen, mit dem Menschen  kommunizieren können. An Jesus – und wir sprechen hier vom Jägerund-Sammler-Jesus des vorigen Kapitels – kann man sich eben persönlich wenden. Er ist, wie Papst Benedikt XVI. sagte, unser Freund. Er stand den Einzelnen bei Not und Krankheit gegen alle bösen Geister bei und brachte als Heiler sogar die schmerzlich vermisste medizinische Kompetenz ins Himmelreich.

Doch selbst Jesus konnte sich der Eigendynamik der Vergöttlichung nicht erwehren: Er rückte von den Menschen fort, wurde sogar als «Christus Pantokrator», als Beherrscher der Welt verehrt. 13 Je göttlicher er wurde, desto stärker wuchs die neuerliche Nachfrage nach Göttergestalten menschlicheren Zuschnitts.

Maria: Mutter Gottes

Die älteste biblische Stelle nennt nicht einmal Marias Namen. Paulus schreibt im Brief an die Galater bloß: «Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau» (Gal 4,4). Die Evangelisten, die sich Jahrzehnte nach Paulus ans Werk machten, notierten nur das Allernötigste. Sie verloren kein Wort über Marias Aussehen, sie verschwiegen die Umstände ihrer eigenen Geburt und ihres Todes. Legenden füllten die Lücken. Erst die Frage nach der göttlichen Natur Jesu rückte Maria ins Zentrum der Aufmerksamkeit der intellektuell-institutionellen Religion. Schließlich hatte sie einem Gott das Leben geschenkt. War also der Titel   «Theotokos»,

«Gottesgebärerin», den  ihr  das  Volk  verliehen  hatte,  angemessen? Im Jahr 431 entschieden sich die Bischöfe auf dem Konzil von Ephesus für ein «Ja». Maria avancierte zur «Mutter Gottes». Wenig später kam die Ansicht auf, auch Maria sei zum Himmel gefahren, selbst wenn die Heilige Schrift nichts davon wusste. Noch im Jahr 1950 verkündete  Papst  Pius XII.  das  Dogma  von  der  leiblichen Aufnahme Mariens in den „Himmel“.

me Marias in den Himmel. 14

430 Teil 5 Das Neue Testament Hoffnung auf Erlösung,   ‚ /f, 1 8 Als Jesus im Himmel  blieb: Die Geburt des Christentums 431

Auf Maria kam eine Menge Arbeit zu, schloss sie doch die wohl größte Lücke der biblischen Religion. Sie gab dem Göttlichen ein weibliches Antlitz. Endlich hatten die Frauen ein adäquates Gegenüber. Endlich war da jemand, mit dem sie von Frau  zu Frau  ihre Sorgen und Nöte besprechen konnten. Nicht ohne Grund machte ,, Maria vor allem als Mutter Karriere. Ob sie nun dem Jesuskind die Brust gab oder als Pieta den toten Sohn beweinte: In Zeiten kaum entwickelter Medizin und hoher Kindersterblichkeit brauchte es in keinem Bereich mehr himmlischen Beistand – und zwar von jeman- dem, der sich in weiblichen Angelegenheiten auskannte. .

Es bestand Nachholbedarf. Von Isis bis Artemis, die alten Religio- ‚!) nen besaßen alle beeindruckende Muttergottheiten. «Der Erfolg der 11 christlichen Mission», erklärt der Historiker Klaus Schreiner, «hing davon ab, dass es,der Kirche gelang, bekehrungswilligen Heiden Heilsangebote zu machen, die nicht hinter denen ihrer alten Religion zurückblieben.» 15 Maria wurde ein entscheidender  Faktor. Auch in der Alltagsreligion des alten Israel waren Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttinnen populär gewesen: Wir haben über Jahwes mögliche Gefährtin Aschera gesprochen und über die Vielzahl weiblicher Terrakottafiguren für den Hausgebrau.ch. Ein entsprechender Kult mochte untersagt sein, in der privaten Alltagsfrömmigkeit spielten weibliche Gottheiten aber weiter eine bedeutende Rolle. 16 Mit der Marienverehrung legalisierte das Christentum den Bedarf an femi- niner Göttlichkeit. .,

Männer konnten sich ebenso vertrauensvoll an die Gottesmutter wenden. Maria agiert, wie das Mütter nun mal tun: sie versteht, sie verzeiht, sie tröstet. Und je weniger Jesus mit seiner himmlischen Karriere den Bedürfnissen der intuitiven Religion nach individuel ler Ansprache, Schutz und Vermittlung entsprechen konnte, umso mehr übernahm Maria das. Die Abermillionen, die sich noch heute auf Marienwallfahrt ins mexikanische Guadalupe, ins französische Lourdes, ins polnische Czt;stochowa oder nach Altötting begeben, · das sind die Sorgenbeladenen und Kranken. Sie setzen ihre ganze Hoffnung  auf die Madonna.  Offensichtlich  nicht  ohne Grund. Zct

432 Teil 5 Das Neue Testament Hoffnung auf Erlösung

Abertausenden künden Votivtafeln an den Pilgerstätten: «Maria hat geholfen».

Maria sei die «Komplizin der Benachteiligten» gewesen, sagt der Schweizer Theologe Josef Imbach.17 Sie lässt Gnade vor Recht ergehen, hilft schwangeren Nonnen und untreuen Ehefrauen. Maria macht das, was der Jäger-und-Sammler-Jesus im Neuen Testament tat, was er sich aber als göttlicher Jesus nicht mehr erlauben durfte. Maria werde es sein, die beim Jüngsten Gericht die Waagschale anhebe, damit die Last der Sünden nicht zu schwer wiege.

Engel und Heilige,Teufel und Dämonen: Überirdisches für jede Lebenslage

Auch wenn Maria offiziell keine Göttin war, so erfüllte sie doch die Funktion einer solchen.18 Damit erging es ihr partiell wie Jesus. Die Karriere als Himmelskönigin entfernte sie von den Menschen. Man traute sich nicht mehr, sie mit all den Trivialitäten des Alltags zu behelligen. Für die kleinen Nöte brauchte es kleines göttliches Personal. Zum Glück stand das seit eh und je zur  Verfügung.

Es ist mitunter bemerkt worden, der Monotheismus habe nirgends «das Vorhandensein der Geisterwelt und der Dämonen dauernd ausgerottet». Sie seien nur «der Übermacht des alleinigen Gottes» untergeordnet worden – «theoretisch wenigstens». 19 In der Regel wird das als Aberglaube gewertet, der aus der religiösen Minderbegabung des «einfachen Volkes» resultiere. Aber das trifft es nicht. Es ist die menschliche Natur, die mit Macht auf ihr Recht pocht und es im Christentum  auch bekommt.  Endlich werden  ihr all die Akteure zugestanden, die sie sich schon immer gewünscht hat: Engel, Teufel und Dämonen, nebst Legionen von Heiligen beiderlei Geschlechts.

Die Engel kennen wir als Mitglieder  des göttlichen  Hofstaats aus der hebräischen Bibel; sie erledigen auch im Christentum die verschiedensten Dienste. Den bösen Geistern hatte die Apokalypse zum Comeback verholfen; sie wurden nun offiziell zu gefallenen Engeln.erklärt. 20 Auch registrierten wir bereits, dass nicht einmal die

18 Als Jesus im Himmel blieb: Die Geburt des Christentums 433

Gott avanciert zum rein intellektuellen Prinzip, dasjeden Kontakt mit der sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit verloren  hat – dafür gibt es ja Jesus, Maria und Co. Der Religionspsychologe William James hat das, was dann dem Kohärenzzwang folgend in den nächsten Jahrhunderten mit diesem Gott geschah, spöttisch auf den Punkt gebracht: Auf «dem Weg reiner Logik» sei Gott zu einem «metaphysischen Monstrum» geworden. Ausgehend von der aristotelischen Prämisse, Gott sei die erste Ursache, der unbewegte Beweger, habe die systematische Theologie ihn mit «Vollkommenheitsprädikaten» überhäuft. Er sei nicht  nur  notwendig,  sondern  auch  absolut,  er sei einer und einzig, unveränderlich, grenzenlos, unermesslich, allgegenwärtig, ewig, allwissend und allmächtig. Aber letztlich sei das nichts als «Wortklauberei», schimpft James, nicht mehr als «eine absolut wertlose Erfahrung des  scholastischen  Geistes»,  mit  der sich in Hinsicht auf die praktischen Bedürfnisse der Menschen nicht das Geringste anfangen ließe.37

Deshalb wird im christlichen Glaubensalltag auch das anthropomorphe Bild von Gott als fürsorglichem Vater und Gutem Hirten Karriere machen: Es ist der Gott mit dem Rauschebart. Der passt perfekt in eine patriarchale Welt, zumal der liebende Vater sich bestens mit dem strafenden Pater familias versteht, der seine unwissenden Kinder zu ihrem eigenen Besten züchtigt. überdies genügte er den autoritären Ansprüchen weltlicher und kirchlicher Herrscher.38 Und für die theologisch notorisch inkorrekte erste Natur dr Gläubigen war erst damit die eigentliche Trinität des Christentums vollendet: Gottvater, Gottmutter und  Gottsohn.

DieAllzweckwaffe unter den Religionen

Wenn wir also das Christentum so auf dem Seziertisch liegend betrachten, zeigt sich deutlich: Es handelt sich um eine zweifache Religion. Einerseits beherbergt sie den animistisch-polytheistischen Kosmos, der unserer ersten Natur entspricht und den intuitiven r

438 Teil 5 Das Neue Testament: Hoffnung auf Erlösung

ligiösen Bedürfnissen gerecht wird. Wir dürfen uns Bilder machen und böse Geister austreiben, wir dürfen zur Mutter Maria pilgern, wundertätige Reliquien verehren und die Heiligen anflehen, dass der gegnerische Torwart den Elfmeter nicht halten wird.

Andererseits verfügt das Christentum über das dem Intellekt schmeichelnde Prinzip des monotheistischen Gottes, mächtiger als jeder Gott zuvor. Reinste Vernunft ist er, Stolz der dritten Natur, unantastbarer Hüter der Moral und Schöpfer des Universums. Seine Wege sind für Menschen unergründlich geworden; seine Pläne erfüllen sich nicht in der diesseitigen Geschichte, sondern erst in einer anderen Welt, wie es zum Beispiel der für  die  Entwicklung des Christentums wichtigste Kirchenvater Augustinus formulierte, in der Civitas Dei, dem Gottesstaat.39

Dieser  Doppelcharakter  ist  es, der  die  Grundlage  für den  immensen Erfolg des Christentums legte. Aus vielfältigen Zutaten verschiedenster Herkunft hat die kumulative kulturelle Evolution eine Religion mit einem enormen Facettenreichtum geschaffen. Sie hat allen etwas zu bieten. Sie befriedigt die intuitiven wie die intellektuellen Bedürfnisse, sie bietet Raum für Volksfrömmigkeit wie für die philosophischen Neigungen der Elite. Auf der einen Seite haben wir Gott als abstraktes, transzendentes Wesen, das auch heute noch manche Naturwissenschaftler zu faszinieren vermag und dem man  in reiner Kontemplation begegnet. Auf der anderen Seite haben wir jene Wunderwelt übernatürlicher Wesen, die uns in jeder Lebenslage helfen und mit denen sich jede Situation erklären lässt. Wir können ihren Beistand auf alle erdenkliche Weise beschwören.

Das Erfolgsrezept des jungen Christentums zeichnete sich aber noch durch weitere Optionen aus. Sowar sein Gott für die Herrscher äußerst attraktiv. Was Paul Veyne für den römischen Kaiser Konstantin formulierte, galt für alle christlichen Herrscher des Abendlandes: «Einer, der ein großer Kaiser sein wollte, benötigte einen großen Gott. Ein riesengroßer, liebender Gott, der für die Menschheit Leidenschaft aufbringen konnte, weckte stärkere Gefühle  als die heidnischen  Götter, die für sich selbst lebten. Und dieser   Gott

1 8 Als Jesus  im  Himmel  blieb: Die Geburt des Christentums 439

entfaltete einen nicht weniger riesenhaften Plan für das ewige Heil der Menschheit; er mischte sich in das Leben seiner Gläubigen ein, indem er sie auf eine strengere Moral verptlichtete.» 40

Auch das christliche Gottesbild wird als Amalgam erkennbar: Die Liebe, die Barmherzigkeit verdankt Gott dem Jäger-und-SammlerJesus der Evangelien. Dessen Güte entstammt der intuitiv-individuellen Religion. Das Riesengroße dagegen, das ist Jahwe, der Schöpfer von Himmel und Erde, der Meere zerteilen kann und einen für die antike Welt einmaligen moralischen Anspruch besaß – das ist das Erbe der intellektuell-institutionellen Religion. Dieser Gott war so groß, dass er eben auch Herrscher unter seine moralische Autorität stellte, zum Schutz der Gesellschaft.

Ergänzt wird das Erfolgsrezept durch die apokalyptische Matrix, durch die Integrati_9’1 der uralten Freund-Feind-Psychologie, die sich als extrem nützlich erwies: Sie half, die eigenen Reihen fest geschlossen zu halten. Sie potenzierte die aufgrund der hohen Moralität ohnehin schon starke innere Solidarität, die Asabiya, indem sie die Unterstützung der Armen und Schwachen, die Caritas, forcierte. zugleich ermöglichte sie es, alle tatsächlichen oder konstruierten Feinde als Teufel oder Hexen zu identifizieren und zur Hölle zu schicken.

Und schließlich gedieh im  Christentum  zu voller  Pracht, was die evolutionär inspirierte Religionsforschung in den letzten Jahren unter  den  Begriffen  «Supernatural  Monitoring»  und «Supernatural Punishment» herausgearbeitet hat: «Watched people are nice people». 4i“ Die Macht eines allwissenden Gottes, der das Verhaltender Menschen überwacht und jeden Einzelnen am Ende seines Lebens zur Rechenschaft zieht, kann sich erst dann voll entfalten, wenn auch ein Ort zur Verfügung steht, an dem sich die göttliche Gerechtigkeit vollziehen kann. Dann erst wird das System stimmig, dann erst wird es unwiderlegbar. Die Erfahrung der Menschen . lehrte ansonsten, dass die Götter im Hier und Jetzt sehr willkürlich strafen. Das Christentum mit seiner Jenseitsfixierung wird dieses Problem auf mustergültige Weise lösen, sein Memento mori! durch die Jahrhunderte hallen. -··

440 Teil  5  Das Neue Testament: Hoffnung auf Erlösung

Sprengstoff inklusive

Eine Religion für alle und alles. Aber auch eine Religion voller Spannungen. Das kann gar nicht anders sein, die intellektuelle und die intuitive Sphäre lassen sich nicht einfach so verschmelzen. Ein solches Amalgam steckt voller Sprengstoff. Wenn wir das jetzt anhand dreier Beispiele analysieren, wollen wir damit nicht die Widersprüchlichkeit des Christentums entlarven, sondern den Kumulationsprozess der kulturellen Evolution illustrieren.

Die ersten beiden Probleme resultieren aus dem exzessiven Kohärenzzwang der intellektuellen Religion. Wir hatten mit William James ausgeführt, dass Gott «auf dem Wege reiner Logik» mit Attributen wie Allmächtigkeit, Allgüte oder Ewigkeit überhäuft wurde. Wir greifen in solchen Fragen gerne zum Katechismus der katholischen Kirche, der die Glaubenssätze mit der nötigen Autorität präsentiert: «Gott ist die Fülle des Seins und jeglicher Vollkommenheit, ohne Ursprung und ohne Ende», heißt es da.42 Ein  vollkommenes

Wesen aber mit einer nicht vollkommenen Welt in Einklang zu bringen – das bereitet selbst den klügsten Köpfen Kopfschmerzen.

Dilemma Nummer eins ist offensichtlich. Es geht um das, was Theologen so formulieren: «Das Christentum vermittelt Gott und Welt von seinen Anfängen an christologisch durch den Gedanken, dass in Jesus Christus Gott in diese Welt gekommen sei als ihr Erlöser.»43 Gemeint ist der Gedanke, dass Gott mit Jesus Mensch geworden sei. Für ein Wesen jedoch, das unveränderlich und ewig ist, verbietet es die Logik, dass es in einem einmaligen Akt in einem bestimmten historischen Augenblick Mensch  geworden  sein sollte. Unveränderlich ist unveränderlich. Und warum sollte Gott das plötzlich tun? Um seine Schöpfung nachzubessern? Um eigene Fehleinschätzungen zu korrigieren?

Dilemma Nummer zwei ist desselben Ursprungs und wiegt besonders schwer. Die Rede ist von der Theodizee. Wenn Gott perfekt ist, warum ist es dann nicht auch die Welt? Warum gibt es in  der Welt eines allmächtigen und allgütigen Gottes so viel Leid? Wir

18 Als Jesus im Himmel blieb: Die Geburt des Christentums 441

Faktum, zumal das einzige, dessen man sich wirklich sicher sein konnte. Man musste ihm also einen Sinn verleihen. Auch in diesem Fall kann man den Theologen zugestehen: Einmal mehr bewiesen sie ihr Talent, aus wirklich allem das Beste zu machen.

Tücken des Erfolgs

Ausgerechnet diese Widersprüche erwiesen sich als äußerst produktiv für die weitere Geschichte des Christentums. Der theologische Aufwand, der betrieben werden musste, um zu verhindern, dass das explosive Gemisch aus intuitiver und intellektueller Religion in die Luft flog, verpasste dem Christentum einen weiteren Rationalisie- rungsschub. Es bestand ja nicht nur die Notwendigkeit, mit dem so schwierigen Faktum von Jesu Tod und, nachdem Gottes Reich ausgeblieben war, dem Nichteintreffen seiner Vorhersagen umzugehen, sondern auch sich als eigene Religion zu profilieren. Man musste sich vom Judentum abgrenzen und gegen Vorwürfe verteidigen, nur auf einen Schwindler hereingefallen zu sein. Zugleich galt es, die Impulse des griechischen Denkens aufzunehmen und sich gegen konkurrierende Glaubenslehren zu behaupten  wie  etwa  die Gnosis, die einen radikalen Dualismus zwischen Geist und Materie beschwor. Vor allem aber war der Wildwuchs der Überzeugungen in dert eigenen Reihen zu begrenzen. Von Anfang an war das Christentum beherrscht vom Streit um die wahre Lehre. In seinen Briefen schimpft der Apostel Paulus über konkurrierende Missionare. Selbst ein Theologe wie Jörg Lauster wählt eine martialische Sprache, um die «brodelnde Unruhe» zu beschreiben, welche die ersten drei, vier Jahrhunderte nach Jesu Tod bestimmte: «Die Geburt einer  Religion kennt keine Toleranz und keinen Dialog, sondern ist geprägt von Durchsetzungskraft  und  Verdrängung.»53

Die  Stunde  der  Theologen  hatte  geschlagen,  der  Lehrer,  die «mit der Gnade der  Wissenschaft  begabt»  sind,  wie  es  Tertullian (ca.   150-220)  formulierte. 54   Schon   im   2.Jahrhundert etablierten

446 Teil 5  Das Neue Testament: Hoffnung auf Erlösung

sich Theologenschulen,  die versuchten,  den  christlichen Glauben

«plausibel und nach außen argumentativ vertretbar zu machen». Die griechische  Philosophie  lieferte die Argumentationsstandards,  die

« christliche Theologie ist darin eine legitime Erbin der antiken Philosophie».55

Neben  den  intellektuellen  standen  die  institutionellen Herausforderungen. Eine Hierarchie von Ämtern und ein Netz an Institutionen entstanden, ein elaboriertes System der Armenfürsorge etablierte sich, auf Konzilien kamen Kirchenfürsten aus der ganzen Mittelmeerwelt   zusammen.   Innerhalb   weniger  Jahrhunderte  erwuchs  das  «Meisterwerk»  der  christlichen  Kirche,56  deren  Erfolg sich nicht zuletzt den infrastrukturellen Vorzügen des Römischen Imperiums verdankte.

Dass alle diese intellektuellen  und  institutionellen  Anstrengungen auf Kosten der intuitiven und individuellen Facetten des Christentums gingen, liegt auf der Hand. Charisma verträgt sich nicht mit Bürokratie. Das Anarchische, Egalitäre, das den Jäger-und-Sammler-Jesus der Evangelien ausgezeichnet hatte, blieb auf der Strecke. Die Bibel liefert ein hübsches Beispiel. Hatten bei Jesus die Mahlzeiten als ungezwungene Ereignisse eine bedeutende Rolle gespielt, änderte sich das mit ihrer Institutionalisierung. Den Apostel Paulus erreichten aus seinen Gemeinden Klagen, dass es beim Abendmahl zu hoch hergehe. Manche Teilnehmer seien schon betrunken, bevor die anderen überhaupt einträfen. Was konnte  Paulus  anderes  tun, als anzuordnen: «Hat jemand  Hunger, so esse er daheim, damit ihr nicht zum Gericht zusammenkommt» ?57

Institutionen halten soziales Verhalten unter Kontrolle.58 An die Stelle von Enthusiasmus und Gleichheit  trat  die  Hierarchie  der Kirche, wobei die Christen das «Autoritätsprinzip» mit besonderer Konsequenz umsetzten.59 Vor allem die Frauen  litten  darunter.  In den  frühen  Gemeinden   hatten  sie  eine  bedeutende   Rolle  gespielt,

nicht zuletzt auf seelsorgerischem Gebiet, doch mit zunehmender Professionalisierung kultivierte sich die Kirche immer mehr als Männerclub.60  Und die Behauptung, die Sünde sei mit  Evas   Miss-

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griff in die Welt gekommen – Paulus und Augustinus haben sie besonders leidenschaftlich vertreten -, schrieb die Vorstellung, die Frau habe dem Mann wegen ihrer Schwäche und Verführbarkeit untertan zu sein, tief in die kulturelle DNA des Christentums ein.61

Selbst die Bibel geriet in den Sog der Institutionalisierung: Über tausend Jahre war sie ein Selbstvergewisserungsmedium gewesen, ein Tagebuch der Menschheit. Jede Zeit hatte an ihr weitergeschrieben und das Gottesbild den jeweiligen Bedürfnissen  angepasst. Diese Arbeit wurde ein für alle Mal eingestellt. Spätestens um die Wende zum S.Jahrhundert stand der biblische Kanon mehr oder weniger fest.62 Es sprudelten keine wunderbaren Geschichten mehr hervor, Theologen widmeten sich nun der Exegese der überlieferten Texte und produzierten Werke über Werke, die nur noch von Theologen  gelesen  wurden.

Hohepriester der dritten Natur

Was hier passierte, ist nichts Singuläres, sondern jener Prozess der kulturellen Evolution, der gemeinhin als «Fortschritt» bezeichnet wird. Max Weber zufolge zeichnet er sich durch «Intellektualisierung» und «Rationalisierung» aus, die immer mehr  dazu  führten, dass die Menschen nicht  mehr  selbst  über  das  relevante  Wissen ihrr Lebensbedingungen verfügten. 63 Die Folge ließe sich tnit Karl Marx auth als «Entfremdung» oder mit Sigmund Freud als «Unbe- · hagen in der Kultur» bezeichnen. Die Menschen haben ihr Schicksal immer weniger selbst in der Hand; sie fühlen sich den Experten ausgeliefert, diesen Hohepriestern der dritten Natur.

Diesem Prozess unterlag auch das Christentum: Die Theologie wurde zur «Domäne von Eliten, deren Spezialwissen sich zunehmend vom allgemeinen Wissensvorrat der Allgemeinheit» entfernte. Der «Laie» wusste nicht mehr, wie seine Glaubenswelt genau konstruiert war; er wusste nur noch, welche Experten wohl die entspre- chenden Erklärungen liefern konnten. 64 •

448 Teil  5  Das  Neue Testament  Hoffnung  auf Erlösung

Die ohnehin schon dominante Sphäre der intellektuellen Religion erfuhr durch den Institutionalisierungsprozess, dem das 380  zur römischen Staatsreligion avancierte Christentum unterworfen war,65 eine enorme Verstärkung. Das Christentum entwickelte sich zur religiösen Zweiklassengesellschaft: Der kleinen wissenden Elite des Klerus stand die große Masse der unwissenden Laien gegenüber. Nirgends ist das augenfälliger geworden als am Jahrhunderte währenden Festhalten der Kirche am Latein als Liturgiesprache. Kein Wunder, dass die von Religionswissenschaftlern wie Justin Barrett und Pascal Boyer beschriebene Theological Incorrectness neue Blüten treiben wird. Es ist das gleiche Phänomen, dem die Bibel mit dem Murren des Volkes während des Exodus aus Ägypten ein so eindrückliches Denkmal gesetzt hatte. Die erste Natur sträubt sich gegen abstrakte Konzepte.

Dass  das Christentum  nicht  unter  der  theologischen  Last zerbrach, lag daran, dass es, der intuitiven Religion sei Dank, über ein belastbares Fundament in der ersten Natur der Menschen verfügte. Wir haben das sorgfältig auf alle irdischen Bedürfnisse abgestimmte übernatürliche Personal vorgestellt. Hinzu kamen ein intensives Gemeindeleben, Asabiya-stärkende Faktoren wie Armen- und Krankenfürsorge, die Betonung der göttlichen Liebe und die Opulenz der gemeinschaftstiftenden Rituale und Gottesdienste. Das Christentum entfaltete seinen Zauber auch als Kirche der Sinne und der Fülle. Daher zog es seine emotionale Kraft, die Laien genauso erfüllte wie Kleriker. Nicht verschwiegen werden aber darf, dass es noch mindestens einen weiteren Grund gab, der verhinderte, dass der Kirche ihr Religionsamalgam um die Ohren flog: Stets ging sie mit brutaler Härte gegen all jene vor, die sie als Bedrohung der vielbeschworenen Einheit des Christentums empfand. Die Scheiterhaufen der Inquisition brannten jahrhundertelang  lichterloh.

Doch wir betreiben  keine Kirchengeschichte.  Für unsere Argumentation gilt es festzuhalten: Die intellektuell-institutionelle Religion, deren Genese wir in der Bibel hautnah miterleben durften, hat in der christlichen Kirche eine nahezu perfekte Form gefunden. Die

1 8 Als Jesus im  Himmel  blieb: Die GeburtdesChristentums

Solche Unbarmherzigkeit widerspricht dem auf Reziprozität an- gelegten Gerechtigkeitsgefühl, da rebelliert die erste Natur. Tatsächlich machte sich seit der Aufklärung insbesondere unter protestantischen Theologen die Auffassung breit, Jesus habe die Lehre von der ewigen Höllenstrafe gar nicht vertreten. Die Kirchen begannen das Thema fortan zu meiden.39 Der Soziologe Hubert Knoblauch bestätigt, dass sie sich in Europa «unter dem Einfluss der Aufklärung immer mehr von der Deutung des Todes und seiner breiten Ritualisierung zurückgezogen haben». In der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts machte sogar das Schlagwort von der «Tabuisierung des Todes» die Runde.40

Das wird für all diejenigen zum Problem, die in einer Kultur aufgewachsen sind, die den Glauben an Himmel und Hölle propagierte. Wird dieser un;imer, stellt sich die Frage, wie überhaupt gutes Leben möglich sein soll, wenn es weder eine Belohnung noch eine Bestrafung der menschlichen Handlungen gibt. Ist dann nicht alles zufällig, willkürlich oder wie es die Soziologen hennen: kontingent? Vor allem: Was soll dann der Tod? Und was geschieht  danach?

Das Phänomen ist aufschlussreich: Die angestammte ZweiteNatur-Lösung des Christentums wird fraglich. Die uralten Erste- Natur-Optionen sind aber noch als Aberglaube verfemt. Klassischer Fall also für die dritte Natur, neue Antworten zu präsentieren. Bloß, die Vernunft  kann nichts Verbindliches  über  ein mögliches Leben nach‘ dem,.Tod aussagen. Schlimmer noch, aus wissenschattlicher Perspektive spricht alles dafür, dass der Tod das Ende ist. Die Folge ist etwas, das als «Kontingenzerfahrung» bezeichnet wird: Der Tod erscheint als zufällig und sinnlos. Er wird zum Nichts, das wir nicht in den Griff bekommen. Und das gebiert Angst.

Ironischerweise wird in diesem Zusammenhang oft ausgerechnet der Religion die Aufgabe der «Kontingenzbewältigung» zugesprochen. Weil sie ja Antworten liefert, Trost spendet und bewährte Ver- . haltensweisen offeriert, wo die aufgeklärte Welt nichts zu bieten hat. Ohne Kirchen kann der Mensch eben nicht, so die Unterstellung, insbesondere dann, wenn es um den Tod geht.41 ·

470 Teil 5 Das Neue Testament Hoffnung auf Erlösung

Aber das funktioniert nicht. Die traditionellen Lösungen der intellektuellen Religion sind es ja, die in die Krise geraten; sie sind es, die als die alten Zweite-Natur-Lösungen unglaubwürdig geworden sind. Natürlich besteht die Möglichkeit, dass die Kirchen ihre Idee vom Jenseits reformieren. Und das geschieht mitunter. Wir erwähnten es ja schon: In nicht wenigen Regionen Europas verzichtet man kirchlicherseits weitgehend auf die Hölle. Für eine Institution aber, die beansprucht, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, ist das eine riskante Strategie. Der Philosoph Kurt  Flasch  schimpft  nicht zu Unrecht: «Die Kirchen haben mit Höllenbildern über  tausend Jahre lang die Menschen in Angst und Schrecken versetzt, und jetzt beruhigen sie uns, dass die Bibel das nicht verlange.» 42

Die Kontingenzerfahrung ist also ein kulturelles  Artefakt,  keine anthropologische Konstante. Sie  resultiert  aus  dem  Versagen der dritten Natur, akzeptable Antworten zu liefern. Damit hat die Stunde der ersten Natur geschlagen: Sie wittert ihre Chance,  die alten Intuitionen wieder ins Spiel zu bringen. Die waren ja nie verschwunden, nur als theologisch  inkorrekt unterdrückt.

Tatsächlich, konstatieren Soziologen, habe sich in den letzten Jahrzehnten in Europa außerhalb der Kirchen eine ganze eigene Kultur des Todes etabliert, «die eigene Rituale, Erfahrungsformen und Deutungen» hervorgebracht habe.43 Berichte über Nahtoderfahrungen stürmen die Bestsellerlisten, der Reinkarnationsglaube boomt, viele Menschen wollen nicht mehr auf Friedhöfen begraben werden, sondern in der Natur, und Schutzengel übernehmen die vakant gewordenen Stellen der Ahnen. Kurz: Unser animistischer Glauben an das Weiterleben der Seelen ist lebendig wie eh und je.

Aber auch bei jenen, denen all das zu esoterisch ist und die nie an Himmel und Hölle geglaubt haben, hält unsere alte Psychologie das Ruder fest in der Hand. «Natürlich würde kein normaler Mensch behaupten, er sei unsterblich», sagt der Primatologe Frans de  Waal,

«aber die meisten von uns tun so, als würden sie ewig leben.»44 Und der atheistische Psychologe Jesse Bering, der – wir erinnern uns – spürte, , wie seine verstorbene  Mutter  mit ihm aus der Anderswelt

19  Das Buch der Natur: Gottes zweite Bibel 471

heraus Kontakt aufnahm, spricht von einem «kognitiven Schluckauf massiver Irrationalität», den wir von unseren Vorfahren geerbt hätten.45 Diese Irrationalität schenkt den Menschen Frieden, indem sie dafür sorgt, dass wir uns die meiste Zeit unseres Lebens keine Gedanken über den Tod machen. Wir leben in der allenfalls halb bewussten Hoffnung, dass Shakespeares Hamlet doch recht haben könnte, wenn er zu Horatio spricht: «Es gibt mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt.»

Der Tod wird eben erst dann für uns zum Problem, wenn er in Ausnahmesituationen in den Fokus unserer dritten Natur gerät. Wenn wir uns anstrengen und ausmalen, wie es sein wird, wenn wir nicht mehr sind – dann überkommt viele von uns eine Heidenangst. Einen vernünftigen Trost hält die dritte Natur nicht parat. Außer vielleicht jenen, de.JIRichard Dawkins seinen Lesern in seinem Buch Der Gotteswahn präsentiert. Er zitiert den Schriftsteller Mark Twain:

«Ich fürchte den Tod nicht. Ich war Milliarden und Abermilliarden Jahre tot, bevor ich geboren wurde, und es hat mir nicht die geringsten Unannehmlichkeiten bereitet.» Er selbst, folgert Dawkins, werde sich dann «im gleichen Zustand befinden wie zur Zeit Williams des Eroberers, der Dinosaurier oder der Trilobiten. Und das ist nichts, wovor man Angst haben müsste.»46

Die Zukunft der Religion

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Wir haben gesehen, was für eine erstaunliche Hybridreligion das Christentum die längste Zeit seiner Geschichte war. Es konnte die individuellen Bedürfnisse der Menschen ebenso  befriedigen  wie den kulturellen Schutz und Zusammenhalt großer Gesellschaften gewährleisten. Dadurch aber, dass die Arbeit an der Bibel eingestellt worden war, entstand eine Lücke zwischen Welt und Heiliger Schrift. Diejenigen, die sich der Erforschung des Buchs der Natur verschrieben hatten, kamen immer besser ohne Gott aus. Spätestens  im  19.Jahrhundert war  der Riss zu  groß, die Wissenschaften

472 Teil  5 Das  Neue Testament: Hoffnung  auf Erlösung

emanzipierten sich ganz und gar von Gott. Die Arbeit am kulturellen Schutzsystem ging immer mehr auf sie und andere säkulare Institutionen über.

Wir haben den Eindruck, dass wir uns noch immer in dem Transformationsprozess befinden, der im 19.Jahrhundert seinen Anfang genommen hat. Wie geht es weiter? Wir sind keine Zukunftsforscher, wollen allerdings wenigstens die Tendenzen benennen, die sich aus Sicht der kulturellen Evolution aufdrängen.

Erstens: Die Religion hat ihre Mission erfüllt, die Funktionsweise der Welt zu erklären, indem sie selbst bessere Instrumente für diese Aufgabe geschaffen hat. Jeder gesellschaftliche Gültigkeit beanspruchende Welterklärungsanspruch des Christentums ist damit vom Tisch. Damit sollte – theoretisch – kein Konfliktpotenzial mit der Wissenschaft mehr bestehen. Für die europäische Welt ist das schon weitgehend der Fall.

Zweitens: Wir haben gezeigt, wie die Religion eine die Moral regulierende Funktion übernahm, in dem  Glauben,  auf  diese Weise die Gunst der Götter zu gewinnen und die Gesellschaft vor Katastrophen zu schützen. Unsere Moral aber ist sehr viel älter als die Religion. Diese hat sich der Moral nur angenommen in Zeiten, da der Egoismus kleiner und großer Despoten die Gesellschaften neu zu zerstören drohte. Damit schufen die biblischen Religionen die Grundlage für Menschenrechte und Demokratie. Wo diese säkularen Institutionen nun etabliert sind, brauchen wir die Religion nicht mehr zur Legitimation. Auch hier hat die Religion ihre Mission erfüllt. Natürlich können religiöse Institutionen weiterhin als moralische Anwälte agieren. Aber sie besitzen kein «höheres» Recht, aufgrund dessen sie einen Anspruch auf Normativität gegenüber der Gesellschaft beanspruchen dürften.

Drittens: Wenn also die kulturellen  Schutzfunktionen wegfallen,

weil die Religion mithalf, tauglichere Institutionen zu schaffen, wird die intuitive Religion wachsen. Der Anteil der theologischen Lehre nimmt ab, mit dem Rückgang der intellektuellen Anteile sinkt der Kohärenzzwang,  das  Bedürfnis  nach  rationaler  Stimmigkeit. Das

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gemeinsame Erlebnis tritt in den Vordergrund, die spirituelle Erfahrung. Aber auch hier ist es wie im Bereich der Musik, wo eine große Spannbreite zwischen populärer und ernster Musik besteht. Sicher wird es immer Gläubige geben, welche die Religion gerade wegen der Ehrwürdigkeit ihrer theologischen Lehrgebäude goutieren oder die hoffen, mit ihrer Hilfe das raffinierte Zusammenspiel der Naturgesetze zu begreifen. Der Glauben wird auf jeden Fall auch in Europa pluralistischer.

Schon jetzt ist zu diagnostizieren: Es haben jene Gemeinden und spirituellen Angebote Zulauf, die der ersten Natur viel zu bieten haben. Die Menschen finden dort ihr Glück, wo sie das Gefühl haben, von einer höheren Macht Schutz und Geborgenheit geschenkt zu bekommen. Wo sie sich aufgehoben fühlen wie einst in der lebendigen Gemeinschaft einer Jäger-und-Sammler-Gruppe. So betrachtet, könnte die Religion sich zu einer Zufluchtsstätte der ersten Natur wandeln. Zu einem Anti-Mismatch-Raum, zum Paradies  auf Zeit,  in dem sich die Menschen von den Ansprüchen der dritten Natur erholen und eine Weile frei sind vom Unbehagen in der Kultur.

Warum auch nicht? Die Fähigkeit der Menschen, in Gedanken eine zweite Realität zu erzeugen, ist außerordentlich hoch entwickelt. Es fällt uns leicht, die eine Realität zugunsten der anderen auszublenden, sagt Frans de Waal. Deshalb «fallen wir  in Filmen auf Liebesbeziehungen, Rivalitäten und Morde herein. Obwohl  wir genau wi,s, sen, dass die handelnden Personen nur Schauspiler sind, die so tun <als ob>.» Wir erinnern uns an Jonathan Gottschall,   der darauf hinwies, dass Geschichten unsere mächtigste Vrrtual-RealityTechnologie sind, um den Ernstfall zu erproben. Deshalb lieben wir es, ins Kino oder ins Theater zu gehen, einen Roman zu lesen oder in die abenteuerliche Welt eines Computerspiels einzutauchen. In die Reihe solcher «dualen Realitäten» stellt de Waal auch die Religion. Deshalb kommen ihm die  sogenannten  Neuen  Atheisten, die darauf beharren, dass nur die Fakten der empirischen Realität zählen, mitunter vor wie «Leute, die vor einem Kino stehen  und den Zuschauern, die gerade  Titanic gesehen  haben, erzählen,  dass

474 Teil 5 Das Neue Testament: Hoffnung auf Erlösung

Leonardo DiCaprio gar nicht mit dem Schiff untergegangen ist. Was für Spielverderber! Die meisten von uns fühlen sich in der dualen Realität durchaus wohl.»47

Und damit sind wir bei viertens: Die skizzierten  Entwicklungen finden innerhalb der traditionellen Kirchen nicht unbedingt Beifall. Immer wieder ist Kritik an der «Spiritualisierung» und «Individualisierung» der Religion zu vernehmen. Religion dürfe doch nicht zu einem Wellness-Angebot verkommen. Da sei der ganze Mensch gefordert, heißt es. Das Bekenntnis zu Gott umfasse alle Aspekte des Lebens. Eine «Religion light» erscheint inakzeptabel, wenn sie nicht ohnehin ganz des Teufels ist.

Das ist unsere alte Psychologie,  unsere  erste Natur. Da   meldet sich die uralte Angst vor Trittbrettfahrern: Deshalb müssen die Kosten hoch sein! Wir wollen unsere Gruppe geschlossen halten! Da darf nicht jeder kommen und gehen wie in einer Yogagruppel Entsprechend boomen vor allem die rigiden, nicht die liberalen Kirchen. Jene, die viel von ihren Mitgliedern verlangen, viel Einsatz, viel Geld, viel Hingabe, um so nur die beisammen zu haben, denen es wirklich ernst ist.48

In diesem Kontext erklärt sich auch, warum viele strenggläubige Gruppen noch immer auf dem Glauben an die wortwörtliche Wahrheit der Bibel beharren. Der funktioniert als kostspieliges Signal: Wer heutzutage beteuert, wirklich daran zu glauben, dass Gott die Welt am Samstag, den 22. Oktober 4004 v. Chr. um Punkt sechs Uhr abends geschaffen hat – wie es sich aus der Bibel extrapolieren lassen soll -,49 beweist damit vor allem eins: Auf ihn ist Verlass! Er ist ein vertrauenswürdiges Mitglied seiner Gruppe. Auch das steckt in unserer uralten Jäger-und-Sammler-Seele.

Hier  lauert, fünftens,  Gefahr. Nicht  nur,  dass wir  längst nicht mehr in kleinen Gemeinschaften durch die Savanne ziehen. Nein, dort wo das Ingroup-Bewusstsein forciert wird, ist die alte FreundFeind-Psychologie nicht fern. Denn die gehört ebenfalls zur ersten Natur der Menschen. Da werden schnell alle außerhalb der eige nen Gruppe Stehenden dämonisiert. Da ist die Anfälligkeit  für Ver-

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schwörungstheorien groß. Denn wenn man schon an übernatürliche Akteure glaubt – und die erste Natur glaubt an viele -, ist man geneigt, sie überall am Werk zu sehen, vor allem in der bösen Welt jenseits der eigenen Gruppe.

Religion kann ein zweischneidiges Schwert sein. Sie schweißt nach innen zusammen und schließt die Gemeinschaft nach außen ab. Das macht einen Gutteil ihres Erfolgsgeheimnisses aus. Das Christentum hat das in seiner Geschichte besonders gut verstanden. Wir lasen es in der Bibel: Jesus der Freund, der uns barmherzig in jeder Notlage zur Seite steht, und Jesus der Apokalyptiker, der die Mächte des Teufels bekämpft, sind ein und dieselbe Person. Aber heute ist allenfalls noch einer von beiden akzeptabel.

Halten wir fest: Die Religion wird den Homo sapiens weiterhin begleiten, und da,rChristentum wird in seinen intuitiven Teilen stärker werden. Heikel wird es dort, wo die Religion beansprucht, das Verhalten der Menschen zu bestimmen. Für eine kritische Phase unserer Geschichte war das ihre Aufgabe; sie hat das, angesichts fehlender Alternativen, mit Bravour gemeistert. Aber, und das ist die Lektion, die sich aus der kulturellen Evolution ziehen lässt, das ist keine Mission für alle Ewigkeit gewesen. Für die Bibel immerhin ist das eine gute Nachricht. Sie muss nicht mehr die perfekte Schrift eines perfekten Gottes sein. Sie darf endlich das sein, was sie auf jeden Fall ist: ein verdammt gutes Buch.

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