Kategorie-Archiv: Neues für den Glauben

Die „Reformation“ geht weiter – auch für den Glauben?

Guenter Hegele    5. Februar 2017    Kommentare deaktiviert für Die „Reformation“ geht weiter – auch für den Glauben?

… und mit einer etwas anderen Art das Jubiläum zu feiern

Von Günter Hegele

„Die Reformation geht weiter.“ Das war als Ergebnisfeststellung am Ende der EKD-Synode 2012 von ihrer damaligen Präsidentin Katrin Göhring-Eckardt zu hören. Wie schon früher hatte man hauptsächlich an organisatorischen Veränderungen in der Kirche gearbeitet. 

„Die Reformation geht weiter“, schreibt im neuen Buch auch die Lutherbotschafterin der EKD Margot Käßmann, in dem sie zusammen mit dem Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm nach ausführlicher Würdigung der hauptsächlich von Martin Luther angestoßenen kirchlichen Erneuerungsbewegung das tut, was in religiöser Kommunikation selten ist: Auf Kritik und anderes Glaubensverständnis einzugehen und es ernst zu nehmen.

Und es ist schon richtig: Versteht man Reformation als Reform, so ist sie in den 500 Jahren, die 2017 gefeiert werden, in vielfacher Weise weiter gegangen. Zwar nicht immer im Sinne Luthers, aber doch in der Anpassung an die Entwicklung von Demokratie, Meinungsfreiheit und Wissenschaft seit der Aufklärung. Veränderungen und Weiterentwicklung von Inhalten des Glaubens waren bisher keine erklärten Ziele von Religion und Kirche, eher schon Bewahrung der Tradition. Das Thema „Reform des Glaubens“ kommt im Programm der Reformationsfeierlichkeiten nicht vor. Manche Gläubige und Kirchengemeinschaften halten Teile ihres Glaubens per Definition für irreformabel.

Warum „Reformen des Glaubens“? 

Es gibt Gründe für eine Reform des Glaubens, die ernst genommen werden müssen:

  • Abnehmende Zahl der Mitglieder von Glaubensgemeinschaften.
  • Abnehmende Beteiligung an religiösen Aktivitäten (z.B. Gottesdienstbesuch).
  • Abnehmende Kenntnis und Wertschätzung von zahlreichen Glaubensinhalten.
  • Veraltete Bekenntnisformeln, Texte und Lieder.
  • Positive Erfahrungen mit neuem Glaubensverständnis und moderner Spiritualität.
  • Der Wunsch nach Einbeziehung neuer Glaubensformen in die Praxis der Kirchengemeinschaft.

Aus diesen und sicher noch anderen Gründen setzen sich, bis jetzt ziemlich unbemerkt, zunehmend Einzelne und Gruppen bzw. Gemeinschaften dafür ein, neues Glaubensverständnis in kirchliches Leben einzubeziehen, zu erproben und weiterzuentwickeln.

Neues für den Glauben in der Literatur und in den Medien

Neben heftiger Kritik an traditionellen und gewohnten religiösen Bekenntnisformeln sind in Büchern und Zeitschriften sowie in Funk und Fernsehen vielfach auch Diagnosen und Reformvorschläge für ein neues Verständnis des Glaubens zu finden.
In der theologischen Literatur gibt es neue Interpretationen nicht nur einzelner Glaubensinhalte, sondern es werden auch für das Glaubensverständnis grundlegende Begriffe wie Gott, Jesus, Heiliger Geist und Kirche hinterfragt und neu definiert.

Der Arbeitskreis „Gottesbild heute“ setzt sich für eine Reform des Glaubens ein

Er hat schon 2010 damit begonnen, das Reformationsgedenken 2017 in einen thematischen Zusammenhang mit seinem ersten Internetprojekt „Kernfragen des Glaubens“ zu stellen.
Auch mit dem Thema seiner zweiten blogsite „Die Reformation geht weiter – auch für den Glauben“ setzt er sich ausdrücklich für eine Offenheit gegenüber neuem Glaubensverständnis ein.
Mit der Wahl des Mediums Internet soll auch kirchenfremden und religionskritischen Menschen mit ihren unterschiedlichen Wahrnehmungen und Eindrücken, Problemen und ambivalenten Haltungen die Teilnahme erleichtert werden. Dabei kommen auch Überzeugungen außerhalb der Kirchen und des Christentums in den Blick.

Der von Günter Hegele geleitete Arbeitskreis „Gottesbild heute“ der Evangelischen Akademikerschaft i.D. (EAiD) hat die Erfahrung gemacht, dass unterschiedliche Glaubensweisen durchaus neben- und miteinander und bei einem Individuum sogar gleichzeitig oder nacheinander möglich sind (was sich z.B. in verschiedenen Arten zu beten zeigen kann; manche tun das auch ohne Gott beim Namen zu nennen).

Von Kernfragen zu Kernsätzen des Glaubens

Aus den 15 Kernfragen und den Einsendungen dazu hat der Arbeitskreis als Zwischenergebnis zu 10 Themenbereichen „Kernsätze des Glaubens“ zusammengestellt, die er für bedenkenswert, zeitgemäß und weiterführend hält.

Beide Texte wurden im Internet und  als Buch unter dem Titel  „Kernfragen des Glaubens. Die Reformation geht weiter“veröffentlicht (siehe evangelische aspekte, Heft 2, Seite 49). 

„Die Reformation geht weiter“ – im Internet

Das Buch und das kostenlose Angebot des Textes als Datei im Internet rief Interesse an einer Fortsetzung des Projekts hervor.

Sie begann ab 2016 mit einer laufenden Aktualisierung der Internetplattform www.reformation-geht-weiter.de, an die Besucher bis zum Ende der Reformationsdekade 2017 zu drei Bereichen Informationen und Texte schicken können:

1. Reformation heute: Wo und von wem gibt es bereits Engagement für weitergehende Reformation?

2. Neues für den Glauben: Artikel, Auszüge, Vorträge, Zitate, Predigten zu aktuellen religiösen Themen.

3. Literatur für Reformen des Glaubens mit kurzen Inhaltsangaben, Leseproben und Rezensionen.

Abgrenzungen zu manchem, was nicht zum christlichen Glauben passt, werden nicht vorgegeben. Es können Beiträge zu neuem und eigenem Glaubensverständnis eingesandt werden, auch ohne Theologie und Wissenschaft fachgerecht zu zitieren („Theologie von unten“). Die Einladung zur aktiven Beteiligung richtet sich aber bewusst auch an Personen, die der Kirche und traditioneller Frömmigkeit distanziert oder ablehnend gegenüber stehen.

Insgesamt kann man angesichts der Entwicklung der christlichen Religion von einer Evolution sprechen.

Der EAiD-Arbeitskreis „Gottesbild heute“ schlägt der im April 2017 tagenden EAiD-Delegiertenversammlung vor, sie möge ihren Landesverbänden und Arbeitskreisen empfehlen, das Thema „Reformation geht weiter – auch für den Glauben“ in ihren Veranstaltungen bis zum Ende der Jubiläumsfeiern zu behandeln und sich aktiv daran zu beteiligen.

Auch Ergebnisse aus in anderen EAiD-Arbeitskreisen bearbeiteten Themen wie Weltethos, Frieden, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit können dabei einbezogen werden. Im Verlauf der Arbeit werden Glaubensaussagen aus anderen Bereichen wie Natur-/Wissenschaft, Kunst, Medien und Religionen dazu kommen.

Wie geht es weiter mit dem Glauben? 

Wer das Bedürfnis hat, sich in der veränderten Situation im Blick auf Glauben und Religion neu zu orientieren, fängt am besten dort an, wo die „Reformation“ damit bereits begonnen hat: Bei geeigneter Literatur, in Zeitschriften und in den Medien, bei reformoffenen Gruppen und Veranstaltungen (wie dem Kirchentag) – und bei Angeboten im Internet, wie sie die EAiD eingerichtet hat: Da findet man pluralistische Theologie, individuelle Versuche zur weiteren Entwicklung des Glaubens, neue Interpretationen von traditionellen Glaubenssätzen, Erweiterung des religiösen Horizonts, Aufgeben-Können von Veraltetem.

Der Inhalt der beiden blogsites „Kernfragen des Glaubens“ und „Reformation geht weiter“ soll zum Abschluss der Reformationsfeierlichkeiten Ende 2017 veröffentlicht und der EKD übergeben werden.

Damit die Reformation weitergeht!

Zitate

Guenter Hegele    30. März 2016    2 Kommentare zu Zitate

Spiritualität als Kern der Religionen

„Spiritualität zielt auf das, was Religion im Kern eigentlich ausmacht. Religion ist mehr als „Kontingenzbewältigung“ oder als „Transzendenzbezug“, und sie ist auch mehr und anderes als Glaubensdogma und sakrale Praxis. Religion ist eine Deutung der Welt und des Lebens, die auf eine umfassende, faszinierende und prägende Erfahrung zurückgreift.

Meist wird diese Erfahrung von einem Religionsstifter gemacht, oder auch von einer Gruppe, oder sie entsteht im Lauf eines langen Traditionsstromes. So, sagt diese Erfahrung, ist die Welt: eine Ansammlung von Leid (so der Buddhismus), eine unlösbare Mischung aus Gegensätzen (so der Taoismus), die Verpflichtung zur Unterwerfung unter einen außerweltlichen Willen (so der Islam), ein Wunder an Schönheit und Gnade (so das Christentum) usw. Diese Sicht der Welt prägt Überzeugungen aus, verschafft sich Anhänger und religiöses Personal, übersetzt sich in Geschichten, Heilige Schriften, in Ethik, Symbole und Riten. Spiritualität versucht, diese Deutung der Welt immer wieder neu erfahrbar zu machen und in das eigene Leben zu holen.
evangelische aspekte3/2016


Erfülltes  Leben. Meine Werte, mein Glaube, mein Glück-

Auszüge aus: DER SPIEGEL WISSEN 6/2015: Das Heft enthält – wie das Magazin „DER SPIEGEL“ dsöfteren – bemerkenswerte neuformulierte individuelle und generelle Beiträge zur Suche nach Sinn, Glaube, Glück, Religion, Weisheit, Geist, Auswege aus Krisen,…

Respektieren Sie, dass Kinder an etwas glauben wollen.

Die Frage, ob es Gott gibt, stellen manche Kinder schon mit drei Jahren, andere im Grundschulalter. „Kinder wollen glauben“, sagt die Münchner Grundschullehrerin Katrin Lex, 32 – woran, das verändere sich mit der Zeit. Lex unterrichtet Ethik, da kommt die Frage häufig. „Für manche Menschen gibt es Gott, für manche nicht, das ist ganz unterschiedlich“, sagt sie ihren Schülern.

Erkennen Sie die Überlegungen der Kinder an.

.Was glaubst du denn?“, fragt die Lehrerin in ihrer multikulturellen Klasse manchmal die Kinder. Besonders die Jüngeren orientieren sich noch an Figuren, die ihnen wichtig sind, wie Nikolaus, Christkind oder Weihnachtsmann. Auch bei Kindern, die aus einem nicht religiösen Elternhaus kommen, taucht Gott häufig auf. Ob zu Hause oder in der Schule, wichtig ist, dass jede Antwort angehört und anerkannt wird.

Muten Sie Kindern auch mehrdeutige Antworten zu.

Schon Sechs- bis Zehnjährige können damit sehr gut umgehen. Auf die Frage, wo Gott wohne, genügt es zu erklären, dass manche Menschen, die an Gott glauben, ihn in der Natur sehen, zum Beispiel in einem schönen Schmetterling, andere gehen in die Kirche, und ‚wieder andere glauben, wenn Menschen etwas Gutes tun, sei das ein göttliches Zeichen. Nicht gläubige Eltern ermutigt die Pädagogin: „Kinder kommen gut damit klar, dass es nicht auf alle Fragen eine Antwort gibt.“

Geben Sie Kindern den Freiraum, selbst nachzudenken.

‚Wenn es Gott gibt, warum erlaubt er, dass schreckliche Dinge geschehen? Und warum sorgt er nicht dafür, dass ich einen Hund bekomme? Das sind Fragen, die Kinder beschäftigen. Sie verstehen, betont Ethiklehrerin Lex, wenn man ihnen sagt, dass die Menschen selbst dafür verantwortlich sind, wie sie zusammenleben. Und dass Gott keine gute Fee ist, die alle Wünsche erfüllt.

 

 

Neues für den Glauben

Guenter Hegele    24. März 2016    Kommentare deaktiviert für Neues für den Glauben

 Spiritualität

Spiritualität ist ein Modewort. Moden mögen flüchtig sein, sie sind aber nicht immer schon Unsinn. Da die Veränderungen im religiösen Feld mit rasantem Tempo vor sich gehen, lohnt es sich, dieser Mode genauer nachzugehen.

Typisch für Phänomene, die auf Resonanz stoßen, ist zunächst, dass sich unter den einschlägigen Begriffen ganz verschiedene Vorstellungen versammeln. Was unter „Spiritualität“ eigentlich gemeint sei, ist keineswegs klar. Die Ideen reichen von einer privatisierten Religiosität christlicher Herkunft bis hin zu esoterischen und exotischen Vorstellungen und Praktiken. Immer aber wird Religion als Erfahrungsphänomen aufgefasst und als Sache der einzelnen Individuen. Spiritualität ist erlebte Religion, oder doch zumindest die Suche nach ihr.

  1. Was ist im Leben wirklich wichtig?

Es ist sinnvoll, den Begriff Spiritualität nicht allzu weit zu fassen. Sie meint zunächst nichts anderes als die religiöse Praxis eingespielter Übungsformen, also von Atemtechniken (Meditation), asketischen Praktiken, Pilgerschaft und allen ritualisierten Unterbrechungen des Lebens. Da alle diese Praktiken erlebnisintensiv sind, verbindet sich mit ihnen automatisch eine bestimmte Sicht auf das Leben, also eine spirituelle Haltung. Das ist es, was mit dem Begriff „spirituell“ in der Regel gemeint ist. Es geht dabei nicht um verschrobene Esoterik, sondern um eine nüchterne Besinnung auf das, was im Leben wirklich wichtig ist.

Mit ihrer Erlebnisorientierung wendet sich die spirituelle Sehnsucht von einer dogmatisch fixierten, theologisch abstrakten und oft genug selbstzentrierten Kirchlichkeit ab. Sie strebt keine Glaubenswahrheit an, keine feste Zugehörigkeit zu einer Gruppe, und schon gar keine Unterordnung unter sakrale Autoritäten. Sie zielt auf eine Erfahrung, die das eigene Leben neu ausrichten und auf einen tragfähigen Grund stellen kann.

Spiritualität als Kern der Religionen

Damit zielt Spiritualität auf das, was Religion im Kern eigentlich ausmacht. Religion ist mehr als „Kontingenzbewältigung“ oder als „Transzendenzbezug“, und sie ist auch mehr und anderes als Glaubensdogma und sakrale Praxis. Religion ist eine Deutung der Welt und des Lebens, die auf eine umfassende, faszinierende und prägende Erfahrung zurückgreift.

Meist wird diese Erfahrung von einem Religionsstifter gemacht, oder auch von einer Gruppe, oder sie entsteht im Lauf eines langen Traditionsstromes. So, sagt diese Erfahrung, ist die Welt: eine Ansammlung von Leid (so der Buddhismus), eine unlösbare Mischung aus Gegensätzen (so der Taoismus), die Verpflichtung zur Unterwerfung unter einen außerweltlichen Willen (so der Islam), ein Wunder an Schönheit und Gnade (so das Christentum) usw. Diese Sicht der Welt prägt Überzeugungen aus, verschafft sich Anhänger und religiöses Personal, übersetzt sich in Geschichten, Heilige Schriften, in Ethik, Symbole und Riten. Spiritualität versucht, diese Deutung der Welt immer wieder neu erfahrbar zu machen und in das eigene Leben zu holen.

  1. Moderne Lebenssituation und seelische Leiden

Es ist kein Zufall, dass die Wertschätzung der Spiritualität etwa in demselben Maße zunimmt, wie die gegenüber den Kirchen abnimmt. Denn offensichtlich wird in den Kirchen eine Glaubenswelt gepflegt, die mit den Fragen und Nöten der späten Moderne kaum noch vermittelbar ist.

Die Lebenssituation ist inzwischen vor allem durch die Schattenseiten der autonomen Selbstentfaltung gekennzeichnet. Immer mehr Menschen empfinden Leistungsdruck, Erfolgsorientierung und Selbstverantwortung als tendenzielle Überforderungen. Verbreitet ist die mehr oder weniger vage Empfindung: „Es stimmt etwas nicht, ich bin aus dem Gleichgewicht, ich fühle mich leer“. Erschöpfungserscheinungen aller Art verbreiten sich geradezu epidemisch: Lustlosigkeit, Burnout, Depressivität und Demenz. Immer öfter wird die Frage nach dem Sinn gestellt: „Wozu das alles?“

Die Freudlosigkeit vieler Menschen ist in starren Gesichtern und eingesunkenen Körperhaltungen deutlich ablesbar – sie ist andererseits aber schon wieder so normal geworden, dass sie kaum noch wirklich auffällt. Zudem ist Cool-Sein, der Ausdruck scheinbarer Überlegenheit und möglichst perfekten Funktionierens, eine Haltung geworden, die als erstrebenswert gilt.

Der Preis der „freien Selbstbestimmung“

Die freie Selbstbestimmung ist zur modernen Grundhaltung geworden. Sie orientiert sich an eigenen Bedürfnissen, die an die Stelle des althergebrachten Gehorsams, der Pflichterfüllung und der Autoritätshörigkeit treten. Das Leben erscheint dadurch als bunt und voller Entfaltungs- und Erlebnismöglichkeiten.

Selbstbestimmung braucht allerdings eine Entschiedenheit und Klarheit, die es gerade angesichts der immer unüberschaubarer werdenden Möglichkeiten immer weniger gibt. Selbstbestimmung geht auch auf Kosten des Eingebunden-Seins in alles, was größer ist als ich selbst: Gemeinschaft, Natur, Kultur, Religion. Das Leben wird zum Projekt, dessen Ziele man selbst festlegt.

Zunehmende Selbstbespiegelungen (Wie geht es mir eigentlich?) und die Lustlosigkeit befriedigter Bedürfnisse – die „Melancholie der Erfüllung“ – machen aus dem autonomen und selbstbestimmten Menschen eine Karikatur: den eingesunkenen, mit sich selbst beschäftigten, abwesenden und freudlosen Menschen, der sich immer mehr in seine eigene Isolation einspinnt.

Was zu Gunsten der selbstmächtigen Aktivität verloren geht, ist der Ursinn von re-ligio: Die Erfahrung der Ver-bundenheit, der verlässlichen Beziehung und des Gehalten-Seins. Genau dies ist wohl der Hauptgrund dafür, warum Spiritualität derzeit so attraktiv ist. Sie ist die erfahrene re-ligio: die spürbare Verbindung zum Leben.

  1. Sehnsucht nach religiöser Orientierung

Auf die skizzierten seelischen Verwerfungen geben weder die vernunft-philosophische Tradition (etwa der „kategorische Imperativ“ nach Kant), noch die eingespielten Glaubensthemen der christlichen Religion eine tragfähige Antwort. Einem seelisch erschöpften Menschen unserer Zeit, dem sein Leben als sinnlos erscheint, ist mit einer Ermahnung zu kräftigerem Glauben nicht weiterzuhelfen.

Das Christentum empfiehlt sich in seiner etablierten Form nur noch sehr eingeschränkt für seelische Entwicklungen. Seine tiefe Lebensklugheit muss inzwischen regelrecht aus Trümmern hervorgeholt werden. Die christliche Heilsgeschichte, die das Leben unter den übergeordneten Ablauf eines urzeitlichen Sündenfalls, einer am Kreuz geschehenen „Erlösung“ und einer endzeitlichen Errettung der Glaubenden stellt, ist da kaum noch nachvollziehbar. Nicht „Sünden“ sind für den modernen Menschen ein Problem, sondern weit eher die geschilderten seelischen Nöte. Kaum jemand vermag alte metaphysische Wahrheiten noch auf sein eigenes konkretes Leben zu beziehen. Gesucht sind konkrete, erfahrbare und in den Alltag umsetzbare Schritte.

Das Christentum erstarrt in religiöser Kultur

Was allen Religionen ganz automatisch passiert, ist auch im Christentum eingetreten: Die ursprüngliche religiöse Inspiration, die im Christentum die religiöse Erfahrung der unbedingten Gottesnähe ist, hat sich längst in die Formen einer religiösen Kultur übersetzt. Sie ist dort inzwischen weitgehend erstarrt und wird zunehmend seelenlos verwaltet. Sie verkümmert unter rituellen Routinen, gläubigen Richtigkeiten und theologischer Abstraktion.

Im Christentum muss das in Zeiten einer „Erlebnisgesellschaft“ (Gerhard Schulze) und einer massiven Individualisierung, in der die Menschen nach dem persönlichen Nutzen fragen, überdeutlich auffallen. Es erklärt den Sinkflug der christlichen Institutionen Kirche und Theologie – und es erklärt auch die gesteigerte Nachfrage nach Spiritualität. Nicht mehr Glaube oder Frömmigkeit sind angesagt, denn die beziehen sich allzu sehr auf einen vorgeordneten Glaubenskosmos, der immer unverständlicher wird und kaum noch Erfahrungsbezüge erkennen lässt. Sondern es ist die persönlich spürbare Religiosität, die interessiert.

  1. Kontaktaufnahme mit dem Wissen der Religion

Mit der Sehnsucht nach solch einer erfahrungsnahen Religion verbindet sich die Ahnung, dass Religion eine klügere Deutung der großen Fragen bieten kann als die moderne Selbstbestimmung mit ihrer Ausrichtung an Leistung, Erfolg und Konsum.

Von der Selbstzentrierung über den Schmerz zur Individuation

Echte Spiritualität hat eine sehr enge Nähe zur Selbstentwicklung. Daher gibt es keine ernsthafte Spiritualität ohne die Idee eines Weges und der geduldigen Übung. Vielleicht ließe sich daher die Pilgerschaft als spirituelle Urform verstehen.

Wer immer sich ernsthaft einer spirituellen Übung verschreibt, muss mit der Konfrontation mit dem Schmerz rechnen. Darin aber hat die Spiritualität gerade ihr heilsames Potential. Wer das Negative nicht flieht und verdrängt, sondern anschauen und letztlich akzeptieren kann, kann ein freierer Menschen werden. Ihm wird ein Satz wie der von Meister Eckhart: „Wenn Gott dir ein Leiden schickt, ist das das allerbeste“ nicht mehr als dumme Provokation erscheinen, sondern als eine seelische Notwendigkeit oder gar als Selbstverständlichkeit.

Ein nüchterner Blick auf den Menschen

Im Christentum nimmt der spirituell Übende Kontakt mit einer kulturgeschichtlich ebenso einmaligen wie seelisch heilsamen Realistik auf. Der Mensch wird hier mit einer geradezu drastischen Nüchternheit gesehen. Adam, Kain, selbst der Erfolgsmensch David, Hiob, der klagende Jeremia und allem voran die Passion und das Kreuz des Jesus sind Gegenbilder zu jeder Form der Idealisierung und der illusionären Beschönigung. Die Passionsgeschichte ist Aufklärung in ihrer tiefsten Form: wer liebt, macht sich verletzlich und zieht die Wut derer auf sich, die auf Sicherheiten setzen – lebt aber unbedingt besser und sinnvoller.

Möglich ist dieser Blick der jüdisch-christlichen Tradition durch die grundlegende Beziehung zwischen Gott und Mensch geworden, die sich in Begriffen wie „Ebenbild Gottes“, „Bund“ und „Liebe“ ausdrückt – Urformen der re-ligio, des Bezogenseins. Sie sieht den Menschen aus einer weiteren und dadurch nüchterneren Perspektive heraus.

Eine neue Sicht auf das Leben

So kann auch die Angst vor der Freiheit, dem seelischen Grundproblem schlechthin, in einem tieferen Vertrauen überwunden werden. Das Streben nach Sicherheit, Macht, Ansehen, Erfolg und anderen Formen steriler Stabilität kann einer risikobereiten Lebendigkeit und einer Zumutung des Aufbruchs weichen, wie ihn die Großen der Religion vor Augen führen: Abraham, Mose, die Propheten, Jesus, Franziskus, Luther.

Es ist alles andere als Zufall, dass das erste Wort Jesu der Aufruf zur Wandlung ist: „kehrt um!“, genauer übersetzt: „verändert eure Sichtweise!“ Wiedergeburt, Erleuchtung, Erwachen sind Begriffe für das Ziel des spirituellen Weges. Es geht um eine gesteigerte Lebendigkeit und eine neue, befreitere Sicht auf das Leben.

  1. Spiritualität als Heilungsweg

Im Kern geht es der Religion daher immer um eine gesteigerte und veränderte Wahrnehmung, die zu einer veränderten Haltung der Akzeptanz führt. Dasselbe Ziel haben alle Formen von Therapie, weshalb zwischen beiden auch eine enge Verbindung besteht – auch wenn das die Vertreter beider Seiten gerade auf Grund der großen Nähe oft nicht wahrhaben wollen.

Spiritualität ist praktizierte Religion. Fast immer beginnt der Weg mit einem vergrößerten Leidensdruck. So kann es nicht weitergehen! Die Spiritualität setzt daher ganz grundlegend auf Formen der Unterbrechung. Statt Alltag, Gedankenmühle, Terminplan und Stress bietet sie eingespielte Übungsformen an, die es erlauben, sich einmal neben den „ganz normalen Wahnsinn“ zu stellen.

Übungsformen der Spiritualität

Atmen, Meditieren und Beten sind die bekanntesten davon. Aber auch alle Formen der Askese zählen dazu, vor allem das Fasten und der Verzicht auf Suchtmittel. Noch deutlicher wird das beim Pilgern, für das eine tageweise, meist eine mehrtägige oder gar mehrwöchige Unterbrechung gewählt wird. Generell wird das auch in allen Formen von Auszeit-Nehmen deutlich: im Kultus, der den Wochenrhythmus durch eine geweihte Zeit am Sonntagmorgen unterbricht; aber auch in den mehr oder weniger unbewussten Formen von Traum und ritualisiertem Tanz. Es ist eingespielter therapeutischer Jargon, wenn Menschen von sich sagen, sie müssten einmal „in die Wüste gehen“. Dafür kommt eine lange Wanderung ebenso in Frage wie eine Kur, ein Rückzug in die Einsamkeit der Natur oder eines Klosters, oder eine Therapie. Als kombinierte und eher strenge Form bieten inzwischen viele Klöster Exerzitien an.

Der Weg zur inneren Befreiung

Spiritualität ist individuell lebbare und selbst verantwortete Religion. Immer braucht sie den klaren Aufbruch und die bewusste Übung. Dann kann sie zu einer Veränderung der Haltung führen, die als befreiend erlebt wird. Es ist jene Bewusstwerdung, auf die alle großen Religionen mit ihren Traditionen zielen: „Nicht die Dinge sind es, die dich hindern. Du selbst bist es, der sich in den Dingen hindert. Darum fang bei dir selbst an und lass dich!“ (Meister Eckhart). Die eigene Einstellung verändern, zu Gelassenheit finden: das klingt nach wenig, und ist doch das Größte, was ein Mensch erleben kann.

Zum Weiterlesen
Joachim Kunstmann: Leben eben! Religion für Sinnsucher – eine Anleitung, Gütersloher Verlagshaus, 240 S., 17,99 EUR, ISBN 978-3-579-08156-4.

Prof. Dr. Joachim Kunstmann 77
ist Professor für Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Weingarten.

evangelische aspekte, Ausgabe August 2016

Umfrage bei Jugendlichen

Leben wir in sündigen Strukturen, wie einige behaupten, weil wir auf Kosten anderer leben?

Lea: Man freut sich doch immer wieder, wenn man ein T-Shirt für 5 Euro bekommt und vergisst ganz schnell, wo das herkommt und wie es produziert wird. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, auch wenn man sich noch so sehr bemüht.

Denise: Aber wenn wir die Klamotten nicht kaufen würden, was würden die Menschen dort machen? Klar sind viele nicht unter tollen Umständen hergestellt, aber was würden die Menschen sonst arbeiten?

Lucas: Dann hätten die Produzenten Druck und müssten andere Arbeitsbedingungen zur Verfügung stellen. Aber das funktioniert wahrscheinlich nicht.

Lea: Wenn z.B. H&M pleite gehen würde, gäbe es wahrscheinlich in den Produktionsländern weniger Arbeit.

Lucas: Wir leben nun mal in Strukturen aus denen wir nicht herauskommen. Die Menschen hierzulande wollen nicht von ihrem Standard herunter oder mehr Geld für Produkte ausgeben. Lea: Auch wenn ich mich immer bemühe Fair Trade Produkte zu kaufen, sind viele Dinge undurchschaubar geworden. Oft weiß man gar nicht, wie man sich richtig verhalten soll.

Lucas: Trotzdem steht dann der große Bildschirm mit 60 Zoll im Wohnzimmer. Wenn etwas billig ist, hat jemand zu wenig dafür verdient.


Was ist Vergebung?

Lea: Zum Beichten brauche ich eigentlich keinen anderen. Ich kann auch daheim alleine im Gebet oder einfach auch so mit Gott sprechen. Oft fällt aber einem auch ein Stein vom Herzen, wenn man mit jemand anders über Dinge reden kann, die einen belasten. Der Schritt in einen Beichtstuhl wäre für mich schwerer.

Denise: Wenn ich jemand habe dem ich etwas erzählen kann, dann ist das schon eine Entlastung. Schlecht ist es wenn ich dazu gezwungen werden würde wie in der katholischen Kirche. Genauso schlecht ist es, wenn ich jemanden etwas erzähle und meine, die Sache sei damit für mich erledigt, obwohl ich sie eigentlich gar nicht richtig bereut habe.

Lea: Die Beichte muss auch nicht unbedingt mit der Institution Kirche etwas zu tun haben Man kann es auch selber, alleine machen. Oder mit einem Menschen, dem man vertraut. Das Wichtige an der Beichte ist ja eigentlich, dass man darüber nachdenkt, was ich falsch gemacht habe und das reflektiert.

Es würde schon genügen, wenn man abends darüber nachdenkt, womit ich an dem Tag zufrieden war oder was ich unterlassen habe.

Lucas: Wenn man betet und bereut, dann kann einem auch eine Sünde vergeben werden, aber die eigene Reue muss geschehen.

Denise: Ich glaube, dass die Menschen die nicht glauben, es einfacher haben mit der Sünde zu leben. Auf jeden Fall können die besser damit umgehen als Menschen, die die ganze Zeit das Gefühl haben, dass von oben jemand zuschaut. Obwohl nach meiner Vorstellung schaue ich mir ich eigentlich selber zu. Ich glaube aber, dass auch Menschen die Religion missbraucht haben, um andere Menschen zu unterdrücken oder um eigene Machtansprüche zu sichern .•