Kategorie-Archiv: Schuld, Sünde, Vergebung

Was ist Sünde?

Guenter Hegele    5. Februar 2017    Kommentare deaktiviert für Was ist Sünde?
  1. Was ist Sünde?  Fricke

Ein theologischer Blick  von Michael Fricke

Theologie und Kirche befinden sich heute in einer paradoxen Lage. Einerseits gilt die „Sünde“ als Kernbestand christlicher Lehre, andererseits sind das Unbehagen gegenüber den Missklängen des Begriffs und der Wunsch nach Alternativen deutlich wahrzunehmen. Der folgende Beitrag widmet sich diesem Zwiespalt und versucht ihn produktiv zu nutzen.

Blicken wir zunächst auf die traditionelle evangelische Theologie. In ihrem Denken sind drei Dinge scheinbar klar: Sünde ist im Wesen „Unglaube“, sie stellt einen „Bruch des Gottesverhältnisses durch den Menschen“ dar. (1) Menschen wenden sich dagegen, dass Gott ihr Leben bestimmt. „Sünde ist die Weigerung, dem zu vertrauen, der der Grund meines Lebens ist“.(2)

Diese ablehnende Haltung steht in Zusammenhang mit Verfehlungen auf zwischenmenschlicher Ebene.

Die Rede von der Sünde ist als zentraler Gedanke des christlichen Glaubens unverzichtbar. Es ist zu beklagen, dass das Bewusstsein für die „Sünde“ in der Gesellschaft und in Teilen von Kirche und Theologie verloren gegangen ist und man vorzugsweise von „Schuld“ spricht.

Die hier vorgenommene Gleichsetzung von Unglaube und Sünde ist in mehrfacher Hinsicht problematisch: Wenn man Menschen dafür kritisiert, dass sie eine Gottesbeziehung ablehnen und auf sich selbst vertrauen, macht man ihnen etwas zum Vorwurf, das man an anderer Stelle .erlaubt‘ hat, nämlich, die Einladung Gottes zum Glauben anzunehmen oder abzulehnen. Diese Botschaft wird in unserer Kirche an Schlüsselstellen verkündet. Junge Menschen haben in der Konfirmandenzeit die Gelegenheit sich zu entscheiden, Gottes in der Taufe gegebenes Ja zu bestätigen – oder auch nicht. Auch beim Wiedereintritt in die Kirche hält man den Menschen nicht vor, dass sie zuvor in „Sünde“ lebten.(3) Wahlfreiheit ist ein Kennzeichen unserer Moderne. So wäre es im Hinblick auf das Grundgesetz nicht stimmig, wenn die Evangelische Kirche die Freiheit des religiösen Bekenntnisses (Art. 4, Abs. 1) bejaht und zugleich „Unglauben“ als Sünde brandmarkt. Schließlich wurde der behauptete Zusammenhang zwischen Gottesferne und zwischenmenschlichem Fehlverhalten zum einen nie empirisch erwiesen, zum anderen ist er auf theoretischer Ebene bereits problematisch, denn er impliziert, dass Menschen, die ohne Glauben leben, eher zu Fehlverhalten tendieren.

Dunkle Geschichte des Sündenbegriffs 

In der Geschichte hat der Sündenbegriff einen massiven Missbrauch erfahren. Zwei Aspekte seien hier genannt. Erstens hat man die Sünde der Frau mehr angelastet als dem Mann, ein Beleg dafür ist die polemische Deutung der „Sündenfallgeschichte“ in Gen 3 durch Sir 25:

„Die Sünde nahm ihren Anfang bei einer Frau, und um ihretwillen müssen wir alle sterben.“ Die Frau wurde zur Urheberin und Trägerin der Sünde. Zweitens wurde schon in der Alten Kirche Sünde mit concupiscentia, Begierde gleichgesetzt. Sexualität ist Ausdruck von Begehrlichkeit, also ist auch sie Sünde. Die belastende und zerstörerische Geschichte des Sündenbegriffs ist heute im Bewusstsein von Theologie und Kirche angekommen. Vieles musste zurückgenommen und mühsam korrigiert werden. Insgesamt bleibt der Eindruck: Der Sündenbegriff ist in gewisser Weise „verbraucht“.

Vielfalt der biblischen Vorstellungen 

Die Formel „Sünde“ sei im Wesen „Unglaube“, also die Weigerung GOtt zu vertrauen, oder, in einer anderen Spielart, Sünde sei „Selbsterhebung“ des Menschen, der so sein wolle wie GOtt, ist Ergebnis einer unguten Vereinfachung. Wer in der Bibel nach entsprechender Orientierung sucht, wird sich davon lösen und die verschiedenen und teilweise auch nicht zu einem Lehrgebäude zusammenfügbaren Vorstellungen und Bilder wahrnehmen.

Kön 12,19; Jes 1,2) ist ein weiterer wichtiger Begriff. Nach 1 Kön 8,46 sündigen alle Menschen, dagegen geht das Hiobbuch davon aus, dass es Gerechte gibt, die vor Gott schuldlos sind (Hi 10, 7). Mancher Sünder muss erst auf die Erkenntnis gestoßen werden, so König David (2 Sam 11f.). Das Eingestehen von Sünde u~d die Bitte um Vergebung finden sich prominent in den Psalmen: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.“ (Ps 51,3). Ziel Gottes ist die Umkehr des Sünders und seine Rettung, damit „er lebe“ (Ez 33,11). Die Propheten kennzeichnen Sünde als Abfall von Gott bzw. Hinwendung zu anderen Göttern und zugleich als Struktur des Unrechts:

„Denn ich kenne eure Freveltaten, die so viel sind, und eure Sünden, die so groß sind, wie ihr die Gerechten bedrängt und Bestechungsgeld nehmt und die Armen im Tor unterdrückt.“ (Am 5,12). Sündigen gegen Menschen heißt gleichzeitig gegen Gott zu sündigen (Num 5,6), ohne dass dies näher erläutert wird.

Das AT erklärt nicht, woher die Sünde kommt. Es sieht den Menschen als „sehr gut“ (Gen 1,31) an und zugleich als ein Wesen, das nach dem „Bösen“ trachtet (Gen 6,5). Liest man die biblischen Texte der Reihenfolge nach, liegt zwischen den

Die Rede von der Sünde ist als zentraler Gedanke des christlichen Glaubens unverzichtbar.

beiden Stellen der „Sündenfall“, auch wenn der Begriff nicht auftaucht. Gen 2-3 erzählt vom Handeln des Menschen gegen ein Gebot, das GOtt ihm auferlegt hat. Formal ist der Akt als“ Ungehorsam“ zu interpretieren. Der Sinn des Gebotes, dass der Mensch nicht von einem Baum essen soll, der die lebenswichtige Fähigkeit vermittelt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, bleibt letztendlich verborgen. Vielleicht liegt er darin, dass der Mensch wissen und akzeptieren soll, „dass er nicht Gott ist“(5) und somit auch nicht alles bekommt, was er begehrt – symbolisiert wird dies durch das Essverbot. Der Übertretung folgen ein Erkennen, verbunden mit Scham, und das Verlassen des Paradieses. Der Mensch ist auf sich selbst gestellt, ein Gestalter, aber auch ein Gefährdeter. Die Sünde „lauert“ Kain auf (Gen 4,7). Er soll über sie herrschen, aber er erliegt ihr und tötet seinen Bruder – das ist der eigentliche Sündenfall in der Bibel.

Im biblischen Sprachgebrauch finden sich für Sünde und  Schuld mehrere Begriffe. Der häufigste im Alten Testament ist chata (Substantiv chatat) und bedeutet „sich verfehlen“ – zunächst die Verfehlung des (Schuss-)Zieles (Ri 20,16), dann der „Fehltritt“ (Spr 19,2) und im weiteren Sinn ein Verhalten, das dem Gemeinschaftsverhältnis mit Gott oder den Menschen nicht gerecht wird. (4) Daneben gibt es ‚awon, das unheilvolles Vergehen, Schuld und/oder Strafe meint

(z.B. Gen 4,13). Rechtsbruch (pescha) Der Mensch soll nicht von einem Baum essen, der die lebenswichtige Fähigkeit vermittelt, zwischen Gut 

gegenüber Menschen oder GOtt (z.B. 1 und Böse zu unterscheiden. 

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Jesus und die Sünderin. Zeichnung von Peter Litzenburger 

Im NT ist der wichtigste Begriff“ Verfehlung“, „Schuldigwerden (hamartia), daneben gibt es Unrecht (adikia), Fehltritt (paraptoma), Übertretung (parabasis) und Schuld bzu: Sünde (opbeilema). In den Evangelien und der Apostelgeschichte kann man die erstaunliche Entdeckung machen, dass „Sünde“ fast ausschließlich im Kontext ihrer Vergebung bzw. Überwindung vorkommt. Jesus selbst redet nie in lehrhafter Weise über „die“ Sünde. Er gilt als Freund der Sünder (Lk 7,34), sucht (Mk 2,15ff.) und holt sie in die Gemeinschaft. Er vergibt Sünden (Mk 2,5). Im Vaterunser verdeutlicht Jesus, dass man einander Schuld vergeben soll, wenn man Vergebung durch Gott sucht (Mt 6,12). Bei Joh wird Sünde theologisch gefasst als Unglaube (16,9) und geistliche Blindheit (9,39ff.), die den

Tod nach sich ziehen (8,24). Paulus entwirft eine umfassende Sündenlehre: Alle Menschen haben gesündigt (Röm 3,23). Noch mehr: sie stehen unter der Herrschaft der Sünde (3,9), die, einer dämonischen Macht gleich, durch den Ungehorsam Adams in die Welt kam. Man ist in ihr gefangen, Befreiung und Erlösung bringt nur Christus (5,12-21). Paulus versteht Sünde u.a. auch als „Begierde“ (7,7); das Begehren des „Fleisches“ bedeutet Feindschaft gegen Gott (8,7).

Erbsünde und strukturelle Sünde 

Augustin prägte unter Bezugnahme auf Röm 5,12 die Auffassung, dass die Erbsünde physisch durch die Zeugung übertragen wird. Gleichzeitig entwickelte sich

im Mönchtum aus den biblischen Lasterkatalogen (z.B. Gal 5, 19f.) und im Gegenüber zu den vier weltlichen und drei christlichen Haupttugenden eine Lehre über die „sieben Todsünden „: Völlerei, Unkeuschheit, Habsucht, Trägheit, Zorn, Hoffart und Neid. Die altkirchlichen Bekenntnisse, das Apostolikum und das Nizänum, enthalten weder eine Lehre über die Erbsünde noch Sündenkataloge. Wie Jesus in den Evangelien sprechen sie von der „Vergebung der Sünden“. Die Confessio Augustana lehrt dagegen in Artikel 2, dass alle Menschen“ von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht [. .. J haben können, firner dass auch diese angeborene Seuche und Erbsünde wirklich Sünde ist“. (6) Die Erbsündenlehre ist mehrfach problematisch: Sie kann sich nicht auf die Schrift stützen, im Gegenteil, sie lässt das biblische Gebot, Gott“ von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen Kräften“ zu lieben (Otn 6,5; Mk 12,28) geradezu absurd erscheinen. Ferner legt sie nahe, dass die Schlechtigkeit des Menschen mit der Zeugung weitergegeben werde und diskreditiert damit Sexualität. Schließlich verschiebt die Erbsündenlehre die Verantwortlichkeit auf“Adam und Eua“ und steht im Widerspruch dazu, dass jeder Mensch vor Gott nach seiner eigenen Schuld gefragt ist.

Aus diesen Gründen ist es besser, sich vom Begriff der „Erbsünde“ zu lösen. Inhaltlich lässt sich sagen: Das Sündigsein bzw. -werden bildet den Rahmen, in dem sich menschliches Leben vollzieht, Verstrickungen in die Sünde setzen sich über Generationen fort, wie man z.B. aus der Geschichte des Nationalsozialismus lernen kann oder aus der weltweiten Klimaveränderung, an der wir alle mitwirken und der wir und unsere Kinder nicht entrinnen können. Damit kommt ein weiterer Begriff ins Spiel – die „strukturelle Sünde“. Mit der „Erbsünde“ hat sie gemein, dass man in sie ,hineingeboren ‚wird, sie einfach vorfindet, sie also überindividuell ist. Inhaltlich sagt sie jedoch etwas anderes aus: Es handelt sich um gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Strukturen, die eine Vielzahl von Menschen involvieren, und zwar einerseits als Opfer dieser Zustände und andererseits als Akteure. Wege aus dieser

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Verstrickungen in die Sünde: die Klimaveränderung, an der wir alle mitwirken und nicht entrinnen können. 

Struktur hinaus zu finden ist theoretisch möglich, aber praktisch sehr schwierig und mühsam. Als konkretes Beispiel mag man hier etwa an die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen denken, unter denen Kinder und Jugendliche die Rohstoffe für Mobiltelefone in Mrika gewinnen, die in Deutschland wiederum gerade von vielen Kindern und Jugendlichen gekauft und benutzt werden.

Wozu und inwiefern heute von „Sünde“ reden? – Thesen 

Aus dem Gesagten ergibt sich zuallererst die Maßgabe, behutsam mit dem Begriff der „Sünde“ umzugehen. Es ist zu reflektieren, wo er eher Schaden als Nutzen anrichtet.

Sünde in der von Individualisierung und menschlicher Autonomie geprägten Moderne als „Unglaube“ oder „fehlendes Vertrauen zu Gott“ darzustellen, ist wenig sinnvoll. Der Gedanke der „Sünde“ meint eher einen „Fehltritt“ oder ein „schweres Uni echt“ .

Wenn christlicher Glaube nicht nur Bestätigung des Ich, sondern auch Herausforderung ist, muss er auch zur Umkehr rufen. In diesem Zusammenhang ist der Gedanke der „Sünde“ sinnvoll. Wenn biblische Erzähler, Propheten und Jesus Zustände oder Verhalten mit „Sünde“ kennzeichnen, sind diese Aussagen konkret und keine Wesensaussagen über den Menschen. Damit steht dem „Sünder“, der auch Mensch ist, die Tür zu Selbsterkenntnis und Umkehr offen.

Eine Rede über „die allgemeine Sünde des Menschen“ ist wenig hilfreich. Besser ist es von „Sünde“, allein oder in Gemeinschaft mit anderen Menschen, im Sinne einer Selbstzuschreibung zu reden. Das Er- und Bekennen von Sünde und Schuld mündet – wie das Vaterunser lehrt – in die Bitte um Vergebung, die wir von Gott und unserem Mitmenschen brauchen. Sünde ist, so wie Jesus es getan hat, in den Zusammenhang von Gnade und Vergebung zu stellen.

Der Hinweis, dass alle Menschen Sünder sind, ist nur berechtigt, wenn deutlich wird, dass nicht alle in gleicher Weise Schuld erleiden oder auf sich laden.(7) „Sünde“ hat bei der Kritik an gesellschaftlichen Strukturen einen autoritativ-pro-

phetischen Beiklang. Dieser ist berechtigt, wenn die Kritik aus einer Ohnmacht heraus formuliert wird (denn Gott steht auf Seiten der Ohnmächtigen).

Beim Erkennen von Sünde sind Reflexion und Hinspüren hilfreich, inwieweit das Ideal, Gott und den Mitmenschen zu lieben,(8) im Blick geblieben ist. Inhaltlich ist Sünde nicht pauschal auf „Stolz“ oder ,,Auflehnung“ festzulegen, denn auch

„Selbstverneinung“ (9) kann Sünde sein.

Es kann nicht restlos geklärt werden, inwiefern „Sünde gegen Menschen“ zugleich „Sünde gegen Gott“ ist, und-auch nicht, ob Gott über die an ihm begangenen Sünden hinaus auch diejenigen Sünden vergibt, die an Menschen begangen wurden (siehe Holocaust) – gewiss schenkt er Reue.(10),

In der Praxis sind Rituale der Besinnung und Buße sinnvoll. Sie können zu bestimmten Anlässen und Zeiten in

verschiedenen gottesdienstlichen Formen, aber auch im säkularen Bereich (Aufarbeitung gesellschaftlicher Schuld) angeboten werden. Ihr Sinn ist es, gestörte Beziehungen „wiederzubeleben“. (11) Die rituelle „Sündenvergebung“ ist eingebettet zu sehen in die Förderung von Männern und Frauen im Sinne einer Subjekrwerdung, das heißt, ein verantwortlicher, eigener Mensch zu werden .•

Anmerkungen 

(1) W Krötke, Sünde/Schuld und Vergebung, I. Begriffiichkeit, RGG Bd. 7, Tübingen 2004, 1867f. 
(2) Evangelischer Erwachsenenkatechismus: glauben – erkennen -leben, im Auftrag der VELKD,
Gütersloh 2001, 174 (3) Vgl. dazu http://eintritt.evangelisch. dei rubriken/kirche/ evangelisch-werden, Zugriff vom 24.03.2014. 
(4) Vgl. R. Knierim in: THAT, Bd. 1, München/Zürich 1984,545. 
(5) B. Jacob, Das Buch Genesis [1934], hg. in Zusammenarbeit mit dem Leo Baeck Institut, Stutegart 2000, 93 . 
(6) Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Evangelisch-Lutherische Kirchen in Bayern und Thüringen, München 1994, Nr. 906 (5. 1565f.). 
(7) V gl. L. Scherzberg. Sünde/Schuld, Gegenwartsdiskussion, in: Wörterbuch der Feministischen Theologie, hg. v. E. Grossmann u.a., Gütersloh 2002,527. (8) Vgl. W Härle, Dogmatik, Berlin/New York 1995, 466. 
(9) Scherzberg. 526. 
(10) Vgl. H. Gollwitzer, in: S. Wiesenthal, Die Sonnenblume. Eine Erzählung mit Kommentaren, Frankfurt a. M. 1984, 187. (11 )M. Sievernich, Sünde/Schuld und Vergebung, IX. Praktisch-theologisch, in: RGG Bd. 7, Tübingen 2004,1864. 

Dr. Michael Fricke ist Professor für Evangelische Theologie/Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Universität Regensburg 

2. Sünde in asiatischen Religionen

Asiatische Religionen 

In eine völlig andere Welt werden wir geführt, wenn es um das Menschenverständnis des Buddhismus geht. Der Buddhismus in seiner Grundform kennt keinen Gott, der sich dem Menschen gnädig zuwenden könnte (vom Buddhismus des Reinen Landes in Ostasien abgesehen), er kennt nur den Menschen, der vor sich selbst und vor allen Lebewesen verantwortlich ist. Insofern kennt er auch den Begriff der Sünde allenfalls indirekt. Auch Ethik baut nicht darauf sich für sein Handeln vor einer Instanz rechtfertigen zu müssen und vielleicht von dieser auch bestraft zu werden.

Dies kann unter den Bedingungen der Denkformen der gott-bezogenen Religionen zu denken geben, wie dann Begründungen der Ethik überhaupt zustande kommen können; deshalb sei ein Blick darauf erlaubt, wie der Buddhismus sich das Leben des Menschen und die Frage nach seinem Gut- oder Böse-Sein vorstellt. Schon dass der Mensch geboren wird, ist ein Auslöser von Leiden für ihn:

Er will von Anfang an haben, besitzen, festhalten. immer mehr haben, Dinge, Reichtümer, andere Menschen, Ruhm. Er muss jedoch feststellen, dass alle Din-

ge dieser Welt vergänglich sind und ihm zwischen den Händen zerrinnen wie der Sand eines nassen und langsam trocken werdenden Sandklumpens. Dies verursacht Leiden für ihn, welches sich in anderen Formen des Leidens wie Krankheit, Alter und schließlich Sterben fortsetzt. Es steht an, dass er wiedergeboren wird und diesen Kreislauf unendlich lange fortsetzt. Daran kann sich etwas ändern, wenn er selbst die Ursache für sein Leiden, nämlich die Begierde, durchschaut und auf diese Weise zu einer klaren Sicht der Wirklichkeit gelangt. Diese Einsicht kann ihm dazu verhelfen, endlich nicht mehr wiedergeboren zu werden und dem leidvollen Leben nicht mehr ausgesetzt zu werden. Zugleich und als Bestandteil dessen ist der „edle achtfache Pfad“ zu beherzigen, der neben Anteilen der Erkenntnis und Versenkung auch ethische Bestandteile für ein Leben in Einklang mit der gesamten Mit-Welt vorsieht. Die ethischen Regeln sind nicht weit von den anderen Religionen entfernt, mit einer etwas größeren Betonung der Unverletzlichkeit des Lebens. Schlechte Taten und Gedanken werden in Gier, Hass und Täuschung unterschieden. Hier nun nähern wir uns dem Gedanken des Karma, das wörtlich Handeln heißt: In diesem Ähnlich ist es mit dem Hinduismus. Auch hier ist avidya = Ignoranz, Unwissenheit gegenüber der Wirklichkeit das eigentliche Pendant zum Sündengedanken. Zugleich aber kennt auch der Hinduismus einen ethischen Kodex und die Verletzung der ethischen Regeln, genannt papa. In der Rangfolge der Schwere der Sünde spielt das Kastensystem eine Rolle: So wiegt es besonders schwer, einen Brahmanen zu töten, dessen Kaste an der Spitze des Systems steht, und es ist verwerflicher, eine Kuh zu töten als einen Kastenlosen. Gesühnt werden können Vergehen mit Strafen oder Bußmaßnahmen wie Geschenken gegenüber Brahmanen oder mit Pilgerwallfahrten. Im Unterschied zum Buddhismus kann hier durchaus ein Gott als Lehrer und Gesetzgeber auftreten, so Krishna in der Bhagavadgita, und somit auch dem Menschen als Gegenüber dienen und Verantwortung einfordern. Dies spielt jedoch bei weitem nicht dieselbe Rolle wie in den monotheistischen Religionen.

In anderen religiös geprägten sozialen . Ordnungen, z.B. im Pazifik, wird nicht \m engeren Sinne von Sünde, sondern von Fehlverhalten ausgegangen, das bzw, dessen Folgen mit Hilfe von rituellen sozialen Mediationsvorgängen wieder“ „in Ordnung“ gebracht werden können.

kannten Komplexität aus dem jüdischchristlichen Kontext stammt. Es kann nicht ohne Schwierigkeiten in andere kulturelle und religiöse Zusammenhänge übertragen werden, da es mit einem bestimmten Menschen- und Gottesbild verbunden ist: das verantwortliche Gegenüber von Gott und Mensch, die Beziehungsdynamik, das Thema einer dem Menschen anhaftenden Sündhaftigkeit (Ursünde, Erbsünde) und des .Begehens von Sünden“ – all dies sind Fragestellungen, die nicht einfach in asiatische Religionsformen hineinprojeziert werden können, weil sie dort nicht oder unter völlig anderen Denkformen vorkommen. Der Mensch ist ein Wesen, das stetig der Versuchung ausgesetzt ist, gegen den Willen Gottes, der Götter, gegen die ethischen Regeln seiner Religion zu verstoßen und damit Beziehungen (zu Gott, zum Gemeinwesen) zu gefährden – so viel Gemeinsamkeit mag es geben, in aller Vorsicht gesprochen. In allen religiösen Systemen ist es, wenn man sie als Ergänzungsbegriff zu „Sünde“ nehmen darf, eigene Verantwortung, aus der der Mensch nicht entlassen wird, sei es vor sich selbst und vor dem universalen Ganzen, sei es vor Gott und den konkreten anderen Menschen und sonstigen Mitgeschöpfen. •

3. Interview mit Schulze. Seid froh, dass ihr die Freiheit habt, selbst zu entscheiden

Blick des Menschen auf sich selbst, auf Es war nicht schon 

umgedeutet. Auch wenn der Deutungsrahmen heute ein anderer ist, gleich mentarium. 

len. Es ist ein zeitloses Reflexionsinstru-

geblieben ist die Fähigkeit, sich zu beo- ~ 

bachten. Der Mensch weiß, dass er über- baugerüst: Früher sind Verbote oder 

treiben kann und dass Übertreibungen • Gebote an den Menschen herangetragen 

schädlich sein können, für ihn selber worden. Heute muss der Mensch reflek- 

oder für andere. tieren und selber entscheiden was richtig und was falsch ist. 

keuschheit, Stolz wirken irgendwie angestaubt. Woher nehmen Menschen heute die Werte und Normen? 

Schulze: Sie kommen nach wie vor aus der kulturellen Tradition, werden aber

baugerüst:: Der Mensch wird zu seinem eigenen Beichtvater.

Schulze: Wenn wir die Zeitschriftenauslage an der Kasse eines Supermarktes betrachten, finden wir fast keine Zeitschrift ohne Diätempfehlungen. Zuviel zu essen heißt zwar jetzt nicht mehr Völlerei und gilt nicht mehr als Todsünde, aber der Fokus der Selbstbeobachtung ist gleich geblieben. Bei der Sexualität hingegen scheint sich die kritische Selbstbeobachtung gegenwärtig fast aufgelöst zu haben, wobei ich denke, dass sich dies wieder ändern wird. Sexualität wird schon lange nicht mehr als Unkeuschheit bezeichnet, aber sie wird sozusagen eingehegt. Menschen haben heute beispielsweise die Möglichkeit, sich in Swingerclubs zu vergnügen, können bei Facebook in über 50 verschiedenen Bezeichnungen ihr Geschlecht angeben oder sympathisieren mit Conchita Wurst, der Sängerin des European Song Contest, die als Diva mit Vollbart auftritt. Es gibt also Enklaven, in denen die Sexualität sich austoben kann. Auch die Seitensprungportale im Internet gehören dazu. Gleichzeitig haben wir einen sexualitätsneutralen öffentlichen Raum. Die Sexualität wurde also einerseits enthemmt und andererseits eingezäunt. Darin drückt sich auch Kritik gegenüber einer totalen Entfesselung der Sexualität aus.

baugerüst: Die Liste der Todsünden ist also tief verankert im Menschen.

Schulze: Sie ist Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses der Menschen und fast universell verbreitet, natürlich mit vielen Variationen. Wir finden sie auch in ganz anderen theologischen Denksyste-

seine Schwächen, auf seine Gelüste, auf die Notwendigkeit, Kompromisse zu schließen, aber auch um die Abwehr von Instanzen, die einen unterdrücken wol-

Schulze: Aber war es nicht schon immer Anliegen der christlichen, vor allem der protestantischen Theologie, dass der Mensch eigenverantwortlich mit sich selbst, mit anderen und mit Gott umgeht? Natürlich gibt es verschiedene Richtlinien, es gibt die Bergpredigt, die Zehn Gebote, auch die von Menschen verfassten und dann theologisierten sieben Todsünden, entscheiden aber sollte immer der Einzelne. Die Institution Kirche, selbst die protestantische Kirche mit ihren puritanischen Richtungen, wollte zwar immer wieder den Menschen vorschreiben wie sie sich verhalten sollen, aber damit hatte sie ihre eigene Theologie nicht begriffen.

baugerüst: Ich frage noch einmal: In früheren Zeiten hat der Mensch einen Katalog vorgefunden „Du sollst!“ „Du sollst nicht“. Heute ist der Einzelne doch alleine gelassen.

Schulze: In der Frage schwingt für mich fast ein Bedauern mit. Ich sehe für Christen in der Person Jesu und für alle in der Aufklärung eine Aufforderung zum Selbstdenken und zur Eigenverantwortlichkeit. Das empfinde ich als große, aber immer noch nicht umfassend verarbeitete und von vielen nicht umgesetzte Befreiung. Der Sündenkatalog ist ein Selbstbeobachtungsinstrument, das wir gut brauchen können, mehr nicht, eine Vorstellung von Grenzen und Kompromissen.

baugerüst: Braucht aber der Mensch trotz der Fähigkeit zur Selbstreflexion nicht auch ein Geländer um sich zu orientieren?

immer Anliegen der christlichen, vor allem der protestantische Theologie, dass

der Mensch eigenverantwortlich mit sich selbst, mit anderen und mit Gott umgeht

Schulze: Ja, vielleicht ist das hilfreich um sich zu orientieren. Nur, wer ist legitimiert diese Geländer zu setzen? Es gibt heilige Schriften die solche Geländer konstruieren. Es gibt aber auch Zweifel an der Heiligkeit dieser Schriften. Sind diese Geländer wirklich von Gott oder nicht doch menschlich konstruiert und interpretiert?

baugerüst: Nehmen wir z.B. die Verschmelzung von Sexualität und Sünde, die vielen Menschen auch große Schuldgefühle brachte. Paulus ermahnte die Gemeinde nicht zu Sklaven des Fleisches zu werden. Das ist doch von außen an den Menschen herangetragen.

Schulze: Was angeblich von außen an den Menschen herangetragen wurde, war schon immer menschengemacht. Die Bibel ist ein Interpretations- und Kristallisationskern für eine Dogmatik, die sich entgegen der Wortbedeutung ständig verändert hat. Seit der historischen Rekonstruktion der Bibelentstehung können wir heute nicht mehr sagen, Gott habe uns ein Geländer gegeben. Ganz im Sinne von Schleiermacher.

baugerüst: Hinzu kommen Geländer aus der Tradition oder solche, die Autoritäten erlassen haben.

Schulze: Ja natürlich, und dann frage ich mich, warum Menschen, wenn sie mit common sense ausgestattet sind und über die freie Wahl in vielen Lebenssituationen verfügen, einen Eisenkäfig der Geländerlosigkeit vorziehen sollen?

Kann der Mensch ohne Geländer leben? 

baugerüst: Ist der Mensch in der Lage, ohne Geländer zu leben?

Schulze: Der Mensch kann sich sein Geländer selbst bauen und auf der Metaebene darüber nachdenken. Wie gesagt, für mich sind alle Geländer von Menschen gemacht. Statt platter Todsündenkataloge ist die goldene Regel hilfreich, die besagt, dass man so handeln solle, wie man es auch von anderen sich selbst gegenüber erwartet. Das ist eine Regel auf der Metaebene, die mir in vielen Situationen etwas bringt.

baugerüst: Kann der Mensch über alles frei entscheiden, insbesondere auch dann, wenn er z.B. jede rote Ampel als einen Angriff auf die eigene Persönlichkeit empfindet, weil sie ihn einschränkt?

Man kann nur zwischen verschiedenen Formen der Unbequemlichkeit wählen.

2Schulze: Wir haben einerseits Tendenzen der Freiheitseinschränkung und andererseits Tendenzen einer Liberalisierung. Die Einschränkungen fassen den Menschen als Quelle der Selbstschädigung ins Auge und wollen ihn vor sich selbst schützen, z.B. im Straßenverkehr, bei der Ernährung oder im Umgang mit Suchtmitteln. Auf der anderen Seite fallen Grenzen. Sexualität und private Beziehungen wurden entkonventionalisiert und liberalisiert.

baugerüst: Der gesellschaftliche oder auch private Diskurs um das eigene Verhalten ist ein sympathischer Gedanke. Nur hungern nicht viele Menschen danach von wem auch immer zu erfahren, was richtig und falsch, gut oder schlecht ist? Es gibt Tausende von Ratgebern für alle möglichen Bereiche.

Schulze: Schreibt man den Menschen etwas vor oder engt man sie ein, dann hungern sie nach Freiheit, doch kaum haben sie die Freiheit, verlangen sie nach jemanden, der ihnen sagt was richtig und was falsch ist.

baugerüst: Warum reagieren Menschen so?

Schulze: Ja warum? I didn t promise you a rosegarden! Wie ist es auch schrecklich, dass das Leben so unbequem ist! Man kann nur zwischen verschiedenen Formen der Unbequemlichkeit wählen. Der Weg des Westens war ein Bekenntnis zum Geworfensein in die Welt, in der man sich entscheiden muss und diese Entscheidungen nicht an irgendwelche eingebildeten oder mit Macht und Gewalt auftretenden anderen Instanzen abgeben will. Ja, das ist oft unbequem, aber welche Alternative wäre besser?

Sich darüber zu beklagen, dass es anstrengend ist, sich über gut und böse, richtig und falsch auseinanderzusetzen und Diskurse zu führen, das ist – jetzt werde ich wirklich normativ – das ist Wehleidigkeit, die ich nicht ernst nehmen kann.

baugerüst: Andere Religionen und Kulturen haben eine andere Auffassung über die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen.

Schulze: Ich finde die Metapher des Geländers gut und frage, wo kommt eigentlich das Geländer her, nachdem die Gottgegebenheit von Geländern in Zwei-

Das Erringen unserer normativen Positionen, jenseits religiöser oder kirchlicher Vorschriften war eine große Kulturleistung.

ausüben. Aber fragen Sie mal Textilarbeiterinnen in China oder Bangladesch, ob sie damit einverstanden sind, wenn ihre Fabriken geschlossen werden. Wenn wir den Konsum ungerecht produzierter Waren als Sünde bezeichnen, müssen wir auch fragen, wie wir die wegfallenden Arbeitsplätze ersetzen können, auf die Menschen angewiesen sind.

baugerüst: In ihrem Buch unterscheiden Sie zwischen einem Sündenbegriff

des Alten Testaments und einen Sündenbegriff des Neuen Testamente. „Wer eine Sündenbilanz von Gott erwartet“, schreiben Sie, „hat seine Unbegreiflichkeit nicht begriffen.“ Was hat sich an dem Sünden begriff geändert?

fel gezogen wurde. Die Menschen des Westens sind derzeit normativ herausgefordert, weil wir mit der Verneinung der Gottgegebenheit andere Religionen oder Kulturen provozieren. Aber das Erringen unserer normativen Positionen, jenseits religiöser oder kirchlicher Vorschriften war eine große Kulturleistung. Wir haben noch gar nicht gelernt, diese Errungenschaft offensiv nach außen zu vertreten: als ein Bekenntnis zum Recht, sich seine Geländer im Diskurs selber zu schaffen.

baugerüst: Das individuelle Handeln oder Unterlassen ist das eine. Jeder Mensch hierzulande wird aber als weißer Angehöriger einer westlichen Industrienation geboren. Das heißt, wir alle leben in weltweiten Strukturen und unser Lebensstil hat Auswirkungen auf andere. Ist der Begriff Sünde anwendbar darauf, wie wir leben oder auf wessen Kosten wir konsumieren?

Schulze: Wenn der Begriff Sünde in diesem sozialethischen Zusammenhang verwendet wird, frage ich, was sind die Alternativen? Ohne Alternative keine Sünde. Indem Sie atmen, verbrauchen Sie CO2 und belasten damit die Umwelt. Die einzige Alternative wäre dann der Selbstmord, damit Sie diese Sünde vermeiden. Etwas Ähnliches will die Bewegung zur freiwilligen Auslöschung der Menschheit. Natürlich müssen wir die Umwelt schonen, aber ich lehne es ab, unsere bloße Existenz als unmoralisch zu stigmatisieren.

baugerüst: Gibt es also keine Alternative zu ungerechten Strukturen?

Schulze: Natürlich müssen wir kritisch hinschauen und als Verbraucher Druck

Schulze: Ich bin Soziologe und kein Theologe, aber es ist Allgemeinwissen, dass das Alte Testament viele explizite Handlungsanleitungen enthält, Geländer eben. Im Neuen Testament dagegen steht die Hinwendung zu Gott, zu Jesus im Zentrum. Da kann man eine Prostituierte sein oder ein habgieriger Zöllner, das spielt alles keine Rolle, vielmehr kommt es darauf an, dass der Mensch die Nähe zu Gott sucht. Sünde im Neuen Testament ist gedacht als Gottesferne.

baugerüst: Ist dann das populäre oder säkulare Verständnis von Sünde mit den Ge- und Verboten auf dem Stand des Alten Testaments?

Schulze: Im Alten Testament stehen zwar Regeln und Vorschriften, aber das kann man gewissermaßen auch neutestamentlich interpretieren, im Sinn der Zuwendung zu Gott, wie dies in einer Geschichte von Isaac Singer deutlich wird, in der ein New Yorker Jude gefragt wird, warum er denn diese ganzen Essensvorschriften beachte und dieser antwortet, die Vorschriften mögen ja vielleicht unsinnig sein, sie symbolisieren für ihn aber die Liebe zu Gott.

baugerüst: Aber ein Sündenverstandnis, das dem Menschen Vorschriften macht und ihn versucht zu kontrollieren, diente doch auch zur Aufrechterhaltung von Macht, zur Absicherung von Herrschaftsansprüchen, auch der Kirche.

Schulze: Ja natürlich, die Kirche hat damit sogar Geld gemacht. Die Wurzeln des Protestantismus liegen aber im Protest dagegen. Die Reflexion in der Aufklärung über Kirche und Theologie, über Glauben und Religion sollte ja dazu beitragen, dass der Mensch fähig wird, über sich selber nachzudenken. Voltaire ist nur ein Name von vielen.

Es bleibt auch heute noch eine Herausforderung des Christentums, nach all den unterjochenden und instrumentalisierenden Interpretationen der Bibel neu über Spiritualität, Religiosität und Ethik in Freiheit nachzudenken.

baugerüst: Die eigentliche Sünde ist dann die Verweigerung einer Gottesbeziehung.

Schulze: Ich glaube nicht, dass man hierzu noch Sünde sagen sollte. Der Sündenbegriff ist sehr fragwürdig, wenn damit gemeint ist, dass der Mensch gegenüber Gott eine Schuld auf sich lädt, sobald er dieses oder jenes tut oder nicht tut.

baugerüst: Was für ein Gottesbild steht dahinter?

Schulze: Schon als Sechs- oder Siebenjähriger im Kindergottesdienst habe ich nie verstanden, wie es sein kann, dass Gott mich erschaffen hat, ich Jesu Schäflein sein und gleichzeitig sündig sein soll oder gar mit einer Erbsünde belastet. Das war und ist ein Widerspruch für mich. Mein Gottesbild ist ein anderes und hat nichts mit dem strafenden, eifersüchtigen, rächenden oder drohenden Gott zu tun.

baugerüst: Was aber, wenn Menschen, auch Gottesdienstbesucher in den Kirchen, doch ein Geländer erwarten und sich in der Freiheit allein gelassen fühlen?

Schulze: Dann wäre es doch die erste Aufgabe der Kirchen dagegen zu reden:

Das Leben ist kein Honiglecken, ihr habt nun mal diese wunderbare und anstrengende Freiheit. Seid froh, dass ihr die Freiheit habt, selbst zu entscheiden, und hört damit auf, kaum dass die jahrhundertelange Eingrenzung des Pferchs endlich weggefallen ist, diese Einschränkung wieder zurückzuverlangen .•

Aus Freitag: Vergessen, aber nicht vergeben

Was ist Sünde? 

Sünde ist ein genuin theologischer Begriff. Von Schuld kann man auch abgesehen von Gott reden. Dass Menschen an anderen Menschen schuldig werden oder umgekehrt Opfer von schuldhaftem Handeln werden, gehört zu den alltäglichen Lebenserfahrungen. Sünde hingegen bedeutet – trotz der vielfach beklagten sprachlichen Banalisierung und Verflachung a la „Verkehrssünder“- im Kern immer, dass hier Gott im Spiel ist: Sündigen kann man eigentlich nur im Bereich und aus der Perspektive von Religion. Sünde betrifft immer das Verhältnis zu Gott bzw. die Lebensweise vor Gott. Wer von Sünde redet, spricht damit die Beziehung zu Gott an.

Sünde ist ein Beziehungsbegriff.

Vielfach wird unter Sünde schlicht und gesetzlich die Übertretung eines Gesetzes bzw. einer Norm verstanden. Menschen sind Sünder (innen) , wenn sie gegen einen Gesetzeskatalog verstoßen. Dies ist zwar nicht völlig falsch, trifft aber den Kern der Sache nicht. Wer sündigt, ver-

, geht sich nicht einfach an einem Gesetz oder einer Norm. Auch ein moralinsaures Verständnis, wie es manche kirchliche und/oder kleinbürgerliche Kreise gerne gepflegt haben und bisweilen noch pflegen (Sünde wäre dann irgendwie alles, was Spaß macht … ), geht fehl.

Sünde bedeutet in der Summe biblischen und also theologischen Verständnisses in erster Linie, dass Beziehungen destruiert oder zerstört werden. In eindringlichen Symbolgeschichten schildern die Urgeschichten der Bibel, wie die Sünde sich breitmacht. Die „ersten Menschen“ verletzen und zerstören geradezu systematisch alle denkbaren Beziehungen:

Die Beziehung zu Gott, familiäre Beziehungen, die Beziehung zu anderen Menschen und zur Natur (Schöpfung). Die gesamte darauf folgende erzählende und prophetische Literatur des AT kann man als Geschichte einer sich permanent wiederholenden Destruktion des Gemeinschaftsverhältnisses zu Gott lesen: Durch Rechtsbruch und asoziales Verhalten untereinander einerseits und durch Fremdgötterei, Abfall von Gott und verlogene Gottesdienste und Kulthandlungen andererseits wird unentwegt und immer wieder die Gemeinschaftstreue gegenüber Gott (oder wie einige damalige Theologen es auch bezeichneten: der „Bund mit Gott“) verletzt, während Gott an dieser Gemeinschaftstreue trotz allem und trotz seines berechtigten Zornes festhält: wegen seiner Liebe (z. B. Hosea 11,1-9) kann er nicht anders als dass sein Zorn eben nur einen Tag währt, seine Gnade aber lebenslänglich (Psalm 30,69).

Grundsünde und Tatsünden.

Eine Dogmatik (Glaubenslehre) hat die Aufgabe, biblisch-theologische Sachverhalte zu ordnen und zu systematisieren. Klassische und neuere (2) evangelische Entwürfe unterscheiden gerne zwischen der Grundsünde und den daraus folgenden Tatsünden: 

Die eigentliche Ursünde oder Grundsünde ist die Zerstörung der Beziehung und des paradiesisch ungetrübten Zusammenseins mit Gott. Was die Urgeschichte der Bibel in tiefgründigen Bildern und Erzählungen plastisch macht, beschreibt (nicht nur) die reformatorische Theologie so: Sünde bedeutet schlichtweg Unglaube. Sünde ist Leben ohne Gott oder gegen Gott und passiert dort, wo Menschen sein wollen wie Gott und sich selbst und ihre Welt vergötzen. Ein Sünder ist jemand, der Gott nicht als seinen Gott

Die eigentliche Ursünde ist die Zerstörung 

anerkennt und der zu Gott kein Vertrauen hat (so war es leider eben schon bei „Adam und Eva“). Sündigen heißt (so spitzt Jesus es zu), sich und sein Leben eben nicht Gott anzuvertrauen wie ein Kind und ihn eben nicht über alle Dinge zu lieben; alles was im Leben „nicht aus dem Glauben gehet, das ist Sünde“ (Luther), Dabei geht es allerdings nicht nur um glaubensferne und böse Atheisten: Sünder(innen) sind all die Menschen, die Gott mehr oder weniger viel an Glauben, an Vertrauen, Liebe, Respekt, Dank schuldig bleiben; und da das allen, auch den besten Christen, so geht, hat Paulus schon Recht, wenn er behauptet, dass alle Menschen Sünder seien. Und genau darum bitten auch Christfirmjen in jedem Gottesdienst und hoffentlich

auch gelegentlich zwischendurch beim Gebet des Vaterunsers: „vergib uns unsere Schulden“ – der ursprüngliche Plural (I) in der 5. Vaterunser- Bitte (Matthäus 6,12) meint genau dies: Die Bitte um Vergebung für das, was wir Gott schuldig bleiben.

Erst aus dieser „Wurzelsünde“ der Selbstvergötzung und der Gottlosigkeit entstehen geradezu zwangsläufig die Tatsünden (Schuld): Die Beziehungen von Menschen zu anderen Menschen, zur Schöpfung und letztlich auch zu sich selber werden immer wieder destruiert und zerstört. Die Urgeschichte der Bibel beschreibt die Grundtypen dieser Tatsünden: Die Gier, der Mord und die Lüge (Kain und Abel), Bosheit und die Zerstörung der Natur (Sintflut), Grenzüberschreitungen und Grö

ßenwahn (menschlicher Geschlechtsverkehr mit Himmelswesen und der Turmbau zu Babel) – Phänomene, die auch ohne ihre mythisch-narrative Einkleidung heute als Tatsünden allenthalben zu besichtigen sind. Es scheint dies „seitdem“ wie ein Verhängnis auf der gesamten Menschheit zu liegen, dass sie unentrinnbar in solch sündige Verhaltensweisen verstrickt ist. Paulus beschreibt dies Phänomen als „Macht der Sünde“, der Menschen aus sich heraus nicht zu entkommen vermögen.

Die Beschäftigung mit Sünde muss lebensdienlich sein – Veranrwortungsübernahme Es geht bei der Beschäftigung mit der Sünde weder darum, den Teufel im Urwald der Welt zu jagen bzw. Sünder bei der Ausübung ihres unflätigen Tuns aufzuspüren, um sie der gerechten Strafe zuzuführen, noch geht es darum, mit Hilfe der Kategorie Sünde Macht über andere Menschen auszuüben, um sie nach den eigenen theologischen Ansichten und den eigenen moralischen Vorstellungen zu formen oder um sie zu genussunfähigen Asketen zu erziehen.

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Es geht vielmehr darum, im Bereich von Religion und Alltagsleben einen erwachsenen Umgang mit dem Phänomen Sünde zu finden, die Realität ernst zu nehmen und Verantwortungsfahigkeit zu fördern.

Was heißt das für Jugendarbeit? 

Mit dem Phänomen Sünde und Schuld in der Jugendarbeit umzugehen, heißt:

1. Gott und die Beziehung zu Gott ernst nehmen. 

Es geht dabei nicht darum, sich durch eine Glaubensleistung das ewige Leben oder so zu erwerben, aber durchaus um den eigenen Verantwortungsanteil – auch von jungen Menschen – für ihre Gottesbeziehung. Und das bedeutet, mit jungen Menschen Wege eines lebensdienlichen Vertrauens auf Gott und der Liebe zu Gott zu entdecken – und zu verstehen, dass „die Sache mit dem heiligen Gott“ nicht primär den Charakter eines spirituellen Partyservices hat und Gott nicht der Geschäftsführer eines religiösen Wellness-Studios ist, sondern dass Gott durchaus seine Ansprüche hat und mit dem Lebenszentrum von Menschen zu tun haben will.

Die Realität ernst nehmen. 

Nämlich die Welt, die durchaus m Schuld und Sünde verstrickt ist (jeder Krieg und jedes ökologische Verbrechen demonstrieren dies) wahrzunehmen genauso wie die eigenen Anteile von Schuld und Schuldverstrickung. Befreiung geschieht nicht dadurch, dass man Sünde abschafft oder verleugnet, sondern sie benennt – auch die eigene.

Die Verantwortungsfohigkeit von Menschen ernst zu nehmen. 

Sündigen und Schuldig-Werden setzt einen verantwortungsfähigen Menschen voraus. Menschen sind nicht nur Opfer der Verhältnisse, sondern haben Machtspielraum und Entscheidungsspielraum. In der Jugendarbeit bedeutet dies, Jugendliche in ihrer Subjektivität und der Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme zu stärken und im „permanenten bewussten Widerstand gegen die Sünde“ (H.G. Geyer) und ihre Verstrickungen an ge-

lingenden Beziehungen zu Menschen und zur Schöpfung zu arbeiten.

Vergebung entdecken. 

Niemand kann unschuldig bleiben. Niemand ist ohne Sünde. Versuche, unschuldig bleiben zu wollen oder „sich zu ent-schuldigen“ enden in Realitätsverleugnung, Zynismus oder Verzweiflung. Das Konzept der Vergebung (inklusive Schuldbekenntnis!) in der Beziehung zu Gott und in den Beziehungen von Menschen untereinander gehört zu dem Lebensdienlichsren, was wir mit jungen Menschen entdecken und erleben können. •

Benno Hafeneger (Hrsg.)

Anmerkungen

(1) Immer noch äußerst lesenswert ist das 1976 erschienene Buch Gottesvergiftung von Tilmann Moser

(2) So z.B. knapp und präzise: Gerhard Ebeling, Dogmatik des christlichen Glaubens Band 1. Tübingen, 1979, S. 374f

Michael Freitag ist Referent für Theologie, Bildung und Jugendsoziologie bei der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej)

ISBN 978-3-89974797-3, 2. erg. u. überarb. Auf!., 528 S., € 49,80

„Für Einsteiger/-innen als auch für erfahrene Pädagoginnen und Pädagogen bietet das Handbuch ein umfassendes und interessantes Grundlagen- und Nachschlagewerk der Außerschulischen Jugendbildung. “ 

Sandra Trede in: Außerschulische Bildung 

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4. Umfrage bei Jugendlichen

Leben wir in sündigen Strukturen, wie einige behaupten, weil wir auf Kosten anderer leben?

Lea: Bei dem Punkt „Lust auf Rache“ habe ich ja noch gar nichts getan, da habe ich ja nur daran gedacht. Deshalb wäre das für mich noch keine

Sünde. Wobei es natürlich viele Menschen gibt, die auch sagen ich muss von meinem Geist her genauso ohne Sünde leben wie bei meinen Handlungen. Wenn ich es nicht ausüben will, dann sollte ich auch nicht daran denken oder vielleicht auch Lust dazu sich noch so bemüht.

Lea: Ich glaube man blendet es oft aus, wenn Produkte unfair hergestellt werden. Man freut sich doch immer wieder, wenn man ein T-Shirt für fünf EDro bekommt und vergisst ganz schnell wo das herkommt und wie es produziert wird. Es gibt kein richtiges haben es zu tun. Leben im falschen, auch wenn man sich noch so bemüht.

Denise: Aber hat nicht jeder schon mal an Rache gedacht?

Lea: Also bei „Lust auf Rache“ ist es durchaus so, dass man sich selber auch schädigen kann, wenn man z.B. von diesem Gedanken nicht mehr loskommt. Wenn ich mich selbst schädige habe ich ein schlechtes Gewissen mir selbst gegenüber.

Wollust, Faulheit, Völlerei, Neid, Habgier, Rache und Eitelkeit gehören zu den sieben Todsünden. Versteht das heute noch jemand?

Lucas: Ein paar Worte haben mir nichts gesagt. Z.B. Völlerei.

Denise: Völlerei ist für mich nicht zu sehr eine Sünde, weil ich mich selber schädige, dick werde oder vielleicht auch krank, weil ich zu viel oder falsch esse, vielmehr ist es für mich eher eine Sünde, wenn andere Menschen hungern müssen. Hier bin ich ja seIber schuld, wenn ich es mache. Als viel größere Sünde sehe ich, wenn wir Essen wegschmeißen. Die Sünde mir gegenüber ist nicht so schlimm als wenn ich eine Sünde gegenüber einem anderen Menschen begehe.

Lea: Ich finde bei den sieben Todsünden hat jede einzelne auch positive Seiten. Habsucht kann durchaus auch anspornend sein.

Denise: Aber wenn wir die Klamotten nicht kaufen würden, was würden die Menschen dort machen? Klar sind viele nicht unter tollen Umständen hergestellt, aber was würden die Menschen sonst arbeiten?

Lucas: Dann hätten die Produzenten Druck und müssten andere Arbeitsbedingungen zurVerfügung stellen. Aber das funktioniert wahrscheinlich nicht.

Lea: Wenn z.B. H&M pleite gehen würde, gäbe es wahrscheinlich in den Produktionsländern weniger Arbeit.

Lucas: Wir leben nun mal in Strukturen aus denen wir nicht herauskommen. Die Menschen hierzulande wollen nicht von ihrem Standard herunter oder mehr Geld für Produkte ausgeben.

Lea: Auch wenn ich mich immer bemühe Fair Trade Produkte zu kaufen, sind viele Dinge undurchschaubar geworden. Oft weiß man gar nicht, wie man sich richtig verhalten soll.

Lucas: Trotzdem steht dann der große Bildschirm mit 60 Zoll im Wohnzimmer.

Was ist Vergebung?

Lea: Zum Beichten brauche ich eigentlich keinen anderen. Ich kann

auch daheim alleine im Gebet oder einfach auch so mit Gott sprechen. Oft fällt aber einem auch ein Stein vom Herzen, wenn man mit jemand anders über Dinge reden kann, die einen belasten. Der Schritt in einen Beichtstuhl wäre für mich schwerer.

Denise:Wenn ich jemand habe dem ich etwas erzählen kann, dann ist das schon eine Entlastung. Schlecht ist es wenn ich dazu gezwungen werden würde wie in der katholischen Kirche. Genauso schlecht ist es, wenn ich jemanden etwas erzähle und meine, die Sache sei damit für mich erledigt, obwohl ich sie eigentlich gar nicht richtig bereut habe.

Lea: Die Beichte muss auch nicht unbedingt mit der Institution Kirche etwas zu tun haben Man kann es auch selber, alleine machen. Oder mit einem Menschen, dem man vertraut. Das Wichtige an der Beichte ist ja eigentlich, dass man darüber nachdenkt, was ich falsch gemacht habe und das reflektiert.

Es würde schon genügen, wenn man abends darüber nachdenkt, womit ich an dem Tag zufrieden war oder was ich unterlassen habe.

Lucas: Wenn man betet und bereut, dann kann einem auch eine Sünde vergeben werden, aber die eigene Reue muss geschehen.

Denise: Ich glaube, dass die Menschen die nicht glauben, es einfacher haben mit der Sünde zu leben. Auf jeden Fall können die besser damit umgehen als Menschen, die die ganze Zeit das Gefühl haben, dass von oben jemand zuschaut. Obwohl nach meiner Vorstellung schaue ich mir ich eigentlich selber zu. Ich glaube aber, dass auch Menschen die Religion missbraucht haben, um andere Menschen zu unterdrücken oder um eigene Machtansprüche zu sichern .•

5. Dorothee Sölle Der Sündenfall 

Die Bibel erzählt über das Zustandekommen der Trennung von Gott eine Geschichte, die in der christlichen Tradition die vom »Sündenfall« genannt wird, ein Wort, das in der hebräischen Bibel nicht vorkommt. ( … ) Dieses Konzept missverstehen wir, wenn wir es allein als ein moralisches Konzept ansehen, wenn wir dabei nur an die Sünden denken, die wir alle tun: lügen, stehlen, morden, betrügen. Schlimm genug, aber was wir mit dem Singular meinen – die Sünde, die Grundsünde, die Ursünde – ist etwas anderes: ein Zustand, nicht schon ein Handeln. Mit einem schrecklichen Begriff, der nicht in der Bibel steht, aber in der Tradition eine Rolle gespielt hat, heißt diese Ursünde im Gegensatz zur Tatsünde als der bewussten Verletzung von Gottes Gesetz: „Erbsünde „. Dieser Begriff ist deswegen so schwierig, weil er missverstanden wird als ein biologisches Schicksal, durch das man Krankheiten oder genetische Anlagen erben kann.

( … ) Gemeint ist, dass wir in Zustände hineingeboren sind, in denen wir nicht die Verursacher der Sünde sind, sondern schon immer in der Sünde leben.

Ich muss hier von den Erfahrungen meiner Generation sprechen. Ohne diese primären Erfahrungen hätte ich nie verstanden, was mich von Gott trennt. Als sehr junge Frau war ich zum ersten Mal in Holland und bemerkte, dass einige Leute mit mir als Deutsche nicht reden wollten, weil ihre Angehörigen von den Nazis umgebracht worden waren. Da ist mir sehr deutlich· geworden, dass ich zwar nichts dazu „getan“ hatte – ich war zu jung -, und trotzdem wusste ich, dass diese anderen ein Recht dazu hatten, sich umzudrehen und mit mir nicht zu sprechen, weil ich durch Sprache, Kultur und Erbe einer Gemeinschaft von Menschen angehöre, die in einem Schuldzusammenhang lebt. Das kann ich mir nicht aussuchen, es ist einfach so. Und dieses

Sünde ist zwar auch meine Entscheidung, mein freier Wille, mein Nein zu Gott, sie ist aber auch Schicksal, in das ich hineingeboren wurde.

Stück Objektivität gehört zum Sündenbegriff dazu. Sünde ist zwar auch meine Entscheidung, mein freier Wille, mein Nein zu Gott, sie ist aber auch Schicksal, in das ich hineingeboren wurde. Ich bin verwickelt durch meine Eltern, meine Lehrerinnen und Lehrer, meine Tradition. Auch die Spätgeborenen können diese Realität nicht abstreifen – und so unzutreffend es ist, von Kollektivschuld zu sprechen, so notwendig ist doch der Sinn für eine kollektive Haftung. Ich bin auch verantwortlich für das Haus, das ich nicht gebaut habe, aber bewohne. Eben das versucht die merkwürdige Lehre von der „Erbsünde“ festzuhalten. Der Zustand des In-Sünde-Geborenseins entsteht nicht aus meiner persönlichen Entscheidung oder meinem Willen. Es gibt ein Zusammentreffen von Schuld und Schicksal, das wir „dialektisch“ verstehen müssen. Wir müssen die beiden widersprüchlichen Aussagen zusammendenken, die jede ihre Wahrheit haben, aber einander widersprechen, sodass in der normalen Logik nur eines der beiden Glieder Wahrheit beanspruchen könnte. Genau das leistet die christliche Tradition, wenn sie im Begriff der „Erbsünde“ Schuld und Schicksal, die einander ausschließen, zusammendenkt. Schuld-fähig ist ja nur die Person, die frei ist. Aber wenn ich schuldfähig, das heißt frei bin, dann ist das sozusagen die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist das Schicksal der Sünde, in die ich hineingeboren bin. Wir suchen uns die Gesellschaft,

Wir suchen uns die Gesellschaft, in der wir leben, und den Ort, den wir in ihr haben, ja nicht aus, sondern werden in etwas hineingeboren, das von der Struktur der Sünde, derTrennung von Gott, schon immer besti m mt ist.

in der wir leben, und den Ort, den wir in ihr haben, ja nicht aus, sondern werden in etwas hineingeboren, das von der Struktur der Sünde, der Trennung von Gott, schon immer bestimmt ist. Diese objektive Verfassung bejahen wir dann auch subjektiv. Neutestamentlich ausgedrückt ist die Sünde also eine Macht, die über uns herrscht. ( … )

Ich bin der Schreckensherrschaft schon immer unterworfen. Paulus beschreibt die Herrschaft der Sünde mit den Metaphern des Imperium Romanum. Die Sünde herrscht, unterwirft, erobert, zahlt Sold aus, verbreitet Schrecken und Tod. Er benennt die Sünde in ihrem sozialgeschichtlichen Kontext. So lebe auch „ich“, aus der Gegenwart gesprochen, schon immer unter gewalttätigen Mächten – dem Militarismus, der Energieverschwendung, dem Fleischverzehr, der Ausplünderung. Ist dies verstanden als Terror, den die Sünde ausübt, so wird die Frage dann allerdings sein, wie ich mich dazu verhalte. Das sind die beiden Elemente, die man immer zusammendenken muss. Das eine Element ist Schicksal,

Ich bin verwickelt durch meine Eltern, meine Lehrerinnen und Lehrer, meine Tradition.

Erbe, Verflochtenheit, gesellschaftlicher Zwang, Macht der Sünde (das objektive Element) – und das subjektive Element ist mein Wille darin, mein eigenes Handeln, meine Freiheit, meine Entscheidung mitzumachen.

Dorothee Sälle war eine Theologin und Sprachwissenschaftlerin mit besonderem Augenmerk für feministische und politische Theologie, die Theologie der Befreiung und für Mystik. Dorothee Sölle starb 2003.

6. Gärtner  Segen 

Ein Symbol für die GestaltungskraftGottes 

Grundbegriffe und Sinnbilder – Folge 31: Segen ist weder Erfolgsgarantie noch magisches Schutzschild

Der Segen Gottes begegnet im Neuen Testament den Menschen in der Person Jesu, Da, wo er ist, geschieht Segen, und Menschen werden zu Gesegneten. Ihnen wird Heilung zuteil, oder es gelingt ihnen, ihr Leben zu ändern.

Eine syrophönizische Frau bittet Jesus um Hilfe für ihre kranke Tochter (Markus 7, 24-30). Jesus erkennt in dieser fremden Frau ihren Glauben und heilt ihre Tochter, obwohl sie keine Juden sind, dem Volk zu dem er geschickt wurde. Zachäus, der betrügerische Zolleinnehmer, ändert durch Jesu Zuwendung sein Leben (Lukas 28, 9-14). Modern interpretiert kann man sagen,. dass er von J esus die Annahme erfährt, die er sich auf einem falschen Weg über die Betrügereien verschaffen wollte.

Von Jesus wird die Kindersegnung überliefert und die Aufforderung an die Nachfolgenden, zu segnen und zu taufen. Diese Überlieferungen gehen ver-· mutlieh auf die frühchristliche Gemeinde- und Taufpraxis zurück. Der Segen und die Segenshandlungen nehmen für die Menschen, die nicht in der Zeit Jesu lebten, an Bedeutung zu. Seine Spendung versichert die Gegenwart des Heils, repräsentiert Gottes Anwesenheit in der Welt. Gesegnete werden selbst zu Segen. Darum sind sie aufgefordert zu segnen, auch die, die einem böse wollen, die verfluchen oder die verfolgen.

Segen stellt in den Machtbereich Gottes. Er symbolisiert seine Nähe und Wirkkraft. Segen ist weder eine Garantie für Erfolg noch ein magisches Schutzschild gegen Böses und Leidvolles. Auch gesegnete Menschen können Leid und Unglück erleben. Trotzdem sind sie „behütet“ und unter Gottes Schutz gestellt. Das Entscheidende am Segen ist ’nicht, ob Gutes erfahren wird oder ob es schlecht geht. Gesegnetsein heißt: Inmitten der äußeren Umstände, wie immer sie aussehen, ist Gottes Nähe vorhanden, ist seine Kraft da, hat der Mensch die Möglichkeit, mit den Gegebenheiten seines Lebens umzugehen.

Segen symbolisiert die Gestaltungskraft Gottes in der Welt. Zur Wirkung kommt er durch Menschen, die sich anrühren lassen im Segensgeschehen und berühren lassen durch das, was heilt und stärkt. Heiderose Gärtner-Schultz