Kategorie-Archiv: Weiter ging es mit Reformation – auch für den Glauben!

Beten in der Uni?

Guenter Hegele    7. Februar 2017    Kommentare deaktiviert für Beten in der Uni?

Aus Die ZEIT  PRO 

Interview  mit Patrick Honecker und Christian Thomsen

Honecker: Unsere Studierenden sollen die Freiheit haben, ihre Religion auszuüben. Ein Raum der Stille ist kein Gebetsraum. Religiöse Studierende, egal welcher Konfession, müssen akzeptieren, dass sich dort auch Leute zurückziehen, die nur zur Ruhe kommen wollen und vielleicht Atheisten sind. Gleichzeitig muss man nicht in jeder religiösen Handlung einen Wunsch zum Missionieren sehen. Nach den Vorkommnissen der Silvesternacht in Köln droht der Islam unter einen Generalverdacht zu geraten.

ZEIT: An anderen Hochschulen wurden Räume der Stille und Gebetsräume geschlossen. Was denken Sie darüber?

Honecker: Es gibt immer noch viele Räume der Stille an deutschen Unis. Wir probieren das aus. In zwei Jahren werden wir bewerten, ob die Idee richtig war. Klar ist: Wenn es Konflikte gibt, setzen wir unser Hausrecht durch. Das fängt beim Verweis an und endet in der Schließung des Raumes.

Patrick Honecker ist Sprecher des Rektors der Universität zu Köln

Fragen an Christian Thomsen

DIE ZEIT: Warum schließen Sie an der TU Berlin den Gebetsraum für Muslime?

Christian Thomsen: Eine staatliche Universität ist ein weltanschaulich neutraler und unparteiischer Ort, an dem der wissenschaftliche Diskurs im Mittelpunkt steht. Sie ist kein Ersatz für eine Moschee. Bei uns haben sich freitags mehr als 500 Personen zum Gebet mit Imam versammelt, den kleinen Gebetsraum nutzten täglich mehr als 100 Männer. Allein hinsichtlich Versammlungsrecht und Brandschutz hätten wir längst eingreifen müssen. Ausreichend Räume für die Religionsausübung von Hunderten von Menschen können und wollen wir nicht zur Verfügung stellen, zumal wir dadurch eine Religion bevorzugen und das Neutralitätsgebot des Grundgesetzes verletzen.

ZEIT: Welche Reaktionen bekommen Sie?

Thomsen: Bundesweit gab es großes Interesse und zu über 90 Prozent Zustimmung. Und es gab keine Pegida-Stimmung! Natürlich sind die betroffenen Personen enttäuscht, weil es praktisch ist, Vorlesung und Gebet an einem Ort durchzuführen. Rund 600 Studenten sendeten mir eine Petition. Daraufhin habe ich mich mit vier muslimischen Studentenvereinen getroffen. Wir werden sehen, welche Erfahrungen wir nun sammeln, und treffen uns erneut.

ZEIT: Welche Rolle sollten Weltanschauungen an einer öffentlichen Institution spielen – und wie passen sie zum Leitbild der Universität?

Thomsen: Diversität ist uns wichtig. Wir waren eine der ersten Unis, die ein Programm für Geflüchtete hatten. Das zeigt unsere Willkommenskultur und den Integrationswillen. Beides geht auch ohne die Bevorzugung einer bestimmten Religion.

ZEIT: Die Uni zu Köln möchte einen Raum der Stille eröffnen. Wäre das auch etwas für die TU?

Thomsen: Ich kenne das Konzept von Köln nicht. Ich will nicht ausschließen, dass wir in ein paar Jahren über einen un- oder überkonfessionellen Raum nachdenken. Jetzt ist das für uns keine Option.

Christian Thomsen ist Präsident der Technischen  UNIVERSITÄT BERLIN