1        Was ist Sünde?

Früher war die „Sünde“ eine „Kernfrage“ christlicher Lehre. Heute gebraucht man das Wort kaum noch im Ernst.

Theologen erklären das Wort nicht mehr mit Bibelzitaten oder aus dem Katechismus. Sprachlich wird zwar zwischen einzelnen Sünden als Tat und Sündig-Sein als Unglaube und Grundeinstellung zu Gott. „Sünde ist die Weigerung, dem zu vertrauen, der der Grund meines Lebens ist“. Es geht also nicht nur um die Übertretung oder Nichterfüllung von Geboten, sondern um die Art des Glaubens an Gott. Der Mensch will „sein wie Gott“ – und wie dieser wissen, was gut und was Böse ist.

Die frühere Auffassung von Sünde war bestimmt von dem damals verbreiteten wörtlichen Verständnis von heute als Mythen symbolisch interpretierten Bibeltexten.

So wurde aufgrund der Paradiesgeschichte das Aufkommen von Sünde der Frau mehr angelastet als dem Mann und Sexualität als sündige Begierlichkeit abgewertet.

Verstöße gegen Verbotenes mussten und konnten dann durch religiöses Personal „verwaltet“ werden: Elementare Glaubensinhalte wie Monotheismus, Mordverbot und Opferbereitschaft wurden durch Detailvorchriften ausgeweitet und kontrolliert, Verstöße dagegen aber auch durch Vergebung zu reparieren.

„Jesus selbst redet nie in lehrhafter Weise über „die“ Sünde. Er gilt als Freund der Sünder (Lk 7,34), sucht (Mk 2,15ff.) und holt sie in die Gemeinschaft. Er vergibt Sünden (Mk 2,5). Im Vaterunser verdeutlicht Jesus, dass man einander Schuld vergeben soll, wenn man Vergebung durch Gott sucht (Mt 6,12). Bei Joh wird Sünde theologisch gefasst als Unglaube (16,9) und geistliche Blindheit (9,39ff.), die den Tod nach sich ziehen (8,24). Paulus entwirft eine umfassende Sündenlehre: Alle Menschen haben gesündigt (Röm 3,23). Noch mehr: sie stehen unter der Herrschaft der Sünde (3,9), die, einer dämonischen Macht gleich, durch den Ungehorsam Adams in die Welt kam. Man ist in ihr gefangen, Befreiung und Erlösung bringt nur Christus (5,12-21). Paulus versteht Sünde u.a. auch als „Begierde“ (7,7); das Begehren des „Fleisches“ bedeutet Feindschaft gegen Gott (8,7). „

Als besonders schwere („Tod“-)Sünden galten: Völlerei, Unkeuschheit, Habsucht, Trägheit, Zorn, Hoffart und Neid.

Die Erbsündenlehre beruht auf der Erfahrung und Erkenntnis, „dass wir in Zustände hineingeboren sind, in denen wir nicht die Verursacher der Sünde sind, sondern schon immer in der Sünde leben.“ (Dorothee Sölle)

Vielfach wird vorgeschlagen, sich vom Begriff der „Erbsünde“ zu lösen und lieber von „struktureller Sünde“ zu reden.

Mit der „Erbsünde“ hat sie gemein, dass man in sie ,hineingeboren ‚wird, sie einfach vorfindet, sie also überindividuell ist. Inhaltlich sagt sie jedoch etwas anderes aus: Es handelt sich um gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Strukturen, die eine Vielzahl von Menschen involvieren, und zwar einerseits als Opfer dieser Zustände und andererseits als Akteure.

Es ist also naheliegend, auf die Begriffe Sünde und Erbsünde weitgehend zu verzichten. Das Er- und Bekennen von Sünde und Schuld wird im christlichen Glauben entsprechend dem Vaterunser – in die Bitte um Vergebung münden. (z.T. aus einem Text von M.Fricke im „Baugerüst“)

 

2        Sünde in asiatischen Religionen

Der Buddhismus in seiner Grundform kennt keinen Gott, der sich dem Menschen gnädig zuwenden könnte. er kennt nur den Menschen, der vor sich selbst und vor allen Lebewesen verantwortlich ist. Insofern kennt er auch den Begriff der Sünde nur indirekt. Auch Ethik baut nicht darauf sich für sein Handeln vor einer Instanz rechtfertigen zu müssen und vielleicht von dieser auch bestraft zu werden. Das Leben wird as Leiden verstanden und empfunden.

 

Schon dass der Mensch geboren wird, ist ein Auslöser von Leiden für ihn: Er will von Anfang an haben, besitzen, festhalten. immer mehr haben, Dinge, Reichtümer, andere Menschen, Ruhm. Er muss jedoch feststellen, dass alle Dinge dieser Welt vergänglich sind und ihm zwischen den Händen zerrinnen wie der Sand eines nassen und langsam trocken werdenden Sandklumpens. Dies verursacht Leiden für ihn, welches sich in anderen Formen des Leidens wie Krankheit, Alter und schließlich Sterben fortsetzt. Es steht an, dass er wiedergeboren wird und diesen Kreislauf unendlich lange fortsetzt. Daran kann sich etwas ändern, wenn er selbst die Ursache für sein Leiden, nämlich die Begierde, durchschaut und auf diese Weise zu einer klaren Sicht der Wirklichkeit gelangt. Diese Einsicht kann ihm dazu verhelfen, endlich nicht mehr wiedergeboren zu werden und dem leidvollen Leben nicht mehr ausgesetzt zu werden. Zugleich und als Bestandteil dessen ist der „edle achtfache Pfad“ zu beherzigen, der neben Anteilen der Erkenntnis und Versenkung auch ethische Bestandteile für ein Leben in Einklang mit der gesamten Mit-Welt vorsieht. Die ethischen Regeln sind nicht weit von den anderen Religionen entfernt, mit einer etwas größeren Betonung der Unverletzlichkeit des Lebens.

Im „Karma“ (das wörtlich Handeln heißt) wird die gesamte Welt in einem Zusammenhang als Netzwerk gesehen, in dem jede Art von Handeln, auch das Unterlassen von gutem Handeln, Folgen hat, später oder in einem nächsten Leben. Als „Wiedergeborene“ haben Menschen aber die Chance, ihre Belastungen aus dem Vorleben „abzuarbeiten“. Hauptziel dabei ist die richtige Erkenntnis der Wirklichkeit durch die „Erleuchtung“, d.h. das Erwachen zur korrekten Sicht der Wirklichkeit.

Ähnlich ist es mit dem Hinduismus. Auch hier ist avidya = Ignoranz, Unwissenheit gegenüber der Wirklichkeit ein Pendant zum Sündengedanken. Zugleich aber kennt auch der Hinduismus einen ethischen Kodex und die Verletzung der ethischen Regeln, genannt papa. In der Rangfolge der Schwere der Sünde spielt das Kastensystem eine Rolle: So wiegt es besonders schwer, einen Brahmanen zu töten, dessen Kaste an der Spitze des Systems steht, und es ist verwerflicher, eine Kuh zu töten als einen Kastenlosen. Gesühnt werden können Vergehen mit Strafen oder Bußmaßnahmen wie Geschenken gegenüber Brahmanen oder mit Pilgerwallfahrten. Im Unterschied zum Buddhismus kann hier durchaus ein Gott als Lehrer und Gesetzgeber auftreten, so Krishna in der Bhagavadgita, und somit auch dem Menschen als Gegenüber dienen und Verantwortung einfordern. Dies spielt jedoch bei weitem nicht dieselbe Rolle wie in den monotheistischen Religionen.

In allen religiösen Systemen ist es, wenn man sie als Ergänzungsbegriff zu „Sünde“ nimmt, die eigene Verantwortung, aus der der Mensch nicht entlassen wird, sei es vor sich selbst und vor dem universalen Ganzen, sei es vor Gott und den konkreten anderen Menschen und sonstigen Mitgeschöpfen. von Ulrich Dehn (gekürzt)

 

 

3        Seid froh, dass ihr die Freiheit habt,

           selbst zu entscheiden

Ich sehe für Christen in der Person Jesu und für alle in der Aufklärung eine Aufforderung zum Selbstdenken und zur Eigenverantwortlichkeit. Das empfinde ich als große, aber immer noch nicht umfassend verarbeitete und von vielen nicht umgesetzte Befreiung. Ein Sündenkatalog ist ein Selbstbeobachtungsinstrument, das wir gut brauchen können, mehr nicht, eine Vorstellung von Grenzen und Kompromissen. Das sind von Menschen gemachte Geländer, die sich in der „Goldenen Regel“ zusammenfassen lassen, die besagt, dass man so handeln solle, wie man es auch von anderen sich selbst gegenüber erwartet.

Schon als Sechs- oder Siebenjähriger im Kindergottesdienst habe ich nie verstanden, wie es sein kann, dass Gott mich erschaffen hat, ich Jesu Schäflein sein und gleichzeitig sündig sein soll oder gar mit einer Erbsünde belastet. Das war und ist ein Widerspruch für mich. Mein Gottesbild ist ein anderes und hat nichts mit dem strafenden, eifersüchtigen, rächenden oder drohenden Gott zu tun.

Aus einem Interview mit Gerhard Schulze in „Das Baugerüst“

 

4        Vergessen, aber nicht vergeben

Was ist Sünde?

Sünde ist ein genuin theologischer Begriff. Von Schuld kann man auch abgesehen von Gott reden. Dass Menschen an anderen Menschen schuldig werden oder umgekehrt Opfer von schuldhaftem Handeln werden, gehört zu den alltäglichen Lebenserfahrungen. Sünde hingegen bedeutet – trotz der vielfach beklagten sprachlichen Banalisierung und Verflachung a la „Verkehrssünder“- im Kern immer, dass hier Gott im Spiel ist: Sündigen kann man eigentlich nur im Bereich und aus der Perspektive von Religion. Sünde betrifft immer das Verhältnis zu Gott bzw. die Lebensweise vor Gott. Wer von Sünde redet, spricht damit die Beziehung zu Gott an.

 

Sünde ist ein Beziehungsbegriff.

Vielfach wird unter Sünde schlicht und gesetzlich die Übertretung eines Gesetzes bzw. einer Norm verstanden. Menschen sind Sünder(innen), wenn sie gegen einen Gesetzeskatalog verstoßen. Dies ist zwar nicht völlig falsch, trifft aber den Kern der Sache nicht. Wer sündigt, vergeht sich nicht einfach an einem Gesetz oder einer Norm. Auch ein moralinsaures Verständnis, wie es manche kirchliche und/oder kleinbürgerliche Kreise gerne gepflegt haben und bisweilen noch pflegen (Sünde wäre dann irgendwie alles, was Spaß macht … ), geht fehl.

Sünde bedeutet in der Summe biblischen und also theologischen Verständnisses in erster Linie, dass Beziehungen destruiert oder zerstört werden. In eindringlichen Symbolgeschichten schildern die Urgeschichten der Bibel, wie die Sünde sich breitmacht. Die „ersten Menschen“ verletzen und zerstören geradezu systematisch alle denkbaren Beziehungen: Die Beziehung zu Gott, familiäre Beziehungen, die Beziehung zu anderen Menschen und zur Natur (Schöpfung). Die gesamte darauf folgende erzählende und prophetische Literatur des AT kann man als Geschichte einer sich permanent wiederholenden Destruktion des Gemeinschaftsverhältnisses zu Gott lesen: Durch Rechtsbruch und asoziales Verhalten untereinander einerseits und durch Fremdgötterei, Abfall von Gott und verlogene Gottesdienste und Kulthandlungen andererseits wird unentwegt und immer wieder die Gemeinschaftstreue gegenüber Gott (oder wie einige damalige Theologen es auch bezeichneten: der „Bund mit Gott“) verletzt, während Gott an dieser Gemeinschaftstreue trotz allem und trotz seines berechtigten Zornes festhält.

Die Beschäftigung mit Sünde muss lebensdienlich sein – Verantwortungsübernahme. Es geht bei der Beschäftigung mit der Sünde weder darum, Sünder bei der Ausübung ihres unflätigen Tuns aufzuspüren, um sie der gerechten Strafe zuzuführen, noch geht es darum, mit Hilfe der Kategorie Sünde Macht über andere Menschen auszuüben, um sie nach den eigenen theologischen Ansichten und den eigenen moralischen Vorstellungen zu formen oder um sie zu genussunfähigen Asketen zu erziehen.

 

Es geht vielmehr darum, im Bereich von Religion und Alltagsleben einen erwachsenen Umgang mit dem Phänomen Sünde zu finden, die Realität ernst zu nehmen und Verantwortungsfahigkeit zu fördern.

 

Bei diesem Verständnis von Sünde und Schuld bedeutet das für die kirchliche Jugendarbeit:

 

1. Gott und die Beziehung zu Gott ernst nehmen.

Es geht dabei nicht darum, sich durch eine Glaubensleistung das ewige Leben oder so zu erwerben, aber durchaus um den eigenen Verantwortungsanteil – auch von jungen Menschen – für ihre Gottesbeziehung. Und das bedeutet, mit jungen Menschen Wege eines lebensdienlichen Vertrauens auf Gott und der Liebe zu Gott zu entdecken – und zu verstehen, dass „die Sache mit dem heiligen Gott“ nicht primär den Charakter eines spirituellen Partyservices hat und Gott nicht der Geschäftsführer eines religiösen Wellness-Studios ist, sondern dass Gott durchaus seine Ansprüche hat und mit dem Lebenszentrum von Menschen zu tun haben will.

2. Die Realität ernst nehmen.

Nämlich die Welt, die durchaus in Schuld und Sünde verstrickt ist (jeder Krieg und jedes ökologische Verbrechen demonstrieren dies) wahrzunehmen genauso wie die eigenen Anteile von Schuld und Schuldverstrickung. Befreiung geschieht nicht dadurch, dass man Sünde abschafft oder verleugnet, sondern sie benennt – auch die eigene.

3.Die Verantwortungsfähigkeit von Menschen ernst zu nehmen.

Sündigen und Schuldig-Werden setzt einen verantwortungsfähigen Menschen voraus. Menschen sind nicht nur Opfer der Verhältnisse, sondern haben Machtspielraum und Entscheidungsspielraum. In der Jugendarbeit bedeutet dies, Jugendliche in ihrer Subjektivität und der Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme zu stärken und im „permanenten bewussten Widerstand gegen die Sünde“ (H.G. Geyer) und ihre Verstrickungen an gelingenden Beziehungen zu Menschen und zur Schöpfung zu arbeiten.

4. Vergebung entdecken.

Niemand kann unschuldig bleiben. Niemand ist ohne Sünde. Versuche, unschuldig bleiben zu wollen oder „sich zu ent-schuldigen“ enden in Realitätsverleugnung, Zynismus oder Verzweiflung. Das Konzept der Vergebung (inklusive Schuldbekenntnis!) in der Beziehung zu Gott und in den Beziehungen von Menschen untereinander gehört zu dem Lebensdienlichsten, was wir mit jungen Menschen entdecken und erleben können.(Aus: Michael Freitag in „Das Baugerüst“)

5        Umfrage bei Jugendlichen

 

Leben wir in sündigen Strukturen, wie einige behaupten, weil wir auf Kosten anderer leben?

Lea: Man freut sich doch immer wieder, wenn man ein T-Shirt für 5 Euro bekommt und vergisst ganz schnell, wo das herkommt und wie es produziert wird. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, auch wenn man sich noch so sehr bemüht.

Denise: Aber wenn wir die Klamotten nicht kaufen würden, was würden die Menschen dort machen? Klar sind viele nicht unter tollen Umständen hergestellt, aber was würden die Menschen sonst arbeiten?

Lucas: Dann hätten die Produzenten Druck und müssten andere Arbeitsbedingungen zur Verfügung stellen. Aber das funktioniert wahrscheinlich nicht.

Lea: Wenn z.B. H&M pleite gehen würde, gäbe es wahrscheinlich in den Produktionsländern weniger Arbeit.

Lucas: Wir leben nun mal in Strukturen aus denen wir nicht herauskommen. Die Menschen hierzulande wollen nicht von ihrem Standard herunter oder mehr Geld für Produkte ausgeben.

Lea: Auch wenn ich mich immer bemühe Fair Trade Produkte zu kaufen, sind viele Dinge undurchschaubar geworden. Oft weiß man gar nicht, wie man sich richtig verhalten soll.

Lucas: Trotzdem steht dann der große Bildschirm mit 60 Zoll im Wohnzimmer. Wenn etwas billig ist, hat jemand zu wenig dafür verdient.

 

Was ist Vergebung?

Lea: Zum Beichten brauche ich eigentlich keinen anderen. Ich kann auch daheim alleine im Gebet oder einfach auch so mit Gott sprechen. Oft fällt aber einem auch ein Stein vom Herzen, wenn man mit jemand anders über Dinge reden kann, die einen belasten. Der Schritt in einen Beichtstuhl wäre für mich schwerer.

Denise: Wenn ich jemand habe dem ich etwas erzählen kann, dann ist das schon eine Entlastung. Schlecht ist es wenn ich dazu gezwungen werden würde wie in der katholischen Kirche. Genauso schlecht ist es, wenn ich jemanden etwas erzähle und meine, die Sache sei damit für mich erledigt, obwohl ich sie eigentlich gar nicht richtig bereut habe.

Lea: Die Beichte muss auch nicht unbedingt mit der Institution Kirche etwas zu tun haben Man kann es auch selber, alleine machen. Oder mit einem Menschen, dem man vertraut. Das Wichtige an der Beichte ist ja eigentlich, dass man darüber nachdenkt, was ich falsch gemacht habe und das reflektiert.

Es würde schon genügen, wenn man abends darüber nachdenkt, womit ich an dem Tag zufrieden war oder was ich unterlassen habe.

Lucas: Wenn man betet und bereut, dann kann einem auch eine Sünde vergeben werden, aber die eigene Reue muss geschehen.

Denise: Ich glaube, dass die Menschen die nicht glauben, es einfacher haben mit der Sünde zu leben. Auf jeden Fall können die besser damit umgehen als Menschen, die die ganze Zeit das Gefühl haben, dass von oben jemand zuschaut. Obwohl nach meiner Vorstellung schaue ich mir ich eigentlich selber zu. Ich glaube aber, dass auch Menschen die Religion missbraucht haben, um andere Menschen zu unterdrücken oder um eigene Machtansprüche zu sichern .•

 

6        Dorothee Sölle: Der Sündenfall

Die Bibel erzählt über das Zustandekommen der Trennung der Menschen von Gott eine Geschichte, die in der christlichen Tradition die vom »Sündenfall« genannt wird, ein Wort, das in der hebräischen Bibel nicht vorkommt. ( … ) Dieses Konzept missverstehen wir, wenn wir es allein als ein moralisches Konzept ansehen, wenn wir dabei nur an die Sünden denken, die wir alle tun: lügen, stehlen, morden, betrügen. Schlimm genug, aber was wir mit dem Singular meinen – die Sünde, die Grundsünde, die Ursünde – ist etwas anderes: ein Zustand, nicht schon ein Handeln. Mit einem schrecklichen Begriff, der nicht in der Bibel steht, aber in der Tradition eine Rolle gespielt hat, heißt diese Ursünde im Gegensatz zur Tatsünde als der bewussten Verletzung von Gottes Gesetz: „Erbsünde „. Dieser Begriff ist deswegen so schwierig, weil er missverstanden wird als ein biologisches Schicksal, durch das man Krankheiten oder genetische Anlagen erben kann.

 

( … ) Gemeint ist, dass wir in Zustände hineingeboren sind, in denen wir nicht die Verursacher der Sünde sind, sondern schon immer in der Sünde leben.

Sünde ist zwar auch meine Entscheidung, mein freier Wille, mein Nein zu Gott, sie ist aber auch Schicksal, in das ich hineingeboren wurde.

Ich bin verwickelt durch meine Eltern, meine Lehrerinnen und Lehrer, meine Tradition. Auch die Spätgeborenen können diese Realität nicht abstreifen – und so unzutreffend es ist, von Kollektivschuld zu sprechen, so notwendig ist doch der Sinn für eine kollektive Haftung. Ich bin auch verantwortlich für das Haus, das ich nicht gebaut habe, aber bewohne. Eben das versucht die merkwürdige Lehre von der „Erbsünde“ festzuhalten. Der Zustand des In-Sünde-Geborenseins entsteht nicht aus meiner persönlichen Entscheidung oder meinem Willen. Es gibt ein Zusammentreffen von Schuld und Schicksal, das wir „dialektisch“ verstehen müssen. Wir müssen die beiden widersprüchlichen Aussagen zusammendenken, die jede ihre Wahrheit haben, aber einander widersprechen, sodass in der normalen Logik nur eines der beiden Glieder Wahrheit beanspruchen könnte. Genau das leistet die christliche Tradition, wenn sie im Begriff der „Erbsünde“ Schuld und Schicksal, die einander ausschließen, zusammendenkt. Schuld-fähig ist ja nur die Person, die frei ist. Aber wenn ich schuldfähig, das heißt frei bin, dann ist das sozusagen die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist das Schicksal der Sünde, in die ich hineingeboren bin.

Wir suchen uns die Gesellschaft, in der wir leben, und den Ort, den wir in ihr haben, ja nicht aus, sondern werden in etwas hineingeboren, das von der Struktur der Sünde, der Trennung von Gott, schon immer bestimmt ist.

So lebe auch „ich“, aus der Gegenwart gesprochen, schon immer unter gewalttätigen Mächten – dem Militarismus, der Energieverschwendung, dem Fleischverzehr, der Ausplünderung. Ist dies verstanden als Terror, den die Sünde ausübt, so wird die Frage dann allerdings sein, wie ich mich dazu verhalte. Das sind die beiden Elemente, die man immer zusammendenken muss. Das eine Element ist Schicksal, Erbe, Verflochtenheit, gesellschaftlicher Zwang, Macht der Sünde (das objektive Element) – und das subjektive Element ist mein Wille darin, mein eigenes Handeln, meine Freiheit, meine Entscheidung mitzumachen. (Oder nicht?)