Zitate von M. Kroeger „Im religiösen Umbruch der Welt: Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche“

„Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen ‑ der fällige Ruck in den Köpfen und Herzen der Kirche ist längst im Gange. Neue Gestalten und Formungen des Christentums sind längst gegenwärtig und wirken sich aus: von J. Zink bis zu J.B. Metz von C.Fr. v. Weizsäcker bis zu D. Sölle, von R. Pannikar bis zu Abishiktananda, von den Älteren ‑ völlig präsent noch immer P. Tillich und C.G. Jung ‑ bis zu den verschiedenen feministischen und amerikanischen/afrikanischen Befreiungstheologien interreligiösen Dialogen und ungezählten Christinnen und Christen, Pastorinnen und Pastoren unserer Gegenwart. Viele Menschen sind in Neuland unterwegs oder schauen doch danach aus.“

„ Dabei ist eine Übersicht über die in all diesen Positionen und Facetten und auch sonst vielfach vor sich gehenden Veränderungen allerdings schwer zu gewinnen. Nur dies scheint deutlich, dass ‑ abgesehen von jenen eindringenden und weiterführenden Einzelnen ‑ die allgemeinen, öffentlichen und kirchlichen Entwicklungen in diesen Fragen auffällig pointillistisch, unkoordiniert und vielfach wenig an der Wurzel, wenig gründlich vor sich gehen. Statt zusammenhängender struktureller theologischer Transformation und Innovation, die sich im Bilde der Kirche und im Verständnis des christlichen Glaubens niederschlügen, lassen sich beliebig modernisierende Oberflächenretuschen und Anpassungsstrategien beobachten. Zudem scheint eine ‑ für die Situation bezeichnende und berechtigte ‑Theologieverlegenheit und ‑Verdrossenheit, ja Theologielosigkeit mitten im Herzen der Kirche, mitten in der Theologlnnenschaft, speziell auch bei den Religionslehrerlnnen um sich zu greifen, die an die Wurzel zu gehen droht, weil sie sich sowohl von der Tradition wie vom religiösen Bewusstsein abkoppelt, substanzlos wird und Veränderung durch Weglassen bzw. Ausblenden des Schwierigen und Anstößigen zu schaffen sucht. Das ist die eher liberale, die offene Seite der Kirche. Die wirklich konstruktiv wirkenden Innovationen bleiben vereinzelt, unkoordiniert und schlagen auf das Bild und die Wirkung von Kirche ‑ außer z.B. auf den Kirchentagen oder immer wieder in den Akademien ‑ kaum durch. Vieles Neue liegt bereit und wartet darauf, zur Wirkung und im Bilde der Kirche zur Geltung gebracht zu werden.“

„ Im Übrigen aber bewegt sich ‑ mitten in einer dramatischen Entfremdungssituation zwischen Kirchen und Menschen ‑ im konfessionellen Lager im Blick auf die zentrale Rekonstruktion und lebendige Neuinterpretation ihrer fundamentalen Grundlagen und Uranliegen fast nichts.“

Die alten reformatorischen Kostbarkeiten, auf die keine neue Theologie, keine neue Religiosität bei Strafe der Substanz- und Belanglosigkeit verzichten kann, werden meist nur unverändert repetiert, bleiben dem Unnötigwerden und Veralten ausgeliefert. (S. 10)

In dieser Situation will Kroeger mit seinem Buch „ – im völligen Bewusstsein der Relativität und Begrenztheit jedes  individuellen Versuchs“ – einen Beitrag leisten und weiterkommen. Es möchte die Problempunkte des vielfach nicht akzeptierten Wandels verdeutlichen, zusammenstellen, ihre Wirkung bündeln. „Die Zeit der zögerlichen Kleinkonzessionen, die das theologische Gesamtgebäude des biblischen und kirchlichen Weltbildes – bis hinein in Gotteslehre, Christologie oder Rechtfertigungslehre – im Unklaren fortbestehen lassen, sollte vorüber sein.“

 

„Hinzu kommt, dass die glücklicherweise rasant anwachsende freie, von der Kirche sich emanzipierende Religiosität unserer Gesellschaft fast durchweg unpolitisch und introvertiert, privat bleibt. In einer solchen Situation ist es für eine Gesellschaft nicht gleichgültig, welche Art von religiösem Wissen und theologischem Bewusstsein repräsentiert wird.“ (S. 12).

Kroeger führt Kirchenaustritte und religiöse Distanziertheit von der Kirche auch auf die Verweigerung der fälligen Transformation durch die Kirche zurück, trotz der vorhandenen, aber nicht durchdringenden Ansätze dazu. Er möchte „dazu beitragen, den von außen nahe gelegten oder gar erzwungenen Wandel als einen theologisch und religiös von innen her notwendigen, fälligen und legitimen zu begreifen, …. den Wandel nicht nur defensiv und resigniert zu erleiden (obwohl es für die hier liegende Trauer und Enttäuschung nur zu begreifliche Gründe gibt, weil damit auch unwiederbringliche Verluste und Abschiede verbunden sind), sondern ihn als religiös notwendig und theologisch ebenso fällig wie legitim anzusehen.  Denn was  hier an Entwicklungen und Umbrüchen hereindroht, ist letztlich – trotz aller Transformationsschmerzen – eine (natürlich nicht unproblematische) Freude und eine Befreiung, eine Bereicherung und Erweiterung. “

 

„ Überdies nimmt die Zahl der Kirchenaustritte weiter zu, und es wächst die Zahl der Ungetauften und Unwissenden in unserer Gesellschaft, die menschlich und seelisch ‑ also religiös ‑ gesehen eher eine Konsum‑ und Erlebnis‑ denn eine Informationsgesellschaft ist. Auch diese Menschen müssen sich das für sie Überzeugende auf dem freien Markt der religiösen Möglichkeiten zusammensuchen, und nur wer bereit und in der Lage ist, sie auf dieser Suche und auf ihren religiös notwendigerweise autonomen Wegen zu begleiten, kann seine Botschaft in diesem Prozess der religiösen Identitätsbildung zur Geltung bringen. Seit dies so ist, ist es unangemessen und äußerst kontraproduktiv, Begriffe wie „Patchworkidentität“ (oder „‑religiosität“) und „Synkretismus“ nur als Negativbegriffe zu gebrauchen; sie entsprechen vielmehr sehr genau der heutigen Lebenswirklichkeit und ‑notwendigkeit. Statt sie zu verleugnen und als theologisch wie religiös illegitim zu verdächtigen, scheint es vielmehr unabdingbar, sie durch das Angebot von Nahrung zu substantiieren, durch das Angebot von Gegenbildern zu bereichern und sie in aller Freiheit (supervisorisch) zu ergänzen und zu „korrigieren“. Von anderen Positionen und Sichtweisen zu lernen, ist keine illegitime „Vermischung“.  Jene Begriffe und die mit ihnen gemeinten Sachverhalte erzwingen die fundamentale Anerkennung der religiösen Autonomie, die in dieser pluralistischen Situation zu wählen lernen muss und die im übrigen nicht nur unausweichlich, sondern auch befreiend und bereichernd ist. Jede religiöse Theorie und Praxis, die nicht in der Lage ist, diese ebenso schöne wie zentrale Bedeutung von religiösem Individualismus/Individualität und Autonomie ‑ trotz deren unübersehbaren Gefährdungen, Übertreibungen und Erosionen ‑ wahrzunehmen und anzuerkennen, macht sich zu einer unakzeptablen Ideologie. Und genau das ist die Lage und das Problem der Kirchen angesichts des theologisch wie religiös völlig berechtigten Distanzbewusstseins zunehmend vieler Menschen.

Auf der Linie dieser Entwicklung wächst im allgemeinen Bewusstsein seit 20 und mehr Jahren auch eine Öffnung zu interreligiösen Einsichten und Fragestellungen heran, hinter der die kirchliche Akzeptierung und theologische Förderung dieser Fragen bedrohlich weit hinterherhinkt. In der Anerkennung dieser interreligiösen Öffnung und ihrer gültigen lebensweltlichen wie theologischen Notwendigkeit hegt heute die religiöse Voraussetzung für alle theologischen Entwicklungen, für alle Aus- und Fortbildungsvorhaben in den Kirchen ‑ was bisher kaum gesehen und akzeptiert wird. Die Folge ist eine verbreitete Ratlosigkeit und Inkompetenz der kirchlichen Arbeit in interreligiöser Hinsicht.“

Ein Gedanke zu “Zitate Kroeger

  1. Werner Grau Artikelautor

    Im religiösen Umbruch der Welt. Ein Ruck in den Köpfen der Kirche ist fällig.

    Ein Ausgangspunkt der Diskussion über alte und neue „Gottesbilder“ ist das Buch des Theologen Matthias Kroeger „Im religiösen Umbruch der Welt. Der fällige Ruck in den Köpfen der Kirche“. Eine kritische Relativierung eigener und kirchlicher Religiosität wird darin als Chance für den Glauben und eine neue stärkere Bindung an die Kirche gesehen, wenn der „Ruck in den Köpfen“ die religiöse Distanziertheit vieler Christen positiv aufgreift und das theologische Gebäude des biblischen und kirchlichen Weltbilds bis hinein in die Gotteslehre, Christologie, oder Rechtfertigungslehre ablöst durch ein „modernes“ Weltbild, das geprägt vom naturwissenschaftlichem Paradigma, längst das Denken einer Mehrzahl von Christen bestimmt.
    Kroeger behauptet in seinem Ruck-Buch, ungeachtet einer Welle alternativer Religiosität sei seit gut eineinhalb Jahrzehnten der Theismus als gesellschaftliches Leitbild zusammengebrochen und sei tot. Die Verkündigung sei, hauptsächlich wegen des kirchlichen Gottesbegriffes, nicht mehr verständlich, weil die weltanschauliche Voraussetzung des Glaubens an eine die Welt schaffende und regierende „Person“ Gott verloren gegangen sei und weil sich demzufolge massenhaft die Vorstellung durchsetzt, dass es einen – schon gar als Person existierenden – Gott nicht gibt.
    Die folgenden Thesen Kroegers sind ernst zu nehmen:
    • Aufgabe einer religiösen Autonomie ist die gesellschaftlich unausweichliche, aber auch theologisch wahre Interreligiosität;
    • nicht einzuebnende Elemente des Christentums müssen dabei erhalten bleiben;
    • es wäre falsch verstandene Toleranz, unterschiedslos Wahrheit und Einsicht aller Religionen anzunehmen.
    Zu bezweifeln sei allerdings
    • dass Kirchenaustritte und religiöse Distanziertheit überwiegend auf die Verweigerung des „Rucks“ durch das kirchliche Establishment zurückgehen;
    • dass wir als „Gottgetriebene“ überhaupt fähig sind, unsere eigene religiöse Offenheit herzustellen (was auch Kroeger bezweifelt);
    • ob wirklich von einem generellen Zusammenbruch des Theismus die Rede sein kann, was auch Kroeger einräumt.

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